mini|hochkant|Trichet während des WEFs 2010 mini|170px|klasse=skin-invert-image|Jean-Claude Trichets Unterschrift, wie sie auf Eurobanknoten abgebildet ist

Jean-Claude Trichet (* 20. Dezember 1942 in Lyon) ist ein französischer Finanzexperte und -politiker. Von November 2003 bis Oktober 2011 war er Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB).

Leben Jean-Claude Trichet war ältestes der drei Kinder eines aus der Bretagne stammenden Universitätsdozenten. Der Vater starb, als Jean-Claude 16 Jahre alt war.Jean-Claude Trichet – Monsieur Euro ganz nah. In: Die Welt vom 20. Juni 2010.

Trichet besuchte in Paris das Lycée Fénelon und das Lycée Condorcet. Nach dem Baccalauréat absolvierte er die École des Mines de Nancy, eine Bergbauakademie in Lothringen, die er 1964 als Diplom-Bergbauingenieur (Diplôme ingénieur civil des Mines) abschloss. auf der Website der Europäischen Zentralbank Im Anschluss daran erlangte er im Jahre 1966 an der Universität von Paris den Master-Grad in Ökonomie () sowie am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po Paris) ein Diplom in Politikwissenschaft. Nach ersten Berufserfahrungen als Ingenieur in der freien Wirtschaft besuchte er von 1969 bis 1971 die Elitehochschule École nationale d’administration (ENA).

1971 kam er in die Abteilung Wirtschaftsprüfung () des Wirtschafts- und Finanzministerium Frankreichs. 1974 zunächst Referent in der Generalinspektion für Finanzen, wechselte er ein Jahr später, 1975, ins Schatzamt () – der Steuerungszentrale der französischen Geldpolitik. 1976 wurde er Generalsekretär des Interministeriellen Ausschusses für die Verbesserung der industriellen Strukturen (, CIASI).

1978 wurde er Berater des damaligen Wirtschafts- und Finanzministers René Monory und noch im selben Jahr Berater des damaligen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing für die Bereiche Industrie-, Energie- und Forschungspolitik. Als Giscard d’Estaing in der Präsidentschaftswahl des Jahres 1981 gegen François Mitterrand verlor, ging Trichet wieder ins Schatzamt zurück.EZA (EuroZoneAdvisors) Report 542 vom 24. Juni 2003 Dort war er Leiter des Entwicklungshilfebüros, Stellvertretender Direktor der Abteilung Bilaterale Angelegenheiten, Leiter der Abteilung Internationale Angelegenheiten, Vorsitzender des Pariser Clubs – Umschuldung und Schuldenerlass von zahlungsunfähigen Staaten.

1987 wurde Trichet Leiter des Schatzamtes (). Er hielt dieses Amt unter wechselnden – auch sozialistischen – Premierministern bis 1993, als er vom damaligen Premierminister Édouard Balladur zum Chef () der französischen Zentralbank ernannt wurde. In dieser Tätigkeit forcierte er Privatisierungen und war maßgeblich an der Vorbereitung der Euro-Einführung im Zuge der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion beteiligt.Lebenslauf von Jean-Claude Trichet. In: Wirtschaftswoche vom 6. November 2003EZB-Präsident Trichet erhält internationale Ehrung. Focus Online, 4. Dezember 2010

Im Herbst 1997 schlug Frankreich Jean-Claude Trichet als zukünftigen Präsidenten der (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht etablierten Europäischen Zentralbank (EZB) vor. Um die Besetzung des prestigeträchtigen Amtes entspann sich dann eine Konkurrenz mit dem niederländischen Präsidenten des Europäischen Währungsinstituts (EWI) (dem Vorläufer der EZB) Wim Duisenberg, der von der großen Mehrheit der EU-Staaten favorisiert wurde. Im Mai 1998 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU auf einen Kompromiss: Duisenberg wurde zum ersten Präsidenten der EZB nominiert, allerdings unter der Auflage, die regulär achtjährige Amtszeit nicht voll auszuschöpfen, um die Funktion vorzeitig – bereits 2003 – an Trichet abzutreten.Europa. Mit germanischer Färbung. In: Der Spiegel vom 10. November 1997Trichet wartet seit Jahren auf den EZB-Chefposten. In: Süddeutsche Zeitung vom 15. Juli 2003

