Neue Unterschicht ist ein umstrittenes politisches Schlagwort, mit dem die Herausbildung einer Bevölkerungsgruppe beschrieben wird, welche am wenigsten über Geld, Güter, Bildung und Sozialprestige verfügt. Als das spezifisch Neue an dieser Unterschicht wird dabei gesehen, dass sie im Vergleich zum Proletariat meist auch über mehrere Generationen hinweg ohne Erwerbstätigkeit ist.
Allgemeines Der Begriff „Neue Unterschicht“ geht ursprünglich auf Gunnar Myrdal zurück.Gunnar Myrdal: Challenge to Affluence. Random House, New York (NY) 1963, S. 10. „Neue Unterschicht“ überschneidet sich oft mit dem Begriff des Prekariats. Beide haben soziologisch unterschiedliche Ausgangspunkte: „Neue Unterschicht“ gehört zunächst wie die „alte“ Unterschicht (siehe unten) in die Debatte zur Sozialen Schichtung, während „prekäre“ soziale Rollen überall in der gesamten Sozialstruktur (sogar in der Oberschicht) vorkommen können (z. B. ruinierte Adelige, ewige Privatdozenten, bankrotte Unternehmer, auftragslose Künstler). Man kann „Neue Unterschicht“ zudem – trotz Verwendung des „Schicht“-Begriffes – der kulturalistischen Klassentheorie zuordnen.
Paul Nolte macht in seiner Schrift Generation ReformPaul Nolte: Generation Reform. Jenseits der blockierten Republik. Bonn 2004. von 2004 eine kulturelle Spaltung der „Neuen Unterschicht“ von der Mehrheitsgesellschaft aus. Die Spaltung hatten verschiedene Forscher (M. Rainer Lepsius, Josef Mooser, Luidgard Trommer-Krug u. a.) bereits in den 1970er und 80er Jahren in der Lebensstil- und Ungleichheitsforschung festgestellt. Jörg Ueltzhöffer und Berthold Flaig fassten 1980 in ihrem Modell der Sozialen Milieus dieses zum Begriff des „Traditionslosen Arbeitermilieus“ zusammen.
Bereits in den 1960er Jahren sprach der amerikanische Ethnologe Oscar Lewis von einer Kultur der Armut, die durch Unterdrückung der Frau, sowie Gewalt gegen Frauen, mangelndes Interesse an Bildung und mangelndes Interesse, auf die sofortige Erfüllung von Wünschen zu verzichten, geprägt sei. Es sei jedoch nur ein Teil der Armen dieser Kultur zugehörig.Lewis, Oscar (1996 (1966)): The Culture of Poverty. In: G. Gmelch und W. Zenner (Hrsg.): Urban Life. Waveland Press.
In seinem umstrittenen Buch Neukölln ist überall vertritt Heinz Buschkowsky die Meinung, dass es zusätzlich zur einheimischen Unterschicht inzwischen auch eine Unterschicht mit Migrationshintergrund gäbe und diskutiert den Aufstieg durch Bildung als Lösung des Problems. Er diskutiert unter anderem Sprachförderung und eine Pflicht zum Kindergartenbesuch und schlägt vor, ALG-2-Beziehern keine Geldleistungen für ihre Kinder auszuzahlen, sondern stattdessen Sachleistungen zu gewähren.Neukölln ist überall. Ullstein Buchverlage, Berlin 2012, ISBN 978-3-550-08011-1.
Menschen aus der Unterschicht haben eine um bis zu 10 Jahren verkürzte Lebenserwartung. Gesundheitsgefährdende Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie individuelles Verhalten werden überwiegend dafür verantwortlich gemacht. Aus der Sicht als Arzt stellt Bernd Kalvelage im Buch Klassenmedizin fest, das medizinische Versorgungssystem berücksichtige die besondere Situation und Gefährdung dieser Bevölkerungsgruppe unzureichend. Sie zeichne sich aus durch einen Mangel an Erfahrung der Selbstwirksamkeit („die auf positiver Erfahrung gegründete Zuversicht eines Menschen, seine Angelegenheiten überwiegend erfolgreich regeln zu können“, Bandura 1995). Angehörige der Unterschicht fielen oft durch oder neben das Netz des Gesundheitswesens, weil u. v. a. Gefährdungen und handycaps (Arbeitsplatz, fehlendes Wissen und Unverständnis des medizinischen Sprachcodes, Analphabetismus, Ängste) nicht beachtet und Ressourcen (z. B. besser informierte, ggf. dolmetschende Angehörige einzubeziehen, leichte Sprache zu benutzen) nicht gesucht würden. Die dann zu beobachtende „Incompliance“ (Patient macht nicht, was der Arzt verordnet) sei oft ein Symptom einer gestörten Kommunikation zwischen Arzt und Patient mit negativen gesundheitlichen Folgen, ein ernstes Qualitätsdefizit. Verstärkt werde dieser Effekt durch eine elitär-asoziale Grundhaltung, die implizit bereits im und bei der Auswahl zum Medizinstudium durch eine Mittel-Oberschicht-Orientierung erzeugt werde. Erforderlich sei ein Wechsel der Perspektive in der Medizin: statt Behandlung von oben herab gezielte Hinwendung zu den Bedürftigsten, der Arzt als parteiischer Anwalt speziell seiner Patienten aus der Unterschicht.
