mini|Reichsstatthalter und Gauleiter Friedrich Hildebrandt (1934)
Friedrich Karl Heinrich August Hildebrandt (* 19. September 1898 in Kiekindemark; † 5. November 1948 in Landsberg am Lech) war Reichsstatthalter, Gauleiter der NSDAP, SS-Obergruppenführer und zum Tode verurteilter Kriegsverbrecher.
Leben und Beruf Friedrich Hildebrandt war jüngerer Sohn des namensgleichen Landarbeiters und Steinschlägers Friedrich (Johann Theodor) Hildebrandt (1871–?) und dessen Frau Bertha Anna Emma (oder Marie), geb. Harbrecht (1874–1932).Otto von Gossel, Jobst Heinrich von Bülow (Bearb.): Mecklenburgisches Geschlechterbuch. Band 3. In: Bernhard Koerner (Hrsg.): Deutsches Geschlechterbuch. Verlag von C. A. Starke, Görlitz 1935, S. 102 f.In der Volkszählungsliste 1900 erscheint als Ehefrau abweichend Marie Hildebrandt. Als er vier Jahre alt war, ließen sich seine Eltern am 1. August 1903 in Schwerin scheiden. Beide Elternteile heirateten später erneut.
Hildebrandt besuchte von 1905 bis 1912 die Volksschule in Benzin bei Lübz, Groß Lüben und Legde, arbeitete anschließend von 1912 bis 1914 als Tagelöhner in der Landwirtschaft und fand dann in Wilsnack eine Beschäftigung als Eisenbahnhilfsarbeiter. Eine Ausbildung zum Betriebsanwärter konnte er wegen des Kriegsbeginns nicht mehr beginnen. Während des Ersten Weltkriegs meldete er sich am 25. November 1916 als Kriegsfreiwilliger. Hildebrandt wurde zunächst dem Rekruten-Ersatz-Depot des Ersatzbataillons des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 24 in Neuruppin zugeteilt. Anfang 1917 folgte der Kriegseinsatz an der Westfront. In seinem ersten Einsatzjahr wurde er durch Bauchschuss und Giftgas schwer verletzt.Beate Behrens: Mit Hitler zur Macht. Aufstieg des Nationalsozialismus in Mecklenburg und Lübeck 1922–1933. Neuer Hochschulschriftenverlag, Rostock 1998, S. 37. Am 6. August 1918 wurde das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 24 aufgelöst und verteilt.I. Bataillon zum Infanterie-Regiment Nr. 24; II. Bataillon zum Infanterie-Regiment Nr. 64; III. Bataillon zum Infanterie-Regiment Nr. 396; vgl. Kameradschaft Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 24 (Hrsg.): Geschichte des Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 24. 1914–1918. Verlag Wilhelm Beese, Berlin 1925. Hildebrandt gelangte so zum Infanterie-Regiment „Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin“ (4. Brandenburgisches) Nr. 24. Nach einem Lazarettaufenthalt in Wittenberg kehrte er im November 1918 nach Legde zurück und trat dort im Dezember in die neu gegründete Deutschnationale Volkspartei (DNVP) ein. Am 13. Januar 1919 schloss er sich dem von seinem ehemaligen Vorgesetzten Hauptmann Cordt von Brandis gegründeten Freikorps an.Beate Behrens: Mit Hitler zur Macht. Aufstieg des Nationalsozialismus in Mecklenburg und Lübeck 1922–1933. S. 38. Dieses Freikorps kam in Schlesien und im Baltikum zum Einsatz, dabei wurde Hildebrandt am 6. Juli 1919 in Riga gefangen genommen.Ralf Salomon: Friedrich Hildebrandt. NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Mecklenburg. Sozialrevolutionär und Kriegsverbrecher. Dissertation Universität Rostock. Edition Temmen, Bremen 2017, S. 44 (Fußnote 334). Nach dem Verhör durch lettische und britische Offiziere konnte er wieder zu seiner Kompanie zurückkehren.Ralf Salomon: Friedrich Hildebrandt. NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Mecklenburg. Sozialrevolutionär und Kriegsverbrecher. Bremen 2017, S. 44. Zuvor noch zum Vizefeldwebel befördert, wurde er am 15. Januar 1920 aus der Truppe entlassen. Unmittelbar danach kam er zur vierten Einsatzhundertschaft der Sicherheitspolizei in Halle-Merseburg. Die Einsatzhundertschaft war in Ohrdruf zusammengestellt worden und kam vorwiegend im Zusammenhang mit dem Kapp-Putsch zum Einsatz. Wegen des gewaltsamen Vorgehens gegen Angehörige der proletarischen Arbeiterwehren vom 16. bis 20. März 1920 in Osterfeld und Weißenfels, die auf beiden Seiten zu zahlreichen Todesopfern führten, wurde Wachtmeister Hildebrandt später angeklagt, in einem Prozess jedoch freigesprochen.Ralf Salomon: Friedrich Hildebrandt NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Mecklenburg. Sozialrevolutionär und Kriegsverbrecher. Edition Temmen, Bremen 2017, S. 50 f. Im Juni 1920 wurde er wegen „verbaler Entgleisungen“ aus dem Dienst entlassen.Ralf Salomon: Friedrich Hildebrandt NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Mecklenburg. Sozialrevolutionär und Kriegsverbrecher. Edition Temmen, Bremen 2017, S. 53. Danach arbeitete er als Landarbeiter und war von 1921 bis 1922 Vorsitzender der Kreisgruppe Westprignitz des Brandenburgischen Landarbeiterbundes. Im September 1922 nahm er als Delegierter am Görlitzer Parteitag der DNVP teil und sympathisierte dort mit dem von Albrecht von Graefe geführten rechten Parteiflügel. Kurze Zeit später wurde Hildebrandt aufgrund innerparteilicher Streitigkeiten aus der DNVP ausgeschlossen. Daraufhin schloss er sich der Organisation Roßbach an.Beate Behrens: Mit Hitler zur Macht. Aufstieg des Nationalsozialismus in Mecklenburg und Lübeck 1922–1933. Rostock 1998, S. 40.
