mini|hochkant=1.3|Französische ethnografische Karte der „Europäischen Türkei und ihrer Vasallen“ aus dem Jahr 1861 (in rot die Türken)mini|hochkant=1.3|Rumelien im europäischen Teil des Osmanischen Reichs Balkantürken oder Rumelientürken (, auch Balkan Türkleri) haben sich seit dem 14. Jahrhundert in Rumelien, also im europäischen Teil des Osmanischen Reiches, angesiedelt.

Obgleich bei der Zurückdrängung der osmanischen Herrschaft aus Südosteuropa im Lauf des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts viele Türken nach Kleinasien und Ostthrakien abwanderten oder vertrieben wurden, blieb ein Teil auch in ihren Siedlungsgebieten auf dem Balkan wohnen. In einigen südosteuropäischen Staaten bilden sie bis heute größere nationale Minderheiten.

Geschichte Bald nachdem sich die osmanische Expansion nach Südosteuropa ausgedehnt hatte, begann Ende des 14. Jahrhunderts die Einwanderung von Türken auf den Balkan.

Vereinfacht lassen sich diese Ansiedler in zwei Gruppen einteilen: In allen größeren Städten siedelten sich osmanische Beamte und Soldaten an, die zur Beherrschung der eroberten Länder gebraucht wurden. Zu deren Betreuung kamen muslimische Geistliche in die Städte, die auch für die Verbreitung des Islam unter der alteingesessenen Bevölkerung zu sorgen hatten. Alsbald folgten auch Kaufleute, die sich im Balkanhandel engagierten und Handwerker, die sich in den neuen Provinzen einen wirtschaftlichen Aufstieg erhofften. Die Chancen dafür standen gut, da sie als Muslime rechtlich und steuerlich bevorzugt wurden. In den rumelischen Kernländern Thrakien und Makedonien siedelten sich Türken auch auf dem Land in größerer Zahl an. Zum einen kamen Nomaden aus Kleinasien, die von der Viehhaltung lebten, noch größer war die Zahl der türkischen Bauern, die in den Ländern am Nordrand der Ägäis ansässig wurden. Türkische Bauern siedelten sich auch in der Dobrudscha an.

Im osmanischen Vielvölkerreich kannte man keine Trennung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nach ethnischen und sprachlichen Kriterien. Das wichtigste Unterscheidungskriterium war die Religion. Eine deutliche Trennung zwischen den Türken und den übrigen Muslimen gab es bis zum Erwachen des modernen Nationalismus nicht. Viele Einwohner des Balkans bedienten sich ohnehin mehrerer Sprachen. Die gebildeten Muslime, gleich welcher Herkunft, beherrschten natürlich die Verwaltungssprache Türkisch, die Kultsprache Arabisch, die jeweilige Landessprache und oft auch Persisch.

In den Gegenden, in denen große Teile der Bevölkerung zum Islam übertraten, vermischten sich die Türken schnell mit der alteingesessenen Bevölkerung. So gab es vor allem in Bosnien und Albanien schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts eine slawisch- bzw. albanischsprachige muslimische Bevölkerung, dagegen aber nur sehr wenige Türken.vgl. Alexander Novotny: Quellen und Studien zur Geschichte des Berliner Kongresses 1878. Österreich, die Türkei und das Balkanproblem im Jahre des Berliner Kongresses. Böhlau, Wien/Graz 1957, S. 25. Valerie Heuberger: Die muslimischen Gemeinschaften in Österreich. In: Thede Kahl, Cay Lienau (Hrsg.): Christen und Muslime. Interethnische Koexistenz in südosteuropäischen Peripheriegebieten. Lit, Münster 2009, ISBN 978-3-643-50058-8, S. 347–354, hier: S. 349. In Griechenland und Serbien, wo die meisten Einwohner Christen blieben, blieben die Türken in den Städten weitgehend unter sich. Die türkischen Viertel existierten bis zum 19. Jahrhundert, als diese Länder die Unabhängigkeit erlangten. Ebenso verhielt es sich mit der türkischen bäuerlichen Bevölkerung in Thrakien und Teilen Mazedoniens. Als diese Gebiete in die südosteuropäischen Nationalstaaten eingegliedert wurden, blieben die türkischen Bauern zum größten Teil dort wohnen. Unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg hatten Bulgarien, Griechenland und Serbien (in Vardar-Mazedonien und Kosovo) große türkische Minderheiten innerhalb ihrer Grenzen.