Andreas Reckwitz beschreibt 2017 eine "Gruppe, die eigentlich aus dem alten Mittelstand nach unten herausbricht. Man könnte hier auch von der Entstehung einer neuen Unterschicht sprechen. Das ist ja ein Begriff, der in der Soziologie seit einigen Jahren kursiert, also prekär Beschäftigte, die ja auch sozial deklassiert sind, die sich auch kulturell entwertet fühlen".
Debatte über die Neue Unterschicht in den USA Nach Wilson (1987) ist das Entstehen der neuen Unterschicht durch den Wegfall von Jobs für Ungelernte und räumliche Segregationsprozesse bedingt. Dadurch, dass die Mittelschicht bestimmte Stadtviertel verlasse, verlören die noch dort Verbliebenen den Kontakt zu Personen und Institutionen, die sie an der Lebensweise der Mehrheitsgesellschaft teilhaben lassen. Für Wilson ist die Unterschicht eine heterogene zusammengesetzte Gruppe von Personen, die nicht mehr am Beschäftigungssystem teilhaben.Karl August Chasse, Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 163/164. Weitere Kriterien seien die Kumulation von Benachteiligungen (sozialstaatliche Alimentierung, Infrastruktur, fehlende Ausbildung, kulturelle Verwahrlosung) und die familiäre Reproduktion von Ausgrenzung. Der Ansatz stieß auf Kritik, denn er konstruiere „eine Bedrohung für die Mehrheitsgesellschaft“ und diffamiere die Personen, die zur Gruppe der „Neuen Unterschicht“ gerechnet werden.Fabian Kessl: Das wahre Elend? Zur Rede von der „neuen Unterschicht“. In: Widersprüche. 25. Jg. Heft 98, 2005.
Zentrale Protagonisten der amerikanischen Debatte waren Ken Auletta (der 1982 das Buch The underclass veröffentlichte) und Charles Murray (der 1984 Losing Ground veröffentlichte). Beide behaupten, dass ein Proletariat existiere, das sich bewusst von den Werten der übrigen Gesellschaft absetze und ein eigenes Wertesystem entwickelt habe. Zu dieser Unterschicht zählen nach den Angaben der Autoren Drogen- und Alkoholabhängige, entlassene Strafgefangene, psychisch Kranke, Obdachlose, Wohlfahrtsbezieher, Schulschwänzer, illegale Einwanderer und minderjährige Mütter. Zum Inbegriff der Unterschicht wurde die minderjährige, farbige, alleinerziehende Mutter im Sozialhilfebezug, die so genannte Welfare Queen. Die Unterschicht zeichne sich durch gemeinsame bad values aus, die dadurch entstanden seien, dass die unteren Bevölkerungsschichten durch zu großzügige staatliche Unterstützung korrumpiert worden seien.So Karl August Chasse, Unterschichten in Deutschland. Materialien zu einer kritischen Debatte, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 161/162.
Ansätze in den Sozialwissenschaften
Soziologischer Ausgangspunkt Die Soziologie definiert eine Schicht u. a. nach Einkommen und sozialem Status gesellschaftlicher Gruppen, die folgende Gemeinsamkeiten haben: eine signifikante Größe, eine andauernde soziale Lage Weitergabe an ihre Nachkommen („soziale Vererbung“) – doch sind sozialer Aufstieg und Abstieg aus ihr nicht ausgeschlossen.
In diesem Rahmen fasste die „Unterschicht“ Kleinbauern, Knechte, Arbeiter, einfache Angestellte, Seeleute, Gesinde u. a. zusammen – oft auch noch unterteilt in „Untere“ und „Obere Unterschicht“. (→ Proletariat und Arbeiterklasse) Unter der Unterschicht wurden gelegentlich auch noch die „Sozial Verachteten“ (Harriett B. Moore) bzw. das „Lumpenproletariat“ platziert.
