mini|Herman Melville, Ölgemälde 1846–47
Bartleby der Schreiber ist eine Erzählung des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville, die unter dem Originaltitel Bartleby the Scrivener veröffentlicht wurde. Es ist das erste Werk, das Melville nach Moby Dick verfasste, und wurde zunächst anonym im November und Dezember 1853 in zwei Teilen in der Zeitschrift Putnam’s Monthly Magazine veröffentlicht. Eine leicht veränderte Fassung wurde zusammen mit fünf anderen Erzählwerken in Prosa-Kurzform, unter anderem Benito Cereno, erstmals in Buchform 1856 in den Sammelband The Piazza Tales aufgenommen.Vgl. zur Publikationsgeschichte beispielsweise Harrison Hayford, Alma a. MacDougall und G. Thomas Tanselle hrsg. Ausgabe von Herman Melville: The Piazza Tales and Other Prose Pieces. The Writings of Hermann Melville. North Western University Press and The Newberry Library, Evanston und Chicago 1987, 3. Auflage 1995, ISBN 0-8101-0550-0, S. 572f. Siehe auch Browse Making of America – Putnam’s Monthly from 1855 auf Cornell University Library. Abgerufen am 8. Juni 2017.
Die deutsche Erstübersetzung von Karl Lerbs erschien 1939 in der Zeitschrift Corona (Jahr IX, Heft 4, Verlag R. Oldenbourg / München-Berlin) unter dem Titel Bartleby. Seitdem sind zahlreiche weitere Übersetzungen unter verschiedenen Titeln wie Der Schreiber Bartleby oder Bartleby, der Schreibgehilfe veröffentlicht worden, teilweise mit Untertiteln wie Das seltsame Leben eines Kanzleischreibers im alten New York oder Eine Geschichte aus der Wallstreet. Neuere Übersetzungen erschienen 2002 von Elisabeth Schnack im Zürcher Manesse Verlag, 2004 von Jürgen Krug im Insel Verlag (mit Illustrationen von Sabine Wilharm), 2010 von Felix Mayer im Kölner Anaconda Verlag und 2024 bei der Büchergilde Gutenberg in der Übersetzung des Insel Verlags, aber mit Illustrationen von Stefhany Y. Lozano.
Die Erzählung wird mitunter mit Der Mantel von Gogol verglichen, weist aber auch auf das 20. Jahrhundert, vor allem auf Kafka, voraus. Für zahlreiche Kritiker gilt sie als die gelungenste der Erzählungen Melvilles.Vgl. Robert Milder: Hermann Melville. In: Emory Elliott (Hrsg.): The Columbia Literary History of the United States. Columbia University Press 1988, ISBN 978-0-231-05812-4, S. 439. Siehe auch Hershel Parker: Herman Melville: A Biography. Volume 2, 1851–1891. The Johns Hopkins University Press, Baltimore and London 2002, ISBN 0-8018-6892-0, S. 179. Ebenso Franz H. Link: Melville • Bartleby, The Scrivener. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 118–128, hier S. 118.
Inhalt mini|Die Wall Street etwa 1850, Entstehungszeit der Erzählung Ein älterer Anwalt und Notar berichtet als Ich-Erzähler von einem seiner Schreibgehilfen namens Bartleby, den er eines Tages in sein von anderen Häusern umstelltes lichtloses Büro in der Wall Street aufnimmt. Bartleby beginnt seine Tätigkeit mit stillem Fleiß und einsiedlerischer Ausdauer. Er kopiert unermüdlich Verträge, lehnt aber zur Überraschung seines Arbeitgebers schon bald jede andere Tätigkeit mit den Worten ab: „Ich möchte lieber nicht“ (“I would prefer not to”); in neueren Übersetzungen auch „Ich würde vorziehen, das nicht zu tun“. Bald weigert er sich sogar, Verträge zu kopieren, wohnt aber inzwischen in dem Büro – höflich, freudlos, ohne Freunde und fast ohne zu essen. Der Rechtsanwalt kann oder will ihn nicht gewaltsam aus der Kanzlei entfernen lassen und auch eine großzügige Abfindung interessiert Bartleby nicht. Wegen eines unerklärlichen Einverständnisses mit Bartleby sieht sich der Rechtsanwalt am Ende gezwungen, selbst aus der Kanzlei auszuziehen, statt Bartleby vor die Tür zu setzen. Seine Nachmieter – weniger verständnisvoll – lassen Bartleby bald durch die Polizei abführen und in das Gefängnis The Tombs („Die Gräber“) bringen. Dort verweigert Bartleby nicht nur alle Kommunikation, sondern auch jegliche Nahrungsaufnahme. Der Rechtsanwalt versucht, sich um seinen „Freund“ zu kümmern, aber nach wenigen Tagen stirbt Bartleby an seiner Lebensverweigerung.
