Die Geschichte der Stadt Łódź, heute eine der größten Städte Polens, ist vor allem geprägt durch die im 19. Jahrhundert mittels aufstrebender Textilindustrie ausgelöste Entwicklung von einer eher unbedeutenden Kleinstadt zum „Manchester Polens“.
Anfänge mini|hochkant|Siegel von 1577 Seinen Ursprung hatte Łódź als kleine Ansiedlung unweit des heute Łódka genannten Flüsschens. Dieser Fluss verläuft gegenwärtig überwiegend unterirdisch. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahre 1332. Fürst Władysław von Łęczyca verlieh in diesem Dokument den Bischöfen von Kujawien mehr Freiheiten für einige ihrer Besitztümer. In der Aufzählung wird das Dorf Łodzia genannt. Die Bischöfe durften jetzt Dörfer nach Neumarkter Recht anlegen, dem Dorf Łodzia wurde dieses Privileg allerdings erst am 10. Juni 1387 von Bischof Johann verliehen. 1423 verlieh König Władysław II. Jagiełło dem Ort das Stadtrecht nach Magdeburger Recht. Die Urkunde dazu wurde in Przedbórz ausgestellt. Aus anderen Quellen geht hervor, dass die Stadt Łódź etwas entfernt vom alten Dorf entstanden sein soll, dies gilt aber als weniger wahrscheinlich. Als Stadt wurde sie 1459 aufgefordert, einen bewaffneten Krieger für den Kampf Großpolens gegen Preußen zu stellen. Anfang des 17. Jahrhunderts kam es aufgrund der mächtigen Szlachta (polnischer Adel), die ein Gegner des Städtewesens und eines daraus resultierenden Machtzuwachses der Bürgerschaft war, zu einer Stagnation und sogar zu einer Rückläufigkeit der Stadtentwicklung. Außerdem verstärkte der allgemeine Niedergang des Königreichs Polen die schwache Situation der Stadt. 1661 wüteten dann ein großes Feuer und die Pest in der Stadt und taten ihr Übriges. Haupterwerbszweig war die Landwirtschaft, an Handwerkern waren Stellmacher, Schuhmacher, Schlächter, Müller, Schmiede, Bierbrauer und Tischler in Łódź vertreten. Die ersten Deutschen lassen sich in der Stadt ebenfalls gegen Anfang des 17. Jahrhunderts nachweisen. Mit dem Bau der katholischen St.-Joseph-Kirche 1665 erhielt die Stadt ihren ersten Sakralbau.
Nach der Übernahme des Gebietes durch Preußen nach der Zweiten Polnischen Teilung 1793 wurde erwogen, dem Ort als Bestandteil der neuen Provinz Südpreußen die Stadtrechte zu nehmen, und nur der starke Widerstand der polnischen Obrigkeit konnte dies verhindern. 1793 wurde auf Grund einer preußischen Erhebung festgestellt, dass in der Stadt 201 Personen lebten. Weiterhin gab es je 44 Häuser und Scheunen sowie zwei Schenken. Die Stadt lebte von Ackerbau und Viehzucht. Ein Bürgermeister, vier Stadträte und ein Stadtschreiber bildeten die Stadtverwaltung. Die erste öffentliche Schule des Ortes wurde 1806 eröffnet.
Unter russischer Herrschaft Nach dem Frieden von Tilsit 1807 und der Auflösung der kurzlebigen Provinz Südpreußen wurde der Ort Teil des Herzogtums Warschau. 1815 beschloss der Wiener Kongress, das Herzogtum Warschau in das neu gegründete Kongresspolen umzuwandeln, in dessen Grenzen sich die Stadt seitdem befand. Ein Beschluss zwischen Österreich-Ungarn, Preußen und Russland vom 3. Mai 1815 war dabei Schlüssel zur späteren Blüte der Stadt Łódź. Der Beschluss besagte, dass die Bewohner des neuerlich geteilten Polens bis 1821 ihren Wohnsitz beliebig zwischen den Besatzungsstaaten wechseln durften. Die Regierung von Warschau versuchte nun, die Tuchmacher des von Preußen besetzen Gebietes in Kongresspolen anzusiedeln. Da die Absatzmärkte unter anderem nach Russland dadurch leichter erreichbar waren, lag dies auch in deren Interesse. Die Anwerbung neuer Siedler wurde auch über das grenznahe Gebiet hinaus ausgedehnt und erhielt die Unterstützung des russischen Zaren. Auf sein Betreiben wurde am 2. März 1816 eine Verordnung erlassen, die eingewanderten Landwirten und Handwerkern Befreiung vom Militärdienst, sechs Jahre