Aus Griechenland wurden die meisten Balkantürken zwischen 1913 und 1922 vertrieben. Im Zuge des Vertrags von Lausanne wurde nur festgeschrieben, dass die im griechischen Westthrakien lebenden Türken im Land bleiben durften. Weder in Griechenland noch in Bulgarien oder im serbisch dominierten Jugoslawien wurden den Türken während der Zwischenkriegszeit Minderheitenrechte zugestanden. Sie waren überall Bürger zweiter Klasse, die als Fremdkörper in den neuen Nationalstaaten betrachtet wurden. Die christlichen Mehrheiten bezeichneten oft alle Muslime in ihren Ländern als Türken, wobei diese Zuschreibung abwertend gemeint war, denn die Türken galten in der Epoche des Nationalismus als Erzfeind der christlichen Balkanvölker. Insgesamt kamen in allen Balkanstaaten zwischen 1914 und 1925 etwa 27 % der Muslime ums Leben, über 60 % emigrierten in die Türkei oder wurden dorthin ausgewiesen.David Nicolle: Die Osmanen – 600 Jahre islamisches Weltreich. Wien 2008, S. 184.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die türkischen Minderheiten in Griechenland, Jugoslawien und Bulgarien, mehr oder weniger stark unterdrückt. Aus diesem Grund und auch wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage ist die Abwanderung in die Türkei und später auch nach Westeuropa nie ganz zum Stillstand gekommen. Dem Islam weniger verbundene Balkantürken assimilierten sich gleichzeitig an die Mehrheitsbevölkerung, so dass der türkische Bevölkerungsanteil in den Balkanstaaten überall zurückgeht.

Kultureller Einfluss der Türken auf dem Balkan Die Jahrhunderte währende Herrschaft der Osmanen hat zu einem tiefgreifenden kulturellen Wandel in Südosteuropa geführt, der beinahe alle Lebensbereiche betraf. Durch die Türken wurde die islamische Religion auf dem Balkan heimisch; siehe dazu den Artikel: Islam in Europa. Im Gefolge der neuen Religion verbreiteten sich auch aus dem islamischen Kulturkreis stammende rechtliche Institutionen auf dem Balkan, zum Beispiel: Vakuf und Esnaf. Aus der türkischen Sprache wurden zahlreiche Fremdwörter in die balkanischen Idiome übernommen und auch die Literaturen Südosteuropas haben von den Türken vermittelte Motive und Themen aus dem islamischen Kulturkreis aufgenommen. Die osmanische Baukunst prägte mit Moscheen, Medresen, Bädern, Brücken und anderem mehr das Bild der südosteuropäischen Städte. In der Regel ging die osmanische Architektur, die ja selbst teilweise auf byzantinischen Vorbildern beruhte, eine fruchtbare Symbiose mit einheimischen Traditionen ein. Nur selten gründeten die Türken auf dem Balkan neue Städte, zum Beispiel: Sarajevo, Elbasan und noch im 19. Jahrhundert Medgidia. Durch die Osmanen wurde auch die Landwirtschaft des Balkans beeinflusst, zum Beispiel: Ausbreitung des Reisanbaus in Thrakien und Mazedonien. Der Einfluss der türkischen Kochkunst ist bis heute auf dem ganzen Balkan sehr stark.

Sprache und Dialekte Die Balkantürken waren zu jeder Zeit Teil der türkischen Sprachgemeinschaft und sprechen verschiedene Dialekte der osmanisch-türkischen Sprache, indes Schriftsprache das moderne Türkeitürkisch ist.

Das moderne Türkisch beeinflusst sehr stark die von den Balkantürken gesprochenen Dialekte, wobei der Spracheinfluss über die modernen Medien wie Fernsehen oder Rundfunk, aber auch über die Zeitungen erfolgt. An der modernen türkischen Schriftsprache orientiert sich auch der muttersprachliche Unterricht in den Minderheitenschulen und trägt so zur Nivellierung der sprachlichen Unterschiede bei. Die größeren Dialekte der Türken auf dem Balkan waren: Donautürkisch (Danubija) Rumelientürkisch (Rumelija) Yörük-Türkisch (Yörük Türkçesi) verschiedene Teildialekte des Gagausischen (nicht osmanischen Ursprungs; siehe Gagausen)

Türkische Minderheiten heute

Balkantürken siedeln vor allem in folgenden Ländern: : 588.000 (Volkszählung 2011) : 80.000–120.000 : 77.959 (Volkszählung 2002) : 35.000 : 18.738 (Volkszählung 2011, jedoch höhere Schätzungen) : 50.000 (Schätzung aus 2017)

Bulgarien

Etwa 8,8 Prozent der bulgarischen Gesamtbevölkerung sind Türken. In zahlreichen Städten und Bezirken stellen sie die Mehrheit, so zum Beispiel in der Oblast Rasgrad (Norden) und in Kardschali (Süden). Im nordostbulgarischen Schumen steht die größte Moschee Bulgariens, die zugleich eine der größten Moscheen des gesamten Balkans ist. Bekanntester Bulgarientürke war der jungtürkische Großwesir Talat Pascha, aus Rustschuk stammten einige weitere türkische Großwesire. Die türkische Minderheit in Bulgarien hat zudem mehrere international herausragende Sportler, insbesondere Gewichtheber und Ringer, hervorgebracht.