Das einzige, was der Anwalt über das Vorleben Bartlebys erzählen kann, ist ein ihm später zu Ohren gekommenes Gerücht, wonach Bartleby früher in einem Dead Letter Office arbeitete, einer Sammelstelle für nicht zustellbare Briefe.
Erzählweise Das mit dem Auftreten Bartlebys einsetzende Handlungsgeschehen wird im Hauptteil der Geschichte von dem Ich-Erzähler in einer Reihe von Episoden geschildert, deren Abfolge jeweils durch zeitliche Signale wie „eines Morgens“, „am dritten Tag“ oder „einige Tage darauf“ deutlich strukturiert wird.Vgl. Franz H. Link: Melville • Bartleby, The Scrivener. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 118–128, hier S. 121.
Die Ereignisse werden linear erzählt; trotz der relativ vagen Zeitangaben könnte die erzählte Zeit etwa vier Wochen umfassen. In dieser Zeitspanne wird eine allmähliche Klimax der Verweigerung beschrieben: von der Einstellung des irgendwie entrückten Angestellten Bartleby über seine baldige Ablehnung von Zusatzaufgaben und die Beschränkung seines Lebenskreises auf das Büro bis zu seiner völligen Ablehnung aller Arbeit und, später im Gefängnis, seiner Ablehnung des Lebens überhaupt.
In dem Maße, in dem das Verhalten Bartlebys zunehmend unabhängig von den an ihn gestellten Anforderungen wird, verlagert sich das Bemühen des Ich-Erzählers von der Anstrengung, auf seinen Schreiber einzuwirken, auf das Bemühen, ihn verstehen zu lernen. Demgemäß nehmen in den einzelnen Episoden das seltsame Verhalten Bartlebys, die Einwirkungsversuche des Erzählers und dessen Überlegungen unterschiedlichen Raum ein. Ist das Verhalten Bartlebys gradlinig auf dessen Entwicklung bis hin zur absoluten Verweigerung einer jeden Lebensäußerung hin angelegt, so ist die Reaktion des Erzählers geprägt durch das Schwanken zwischen verschiedenen Versuchen, Bartleby in seine eigene Welt einzubeziehen und ihn zu verstehen, wobei die Betroffenheit des Erzählers mehr und mehr wächst.Vgl. Franz H. Link: Melville • Bartleby, The Scrivener. In: Karl Heinz Göller et al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 118–128, hier S. 121.
Während im ersten Teil der Erzählung der Schwerpunkt auf der Entrückung Bartlebys von der sozialen Außenwelt und der zwischenmenschlichen Entfremdung liegt, thematisiert die Geschichte in ihrem zweiten Teil vor allem die zunehmende Selbstentfremdung und das Auseinanderfallen der Persönlichkeit des Protagonisten in dem Sinne, wie es rund 100 Jahre später 1960 in dem bekannten Werk The Divided Self. An Existential Study on Sanity and Madness (dt.: Das geteilte Selbst. Eine existentielle Studie über geistige Gesundheit und Wahnsinn, 1987) des renommierten britischen Psychiaters Ronald D. Laing beschrieben wird.Siehe dazu Jane Desmarais: Preferring not to: The Paradox of Passive Resistance in Herman Melville’s “Bartleby”. In: Journal of the Short Story in English, Band 36, Frühjahr 2001, S. 25–39, hier S. 18, online zugänglich auf . Desmarais verweist in diesem Zusammenhang auf die zahlreichen Deutungen der Erzählung in der literaturwissenschaftlichen Sekundärliteratur, in denen auf die Persönlichkeitsspaltung oder das doubling der Persönlichkeit Bartlebys eingegangen wird.
