Die Geschichte Ungarns umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet Ungarns von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. mini|hochkant|Wappen Ungarns

Die ältesten archäologischen Funde Ungarns stammen aus der frühen Altsteinzeit.

Nach Beendigung der Bedrohung Mittel- und Westeuropas durch die magyarischen Reiterarmeen nach der Schlacht auf dem Lechfeld kam es im Anschluss an die Christianisierung und Gründung des Königreichs Ungarn zur Konsolidierung und Sesshaftwerdung der nomadisierenden Magyaren in der pannonischen Tiefebene südlich und westlich des Karpatenbogens. Im 12. Jahrhundert begann eine Personalunion mit Kroatien, auch Bosnien und die kleine Walachei waren längere Zeit unter ungarischer Herrschaft. Unter Matthias Corvinus erreichte Ungarn seine größte Ausdehnung, Ostösterreich, Mähren und Schlesien waren kurzzeitig ungarisch.

In der Schlacht von Mohács 1526 gegen die Osmanen verlor Ungarn durch den Tod König Ludwigs II. und eines großen Teils des Adels seine Selbständigkeit. Mehr als zwei Drittel des Landes wurden osmanisch, darunter Siebenbürgen als Vasall der Pforte. Das restliche Königliche Ungarn, bestehend aus einem schmalen Streifen im Westen, Oberungarn und dem Westen Kroatiens, fiel als Erbe an die Habsburger. Ungarn blieb lange Zeit zwischen dem Osmanischen Reich und der Habsburgermonarchie umkämpft (siehe Türkenkriege). Weite Landstriche wurden entvölkert, einige Gebiete sind später durch deutsche und serbische Siedler neu bevölkert worden.

Nach der Zweiten Wiener Belagerung durch die Türken 1683 gelang es der habsburgischen Armee mit deutscher und polnischer Unterstützung, das osmanische Ungarn zu erobern. Gegen die habsburgische Herrschaft gab es immer wieder langwierige, letztlich erfolglose Aufstände wie die Kuruzenaufstände oder die Revolution von 1848/49. Durch die äußere Schwäche des Kaisertums Österreich war Kaiser Franz Josef 1867 gezwungen, einen Ausgleich mit Ungarn einzugehen. Als Teil Österreich-Ungarns erhielt das Land weitgehende Selbständigkeit. Es war jedoch ein Vielvölkerreich, in dem die herrschenden Magyaren nur rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. Nach der Niederlage der Doppelmonarchie im Ersten Weltkrieg verlor Ungarn im Frieden von Trianon etwa zwei Drittel seines Territoriums und seiner Bevölkerung. Darunter waren auch drei Millionen Magyaren in Siebenbürgen, der Südslowakei und der Vojvodina.

Die Revision der Grenzen von Trianon wurde das bestimmende Element in der ungarischen Politik. Im Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland wurden sowohl ungarisch besiedelte als auch weitere Gebiete in den Jahren 1938 bis 1941 dem Staatsgebiet einverleibt. Als sich die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg abzeichnete, versuchte die Regierung auf die Seite der Alliierten zu wechseln, worauf das deutsche Reich die Kontrolle übernahm und rund 500.000 ungarische Juden ermordet wurden. Nach dem Einmarsch der Roten Armee kam Ungarn in die sowjetischen Einflusssphäre. Die Ungarische Volksrepublik wurde in den Grenzen von Trianon ausgerufen. Nach der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes 1956 entstand im Land unter János Kádár das System des so genannten Gulaschkommunismus. 1989 ging unter anderem von Ungarn der Fall des Eisernen Vorhangs und damit das Ende des Warschauer Paktes 1991 aus. Heute ist Ungarn Mitglied der EU. Es hat mit wirtschaftlichen und politischen Problemen zu kämpfen.

Vorgeschichte mini|Blattspitzen aus der Jankovich-Höhle, Gerecse-Gebirge

Die ältesten archäologischen Funde Ungarns stammen aus der frühen Altsteinzeit. Einer der wichtigsten Fundorte war Vértesszőlős (MIS 13 oder MIS 12), wo Geröllindustrien des Homo erectus und Überreste des Homo heidelbergensisRob Davis, Nick Ashton: Landscapes, environments and societies: The development of culture in Lower Palaeolithic Europe. In: Journal of Anthropological Archaeology. Band 56, 2019, S. 101–107. entdeckt wurdenMiklós Kretzoi, Viola T. Dobosi (Hrsg.) Vértesszőlős: site, man and culture. Akadémiai Kiadó, Budapest 1990 (Übersetzung aus dem Ungarischen).. Wichtige Funde des Moustérien sind die Geröllindustrie von Tata-PorhanyóAdam Boros u. a.: Tata: eine mittelpaläolithische Travertin-Siedlung in Ungarn (= Archaeologia Hungarica. Ser. nova. Band 43). Hrsg.: László Vértes. Übers. von Ágnes Vértes-Meller. Akadémiai Kiadó, Budapest 1964, ., das zahlreiche Ähnlichkeiten zu Vértesszőlős aufweist,Viola T. Dobosi: Tradition and modernity in the lithic assemblage of Mogyorósbánya late Palaeolithic site. In: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 67, Nr. 1, 2016, doi:10.1556/072.2016.67.1.1. und der Neanderthaler-Fundort von Érd-ParkvárosV. Gábori-Csánk: La station du Paléolithique moyen d’Érd-Hongrie. Akadémiai Kiadó, Budapest 1968. südöstlich von Budapest. Weitere Mousterien-Funde stammen aus Szelim, der Kiskevély-Höhle bei Csobánka in den Dunaszug-BergenKristóf István Szegedi, Tibor Marton, György Lengyel: The Upper Palaeolithic in the Dunazug Mountains (Transdanubia, Hungary): A case study from Kiskevély Cave near Csobánka. In: Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 76/1, S. 3–11, doi:10.1556/072.2025.00024., sowie den Abris Sólyomkút bei Miscolc und Farkaskő. Bocksteinmesser sind aus Galgagyörk und Legénd im Cserhát-Gebirge überliefertAndrás Markó: Raw material circulation during the Middle Palaeolithic period in northern Hungary. In: Surowce naturalne w Karpatach oraz ich wykorzystanie w pradziejach i w czesnym średniowieczu. Wydawnictwo Mitel, Krosno / Rzeszów 2009, ISBN 978-83-923562-8-8, S. 109 (englisch).. Freilandfundstellen sind naturgemäß selten, in Szurdokpüspöki‑Lapos‑tanya im Mátra-Gebirge wurde jedoch in den 1980er Jahren eine solche entdecktAttila Péntek u. a.: First Open‑Air Mousterian Site in the Mátra Mountains (North Hungary): Preliminary Results from Szurdokpüspöki‑Lapos‑tanya. In: Dissertationes Archaeologicae. Band 3/13, 2026, S. 297–319, doi:10.17204/dissarch.2025.827.. Die Artefakte bestehen vor allem aus lokalem Süßwasserquarzit, vermutlich aus den Cserhátalja-Bergen. Die Levalloistechnik wurde nur selten angewandt und auch Faustkeile fehlen. Aus dem Bükk-Gebirge sind jedoch zahlreiche Höhlenfundorte bekannt.Brian Adams: The Middle to Upper Palaeolithic transition in Central Europe. The record from the Bükk Region. Archaeopress, Oxford 1998.

Industrien mit Blattspitzen wurden früher dem Solutréen zugerechnet, es hat sich inzwischen jedoch herausgestellt, dass die ungarischen Funde wesentlich älter sind. Sie werden nun ins Szeletien gestelltClaude Monnet, Zsolt Mester, Agnès Lamotte: Morphospace of bifacial leafpoints from the eponymous Palaeolithic sites of Sajóbábony and Szeleta Cave (Hungary). In: Journal of Archaeological Science: Reports. Band 72, 2026, S. 105–723.. Die Szeleta-Höhle im Bükk-Gebirge ist der eponyme Fundort für diese Kultur. Es wird angenommen, dass sich das Szeletien aus dem MicoquienJanusz Krzysztof Kozłowski: Feuilles de pierre. Les industries á pointes foliacées du Paléolithique supérieur européen. In: Actes du colloque de Cracovie. 1989, organisé par Janusz K. Kozlowski dans le cadre de la VIIIe Commission de l'UISPP. Etudes et Recherches Archéologiques de L’université de Liège. Liège 1990. oder dem BábonyanÀrpád Ringer, Zsolt Mester: Résultats de la révision de la grotte Szeleta entreprise en 1999 et 2000. In: Anthropologie. Band 38/3, 2000, S. 261–270. entwickelt hat. Funde von Blattspitzen stammen aus dem Bükk-Gebirge (Szeleta) sowie die Freiluftfundstelle von Sajóbábony, dem Gerecse-Gebirge (Höhle von Jankovich), mit einem weiteren Fundort in Transdanubien.

