mini|Polizeihubschrauber über einer Favela in Rio de Janeiro mini|Favela Rocinha mini|Favela auf den Morros von Rio de Janeiro mini|Favela da Maré in Rio de Janeiro mini|Überreste des Instituto Penal Cândido Mendes auf Ilha Grande mini|Elias Maluco bei seiner Festnahme mini|Favela Complexo do Alemão mini|Säuberungsaktion der Polizei in der Favela Complexo do Alemão mini|Favela Complexo do Alemão nach Besetzung durch die Polizei mini|Satellitenbild der Baixada Fluminense – einer Hochburg des Comando Vermelho mini|Gepanzertes Polizeifahrzeug während der Megaoperação an einer brennenden Straßenbarrikade Das Comando Vermelho (deutsch Rotes Kommando) ist eine Verbrecherorganisation, die vor allem im illegalen Drogenhandel in der brasilianischen Stadt Rio de Janeiro aktiv ist. Schätzungen der brasilianischen Polizei zufolge wird das Comando Vermelho (CV) in Rio von etwa 5.000 teilweise mit Kriegswaffen ausgerüsteten Kriminellen gebildet. Es kontrolliert ca. 40 % des lokalen Marktes für illegale Drogen.
Entstehung Das Comando Vermelho entstand ab den späten 1970er Jahren in brasilianischen Gefängnissen, namentlich im Gefängnis Instituto Penal Cândido Mendes der Ilha Grande (Bundesstaat Rio de Janeiro).Comando Vermelho deu origem à organização paulista. Folha de São Paulo. 21. Februar 2001. (port.)Bilderstrecke Instituto Penal Cândido Mendes. Memória O Globo (port.) Aufgrund seiner unmenschlichen Haftbedingungen, wie überfüllte Zellen, Mangel an fließendem Wasser, extrem unhygienische Bedingungen, Gewalt durch Wächter oder Mitinsassen, sowie der tägliche Überlebenskampf um elementare Dinge wie Nahrung, Schlafplatz, medizinische Versorgung etc.Berüchtigtes Gefängnis in Brasilien. Auf der Insel der Verdammten. Einst befand sich in Dois Rios Brasiliens härtestes Gefängnis: Mörder und Drogenbosse wurden auf der Ilha Grande eingesperrt. Heute leben in dem Geisterstädtchen nur noch wenige Menschen – doch die Erinnerung an das düstere Kapitel der brasilianischen Geschichte lebt. SPIEGEL Geschichte. 21. November 2012, wurde es auch Caldeirão do Inferno („Kessel der Hölle“) genannt. Inhaftiert waren sowohl politische Gefangene der Militärdiktatur in Brasilien als auch gewöhnliche Kriminelle. Ihre frühe Bezeichnung lautete Falange da LSN, eine Anspielung auf die Nationalen Sicherheitsgesetze Brasiliens (Lei de Segurança Nacional do Brasil – LSN), dann Falange Vermelha – Rote Phalanx. Die politischen Gefangenen versuchten in dieser Situation, politisches Denken und die Idee einer aktiven Solidarität zwischen ihren Zellengenossen zu verbreiten.Midia Independente
Die Organisation erfüllte so ursprünglich die Funktion einer Widerstandsgruppe und Schutzgemeinschaft der Häftlinge gegen Übergriffe durch Aufseher und Mitgefangene. Auf diese teilweise ideologisch geprägte Anfangszeit verweist das heute noch verwendete Motto des Kommandos „Paz, Justiça e Liberdade“ („Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit“), das etwa durch die als Territorialmarkierungen gedachten Graffiti an Drogenverkaufsplätzen in Rio de Janeiro verbreitet wird.„Paz, Justiça e Liberdade“. é Slogan do CV e PCC. Folha de São Paulo. 19. Februar 2001. (port.) Bis zur Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich das Comando Vermelho zur größten Drogenhandelsorganisation in Rio de Janeiro und brachte nicht nur das Gefängnissystem in der Stadt, sondern auch deren Favelas unter seine Kontrolle.Ben Penglase: The Bastard Child of the Dictatorship: The Comando Vermelho and the Birth of „Narco-Culture“ in Rio de Janeiro. In: Luso-Brazilian Review 45, Nr. 1 (1. Januar 2008), S. 128 Seine Macht und Territorialherrschaft ging in den 1990er und 2000er Jahren so weit, dass Wissenschaftler in der Terminologie der Soziologie und Politischen Theorie damit begannen, von einer Parallelgesellschaft und einem Staat im Staate zu sprechen.Elizabeth Leeds: Cocaine and Parallel Polities in the Brazilian Urban Periphery: Constraints on Local Level Democratization. In: Latin American Research Review 31, Nr. 3 (1996), S. 47–83Erika Robb Larkins: Performance of Police Legitimacy in Rio’s Hyper Favela. In: Law & Social Inquiery 38, Nr. 3 (1. September 2013), S. 553–575
