Die Bahnstrecke Reitzenhain–Flöha (auch: Flöhatalbahn) ist eine Nebenbahn in Sachsen, die ursprünglich durch die Chemnitz-Komotauer Eisenbahngesellschaft als Teil einer überregionalen Verbindung zwischen Prag und Chemnitz erbaut und betrieben wurde. Die heute nur noch teilweise in Betrieb befindliche Strecke schließt an der Staatsgrenze in Reitzenhain an die ehemalige Strecke Chomutov–Reitzenhain an und führt durch die Täler der Flüsse Schwarze Pockau und Flöha in die Stadt Flöha. Der noch betriebene Abschnitt Marienberg–Flöha gehört seit 2001 zum DB-RegioNetz Erzgebirgsbahn.

Geschichte Vorgeschichte Überlegungen und Planungen zum Bau einer Eisenbahn ins obere Flöhatal und nach Marienberg gab es bereits um das Jahr 1863, als über den Bau der Eisenbahnstrecke von Chemnitz nach Freiberg debattiert wurde. So war eine südlichere als die heutige Linienführung vorgesehen, um die Orte im Erzgebirge anzuschließen. Als diese Pläne aufgegeben wurden, sah man sich veranlasst, für eine Eisenbahn durchs Flöhatal über Olbernhau nach Komotau zu werben. Gleichzeitig machte sich auch in Marienberg ein Komitee für den Bau einer Eisenbahn über Marienberg und Reitzenhain nach Komotau stark. So wetteiferten 1867 zwei Projekte um die Konzession zum Bau einer Eisenbahn im Flöhatal. Nachdem die Buschtěhrader Eisenbahn und die Stadt Komotau sich für die Streckenführung über Marienberg aussprachen, wurde dieser Strecke der Vorzug gegeben. 1868 genehmigte der sächsische Landtag die Konzessionserteilung und legte fest, dass die Strecke mit privatem Kapital zu bauen sei. 1869 wurde der Staatsvertrag mit Österreich-Ungarn über den Grenzübergang abgeschlossen.

Am 15. August 1871 wurde die Chemnitz-Komotauer Eisenbahngesellschaft zum Bau und Betrieb der Strecke gegründet. Mit der Bauausführung wurde die Eisenbahnbaugesellschaft Pleßner & Co. aus Berlin beauftragt.

Bau und Eröffnung Am 22. Februar 1872 fand der erste Spatenstich statt. Um schnell mit dem Bau voranzukommen, wurde an 5 Bauabschnitten gleichzeitig begonnen.

Wegen der schwierigen Geländeverhältnisse in den engen Tälern der Schwarzen und Roten Pockau wurde die Strecke hier überwiegend auf Brücken und Bahndämmen verlegt, wobei alle Brücken und Viadukte für einen zweigleisigen Ausbau vorbereitet wurden, die Bergeinschnitte aber nur für ein Gleis gesprengt wurden.

Insgesamt waren rund 1,6 Mio. m³ Erdmasse zu bewegen. Beim Bau wurden auch italienische Arbeiter eingesetzt, weil diese viel Erfahrung mit Steinbauwerken hatten. Durch die Wirtschaftskrise von 1873 geriet das Bauunternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten, so dass sich die Eisenbahngesellschaft gezwungen sah, den Weiterbau selbst zu übernehmen. Anfang 1875 war der Bahnbau abgeschlossen.

Am 3. Februar 1875 traf gegen 13:00 Uhr die erste Lokomotive in Marienberg ein, konnte jedoch aufgrund behindernder Schneemassen nicht wie geplant nach Reitzenhain fahren. Am 3. Februar 1875 wurde der Abschnitt von Flöha bis Pockau-Lengefeld zunächst nur für den Güterverkehr eröffnet. Am 24. Mai 1875 ging die Strecke von Flöha bis Marienberg offiziell in Betrieb, der Streckenteil bis Reitzenhain folgte am 12. Juli 1875. Mit der Fertigstellung der Strecke von Krima-Neudorf nach Reitzenhain durch die Buschtěhrader Eisenbahn war die Strecke bis nach Komotau fertiggestellt.

Geschichte bis 1945 Schon nach dem ersten Betriebsjahr musste die Chemnitz-Komotauer Eisenbahngesellschaft ihre Strecke wegen finanzieller Verluste verkaufen. Am 4. Dezember 1876 ging die Strecke an den sächsischen Staat über, Eigentümer und Betreiber waren nun die Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen.

mini|links|Zweigleisige Ausführung der Brücken an der „Kniebreche“ bei Zöblitz (1913)

Es verkehrten durchgehende Züge von Chemnitz bis Komotau. Der Verkehr entwickelte sich gut, da der Durchgangsverkehr der Verbindung über Weipert auf die 25 km kürzere und neigunsärmere Route über Reitzenhain überging. Die wichtigste Fracht waren Braunkohlen aus dem Böhmischen Becken, die etwa 45 % der Verkehrsaufkommens im Güterverkehr ausmachten.