Am 19. Oktober 1923 heiratete Hildebrandt die aus Groß Breesen/Güstrow stammende Elise Else Christine KrügerElise Hildebrandt trat am 16. Dezember 1925 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 25.806). (1900–1986) in Pinnow. Aus der Ehe gingen bis 1946 sechs Kinder hervor. Tochter Ingeburg (1926–1954) erkrankte im Alter von drei Jahren schwer und litt zeitlebens unter den Folgen.Die älteste Tochter wies eine geistige Behinderung auf. Hildebrandt kontaktierte dahingehend den späteren Leiter der Kinderfach-Abteilung Sachsenberg-Lewenberg Alfred Leu, der in Schwerin auch eine Privatpraxis führte, um seine Tochter von ihm behandeln zu lassen; vgl. Andreas Brooks: Die Geschehnisse auf dem Sachsenberg im Rahmen des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms. In: LpB Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): Schweriner Gespräche. Schwerin 2007, S. 13; vgl. Helga Schubert: Eine deutsche Nervenklinik und der Wahn vom unwerten Leben. EDITION digital, Godern 2013, Abschnitt Nr. 8.Christian Madaus: Friedrich Hildebrandt – Hitlers Gefolgsmann und Befehlsempfänger in Mecklenburg. Stock & Stein, Schwerin 2000, S. 102, S. 79.Kathleen Haack, Bernd Kasten, Jörg Pink: Die Heil und Pflegeanstalt Sachsenberg-Lewenberg. In: Erinnerungsorte in Mecklenburg-Vorpommern. Band 2. Landeszentrale für Politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern, Schwerin 2016, S. 46, ISBN 978-3-9816439-4-7. Der 1925 geborene Sohn Teutobert fiel am 14. März 1945 bei Danzig.Teutobert Adolf Friedrich Florian Hildebrandt, Oberfähnrich zur See, wegen Auseinandersetzungen mit seinem Vorgesetzten (Beharren auf seiner Sonderstellung etc.) bekam er Arrest und Frontbewährung, die auch sein Vater nicht verhindern konnte. vgl. Christian Madaus: Friedrich Hildebrandt – Hitlers Gefolgsmann und Befehlsempfänger in Mecklenburg. Stock & Stein, Schwerin 2000, S. 55.Im Februar 1945 Versetzung zur Marineartillerieabteilung 531 nach Gotenhafen. vgl. Ralf Salomon: Friedrich Hildebrandt. NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Mecklenburg. Sozialrevolutionär und Kriegsverbrecher. Bremen 2017, S. 325.
Politisches Wirken 1924–1945 mini|Reichsstatthalter Hildebrandt im Bürgerschaftssaal des Lübecker Rathauses (1933) mini|Konstantin Hierl und Friedrich Hildebrandt (1939)
1924 wurde Hildebrandt Mitglied der Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP). Für die DVFP war er von 1924 bis März 1925 Abgeordneter im Landtag von Mecklenburg-Schwerin. Nach einem persönlichen Treffen mit Adolf Hitler am 16. Februar 1925 in München trat er der NSDAP bei; die offizielle Aufnahme erfolgte am 8. Mai 1925 (Mitgliedsnummer 3.653).Beate Behrens: Mit Hitler zur Macht. Aufstieg des Nationalsozialismus in Mecklenburg und Lübeck 1922–1933. Rostock 1998, S. 44. Hildebrandt behielt sein Landtagsmandat und wurde so zum ersten NSDAP-Abgeordneten im Mecklenburg-Schwerinschen Landtag. Am 27. März 1925 ernannte ihn Gregor Strasser zum Gauleiter für den neu geschaffenen Gau Mecklenburg-Lübeck. Im Juni desselben Jahres gründete er das Parteiorgan Niederdeutscher Beobachter.Der Niederdeutsche Beobachter erschien bis April 1945.
