mini|Warninschrift an der Balustrade (Soreg), die den inneren Tempelbereich umschloss (Israel-Museum)

Als Herodianischer Tempel wird die grundlegende Umgestaltung des zweiten Jerusalemer Tempels () bezeichnet, mit der Herodes der Große () 21 v. Chr.nach anderen Angaben schon im Jahre 20 v. Chr.; das innere Heiligtum, die Säulenhallen und die äußeren Höfe waren schon 12 v. Chr. fertig gebaut worden, siehe hierzu Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kult, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 85 begann und die zugleich sein anspruchsvollstes Bauprojekt wurde. Innerhalb von nur anderthalb Jahren wurde das eigentliche Tempelgebäude fertiggestellt und mit großer Prachtentfaltung eingeweiht. Die Neugestaltung des gesamten Tempelberg-Komplexes aber zog sich noch lange nach dem Tod des Herodes hin und kam erst kurz vor dem Ausbruch des Jüdischen Krieges zum Abschluss.Martin Goodman: Die Geschichte des Judentums. Glaube, Kultur, Gesellschaft. Klett-Cotta, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-608-96469-1, S. 85 Er wurde im Jahre 70 n. Chr. durch die römische Armee zerstört.

Baubeschreibung und Kultbetrieb Jede Rekonstruktion des Herodianischen Tempels ist eine Kombination der Angaben bei Flavius Josephus (Jüdische Altertümer 15, 380–423; Jüdischer Krieg 5, 184–243) und im Talmud (besonders Mischna-Traktat Middot). „Die Unterschiede in den Quellen können vermutlich auf die verschiedenen Bauphasen des Tempels – vor Herodes, unter Herodes, nach Herodes, vor der Tempel-Zerstörung – zurückgeführt werden.“

100px|rechts|rahmenlos 600px|mini|zentriert|Der Tempelplatz mit äußerer Umfassungsmauer im Holyland-Modell (Blick von Osten)Vergleiche die aktuelle Situation der Lage der Gebäude auf dem Tempelberg, auf static.wixstatic.com mit Blick, aus südwestlicher Richtung, auf die West- oder Klagemauer () (), umgangssprachlich nur Kotel genannt,

Josephus interessierte sich für das gesamte Tempelareal einschließlich des Vorhofs der Heiden mit umlaufenden Säulengängen im Norden, Westen und Osten und einer Basilika an der Südseite, während die Mischna vor allem das Areal innerhalb der Balustrade () beschreibt, das nur von Mitgliedern der jüdischen Religionsgemeinschaft im Zustand kultischer Reinheit betreten werden durfte und das auf dem folgenden Lageplan dargestellt ist. 100px|rechts|rahmenlos mini|600px|zentriert|Rekonstruktion des Tempelgebäudes (genordet, mit ockerfarbenem Orientierungspunkt), auf der Grundlage des Traktats Middot.

Beschreibung des Tempelgebäudes, ausgehend von dem ockerfarbenen Punkt.

Dieser Punkt steht für ein Waschbecken im sogenannten Vorhof der Priester (). Ein beim Waschbecken stehender Betrachter blickte Richtung Norden auf eine breite Treppe, die zum Tempelhaus emporführte. Nach Westen blickend sah er die Fassade des Tempelhauses; nach Osten sah er eine breite Rampe, die zum großen Brandopferaltar emporführte.

mini|Umrisskarte von Jerusalem im Jahre 70 n. Chr.; der Herodianische Tempel ist gelb markiert. Hellblau: die Altstadt, dunkelblau: die Jerusalemer Neustadt. In nordwestlicher Richtung grenzte die Burg Antonia an die Tempelanlage (vier kleine hellblaue Rechtecke, für die Burgtürme). Die rechteckige Anlage nahm den höchsten Punkt des Tempelbergs ein und stand auf einer Plattform, teilweise aus gewachsenem Fels und teilweise aufgeschüttet, die etwa 3 bis 4 Meter höher war als der Vorhof der Heiden. 50px|rechts|rahmenlos

Pronaos Beim Grundriss des Tempelhauses ist die Breite des Eingangsbereichs (Pronaos, ) im Vergleich zum Heiligtum auffällig, laut Mischna (Middot IV,7) sah das Gebäude dadurch wie ein ruhender Löwe aus: vorne breit, hinten schmaler. Die Fassade war außerordentlich hoch, so dass sie mit Balken stabilisiert werden musste, und das Eingangsportal war ebenfalls sehr hoch; es stellte die wichtigste Lichtquelle für die inneren Räume dar. Zu der äußeren Erscheinung des Tempelhauses machen die Quellen weniger Angaben und widersprechen sich, was die unterschiedlichen Rekonstruktionen von Modellbauern erklären kann. Ein Detail erwähnen Josephus und Mischna übereinstimmend: goldene Spieße auf dem Dach, die Mischna nennt sie „Krähenabwehr.“

