mini|Jeroboam O. Beauchamp ermordet Solomon P. Sharp (Stich aus dem Jahre 1833, erschienen in The United States Criminal Calendar)
Als Beauchamp-Sharp-Tragödie oder Kentucky-Tragödie () wird der Mord an dem Politiker Solomon P. Sharp in Frankfort im US-Bundesstaat Kentucky durch den jungen Rechtsanwalt Jereboam O. Beauchamp am 7. November 1825 bezeichnet. Der Mörder wollte seiner späteren Aussage nach mit seiner Tat die Ehre seiner Frau verteidigen. Die Hintergründe und Umstände der Tat sowie der anschließende spektakuläre Prozess, bei dem der Mörder zum Tode verurteilt wurde, und der versuchte Doppelselbstmord Beauchamps und seiner Frau Anne Cooke am Abend der Hinrichtung sind ebenfalls ein wesentlicher Teil der Beauchamp-Sharp-Tragödie.
Über den Mord, die Umstände der Tat und den Prozess wurde vielfach in den amerikanischen Medien berichtet. Die tragische Liebesgeschichte, die mit dem Tod beider Eheleute endete, sowie die politischen Hintergründe gaben reichlich Anlass zu Spekulationen. Die Akten und Briefe, die die Vorgänge dokumentieren, wurden von Historikern wiederholt untersucht, die Geschichte selbst von verschiedenen Autoren, darunter Edgar Allan Poe, William Gilmore Simms sowie Robert Penn Warren, aufgegriffen und literarisch bearbeitet.
Vorgeschichte Beteiligte Solomon P. Sharp mini|hochkant=0.7|Solomon P. Sharp Sharp wurde am 22. August 1787 als fünfter Sohn eines ehemaligen Soldaten der Revolutionsarmee und einer schottischen Einwandererin in ärmliche Verhältnisse geboren. Sein Vater bemühte sich trotz geringer finanzieller Mittel um die bestmögliche Bildung und Ausbildung seiner Kinder. Solomon entschied sich für eine juristische Laufbahn, die für junge Männer im Grenzland seiner Zeit die Möglichkeit bot, zu Wohlstand und Einfluss zu gelangen. Es ist unbekannt, ob er Jura studierte oder bei einem Anwalt in die Lehre ging, jedoch wurde er bereits als 22-Jähriger erstmals in das Repräsentantenhaus von Kentucky gewählt, dem er fünf Amtszeiten lang angehörte. Kurz nach seinem 25. Geburtstag wurde er in dieser Funktion zum Abgeordneten ins Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten gewählt. Er heiratete 1818 in eine der einflussreichsten Familien des Staates ein und eröffnete in Bowling Green eine erfolgreiche Anwaltskanzlei. Mit 34 Jahren wurde er Generalstaatsanwalt Kentuckys und zog nach Frankfort, die Heimatstadt seiner Frau Eliza Scott.Matthew G. Schoenbachler: Murder and Madness: The Myth of the Kentucky Tragedy, University Press of Kentucky, 2009, ISBN 0-8131-2566-9, S. 13–14Richard Taylor: Three Kentucky Tragedies, University Press of Kentucky, 1991, ISBN 0-8131-0907-8, S. 1–2
Jereboam O. Beauchamp Beauchamp wurde am 24. September 1802 geboren und nahm den in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsenen Solomon P. Sharp zum Vorbild. Der als überdurchschnittlich intelligent, aber unstet und wild beschriebene Beauchamp wurde von seinem Vater finanziell unterstützt und erhielt eine gute Ausbildung. Als dieser die Ausbildung nicht mehr finanzieren konnte, verließ Beauchamp die Schule, versuchte sich 16-jährig zunächst als Kaufmann, später als Lehrer, fand jedoch beides unbefriedigend und kehrte zu seinem ehemaligen Lehrer Benjamin Thurston zurück, um eine Laufbahn als Anwalt einzuschlagen. Er erhielt seine Zulassung im Jahre 1823 nach einer von ihm geforderten öffentlichen Befragung (anstelle einer nichtöffentlichen Prüfung durch den Zulassungsausschuss), bei der er sich als herausragend talentierter Anwalt erwies. Er ließ sich in Bowling Green nieder. Sein aggressiver Stil in Gerichtsverhandlungen erinnerte viele Zuschauer an den ebenfalls in der Kleinstadt praktizierenden Solomon P. Sharp. Ob er diesen bewusst imitierte, ist unbekannt; er verlieh jedoch seiner Bewunderung für Sharp, für den er einige kleinere Aufträge übernahm, mehrfach Ausdruck.Matthew G. Schoenbachler: Murder and Madness: The Myth of the Kentucky Tragedy, University Press of Kentucky, 2009, ISBN 0-8131-2566-9, S. 71–75 1820 verlor er das Interesse an der Rechtswissenschaft und kehrte auf die Farm seines Vaters in der Nähe von Franklin zurück. Dort begegnete er der 16½ Jahre älteren Anne Cooke.