Zudem verfasste er 1925 das Manuskript Lösung der Judenfrage. Seine Schrift befasste sich hauptsächlich mit dem mecklenburgischen Landadel, den er als „stark verjudet“ ansah. Die Münchener Parteizentrale war wenig begeistert, wie die Beurteilung zeigt: „Viel Phantastereien, die obendrein sehr gefährlich sind, wenn sie in die Hände von Gegnern kommen.“Beate Behrens: Mit Hitler zur Macht. Aufstieg des Nationalsozialismus in Mecklenburg und Lübeck 1922–1933. Rostock 1998, S. 66 f.
Mit der Wahlniederlage der NSDAP am 6. Juni 1926 verlor er sein Landtagsmandat. Hildebrandt fehlten fortan die regelmäßigen Geldbezüge, wodurch er und seine Familie zeitweilig in eine Notlage gerieten.Ralf Salomon: Friedrich Hildebrandt NSDAP-Gauleiter und Reichsstatthalter in Mecklenburg. Sozialrevolutionär und Kriegsverbrecher. Edition Temmen, Bremen 2017, S. 113 f. Nur durch die finanzielle Unterstützung einiger Spender, zu denen auch Rittmeister Adolf von der Lühe (1860–1934) gehörte, konnte er seine Parteiarbeit fortsetzen. Noch im selben Jahr zog er mit seiner Familie nach Parchim, wohin auch die Gauzentrale (Bauhofstraße Nr. 2) verlegt worden war. An seinem neuen Wohnsitz wirkte er von November 1927 bis Januar 1930 als Stadtverordneter.
Am 23. Juni 1929 wurde er erneut für die NSDAP in den Schweriner Landtag gewählt.
Nach der Trennung Otto Strassers von der NSDAP meldete die von Strasser herausgegebene Zeitung Nationaler Sozialist, Hildebrandt habe sich Strassers neuer Gruppierung angeschlossen. Daraufhin wurde Friedrich Hildebrandt am 1. Mai 1930 als Gauleiter beurlaubt und zum stellvertretenden geschäftsführenden Gauleiter degradiert. Am 11. Juli 1930 erschien im Niederdeutschen Beobachter eine Erklärung, in der er sich mit den „revolutionären Nationalsozialisten“ solidarisierte.Beate Behrens: Mit Hitler zur Macht. Aufstieg des Nationalsozialismus in Mecklenburg und Lübeck 1922–1933. S. 95.Patrick Moreau: Nationalsozialismus von links. Die „Kampfgemeinschaft Revolutionärer Nationalsozialisten“ und die „Schwarze Front“ Otto Straßers 1930–1935. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1985, ISBN 3-421-06192-0, S. 47. Nach einer Diffamierungskampagne im Völkischen Beobachter, die sich gegen die „disziplinlosen Quertreiber“ und das „Literatengesindel“ richtete, distanzierte sich Hildebrandt von Otto Strasser und dessen Ideen. Zudem ließ er der Presse gegenüber verlautbaren, dass er nicht vorhabe, zu Strasser überzulaufen.
Bei der Reichstagswahl 1930 am 14. September 1930 wurde Hildebrandt zum Reichstagsabgeordneten für den Reichstagswahlkreis 35 gewählt,Reichstag (Hrsg.): Reichstagshandbuch V. Wahlperiode 1930. Druck und Verlag der Reichsdruckerei, Berlin 1930, S. 258 (Digitalisat). der den Freistaat Mecklenburg-Schwerin, den Freistaat Mecklenburg-Strelitz und die Freie und Hansestadt Lübeck umfasste.
Anfang März 1931 erfolgte seine Wiedereinsetzung als Gauleiter.Beate Behrens: Mit Hitler zur Macht. Aufstieg des Nationalsozialismus in Mecklenburg und Lübeck 1922–1933. S. 104. Hildebrandt reiste anschließend nach München, um sich dort am 4. März mit Hitler zu treffen.LHAS Bestand: (10.09.H/08) Nr. 4, Personennachlass Hildebrandt, Friedrich (1898–1948), enthält u. a. Dankschreiben mecklenburgischer Parteigenossen zur Wiedereinsetzung Hildebrandts, Terminbestätigung für ein Gespräch Hitler-Hildebrandt am 4. März 1931 in München.