Eine Ausnahme in dieser vordergründig so transparenten, in den Hintergründen jedoch umso rätselhafteren Geschichte ist die nachträgliche Erwähnung eines Gerüchts: Bartleby sei vor seiner Anstellung in der Kanzlei Angestellter im Dead Letter Office gewesen, einer Abteilung für unzustellbare Briefe. Dieser nachgestellte Hinweis auf den Beginn von Bartlebys Veränderung erhält damit eine Schlüsselfunktion.
Während der späte Hinweis auf Bartlebys vorherige Anstellung die Linearität des Erzählverlaufs durchbricht, läuft dem parallel eine gleichmäßige Textur mehrerer Motive der allmählichen Steigerung bis zur Groteske entgegen. So wird von Anfang an das Büro des Notars ähnlich dem Gefängnis beschrieben, in das Bartleby schließlich eingeliefert wird: Das Licht stürzt durch Lichtschächte wie in ein Verlies, die Mauern der Nachbarhäuser stehen dicht vor den Fenstern und vor einem Fenster mit Blick auf eine Mauer steht Bartleby und träumt öfter im Stehen im Büro, ebenso wie er später im Gefängnishof mehrmals lange eine Mauer betrachtet. Des Weiteren verrichten auch die anderen Mitarbeiter des Notars ihre sogar von diesem als langweilig eingeschätzten Dienste wie „Soldaten“; in der Ausweitung dieses metaphorischen Vergleichs lassen sie ihre „Kolonnen“ aufmarschieren und greifen den Feind an. Zudem ist Bartleby sinnbildlich von Anfang an ein Todgeweihter, „immerfort stumm, bleich, mechanisch“, und sein früher sozialer und psychischer Tod wird am Ende nur durch seinen baldigen physischen ergänzt. Diese immer wieder anklingenden Motive sind damit sowohl Rahmen als auch Bestimmung der sich mit ihnen vollziehenden Handlung.Vgl. dazu beispielsweise den Interpretationsansatz in den Sparknotes Hermann Melville – Bartleby the Scrivener. Analysis. Abgerufen am 4. Juni 2017
Wie in vielen anderen seiner Werke bedient sich Melville in diesem Fall gleichfalls der Figur eines älteren Anwalts als Ich-Erzähler, der in seiner beruflichen Tätigkeit mit einer Reihe interessanter und exzentrischer Menschen zu tun hat. Der Erzähler verzichtet jedoch darauf, auf das Leben der übrigen Schreiber in seiner Kanzlei näher einzugehen, und konzentriert sich in seiner Erzählung weitgehend auf die Schilderung seiner Begegnung mit Bartleby. Er berichtet, dass dieser „ein Schreiber war und zwar der seltsamste, den ich je gesehen, von dem ich je gehört habe“. Außergewöhnlich ist jedoch, dass er gerade von Bartleby kaum etwas weiß, wie er dem Leser mitteilt: „Bartleby gehörte zu den Menschen, über die sich nichts ermitteln läßt, es sei denn an den Quellen selbst, und die flossen in seinem Fall nur äußerst spärlich. Was ich mit eigenen erstaunten Augen von Bartleby gesehen habe, das stellt meine gesamte Kenntnis von ihm dar – abgesehen allerdings von einem ziemlich unbestimmten Bericht, der später hier wiedergegeben werden wird“.
Der Anwalt erzählt demzufolge nicht, um den Leser zu unterhalten oder emotional zu bewegen, sondern teilt einzig sein Erstaunen und seine Fragen über eine Gestalt mit, die ihm verwunderlich erscheint und über die sich kaum etwas ermitteln lässt. Für den Leser folgt aus dieser grundlegenden Erzählsituation, dass er ausschließlich auf die Perspektive des Ich-Erzählers angewiesen ist und nur sehr Spärliches von Bartleby erfahren wird, umso mehr dagegen allerdings von der Betroffenheit des Anwalts und dessen Bemühen, Bartleby durch die Ergründung des aus seiner Sicht Unfassbaren zu verstehen. Von Anfang an wird der Leser damit vollständig in die Betrachtungsweise des Erzählers einbezogen, hat teil an dessen Erstaunen und wird zugleich angeregt, das Phänomen Bartleby wie der Erzähler in seine eigene Erfahrungswelt einzuordnen.