Anne Cooke mini|hochkant=0.7|Anne Cooke, Radierung aus der Veröffentlichung: The life of Jeroboam O. Beauchamp: who was hung at Frankfort, Kentucky, for the murder of Col. Solomon P. Sharp, 1850 Die dritte direkte Beteiligte an der Tragödie war Anne Cooke,Ihr Name wird in den verschiedenen Dokumenten auch Anna Cook, Ann Cook, Anna Cooke, Ann Cooke oder Anne Cooke-Beauchamp geschrieben die am 7. Februar 1786 in eine wohlhabende Familie in Tidewater, Virginia geboren wurde. Es ist unbekannt, welche Art von Bildung sie erhielt, jedoch gibt es verschiedene Hinweise darauf, dass sie für eine junge Frau ihres Standes sehr gebildet war; so verfügte sie über eine flüssige und elegante Handschrift, interessierte sich lebhaft für Literatur und Poesie, aus der sie zitierte, und verfasste eine Reihe eigener Gedichte. In späteren Nacherzählungen wird die Familie Cooke häufig als eine von niedrigem Stand beschrieben, der vorübergehende soziale Abstieg begann jedoch erst mit dem Tod des Vaters. Anne Cooke war damals 20 Jahre alt. Die Familie verschuldete sich, verkaufte in der Folge die Liegenschaften in Tidewater und zog ins Grenzland Kentuckys nach Bowling Green, um dort neu anzufangen. Den Brüdern Cooke gelang es recht schnell, ein neues Vermögen aufzubauen, und die Familie stieg gesellschaftlich wieder auf. Für eine junge Frau ihrer Schicht galt sie als außerordentlich unkonventionell und selbst nach den lockereren Maßstäben des Grenzlandes als sexuell freizügig und unangepasst. Obwohl Schoenbachler davon ausgeht, dass sie nicht nach allgemeiner Vorstellung schön war, dürfte sie seiner Ansicht nach eine Reihe von Heiratsangeboten erhalten haben, die sie zugunsten ihrer Freiheit ablehnte.Matthew G. Schoenbachler: Murder and Madness: The Myth of the Kentucky Tragedy, University Press of Kentucky, 2009, ISBN 0-8131-2566-9, S. 47–49 Knapp über 30 Jahre alt, wurde sie schwanger, das Kind wurde tot geboren. Anne Cooke beschuldigte Solomon P. Sharp, sie verführt und geschwängert zu haben. Als ihre Brüder kein Interesse daran zeigten, die Ehre ihrer renitenten Schwester zu verteidigen, zog sie sich verbittert zurück und widmete sich ausschließlich ihrer umfangreichen Sammlung von Romanen und Novellen.Matthew G. Schoenbachler: Murder and Madness: The Myth of the Kentucky Tragedy, University Press of Kentucky, 2009, ISBN 0-8131-2566-9, S. 43–70
Politische Hintergründe Zu der Zeit, als sich die Beauchamp-Sharp-Tragödie ereignete, fand in Kentucky als Folge der Finanzkrise von 1819 eine heftige politische Kontroverse statt. Die Kentucky General Assembly entschied, das bisherige Appellationsgericht, den Kentucky Court of Appeals, abzuschaffen und an dessen Stelle ein neues Gericht einzurichten. Die Richter des „alten Gerichts“ (engl. Old Court) weigerten sich, die Entscheidung anzuerkennen und das „alte Gericht“ aufzulösen – das „neue Gericht“ (engl. New Court) wurde dennoch etabliert. Während der Old Court eher den Gläubigern und Profiteuren der Finanzkrise Unterstützung zusprach, versprach der New Court den in der Finanzkrise verschuldeten Menschen Erleichterung. Sharp war einer der wichtigsten Befürworter der New-Court-Fraktion. Gegen Mitte der 1820er Jahre begann die Macht des New Court zu schwinden; um diese Entwicklung aufzuhalten, entschied sich Sharp, sein Amt als Generalstaatsanwalt aufzugeben und sich 1824 um einen Sitz im Kentucky House of Representatives zu bewerben. Sein Gegner in dieser Wahl war John J. Crittenden, ein getreuer Anhänger des Old Court.J.W. Cooke: The Life and Death of Colonel Solomon P. Sharp Part 2: A Time to Weep and A Time to Mourn. The Filson Club Quarterly, April 1998, Jahrgang 72/2, S. 130–134