Naos Das Heiligtum betrat man durch eine Doppeltür. Es hatte einen vorderen Bereich (), wo sich die Menora, der Schaubrottisch und der Räucheraltar befanden (mit kleinen Punkten im Plan markiert), und einen etwa quadratischen, leeren Raum im Westen: das durch zwei einander überdeckende Vorhänge abgeteilte Allerheiligste (). Architektonisch bildeten Hechal und Debir eine Einheit (Naos). Sie hatten ein gemeinsames Obergeschoss, von wo aus nötige Reparaturen im Heiligtum über Öffnungen im Fußboden so ausgeführt werden konnten, dass die Handwerker möglichst wenig in Kontakt mit den heiligen Bereichen kamen.

Einmal im Jahr, am Versöhnungstag (), betrat der Hohepriester (Kohanim) das Allerheiligste.

Die täglichen priesterlichen Verrichtungen im Hechal, nämlich Bedienen des Leuchters, Auflegen der Schaubrote auf den Schaubrottisch und Darbringen des Räucheropfers, bildeten den ersten kultischen Brennpunkt des Jerusalemer Tempels und waren für normale Tempelbesucher nicht sichtbar.

Umlaufend um Hechal und Debir befanden sich Kammern () auf mehreren Etagen, in denen unter anderem der Tempelschatz deponiert war.

Priestervorhof Wieder ausgehend von dem ockerfarben markierten Standort, sah man einige Meter östlich die schon erwähnte breite Rampe, die zum Brandopferaltar () hinaufführte. Dieser Altar war ein großes Podium.

Nördlich vom Brandopferaltar befanden sich in Reihen angeordnet die Schlachtplätze für die Opfertiere.

Etwas weiter östlich sah man eine Absperrung, bis zu der jüdische Männer im Zustand der kultischen Reinheit (Tahara) gehen durften, um bei den Opferhandlungen zuzuschauen. Der schmale Bereich, in dem sie stehen durften, war der sogenannte Vorhof der Israeliten (hebräisch עזרת ישראל Ezrat Jisrael).

Die Tieropfer auf dem Priestervorhof bildeten den zweiten kultischen Brennpunkt des Jerusalemer Tempels. Sie waren für Laien zwar nicht zugänglich, aber (eingeschränkt) sichtbar.

Vorhof der Frauen Östlich an den Priestervorhof mit dem darauf befindlichen Tempelhaus schloss sich ein großer quadratischer Vorhof an. Dieser sogenannte Vorhof der Frauen () war im Wesentlichen der Platz, auf dem die Menge aller jüdischen Pilger zusammenkam. Es gab den Quellen zufolge eine Art umlaufenden Balkon, auf dem sich nur Frauen aufhalten durften.

In den vier Ecken befanden sich abgeteilte, nach oben hin offene Bereiche, die als Kammern oder Höfe bezeichnet werden:

Südosten: Anlaufstelle für Personen, die ein Nasiräergelübde abgelegt hatten. Sie bereiteten hier das ihnen vorgeschriebene Opfer zu. Nordwesten: Anlaufstelle für Personen, die vom Aussatz geheilt waren. Sie fanden hier eine Mikwe vor, in der sie sich reinigten. Nordosten: Depot für Holz. Südwesten: Depot für Wein und Öl.

Der Durchgang zum Vorhof der Israeliten war architektonisch hervorgehoben. Der Eingang war ein Dreifachportal, das sogenannte Nikanortor, und besonders kostbar gearbeitet. Die halbrunde Treppe, die zu ihm hinaufführte, hatte fünfzehn Stufen, auf denen die Leviten musizierten. Da diese Gesänge von vielen Tempelbesuchern miterlebt wurden, gingen sie später in die synagogale Liturgie ein. Dagegen ist weitgehend unbekannt, was bei den Kulthandlungen im Tempel selbst gesungen oder rezitiert wurde.Markus Sasse: Jesus in Jerusalem. Eine Spurensuche. Onlinematerial RPH 2-2018 „Die Zeit und die Welt Jesu“, RFB 2021, auf bildungsnetz.bildung-rp.de