In Bodrogkeresztúr–Henye wurden stratifizierte Funde aus dem späten Aurignacien (33.3–31.6 ka) und dem späten Gravettien (29.7–26.5 ka) ergraben. Belege für das frühe Gravettien und das Pavlovien fehlenGyörgy Lengyel u. a.: The Early–Middle Upper Palaeolithic transition in Eastern Central Europe across MIS3–2 and the Bodrogkeresztúr–Henye site, NE Hungary. Quaternary Science Reviews. Band 376, 2026, .. Bei der Fundstelle des Gravettien scheint es sich um ein Basislager gehandelt zu haben, wie Funde von verbrannten Knochen und ein vielfältiges Werkzeugspektrum belegen. Tierknochen belegen die Jagd auf Wildpferd, Mammut, Hasen (Steppe) sowie Elch (boreale Wälder) und Höhlenlöwen. Lithische Rohmaterialien bestehen aus Silizit, Karpathen-Obsidian (carp 2 und 1), Jaspis, Radiolarit und Metarhyolit aus dem Bükk-Gebirge, Jura-Hornstein und Feuerstein der Kreidezeit aus Schlesien oder der Ukraine. Bodrogkeresztúr–Henye ist der bisher späteste Fundort in Ungarn mit Belegen für Mammut (Faunenphase Istállóskő).

Dobosi verbindet das ungarische Gravettien vor allem mit Rückenspitzen und der Mammutjagd. Eine Untergliederung des Gravettien ist schwierig, da chronologisch empfindliche Werkzeugtypen weitgehend fehlen. Für die Zeit zwischen 20 und 18 ka wurde das sogenannte Geröll-Gravettien identifiziert, auch als Ságvárien bezeichnet. Es ist unter anderem aus Ságvár, Madaras, Szob und Mogyorósbánya in den Gerecse-Bergen bekannt. In Madaras wurden mehrere runde Herdstellen gefunden, in Szob war eine Herdstelle mit einem Steinkreis umgeben. Die 5–8 cm dicke, in eine zwei Meter mächtige Lößschicht eingebettete Kulturschicht in Mogyorósbánya (Komitat Komárom-Esztergom) enthält drei ovale Fund-Konzentrationen, aber keine Überreste von Behausungen. Dagegen wurden im eponymen Fundort von Ságvár eine eingetiefte Hütte ergaben. Das Ságvárien ist relativ kurzlebig, seine Verbreitung auf das westliche Karpatenbecken beschränkt, dies mag jedoch auch regionale Forschungstradition widerspiegeln.

Die Pilisszántó Kultur, benannt nach jungpaläolithischen Funden aus der oberen Schicht der Pilisszántó-HöhleViola T. Dobosi: Gravetti lelőhelyek Pilismarót környékén (Gravettian sites around Pilismarót). In: Folia Archaeologia. Band 52, 2006, , S. 21–48; S. 48: englische Zusammenfassung (hungaricana.hu, e-S. 23–50). mit einer vom Rentier dominierten Fauna wird inzwischen meist dem Epigravettien zugerechnet. Dobosi will das Epi-Gravettien aus dem Pavlovien ableiten. Sie unterteilt es in das ältere Epigravettien (18–16 ka), das teilweise gleichzeitig mit dem späten Ságvárien (Geröll-Gravettien) existierte und etwa in Pilismarót-Bánom und Jászság nachgewiesen wurde und eine jüngere Phase, deren Funde nach dem Ende der glazialen Lößablagerungem entstanden. In Szekszard-Palank ((Kis-palánk, Béke TSz horticulture, ID: 23379)László Vértes: Die Ausgrabungen in Szekszárd-Palánk und die archäologischen Funde. In: Światowit. Band 24, 1962, S. 159–202, sowie zahlreiche ungarische Publikationen., einer Fundstelle aus dem späten Epi-Gravettien (ca. 20.0–14.7 kaAttila Király, Róbert Kertész: Late Palaeolithic to Early Mesolithic Transition in the Carpathian Basin: A Re-Evaluation of the Szekszárd-Palánk Site. In: Communicationes Archæologicæ Hungariæ. 2023, doi:10.54640/CAH.2023.23.) lässt sich eine Miniaturisierung der Werkzeuge insgesamt nachweisen, wie sie auch von anderen Fundstellen dieses Horizonts bekannt ist, zum Beispiel Franchthi oder PiancavalloStefan Karol Kozłowski: The last prehistoric hunters in Europe. In: François Djindjian (Hrsg.): Les sociétés humaines face aux changements climatiques: La protohistoire, des débuts de l’Holocène au début des temps historiques. Archaeopress, Oxford 2022, S. 76.. Die Tierknochen von Szekszárd-Palánk sind insgesamt schlecht erhalten, es konnten aber Auerochse, Hirsch, Biber, Hecht und ein Karpfenartiger nachgewiesen werden).

Funde aus dem Mesolithikum sind spärlich, besonders im Alföld. Hier sind vor allem (Jászberény und Jászetelek) zu nennen.

Seit dem Neolithikum und der Besiedlung durch die Träger der Starcevo-Körös-Criș Kultur setzt eine reiche archäologische Überlieferung ein.