Als Unterstützer Crittendens engagierten sich insbesondere Patrick Darby und John V. Waring, beide bekennende Anhänger des Old Court und erbitterte politische Gegner Sharps.John E. Kleber: The Kentucky encyclopedia. University Press of Kentucky, 1992, ISBN 0-8131-1772-0, S. 63 Waring, der bereits 1821 versucht hatte, Sharps öffentliches Ansehen zu zerstören, inszenierte 1824 eine weitere Schmutzkampagne gegen ihn, bei der er versuchte, diesen in Pamphleten als Mann ohne jede Moral darzustellen. Neben Betrugsvorwürfen wiederholte er Anne Cookes Vorwürfe gegen Sharp, sie verführt und geschwängert zu haben.Dickson D. Bruce: The Kentucky tragedy: a story of conflict and change in antebellum America. LSU Press, 2006, ISBN 0-8071-3173-3, S. 44 Sharps politische Freunde versuchten, dies zu widerlegen, indem sie kurz nach Sharps gewonnener Wahl in einem weiteren Pamphlet behaupteten, Cooke habe ein dunkelhäutiges Kind geboren. Nicht Sharp, hieß es in dem Pamphlet, sondern ein Afroamerikaner müsse der Vater sein.Richard Taylor: Three Kentucky Tragedies, University Press of Kentucky, 1991, ISBN 0-8131-0907-8, S. 3–4
Persönliche Beziehungen Verschiedene Historiker, darunter Matthew G. Schoenbachler und Dickson D. Bruce, haben die Beziehungen der Beteiligten untereinander untersucht. Überwiegend stützten sie sich dabei auf die von Beauchamp vor seiner Hinrichtung verfasste, 137 Seiten starke Confession (engl. ‚Beichte‘ oder ‚Geständnis‘)Jereboam O. Beauchamp, Ann Beauchamp: The confession of Jereboam O. Beauchamp: who was hanged at Frankfort, Ky., on the 7th day of July, 1826, for the murder of Col. Solomon P. Sharp, 1826 Online verfügbar bei der Library of Congress sowie die Gerichtsakten, die Aussagen des Gefängniswärters John McIntosh, die nach dem Tode der Beauchamps veröffentlichten Briefe AnnesDie Authentizität dieser Briefe wird von allen Autoren bezweifelt und die umfangreiche Gegendarstellung, die der Bruder des Ermordeten Leander Sharp als Vindication (engl. ‚Wiederherstellung‘ [der Ehre], ‚Rehabilitation‘) nach dessen Tod verfasste. Letztlich jedoch bleiben einige Punkte offen oder lassen sich nur aufgrund von Mutmaßungen als wahrscheinlich betrachten.
Sharp – Cooke Sharp und Cooke lernten sich 1807 kennen, als Cooke mit ihrer Familie nach Bowling Green zog. Ob die beiden bereits vor 1818 eine Affäre hatten, lässt sich nur vermuten, jedoch spricht nach Schoenbachler einiges dafür, dass Sharp und Cooke sexuelle Kontakte unterhielten und er tatsächlich der Vater des totgeborenen Kindes war. Es ist bekannt, dass Cooke ein häufiger Gast im Hause Sharp war; Sharp und Cooke hatten gemeinsame literarische Vorlieben, sie waren beinahe gleichaltrig und beide waren lange Zeit und entgegen der Norm unverheiratet. Nach der Heirat Sharps wurden die Besuche seltener, der gesellschaftliche Kontakt brach jedoch nie ab. Zudem erwähnt Schoenbachler die interessante zeitliche Abfolge der Schwangerschaften von Eliza Sharp und Anne Cooke als Argument für eine Affäre. Es kann davon ausgegangen werden, dass Eliza Sharp sich an die gesundheitlichen Ratschläge der damaligen Zeit hielt, auf Geschlechtsverkehr während der Schwangerschaft zu verzichten. Eine außereheliche sexuelle Betätigung ihres Mannes war wahrscheinlich und während der Schwangerschaft auch gesellschaftlich akzeptiert. In diese Phase fällt die Schwängerung Anne Cookes, die über Jahre hinweg bei ihrer Darstellung blieb, Sharp sei der Verantwortliche.Matthew G. Schoenbachler: Murder and Madness: The Myth of the Kentucky Tragedy, University Press of Kentucky, 2009, ISBN 0-8131-2566-9, S. 55–57
Cooke – Beauchamp mini|hochkant=0.7|Jereboam O. Beauchamp, Radierung aus der Veröffentlichung: The life of Jeroboam O. Beauchamp: who was hung at Frankfort, Kentucky, for the murder of Col. Solomon P. Sharp, 1850