Steuerfreiheit, sowie, wenn sie wollten, die freie Rückkehr in ihre Heimat zusicherte. Diese lukrativen Anreize stießen auf so großes Interesse, dass die polnischen Behörden mit dem Ansturm der Handwerker überfordert waren. Deshalb wurde am 18. September 1820 ein neues Einwanderungsgesetz erlassen, das nunmehr nur die Einwanderung von Industriearbeitern begünstigte. In diesem Gesetz wurden industrielle Städte als Fabrikstädte klassifiziert, die Vergünstigungen erhalten sollten, auch die später Manchester Polens genannte Stadt Łódź wurde zu diesen Städten aufgenommen. mini|Karte von Łódź von 1853 Nach Erlass des Gesetzes wurden Werber vor allem nach Schlesien, Sachsen und Böhmen gesandt. Auf Grund eines Vertrages vom 30. März 1821 zwischen Kongresspolen und Vertretern der deutschen Einwanderer wurden den Neubürgern, neben der erwähnten Steuerfreiheit, ein Grundstück von 1,5 Morgen in Erbbesitz und weitere Vergünstigungen zugestanden. Das Zentrum bildete der Platz Neuer Ring (heute Plac Wolności). Auf dem Gebiet wurden 202 Bauplätze ausgewiesen, die durch die Siedler aber erst gerodet und trockengelegt werden mussten. Die ersten fünf deutschen Tuchmacher kamen 1821 in die Stadt, die zuvor in Aleksandrów gelebt hatten. Wegen der Unfähigkeit der Behörde wurden sie aber wieder vergrault. Für die Siedler wurde mit Beschluss vom 21. November 1823 ein Gebiet südlich der Stadt als Fabrikgebiet ausgewiesen. Zu dem Gebiet gehörten die Mühlen Lamus, Wójtowski, Księży und Araszt.Urząd Miasta Łódź: Księży Młyn. Łódź 1998, S. 17 Das Gebiet hatte eine Fläche von 188 Hektar und stellte damit etwa ein Fünftel des damaligen Stadtgebietes dar. Im Herbst 1823 ließen sich dann die ersten Tuchmacher in der Stadt nieder.
1811 wurde der erste jüdische Friedhof der Stadt in der Straße Wesoła eröffnet. Bereits um 1820 war ein Krankenhaus in der Stadt errichtet worden.
Aufstieg zum Manchester Polens 1824 verpflichtete sich Christian Friedrich Wendisch zum Bau einer Fabrik für die Baumwoll- und Leinenspinnerei. Sein Vorhaben begann er mit einer vierstöckigen Baumwollspinnerei an der Mühle Księży Młyn (Pfaffendorf), welche er 1826 fertigstellte. 1824 wurde eine Färberei fertiggestellt. Weiterhin lebten neun Tuchmachermeister in der neuen Siedlung und 1825 wurde eine Walke in Betrieb genommen. Um 1825 wurde das Stadtgebiet erweitert, um Platz für die geplanten Fabriken zu erhalten, gleichzeitig wurde die erste Posthalterei in Łódź errichtet. Am 26. Juni 1825 wird mit der Tuchmacherinnung die erste Innung in Łódź offiziell gegründet, sie war aber bereits seit 1824 aktiv, die Gründung der Leinenweberinnung erfolgte am 9. November 1824. 1826 wurde die Evangelische Elementarschule als erste deutsche Schule gegründet. Ein weiterer Industrieller, Titus Kopisch, verpflichtete sich 1827, eine Leinwandappretur und Färberei zu errichten. Um die Anlage auch nutzen zu können, warb er Leinenweber an, welche hauptsächlich Deutschböhmen, Deutschmährer und Deutschschlesier waren und sich im neuen Stadtteil Neu-Schlesing (Szlezyng) ansiedelten. Als dritter bedeutender Industrieller kam Louis Geyer (auch Ludwik Geyer) aus Zittau 1828 in die Stadt. Er verpflichtete sich zum Bau von 100 Webstühlen in einem Fabrikgebäude. Im selben Jahr beginnt er in einer Handdruckerei mit dem Bedrucken des Perkals der Weber. Ebenfalls 1827 wurde die evangelische St.-Trinitatis-Kirche eingeweiht. 1830 war die Situation der Baumwollspinnerei Wendisch schlecht. Die Umsätze seines Unternehmens blieben weit hinter den Erwartungen zurück und er war hoch verschuldet. Er verstarb am 21. Januar 1830 mit 4616,18 Rubel Schulden. Durch den Aufstand 1830/1831 verschlechterte sich die Situation der Wirtschaft in Łódź. Vor allem die Errichtung einer Zollgrenze zwischen Kongresspolen und Russland ließ den Aufschwung stoppen. Viele Tuchmacher verließen die Stadt, entweder um weiter nach Russland zu ziehen oder in ihre Heimat zurückzukehren. So schrumpfte die Zahl der Tuchmacher von 60 im Jahre 1825 auf nur sieben im Jahre 1836. Im Gegensatz zu vielen anderen Städten Polens konnte Łódź durch den Einsatz von Maschinen und die damit verbundene Reduktion von Kosten seine Baumwollproduktion aufrechterhalten. 