Während seiner Zeit im französischen Schatzamt war Trichet auch zuständig für Staatsunternehmen, unter anderem für die (mittlerweile privatisierte) Großbank Crédit Lyonnais, die Frankreich, wegen ihrer fehlgeschlagenen Expansionsgeschäfte, im Jahre 1992 den größten Bankenskandal der Nachkriegsgeschichte bescherte. Ab 2000 ermittelten die Behörden gegen Trichet wegen des Verdachts, er habe Milliarden-Tricks der damaligen Bankspitze bewusst verschleiert. Januar/Februar 2003 wurde gegen Trichet und andere Angeklagte vor einem Pariser Strafgericht der Prozess eröffnet. Am 18. Juni 2003 verkündeten die Richter Trichets Freispruch.

Am 1. November 2003 trat Jean-Claude Trichet das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) an.Trichet zum neuen Zentralbankpräsidenten ernannt. In: Süddeutsche Zeitung vom 16. Oktober 2003Europäische Zentralbank. Duisenberg tritt ab – Trichet übernimmt. In: Süddeutsche Zeitung vom 27. Oktober 2003

In der Finanzkrise ab 2007 stellte Trichet den Banken US-Dollar zur Verfügung und nahm dafür auf Euro lautende Wertpapiere als Sicherheit an, um die Lage auf dem Geldmarkt zu entspannen.Banken buhlen um Dollar-Kredite der EZB. In: Financial Times Deutschland am 11. September 2008. Außerdem leitete er im Rahmen einer expansiven Geldpolitik eine dauerhafte Niedrigzinspolitik der EZB ein. Er verantwortete in der Euro-Schuldenkrise auch den Aufkauf von Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Staaten durch die EZB.

Trichets achtjährige Amtszeit endete am 31. Oktober 2011 mitten in der Staatsschuldenkrise im Euroraum. Sein Nachfolger als Präsident der EZB wurde Mario Draghi.Draghi wird EZB-Präsident, In: Die Zeit, Zugriff am 24. Juni 2011

Jean-Claude Trichet sitzt im Vorstand der G30. Seit April 2012 ist er Vorsitzender des Verwaltungsrates der Brüsseler Denkfabrik BRUEGEL. Des Weiteren ist er European Chairman der Trilateralen Kommission und ein Berater für den transatlantischen Think-Tank European Horizons.

Privates 1965 heiratete Jean-Claude Trichet die Diplomatin und Übersetzerin Aline Rybalka, deren Eltern aus der Ukraine nach Frankreich eingewandert waren. Das Paar bekam zwei Kinder – Pierre-Alexis (Marketing-Direktor beim Telekommunikationsunternehmen Orange) und Jean-Nicolas, Musiker und Produzent elektronischer Musik. Trichet lebt mit seiner Familie in Paris.

Auszeichnungen mini|hochkant|Jean-Claude Trichet mit der Karlspreis-Medaille 2011 Bundesverdienstkreuz (Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland) Commandeur de l’Ordre national de la Légion d’honneur (Kommandeur der französischen Ehrenlegion) Officier de l’Ordre national du Mérite European Banker of the Year 2007 in: Maleki Group, abgerufen am 7. Dezember 2010 Orden von Oranien-Nassau (Großkreuz) 2011 Karlspreis 2011Jean-Claude Trichet erhält den Karlspreis. In: Tages-Anzeiger vom 4. Dezember 2010 Weltwirtschaftlicher Preis (2011) Großes Goldenes Ehrenzeichen am Bande für Verdienste um die Republik Österreich (2011)Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB) Hessischer Verdienstorden (2011) Ehrenhaftes Mitglied des Europäischen Verdienstordens (2026)

Preise „Policy maker of the Year“, The International Economy magazine (1991) „Zerilli Marimo“ der Académie des sciences morales et politiques (1999) „Pico della Mirandola“ (2002) Prix franco-allemand de la Culture / Deutsch-Französischer Kulturpreis (2006) „Policy maker of the Year“, The International Economy magazine (2007) Ludwig-Erhard-Gedenkmünze in Gold (2007) „Person of the Year“, Financial Times (2007) „European Banker of the Year 2007“, der Journalistenvereinigung „The Group of 20+1“ (2008)Trichet zum Banker des Jahres 2007 gekürt. In: Handelsblatt vom 27. Mai 2008 „Central Banker of the Year“, The Banker (2008) „Central Bank Governor of the Year“, Euromoney (2008) Ehrendoktortitel mehrerer Universitäten

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

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