Der Abschnitt Reitzenhain–Pockau-Lengefeld wurde 1882 (nach anderen Angaben erst im Oktober 1883) zur Nebenbahn herabgestuft.

Im April 1945 verkehrten mehrere Züge mit KZ-Häftlingen über die Strecke. Bei Reitzenhain wurden nach tagelanger Wartezeit eines Zuges circa 150 Tote in Massengräbern beerdigt. Ein weiterer Zug wurde im Bahnhof Reitzenhain von alliierten Tieffliegern beschossen. Über 200 Häftlinge wurden durch den Angriff sowie bei darauffolgenden Fluchtversuchen vom Wachpersonal ermordet. Die Bahnstrecke selbst überstand den Zweiten Weltkrieg ohne größere Schäden, dennoch wurde im Mai 1945 der Zugverkehr vorerst eingestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Am 15. Mai 1945 wurde der Verkehr wieder aufgenommen. In der Nach zum 31. Mai 1945 kam es zum Eisenbahnunfall im Hüttengrund, dabei entgleiste wegen überhöhter Geschwindigkeit ein mit Panzern beladener Zug. Infolgedessen blieb die Strecke zwischen Reitzenhain und Pockau-Lengefeld bis nach Bergung der Fahrzeuge und Reparatur der Schäden bis zum August 1945 gesperrt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde der grenzüberschreitende Bahnverkehr nach Komotau (ab 1945: Chomutov) nicht wieder aufgenommen, sodass der Bahnhof Reitzenhain seine Bedeutung verlor. Zunächst verkehrten noch einzelne Züge der CSD nach Reitzenhain, Anschlusszüge auf deutscher Seite gab es aber nicht. 1948 wurde der Verkehr von tschechischer Seite eingestellt. Die deutsche Brückenseite der Grenzbrücke wurde 1964 abgerissen, damit war eine Wiederaufnahme des grenzüberschreitenden Verkehres nicht mehr möglich. Die tschechische Seite wurde in den 1970er Jahren entfernt, anstelle der Eisenbahnbrücke über den Grenzbach wurde eine Straßenbrücke errichtet.

Von 1947 bis 1954 wurde im Marienberger Revier (Wismut Objekt 05) Uran abgebaut. Für den Schichtverkehr verkehrten zahlreiche Züge, die nicht im öffentlichen Fahrplan abgedruckt wurden.

mini|links|Sonderfahrt zum Streckenjubiläum 100 Jahre Bahnstrecke Flöha-Reitzenhain mit 58 1111 im Bahnhof Zöblitz-Pobershau (1975) mini|Bahnhof Hetzdorf (1978)

Das Hundertjährige Jubiläum der Streckeneröffnung wurde 1975 mit einer Festwoche mit zahlreichen Sonderfahrten historischer Züge und Festen entlang der Strecke gefeiert. Am 1. Oktober 1978 wurde der Personenverkehr zwischen Marienberg und Reitzenhain eingestellt. Eine Ursache der Einstellung war die Militärverladung der Kaserne Marienberg in Marienberg-Gelobtland, der durch den Personenverkehr behindert wurde.

Initiativen zur Wiedereröffnung des Personenverkehrs nach 1990 waren nicht erfolgreich. Am 8. Januar 1994 wurde der Güterverkehr zwischen Marienberg und Reitzenhain eingestellt, das Teilstück Reitzenhain–Marienberg-Gelobtland war seit 1996 betrieblich gesperrt. Kurzzeitig wurde 1997 nochmals Güterverkehr bis Marienberg-Gelobtland durchgeführt, stillgelegt wurde der ganze Abschnitt von Reitzenhain bis Marienberg am 15. Dezember 1998.

Sanierung und Wiederaufbau nach Hochwasserereignissen mini|Zug im Bahnhof Marienberg (1997) Durch unterlassene Instandhaltung an der Infrastruktur verschlechterte sich der Zustand des Oberbaus immer mehr. Aufgrund drohender Streckensperrung wegen abgängiger Schwellen führte die Deutsche Bahn AG Mitte 1998 auf einem Teilstück der Strecke zwischen Pockau-Lengefeld und Marienberg eine Gleiserneuerung durch. Nachdem die Arbeiten mit einer Gesamtinvestition von fast 24 Millionen Mark gerade abgeschlossen waren, führte ein lokales Hochwasser am 5. Juli 1999 zu starken Zerstörungen an dieser Strecke, die sie unbefahrbar machten.

Der verbliebene Güterverkehr wurde mit Ausnahme des Militärverkehrs im Dezember 2000 eingestellt.