In jüngerer Zeit ist innerhalb des Comandos, aber auch in verfeindeten Gruppen die Übernahme eines evangelikal geprägten, christlich-fundamentalistischen Gedankentums zu beobachten, welches sich unter anderem gegen die afrobrasilianische Umbanda-Religion wendet. So treten ehemalige Gangster entweder als Vertreter größerer Freikirchen wie z. B. Edir Macedos Pfingstsekte Igreja Universal do Reino de Deus oder als unabhängige Laienpastoren auf und fordern von ihren Mitgliedern und den Favela-Bewohnern, sich an einen streng christlichen Lebenswandel zu halten.Favela-Gangster werden radikale Christen. Brasilianischer Deal mit Jesus. Tagesspiegel. 11. September 2015 Während des Machtvakuums während der Corona-Krise erlangten bewaffnete Banden die Kontrolle über fünf Favelas und errichteten dort eine Art evangelikalen Gottesstaat namens „Complexo de Israel“. Bei anschließenden Pogromen gegen Katholiken und Anhänger der Candomblé wurden Tempel niedergebrannt und es kam zu mehreren Todesfällen.Traficante evangélico cria „Complexo de Israel“ em favelas do Rio e ataca católicos e umbandistas – Revista Fórum (brasilianisches Portugiesisch)Traficante evangélico cria „Complexo de Israel“ em favelas do Rio e ataca católicos e umbandistas | Revista Fórum
Verbreitung Nach seinen Anfängen und seiner starken Dominanz in Rio de Janeiro und dem gleichnamigen Bundesstaat, breitete sich das Comando Vermelho durch Ableger auch in anderen Regionen Brasiliens aus. Dazu zählen Rondônia, Roraima, Tocantins, Mato Grosso, Espírito Santo, Acre, Pará, Maranhão, Alagoas, Rio Grande do Norte, Ceará, Mato Grosso do Sul, Goiás, Distrito Federal do Brasil, Amazonas, Santa Catarina und Teile von Minas Gerais. Außerdem Piauí, Paraíba, Pernambuco und Bahia. In den Bundesstaaten Rio de Janeiro, Espírito Santo, Rondônia, Mato Grosso, Acre, Ceará und Tocantins fand diese Verbreitung überwiegend durch das Gefängnissystem statt.
Auch im Nordosten Paraguays ist das CV aktiv, wo es mit der sogenannten Rebellengruppe Ejército del Pueblo Paraguayo kooperiert.
Territorien des Comando Vermelho in Rio de Janeiro Als Hochburgen des Comando Vermelho werden Favelas wie Complexo do Alemão, Chapéu Mangueira, Jacarezinho, Complexo da Maré, Vidigal, Pavão-Pavãozinho, Cidade de Deus, Vigário Geral, Salgueiro, Nova Holanda und Parque União angesehen. Eine weitere Hochburg ist die dicht bevölkerte Baixada Fluminense mit den Städten Duque de Caxias, Nova IguaçuMoradores de morro de Nova Iguaçu denunciam invasão de traficantes e afirmam que bairro virou base para ataque a facção rival. Einwohner von Nova Iguaçu berichten von Invasion durch Drogenhändler. O Globo. 3. Dezember 2020. (port.)Clima de guerra em Nova Iguaçu com disputa entre CV e milícia – Kriegsklima zwischen CV und der Miliz. Eu, Rio! 27. November 2019, São João de Meriti, Belford RoxoOito Pessoas Mortas na Guerra do Trafico em Belford Roxo. - Acht Tote im Drogenkrieg von Belford Roxo. Hora H. (port.) und Queimados.
Das Comando Vermelho beherrscht Rios Favelas Größte Sichtbarkeit erlangt das Comando Vermelho in der Baixada FluminenseBrasilien Nummer 370 April 2005. Kommandos, Freunde und Drogenhandel. Interview mit dem Journalisten und Schriftsteller Julio Ludemir über die organisierte Drogenkriminalität in Rio de Janeiro. Lateinamerika Nachrichten. und den regelrecht zu Kriegsgebieten verkommenen Favelas Cidade de Deus,sueddeutsche.de: Complexo do Alemão,faz.net: CantagaloBaile Funk at Cantagalo favela. 20. Januar 2007. (port.)sueddeutsche.de: und Pavão-Pavãozinho,Tráfico no Pavão-Pavãozinho rende R$ 3 milhões por mês. Noticias Terra. 2. Dezember 2009. (port.) wo es eine territoriale Herrschaft anstrebt und diese mit Waffengewalt gegen die Polizei und andere Drogenbanden verteidigt.