Der laufende deutsche Diskurs (etwa Paul Nolte und Heinz Bude) hat auch Fragestellungen aus den USA aufgenommen.
Interpretative Demoskopie Nach der Studie Gesellschaft im Reformprozess der Friedrich-Ebert-Stiftung auf Datenbasis von TNS Infratest – eigentlich über SPD-Wählerpotential – gehören acht Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland zum sogenannten „abgehängten Prekariat“. Frank Karl von der Friedrich-Ebert-Stiftung betonte, dass der Begriff „neue Unterschicht“ in der Studie fehle. Der Begriff ‚neue Unterschicht‘ als Synonym für ‚abgehängtes Prekariat‘ wurde erstmals von Bild am Sonntag benutzt.
Der Kriminologe Christian Pfeiffer nannte insbesondere viele Jugendliche als überproportional unterprivilegiert. Dem Berliner Tagesspiegel sagte er, dass 10 bis 15 Prozent der unter 18-Jährigen in die Kategorie gehörten, da sie über geringe Bildung verfügten und keine Aufstiegschancen für sich sähen. Für die Misere machte Pfeiffer das gegenwärtige Schulsystem in Deutschland mitverantwortlich. Als weiteren Grund für mangelnde schulische Aufstiegschancen sieht Pfeiffer Medienverwahrlosung. Kinder aus bildungsfernen Familien hätten häufiger einen eigenen Fernseher, einen eigenen PC und eigene Spielkonsolen als Kinder aus bildungsnahen Familien. Dies jedoch würde zu schulischen Misserfolgen führen, so Pfeiffer in seiner Studie Die PISA-Verlierer – Opfer des Medienkonsums.Christian Pfeiffer u. a.: Die PISA-Verlierer – Opfer des Medienkonsums. KFN Hannover. Online auch (PDF; 147 kB)
Wie Napp-Peters auch berichtet, hätten auf der einen Seite einige Eltern der Unterschicht kaum Berufswünsche oder Ausbildungspläne für ihre Kinder:
Auf der anderen Seite kommen Erhebungen wie die jüngste Elternbefragung des Dortmunder Instituts für Schulentwicklungsforschung und die Langzeitstudie der Arbeiterwohlfahrt zu dem Ergebnis:
Weitere empirische Untersuchungen durch Elternbefragungen kamen zu ähnlichen Urteilen.Vgl. Wolfgang Mack, Erich Raab, Hermann Rademacker: Schule, Stadtteil, Lebenswelt – eine empirische Untersuchung. DJI Reihe, Leske + Budrich, Opladen, S. 133.
Demografisierung der politischen Debatte Bereits vor einzelnen Äußerungen, ob in Deutschland die „Falschen“ die Kinder bekommen,FDP-Politiker Daniel Bahr zur Familienpolitik (»In Deutschland kriegen die Falschen die Kinder«; auf www.das-netzbuch.de) sprachen Christoph ButterweggeChristoph Butterwegge: Biologisierung und Ethnisierung des Sozialen im Demographiediskurs der Bundesrepublik, in: José Brunner (Hrsg.): Demographie – Demokratie – Geschichte. Deutschland und Israel (Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXV), Göttingen 2007, S. 330–350, bei Google bücherButterwege meint, für die „Biologisierung“ sei die „Erhaltung des deutschen Genmaterials“ das eigentliche Motiv. Ferner gebe es eine völkische Komponente im deutschen Diskurs über Demographie. Sie erinnere ihn an eugenische Debatten in der Weimarer Republik kurz vor 1933. Siehe Björn Schwentker: Aussterben abgesagt. Deutschland hat die Demografie entdeckt – und mit ihr die demografische Katastrophe. Viele Forscher sehen gar keinen Grund zur Aufregung, Die Zeit vom 9. Juni 2008. und Eva BarlösiusEva Barlösius, Daniela Schiek: Demographisierung des Gesellschaftlichen. Analysen und Debatten zur demographischen Zukunft Deutschlands. Wiesbaden 2007, bei Google bücher von einer „Biologisierung“ und „Demografisierung“ des Sozialen, welche zu einem mit sozialdarwinistischem Denken verbundenen „Standortnationalismus“ führe.
Wilhelm Heitmeyer betont mit Bezug auf eigene Untersuchungen zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, dass Menschen zunehmend nach ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit bewertet würden. Dies führe insbesondere zu einer Abwertung von Arbeitslosen: