Die Reptilien oder Kriechtiere (Taxon: Reptilia, lat. „kriechend“) sind eine unterschiedlich definierte Gruppe von Landwirbeltieren, die – je nach Systematik (Klasse oder Klade) – verschiedene Gruppen der Amnioten umfasst, darunter als lebende Vertreter Schildkröten, Echsen, Schlangen, Krokodile und die Brückenechse.
Nach traditioneller Auffassung sind die Reptilien (Reptilia) eine Klasse der Wirbeltiere am Übergang von den „niederen“ (Anamnia) zu den „höheren“ Wirbeltieren (Säugetiere und Vögel). Nach moderner Auffassung sind sie als solche jedoch keine natürliche Gruppe, sondern ein paraphyletisches Taxon, weil sie nicht alle Nachkommen ihres letzten gemeinsamen Vorfahren enthalten, besonders nicht die Vögel und Säugetiere. Das klassische Taxon Reptilia gilt daher als veraltet und wird in der zoologischen und paläontologischen Systematik kaum noch verwendet. Der Taxonname dient heute meist als informelle Sammelbezeichnung für Landwirbeltiere mit ähnlicher Morphologie und Physiologie (siehe Merkmale). In diesem Sinne werden aktuell 12.568Stand: März 2026. Quelle: The Reptile Database. rezente Reptilienarten unterschieden.
miniatur|hochkant=1.75|links|Umfang der Reptilien im traditionellen Verständnis (grüne Fläche), dargestellt in einem Kladogramm. Man beachte, dass die Vögel (Aves) ausgeklammert sind, hingegen aber zumindest in der traditionellen paläontologischen Systematik auch die ausgestorbenen frühen Vertreter der Linie, der die Säugetiere angehören (Synapsida), als Reptilien gelten.
Aus kladistischer Sicht, die heute wissenschaftlicher Standard ist, müssten die Reptilien als monophyletisches Taxon, also als natürliche (vollständige) Abstammungsgruppe (Reptilia als Klade), mindestens auch die Vögel enthalten, unter Berücksichtigung bestimmter ausgestorbener Formen („säugetierähnliche Reptilien“ wie Dinocephalia) auch die Säugetiere. Um diese Verhältnisse abzubilden, wird das bereits 1866 eingeführte und heute als Klade definierteMichael S. Y. Lee, Patrick S. Spencer: Crown-clades, key characters and taxonomic stability: When is an amniote not an amniote? In: Stuart S. Sumida, Karen L. M. Martin (Hrsg.): Amniote Origins – Completing the Transition to Land. Academic Press, 1997, ISBN 978-0-12-676460-4, S. 61–84. Taxon Amniota genutzt, das alle rezenten Reptilien einschließlich der Säuger und Vögel sowie alle mittlerweile ausgestorbenen Nachfahren ihres letzten gemeinsamen Vorfahren einschließt. Die 1864 eingeführten und heute ebenfalls als Klade definierten Sauropsida umfassen alle rezenten Reptilien einschließlich der Vögel sowie alle ausgestorbenen Formen, die näher mit den heutigen Reptilien und Vögeln verwandt sind als mit den Säugetieren. Tatsächlich sind alle rezenten Reptilien näher mit den Vögeln verwandt als mit den Säugetieren, d. h. alle Reptilien der Entwicklungslinie, die zu den Säugetieren führt, sind heute ausgestorben. Verschiedene Wissenschaftler versuchten sich ab Ende der 1980er Jahre an einer phylogenetischen Definition des Taxons Reptilia, um dieses wissenschaftlich weiter nutzbar zu machen.Sean P. Modesto, Jason S. Anderson: The phylogenetic definition of Reptilia. Systematic Biology. Bd. 53, Nr. 5, 2004, S. 815–821, (alternativer Volltextzugriff: PDF 552 kB). Insbesondere in wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus dem englischsprachigen Raum wird Reptilia heute teils synonym für die Klade Sauropsida verwendet.P. Martin Sander: Reproduction in early amniotes. Science. Bd. 337, Nr. 6096, 2012, S. 806–808, doi:10.1126/science.1224301
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Reptilien fällt in das Gebiet der Herpetologie. Das Wissen um ihre Pflege und Zucht in Terrarien bezeichnet man als Terraristik oder Terrarienkunde, die ein Teil der Vivaristik ist.
Merkmale mini|links|Großaufnahme der Hornschuppen auf dem Rücken von Vertretern verschiedener Arten der Gattung Plica (Familie Kielschwanzleguane) mini|Eier der Kornnatter (Pantherophis guttatus) mit im Schlüpfen begriffenen Jungtieren
Die folgenden Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf die Nicht-Vogel-Reptilien (d. h. Reptilien im klassischen Sinn, d. h. Sauropsiden unter Ausschluss der Vögel).
Körperbedeckung Das kennzeichnendste Merkmal der rezenten Reptilien ist ihre trockene, schleimlose, aus Hornschuppen bestehende Körperbedeckung. Laut Fossilfunden aus der Goldlauter-Formation in Thüringen war diese bereits bei den Parareptilien wenigstens seit dem Unteren Perm vor 299 bis 296 Millionen Jahren ausgebildet.Lorenzo Marchetti, Antoine Logghe, Michael Buchwitz, Mark J. MacDouga, Arnaud Rebillard, Thomas Martens und Jörg Fröbisch: The earliest reptile body impressions with scaly skin. Current Biology, 2026, doi:10.1016/j.cub.2026.01.036 Von Vögeln und Säugetieren unterscheiden sich die Körperbedeckung durch das Fehlen von Federn bzw. Haaren. Bei Schuppenkriechtieren überlappen sich die Hornschuppen in der Regel dachziegelartig, bei Schildkröten und Krokodilen tun sie dies nicht. Eine „echte“ Häutung (Ecdysis), das periodische Abstreifen größerer zusammenhängender Partien der Oberhaut, tritt prinzipiell nur bei Schuppenkriechtieren und besonders ausgeprägt bei Schlangen auf.L. J. Vitt, J. P. Caldwell: Herpetology. 2014 (siehe oben), S. 48 f.
Habitus Die meisten heute lebenden Reptilien besitzen einen typischen echsenartigen Habitus, das heißt, sie haben einen langen Schwanz, laufen auf vier Beinen (Quadrupedie), und bewegen sich im Spreizgang. Dies ist der ursprüngliche Habitus der Landwirbeltiere, der bereits bei den Vorfahren der Reptilien vorhanden war. Alle Schlangen und einige Echsen weichen von diesem urtümlichen Bauplan ab, indem ihre Beine und Extremitätengürtel zurückgebildet sind und Hals, Rumpf und Schwanz ansatzlos ineinander übergehen. Ebenfalls relativ stark abgeleitete rezente Reptilien sind die Schildkröten, bei denen der Rippenkorb und die Rumpfbeschuppung insbesondere bei den Landschildkröten eine Art Gehäuse bilden, in das sie sich zurückziehen können. Der echsenartige Habitus der Krokodile ist jedoch nicht von deren Vorfahren ererbt, sondern sekundär erworben (siehe Abstammungsgeschichte). Dies zeigt sich u. a. daran, dass Krokodile, wenn sie schnell laufen, ihren Rumpf, anders als Echsen, nicht in der horizontalen Ebene winden und ihre Beine unter den Körper stellen.
Physiologie Im Gegensatz zu den Amphibien sind alle Reptilien, wie auch Vögel und Säugetiere, zeit ihres Lebens Lungenatmer, sie durchlaufen also kein aquatisches, kiemenatmendes Larvenstadium.
Die rezenten Reptilien sind ektotherme und wechselwarme (poikilotherme) Tiere, die ihre Körpertemperatur so weit wie möglich durch Verhalten regulieren (z. B. Sonnenbaden). Des Weiteren weist der Blutkreislauf aller rezenten Reptilien keine vollständige Trennung von Lungen- und Körperkreislauf auf. Bei den meisten Formen ist dies durch eine nicht durchgehende Herzscheidewand verwirklicht. Krokodile hingegen haben eine geschlossene Herzscheidewand und der Blutaustausch erfolgt im Aortenstamm über eine Öffnung in der Trennwand zwischen linker und rechter Aorta (Foramen Panizzae).
Fortpflanzung Die meisten rezenten Formen legen Eier (Oviparie), nur einige wenige gebären lebende Junge (Viviparie) oder sind eilebendgebärend (Ovoviviparie). Die Eier sind bei den meisten Schuppenkriechtieren mit einer pergamentartigen, flexiblen Schale umhüllt. Die Eier vieler Schildkröten und aller Krokodile besitzen hingegen eine relativ feste Kalkschale. Der Grad der Verkalkung gilt als Grad der Anpassung an schwankende Bedingungen hinsichtlich der Feuchtigkeit des Milieus, in dem die Eiablage erfolgt: Die Eier mit der am stärksten verkalkten Schale sind am besten sowohl gegen das Eindringen von Wasser als auch gegen Austrocknung geschützt.Mary J. Packard, Gary C. Packard, Thomas J. Boardman: Structure of eggshells and water relations of reptilian eggs. Herpetologica. Bd. 38, Nr. 1 (Sonderausgabe Reproductive Biology of Reptiles), 1982, S. 136–155 (, frei online lesbar).Knut Schmidt-Nielsen: Animal Physiology: Adaptation and Environment. 5. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 1997, ISBN 0-521-57098-0, S. 49.