Durch ein weiteres schweres Hochwasser im August 2002 wurden weitere Abschnitte der Gesamtstrecke zerstört. Lange Zeit war unklar, ob der Abschnitt von Pockau-Lengefeld nach Marienberg wieder aufgebaut werden würde. Die zwischenzeitlich gegründete DB-Tochter Erzgebirgsbahn, die ab 1. Januar 2002 die Infrastruktur übernommen hatte, entschied sich für den Wiederaufbau. Am 29. Januar 2005 wurde der durchgehende Zugverkehr zwischen Chemnitz Hbf und Olbernhau wieder aufgenommen. Seit 10. Dezember 2006 wird zwischen Chemnitz und Olbernhau werktags ein Stundentakt angeboten.

Auf dem Streckenabschnitt zwischen Pockau-Lengefeld und Marienberg wurde am 4. September 2006 der fahrplanmäßige Zugbetrieb mit montags bis freitags vier Zugpaaren wieder aufgenommen. Dieser wurde zunächst vom damaligen Mittleren Erzgebirgskreis bestellt. Wegen des lückenhaften und an die Zeiten des Schülerverkehrs ausgerichteten Fahrplans der Züge waren die Anschlüsse zu den Zügen der Flöhatalbahn in Pockau-Lengefeld sehr schlecht. Ab dem 10. Dezember 2006 trat ein Fahrplan mit besseren Anschlüssen in Pockau-Lengefeld in Kraft. Im September 2007 wurde der Fahrplan auf dem Streckenast erneut umgestellt: montags bis freitags verkehrte morgens nur noch ein Zugpaar für den Schülerverkehr, hingegen fuhren samstags, sonntags und feiertags nunmehr vier Zugpaare pro Tag.

mini|Heutiges Streckenende im Bahnhof Marienberg. Links befindet sich die Laderampe für die Bundeswehr, das repräsentative Empfangsgebäude existiert nicht mehr. (2013) mini|Ganzzug mit Panzern der Bundeswehr in Marienberg. Der Zug blockiert während der Verladung den Reisendenzugang zum Bahnsteig. (2013)

Seit dem 11. Dezember 2011 wurde der Abschnitt zwischen Marienberg und Pockau-Lengefeld nur noch werktags mit einem einzigen Zugpaar bedient.Jahresfahrplan 2012 der Erzgebirgsbahn – gültig ab 11. Dezember 2011 Die entfallenen Zugpaare am Wochenende wurden ein Jahr lang durch einen Bahnersatzverkehr mit Rufbussen ersetzt.Fahrplan der RVE-Buslinie 491 – gültig ab 11. Dezember 2011 Mangels Nachfrage wurde dieses Angebot im Dezember 2012 wieder aufgegeben.

Zum Fahrplanwechsel am 15. Dezember 2013 wurde der Reiseverkehr zwischen Marienberg und Pockau–Lengefeld gänzlich eingestellt., Freie Presse, 11. Dezember 2013. Vom 6. Februar bis 6. Mai 2014 lief die Ausschreibung der DB RegioNetz Infrastruktur GmbH zwecks Übernahme und zum Weiterbetrieb der Teilstrecke Marienberg–Pockau-Lengefeld für „Interessenten, die als Eisenbahninfrastrukturunternehmen die Teilstrecke im Ist-Zustand ohne zeitliche Unterbrechung übernehmen und für den öffentlichen Verkehr in eigener Verantwortung weiter betreiben wollen.“, abgerufen am 29. März 2014Babette Zaumseil: , Freie Presse, 19. Februar 2014. Letztlich erfolgte keine Abgabe des Streckenabschnitts Marienberg–Pockau-Lengefeld an Dritte, auch dieser Streckenabschnitt wird von der DB RegioNetz Infrastruktur GmbH (Erzgebirgsbahn) weiterbetrieben. Von und nach Marienberg findet nach Bedarf Militärverkehr statt. Das in der Stadt stationierte Panzergrenadierbataillon 371 der Bundeswehr verlädt Schützenpanzer „Marder“ im Bahnhof Marienberg und transportiert diese zu Übungsplätzen und zu Einsätzen im NATO-Bündnis, zuletzt nach Rukla in Litauen. Die Militärzüge werden fast ausschließlich von DB Cargo mit den Lokbaureihen 261, 265, 232, 233 und 294 gefahren.

Seit dem Jahr 2020 wird im Bahnhof Pockau-Lengefeld Rundholz aus den umliegenden Forstrevieren von Sachsenforst auf Ganzzüge verladen, die dann zu Sägewerken sowie Spanplatten- und Zellstoffproduzenten in Deutschland und Europa gefahren werden. Im Jahr 2022 wurden hier 32 Güterzüge beladen. Dabei kommen verschiedene Eisenbahnunternehmen, hauptsächlich die Pressnitztalbahn und der Erfurter Bahnservice, mit unterschiedlichsten Lokbaureihen (BR 202, 204, 218, 220, 228, 232, 248, 253) zum Einsatz. Im Jahr 2023 kamen bereits dreimal schwere Güterzuglokomotiven EURODUAL von Stadler (BR 159) zum Einsatz, jeweils von drei verschiedenen EVU.

Abbau des Abschnittes Reitzenhain–Marienberg mini|Abbau der Gleise im Bahnhof Gelobtland (2013)