Die Bewohner der Armenviertel geraten dabei immer wieder zwischen die Fronten, müssen letztlich aber die Drogenhändler als Autorität in ihrem Viertel anerkennen und sich mit diesen arrangieren.
Die so in vielen Fällen entstehende Kooperation zwischen Bewohnern und Drogenhändlern in Armenvierteln brasilianischer Großstädte wird außerdem dadurch gefördert, dass letztere eine Art von Gewaltmonopol durchsetzen, das einen teilweise wirksameren Schutz vor Kriminalität und einigen Formen von Gewalt garantiert als der durch den brasilianischen Staat, und in einigen Fällen gewisse ansonsten nicht vorhandene soziale und karitative Funktionen übernehmen.
Diese Entwicklung wird durch die bis in höchste Ränge hinaufreichende Korruption innerhalb der brasilianischen Polizei und deren brutales und illegales Vorgehen in den Armenvierteln noch einmal verstärkt. Andererseits ist es in einigen Armenvierteln Rio de Janeiros auch schon zur Gründung von Gruppierungen („Milícias“)Milícias ocupam mais favelas que facção. Plano Brasil. 11. November 2009. (port.) gekommen, welche, wie die Policia MineiraDefinition Policia Mineira auf Answers Yahoo (en.) in der Favela Rio das Pedras, den Drogenhandel durch Waffengewalt bekämpfen. Die territorialen Kämpfe der Drogenorganisation werden mit äußerster Brutalität geführt. Die Favela Pavão-Pavãozinho in einer Hügelreihe um die Copacabana etwa wird wegen Granatwerfereinschlägen an Häuserwänden im Volksmund auch Sarajevo genannt. Feuergefechte rivalisierender Banden werden zu jeder Tageszeit ausgetragen.
Die Opfer der Drogenkriege werden in Rio de Janeiro presunto (de: „Schinken“) oder queima de arquivo (de: „Archiv Verbrennung“) genannt. Teilweise werden den Opfern zur Abschreckung Reifen um den Körper gelegt und angezündet. Die Gesichter der Opfer werden teilweise mit Macheten zerhackt, um diese unkenntlich zu machen. 1992 auf dem Höhepunkt der Drogenkriege in Rio de Janeiro berichtete die Zeitschrift Stern von der Abgestumpftheit der beteiligten Bevölkerung im Drogenkrieg: Nachdem ein Mann einen Rivalen getötet hatte und mit blutbeschmiertem T-Shirt zurück in eine Bar gegangen war, war die einzige Sorge der Tresendame, die Blutflecken wieder aus der Kleidung zu bekommen.
Bekämpft wird das CV von staatlichen Kräften wie BOPE (Batalhão de Operações Policiais Especiais (PMERJ)), Polícia Civil (Kriminalpolizei) und Polícia Militar (Landespolizei).
Akzeptanz des Comando Vermelhos Vielen Jugendlichen aus armen Familien erscheint der illegale Drogenhandel als eine attraktive Verdienstmöglichkeit, die ihnen nicht nur ein vergleichsweise hohes Einkommen, sondern auch eine Steigerung des Selbstwertgefühls und des Sozialprestiges sichert. Angesichts der elenden Lebensumstände einer großen Anzahl von Kindern und Jugendlichen in Brasilien, die ohne ökonomische Perspektiven aufwachsen, wird diese Attraktivität auch nicht durch die geringe Lebenserwartung eines Drogenhändlers in den Reihen des Comando Vermelho oder einer vergleichbaren Organisation gemindert: Die Mehrheit, der in den Drogenhandel in Rio Involvierten findet den Tod in Auseinandersetzungen mit Rivalen oder der Polizei, ehe sie das 25. Lebensjahr vollendet haben.
Die jugendlichen Angehörigen des CV nennen sich soldados do morro (deutsch „Soldaten der Hügel“, sinngemäß „Ghettosoldaten“), tragen ihre vollautomatischen Schnellfeuergewehre öffentlich als Insignien ihrer Macht, und bestimmen die „Baile Funk“-Partys in ihren Stadtvierteln. Das CV steht in direkter Rivalität mit dem „Terceiro Comando“ (TC – „drittes Kommando“) und den „Amigos dos Amigos“ (ADA – „Freunde der Freunde“).Facções. Folha Online. 15. April 2004. (port.) Die Favela Complexo da Maré,caiman.de: beispielsweise, wird im Norden von den Killern des Comando Vermelho beherrscht und im Süden vom Terceiro Comando. Das Tragen falscher Farben, etwa rot für Comando Vermelho, kann dort Folterung und Mord nach sich ziehen.
Fernandinho Beira-Mar und Elias Maluco Berüchtigte Führer des CV waren Fernandinho Beira-Mar und Elias Maluco.