Verbreitung Reptilien kommen auf allen Kontinenten – mit Ausnahme von Antarktika – von den kalt-gemäßigten bis in die tropischen Zonen vor. In der Arktis findet sich in klimatisch begünstigten Tundren insgesamt nur eine Art, die Waldeidechse.Sergius L. Kuzmin, David F. Tessler: Amphibians and reptiles (Chapter 5). Im Report der Conservation of Arctic Flora and Fauna (CAFF): Arctic Biodiversity Assessment 2013, auf , abgerufen am 15. Dezember 2022. Wie bei den meisten an Land vorkommenden Tiergruppen liegt der Verbreitungsschwerpunkt der Reptilien in den tropischen Regenwäldern. Ihre Artenvielfalt ist dort „hoch“ bis „sehr hoch“, in den wechselfeuchten Savannen und Trockenwäldern kommt sie auf „geringe“ bis „mittlere“ Werte. In den Trockengebieten der Erde sind die Artenzahlen „sehr gering“ bis „gering“; mit Ausnahme von Australien, wo „mittlere“ Werte erreicht werden. Für die Subtropen gilt das analog, während die gesamten Mittelbreiten mit wenigen Ausnahmen nur eine „sehr geringe“ Artenvielfalt der Reptilien zeigen.Artenvielfalt Reptilienauf 10 km²1–44 = sehr gering45–88 = gering89–132 = mittel133–176 = hoch177–221 = sehr hochShai Meiri, Uri Roll, Richard Grenyer et al.: Data from: The global distribution of tetrapods reveals a need for targeted reptile conservation, Dryad, Dataset. 2017, doi:10.5061/dryad.83s7k. Auf den Daten beruhende Karte auf shaimeirilab.weebly.com.
Abstammungsgeschichte mini|Lebendrekonstruktion von Protorothyris, eines eidechsenähnlichen basalen Reptils aus dem frühen Perm von Texas. mini|Dinosaurier sind die wohl populärsten ausgestorbenen Reptilien. Die stammesgeschichtlich ersten Reptilien sind zugleich auch die stammesgeschichtlich ersten Amnioten bzw. sind die frühesten Amnioten durchweg reptilienartige Formen. Sie sind aus dem frühen Oberkarbon, einer Zeit vor etwa 315 Mio. Jahren, erstmals fossil überliefert. Spurenfossilien, die als Trittsiegel früher Sauropsiden gedeutet werden, sind sogar noch ca. 35 Millionen Jahre älter (frühes Unterkarbon).John A. Long, Grzegorz Niedźwiedzki, Jillian Garvey, Alice M. Clement, Aaron B. Camens, Craig A. Eury, John Eason, Per E. Ahlberg. Earliest amniote tracks recalibrate the timeline of tetrapod evolution Nature. Bd. 641, Nr. 8065, 2025, S. 1193–1200, doi:10.1038/s41586-025-08884-5.
Alle Amnioten und damit auch alle Reptilien stammen von ursprünglichen Landwirbeltieren (Amphibien im weiteren Sinn) ab. Im Unterschied zu den Reptilien pflanzten sich diese Amphibien nicht über ein amniotisches Ei fort, eine Art autonome Überlebenskapsel,auch „persönlicher Teich“ (engl. private pond) genannt, siehe Michael J. Benton: Vertebrate Paleontology. 3. Auflage. Blackwell, Malden MA 2005, ISBN 0-632-05637-1, S. 111. die den sich entwickelnden Embryo bzw. Fötus mit Nährstoffen versorgt und vor Austrocknung schützt. Die Amnioten sind daher im Gegensatz zu den Amphibien zur Fortpflanzung nicht auf Gewässer angewiesen und damit generell besser an trockene Lebensräume angepasst. Mit den modernen Amphibien hat sich mindestens eine Linie der ursprünglichen Landwirbeltiere bis heute gehalten, jedoch sind diese überwiegend auf feuchte Lebensräume spezialisiert und mit den unmittelbaren Vorfahren der Amnioten bzw. Reptilien nicht zu vergleichen, die bereits relativ unabhängig vom Wasser gewesen sein müssen (siehe Reptiliomorpha).