Nach dem Zusammenbruch der osmanischen Herrschaft 1878 setzte eine Auswanderung in die Türkei ein, was sich unter kommunistischer Herrschaft wiederholte, als Hunderttausende Türken und Pomaken vor der staatlich verordneten Bulgarisierung flohen. In drei Auswanderungswellen 1950/51: 155.000, 1968–1978: 130.000 und 1989: 370.000 (von denen 154.000 zurückkehrten) verließen sie das Land in Richtung Türkei. Dennoch ist der Anteil der türkischen Bevölkerung durch die höhere Geburtenrate in etwa gleich geblieben.Wolfgang Höpken: Zwischen Kulturkonflikt und Repression. Die türkische Minderheit in Bulgarien 1944–1991. In: Valeria Heuberger (Hrsg.): Nationen, Nationalitäten, Minderheiten. Probleme des Nationalismus in Jugoslawien, Ungarn, Rumänien, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Polen, der Ukraine, Italien und Österreich 1945–1990. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1994, ISBN 3-7028-0326-2, S. 179–202, hier: S. 179. Trotzdem stieg die Anzahl der in Bulgarien lebenden Türken von 531.240 im Jahr 1900 auf 746.664 im Jahr 2001. Den höchsten Stand erreichte sie mit 800.052 im Jahr 1992.Bevölkerung in Bulgarien nach Ethnizität (bulg.) Nationales Statistikamt.

Die demographische Entwicklung der türkischen Minderheit – wie auch bei der Mehrheitsbevölkerung – ist in den letzten zehn Jahren von einer starken Auswanderung aus ökonomischen Gründen geprägt. Die Türkei, aber auch Deutschland sind häufige Ziele dieser Auswanderer, die oft als Saisonarbeiter beginnen, bevor sich ihr Lebensmittelpunkt endgültig aus Bulgarien verlagert. Zudem gleicht sich die Geburtenrate, bedingt durch höhere Bildung und einen besseren Lebensstandard, an die der Mehrheitsbevölkerung an. Vor diesem Hintergrund und im Einklang mit dem allgemeinen Bevölkerungsschwund des Landes, ist die Zahl der ethnischen Türken in Bulgarien von 747.000 im Jahr 2001 auf nur noch 588.000 im Jahr 2011 gesunken.Marinov, Boris, 2011: Die Stellung der Minderheiten im politischen System Bulgariens, in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Jg. 23, Nr. 1–2, S. 27–48, .

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist die türkische Minderheit seit 1991 mit einer eigenen Partei (Bewegung für Bürgerrechte und Freiheiten, DPS – Dwischenie sa Prawa i Swobodi, ДПС) im Parlament vertreten, obwohl ethnische Parteien laut bulgarischer Verfassung (Artikel 11, Abs. 4) verboten sind. Darüber hinaus existieren weitere Parteien, meist Abspaltungen von der DPS, die bis dato den Einzug ins Parlament nicht vollziehen konnten. Die DPS hält seit Ende der 1990er Jahre die lokale Macht in vielen der ethnisch gemischten Gebiete und verfügt dort über erheblichen wirtschaftlichen Einfluss. Sie war von 2001 bis 2009 mit mehreren Ministern an zwei Regierungen des Landes beteiligt. Einerseits hat die DPS dadurch wesentlich zur ethnischen Stabilität in Bulgarien beigetragen und die Konflikte aus der kommunistischen Zeit entschärft, andererseits werden häufig Vorwürfe von Wahlmanipulationen (Wahltourismus, Stimmenkauf) und neopatrimonialen Strukturen bis hin zur Korruption gegen sie erhoben. Vorsitzender der Partei ist seit ihrer Gründung im Jahr 1990 lange Jahre der prominente und umstrittene Politiker Ahmed Dogan.Marinov, Boris, 2011: Die Stellung der Minderheiten im politischen System Bulgariens, in: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Jg. 23, Nr. 1–2, S. 27–48, .