Die Königshalle Die Königshalle oder -stoa () war eine antike Basilika, die von Herodes dem Großen während seiner Renovierung des Tempelbergs am Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr. errichtet wurde. Die Stoa wurde während der Plünderung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. von der römischen Armee zerstört. Beim Wiederaufbau des Zweiten Tempels durch Herodes war es eines seiner wichtigsten Bauprojekte.Ehud Netzer: The Palaces of the Hasmoneans and Herod the Great. Yad Ben-Zvi, Jerusalem 2001, ISBN 978-965-217-187-0, S. 128–131. Der Bau begann im letzten Viertel des ersten Jahrhunderts v. Chr. Es war sowohl eine monumentale architektonische Leistung als auch eine wichtige politische Errungenschaft. Herodes und die Bauhandwerker investierten viel Mühe in die Erweiterung der Tempelplattform, insbesondere an ihrer Südseite, wo der Tempelberg in die Täler des Tyropoeon und des Kidron hin abfällt. Diese Erweiterung entlang des südlichen Randes der Esplanade diente als Basis, auf der die Königliche Stoa errichtet wurde. Das Gebäude hatte eine basilikale Form, war jedoch auf einer Seite offen, weshalb es in verschiedenen Quellen als Portikus, Stoa oder Kreuzgang beschrieben wurde. Der Hauptzugang zur Stoa von der Stadt aus erfolgte über eine monumentale Treppe, die vom Tyropoeon-Tal nach oben führte und dann über den Robinson-Bogen und über die darunter liegende Straße und die Geschäfte verlief. Jede größere römische Stadt hatte eine Basilika, die für Bankgeschäfte, Gerichtssäle und andere Handelsgeschäfte genutzt wurde. In Jerusalem war die Stoa das Zentrum dieser Aktivitäten.Rivka Gonen: Contested Holiness: Jewish, Muslim, and Christian Perspectives on the Temple. KTAV Publishing House, Jersey City, New Jersey 2003, ISBN 0-88125-799-0, S. 68 Nach einem Quellenstudium kommt ÅdnaJostein Ådna: Jesu Stellung zum Tempel (= 119 Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 2. Reihe, WUNT II). Mohr & Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 978-3-16-157170-1, S. 239 f. zu der Hypothese das hier der Ort des historischen Jesu Tempelreinigung gewesen sein könnte. Dieses Zentrum kommerzieller Aktivität in Sichtweite des Tempels wurde von vielen gläubigen Juden als respektlos angesehen.Eilat Mazar: The Complete Guide to the Temple Mount Excavations. Shoham Academic Research and Publication, Jerusalem 2002, ISBN 965-90299-1-8, S. 126 Es war auch ein Ort des Handels im Zusammenhang mit dem jüdischen Tempelritual, wo man die Opfermaterie (Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel. 4. völlig neu überarbeitete Aufl- (= Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg, Band 8). Winter, Heidelberg 2019, ISBN 978-3-8253-6850-0, S. 137.) (etwa Opfertauben) kaufen und die Münzen mit verbotenen Abbildungen für die Tempelsteuer eintauschen konnte. Deshalb fand hier wahrscheinlich Jesu Konfrontation mit den Taubenverkäufern und Geldwechslern statt, von der im Kapitel des Matthäusevangeliums berichtet wird. mini|Südmauer, wie sie im Holyland-Modell (oben) dargestellt ist, mit den Hulda-Toren und der königlichen Stoa.

Ursprüngliche Topographie des Tempels und der übrigen Stadt Jerusalem Zur Zeit der Zeitenwende (ca. 1. Jh. v. / n. Chr.) – also zur Zeit des Zweiten Tempels – hatte Jerusalem zwar bereits eine größere Ausdehnung als in der Bronze- und Eisenzeit, sein historischer Kern lag aber eindeutig im Südosten. Denn zur Zeit der Zeitenwende besaß Jerusalem eine deutlich andere räumliche Gestalt oder Topographie, als sie das heutige Stadtbild nahelegt. Der historisch älteste und über Jahrhunderte kontinuierlich besiedelte Stadtkern lag nicht im Westen oder Norden der heutigen Altstadt, sondern im Südosten, auf dem schmalen Höhenrücken südlich des Tempelbergs, der als „Davidstadt“ bezeichnet wird. Diese Lage war topographisch und ökologisch begründet, da sich hier mit der Gihon-Quelle die wichtigste dauerhafte Wasserversorgung befand. Zwischen dem Kidrontal im Osten und dem Tyropöontal im Westen entwickelte sich hier bereits seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. ein urbanes Zentrum, das bis in die Königszeit und darüber hinaus den eigentlichen Kern Jerusalems bildete.