1831 wurde die erste Elementarschule der Stadt mit einem deutschen Lehrer gegründet, die von 120 deutschen Kindern besucht wurde. Um 1839 erreichte der deutsche Bevölkerungsanteil mit 80 Prozent an der Gesamtbevölkerung der Stadt seinen Höhepunkt. Der Deutsche Franz Traeger wurde 1844 Bürgermeister und blieb es bis 1862. 1846 wurde, auf Initiative von Ludwik Geyer und U. Siebert ein deutscher Männergesangsverein gegründet. Durch die Wirren der Kämpfe um sein Vermögen gebracht, kehrte Kopisch 1847 in seine Heimat Schlesien zurück. mini|Die weiße Fabrik heute Geyer, der vorsichtiger investiert und auch auf die zukunftsträchtigere Baumwolle gesetzt hatte, überstand die Kämpfe vergleichsweise gut. Sein Anlagevermögen betrug 1835 schätzungsweise 266.775 polnische Gulden und 600 Weber arbeiteten für ihn. 1836 errichtete er ein Fabrikgebäude, die Weiße Fabrik und stellt in ihr bis 1838 mechanische Webstühle aus Belgien auf. Trotz der durch seine Investitionen stark angespannten Lage erwarb Geyer diverse Grundstücke und sein Grundbesitz betrug 1846 etwa 84 Morgen und 591 Quadratruthen. 1843 nahm Traugott Grohmann seine Fabrik in Betrieb und begann als weiterer Industrieller mit dem Aufbau seines Unternehmens. Im September 1848 erhielten erstmals Juden das Recht, sich in den Fabriksiedlungen anzusiedeln, allerdings ließ der Jude David Lande dem Verbot zum Trotz bereits 1845 dort eine Fabrik errichten, die er 1847 in Betrieb nahm. Am 1. September 1845 wurde eine deutsch-russische Realschule eingerichtet. Die Schule war vierklassig und zweisprachig; Russisch und Deutsch. Sechs Jahre später wurde diese Schule in eine Kreisschule umgewandelt. 1854 nahm Carl Scheibler die erste Maschinenfabrik in Betrieb, gab sie aber nach zwei Jahren wieder auf. 1854 nahm dafür Otto Goldammer seine Maschinenfabrik und Eisengießerei in Betrieb, welche länger Bestand haben sollte. 1855 wurde von Carl Scheibler eine große moderne Spinnerei in Betrieb genommen. Die Bedeutung Geyers lässt sich leicht daran erkennen, dass er die Erlaubnis hatte, das Staatswappen auf seinen Produkten zu führen, er Ehrenrat der Stadt wurde und 1860 bis 1864 ein eigenes Notgeld herausgab, welches in Łódź allgemein anerkannt war. 1861 stockte die für die Stadt wichtige Einfuhr von Baumwolle auf Grund einer schlechten Ernte in den Vereinigten Staaten. Die Handweber gaben den neuen Fabriken mit ihren Maschinen die Schuld und so kam es zu einem, wenn auch kleinen, Weberaufstand am 20. April 1861. Dabei beschädigten mehrere hundert Weber die Fabriken von Abraham Prussak und Scheibler, ohne allerdings schwere wirtschaftliche Schäden zu verursachen.
mini|Łódźer Anzeiger von 1863 1863 wurde der Lodzer Anzeiger, später die Lodzer Zeitung zum ersten Mal herausgegeben. Die Zeitung erschien bis 1881 in polnischer und deutscher Sprache, anschließend nur noch in Deutsch.
Geyer hatte sich bei seinen wirtschaftlichen Aktivitäten übernommen und musste 1864 seine Zahlungsunfähigkeit erklären. 1865 wurde in der Stadt eine Aufstellung der Fabriken und Handwerkstätten der Stadt vorgenommen. Dabei wurden 635 Betriebe festgestellt, davon 510 in deutschem Besitz, nur 23 wurden von Polen betrieben, mit großem Abstand waren dabei die baumwollverarbeitenden Betriebe führend . Aus demselben Jahr stammt ebenfalls der erste Hinweis auf eine Seidenwarenfabrik, deren Besitzer Eduard Hauser und Matthias Wimark waren. mini|Werbebild mit der Fabrik von Poznański