Philon von Larisa ( Phílōn, auch Philon von Larissa; * 159/158 v. Chr. in Larisa; † 84/83 v. Chr. in Rom) war ein antiker griechischer Philosoph. Er gehörte der Platonischen Akademie in Athen an, die er von 110/109 bis 88 als Scholarch (Schuloberhaupt) leitete. Sein tatsächlicher Name lautete mit hoher Wahrscheinlichkeit Philion von Larisa – mit einem zweiten Iota bzw. „i“.Kilian Fleischer: Philo or Philio of Larissa? In: Classical Quarterly 72, 2022, S. 222–232 und Kilian Fleischer: Philodem, Geschichte der Akademie. Einführung, Ausgabe, Kommentar. Brill, Leiden/Boston 2023, ISBN 978-90-04-54653-0, S. 423–426.
Philon war der letzte Scholarch der „Jüngeren Akademie“, die damals von der Autorität des 129/128 gestorbenen berühmten Scholarchen Karneades von Kyrene geprägt war. Karneades war der prominenteste Repräsentant des für die Jüngere Akademie charakteristischen Skeptizismus, an dem seine Nachfolger festhielten. Seine Schüler und deren Schüler vertraten teils einen radikalen Skeptizismus, teils gemäßigte Varianten. Philon war gemäßigter Skeptiker. Sein Interesse galt vor allem Fragen der Erkenntnistheorie und der Ethik. Im Lauf der Entwicklung seines Denkens gelangte er zu einem neuen Ansatz, indem er das herkömmliche strenge Wahrheitskriterium aufgab und damit den Skeptizismus stark aufweichte. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Rom, wo Cicero zu seinen Hörern gehörte. Sein Hauptgegner war sein ehemaliger Schüler Antiochos von Askalon, der den Skeptizismus gänzlich verwarf und heftig bekämpfte.
Bisweilen wird Philon wegen seiner Neuerung als Gründer einer neuen Schulrichtung, der „vierten Akademie“, bezeichnet; dieser Begriff kommt aber in zeitgenössischen Quellen nicht vor.
Leben
mini|200px|Fragment aus den Academica des Philodemos, einer wichtigen Quelle für Philons Leben (Papyrus Herculanensis 1021, Spalte 32 der Oxforder Abschrift) Philon wurde wahrscheinlich 159 oder 158 v. Chr. geboren. Falls jedoch die Angabe in einem Papyrus, dass er im Alter von 63 Jahren starb, entgegen der Wahrscheinlichkeit kein Fehler ist, ist seine Geburt um 147 v. Chr. zu datieren.Kilian Fleischer: Starb Philo von Larisa im Alter von 63 Jahren? In: Archiv für Papyrusforschung und verwandte Gebiete 63, 2017, S. 335–366. Er verbrachte seine Kindheit und Jugend in seiner Heimatstadt Larisa in Thessalien. Dort erhielt er etwa acht Jahre lang Philosophieunterricht bei Kallikles, einem Schüler des berühmten Philosophen Karneades von Kyrene. Karneades, der damals führende Vertreter des akademischen Skeptizismus, leitete die Akademie in Athen bis zu seinem gesundheitsbedingten Rücktritt vom Amt des Scholarchen (137/136). 134/133 ging Philon nach Athen, wo er vierzehn Jahre lang Schüler des Kleitomachos war, der damals als Scholarch der Akademie fungierte. Daraufhin war er etwa von 120-118 Schüler des Grammatikers Apollodor von Athen, Seine Schülerschaft bei Apollodor ist nun durch eine Neulesung gesichert, dazu Kilian Fleischer: The Original Verses of Apollodorus' Chronica („Edition, Translation and Commentary on the First Iambic Didactic Poem in the Light of New Evidence“). De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-070338-2, S. 16–21. bevor er sieben Jahre lang am Unterricht eines Stoikers – sehr wahrscheinlich Mnesarchos von AthenEnzo Puglia: Le biografie di Filone e di Antioco nella Storia dell’Academia di Filodemo. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 130, 2000, S. 17–28, hier: 18 f. (online; PDF; 139 kB); Charles Brittain: Philo of Larissa. The Last of the Academic Sceptics, Oxford 2001, S. 49 Anm. 35; Kilian Fleischer: The Original Verses of Apollodorus' Chronica („Edition, Translation and Commentary on the First Iambic Didactic Poem in the Light of New Evidence“).De Gruyter, Berlin/Boston 2020, ISBN 978-3-11-070338-2, S. 18–20. – teilgenommen hat. Als Kleitomachos starb, wurde Philon 110/109 zu seinem Nachfolger gewählt.
Schon unter Kleitomachos hatten Römer aus angesehenen Familien am Unterricht in der Akademie teilgenommen. Zu Philons Hörern gehörte der römische Politiker Gaius Aurelius Cotta, der später Konsul wurde. Eine generell romfreundliche Haltung der Akademie unter Philon ist allerdings nicht nachweisbar.Charles Brittain: Philo of Larissa. The Last of the Academic Sceptics, Oxford 2001, S. 60–64. Ferner hatte Philon in Athen zahlreiche griechische Schüler, deren Namen überliefert sind.Kilian Fleischer: The Pupils of Philo of Larissa and Philodemus' Stay in Sicily (PHerc. 1021, col. XXXIV 6-19). In: Cronache Ercolanesi 47, 2017, S. 73–85.
Im Jahr 88 v. Chr. errichtete in Athen erst der Politiker Athenion und nach dessen Scheitern der Truppenführer Aristion eine Tyrannis. Beide handelten im Auftrag des romfeindlichen Königs Mithridates VI. von Pontos. Um der Terrorherrschaft in Athen zu entkommen, floh Philon vor Ende 88 nach Rom. Dabei schloss sich ihm wahrscheinlich ein großer Teil seiner Schüler an. So entging er den Kampfhandlungen des Ersten Mithridatischen Krieges, die zur Belagerung Athens durch die Römer führten. Wie lange nach Philons Flucht in der Akademie ein rudimentärer Schulbetrieb aufrechterhalten wurde, ist unbekannt. Im März 86 eroberten die Truppen Sullas Athen.Zur Frage von Philons Nachfolge in der Akademie siehe Woldemar Görler: Philon aus Larisa. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4: Die hellenistische Philosophie, 2. Halbband, Basel 1994, S. 915–937, hier: 917; Charles Brittain: Philo of Larissa. The Last of the Academic Sceptics, Oxford 2001, S. 1; Jean-Louis Ferrary: Philhellénisme et impérialisme, Rom 1988, S. 447 f. Im Papyrus Herculanensis 1021 wird ein Nachfolger erwähnt; siehe dazu Enzo Puglia: Le biografie di Filone e di Antioco nella Storia dell’Academia di Filodemo. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 130, 2000, S. 17–28, hier: 23–28; Kilian Fleischer: New Evidence on the Death of Philo of Larissa (PHerc. 1021, cols. 33,42–34,7). In: The Cambridge Classical Journal 63, 2017, S. 69–81, hier: 78 f.; Orazio Cappello: The School of Doubt, Leiden 2019, S. 107–109.
Philon verbrachte seine wenigen restlichen Lebensjahre als angesehener Philosophielehrer in Rom. In den gebildeten Kreisen der römischen Oberschicht waren seine Vorträge außerordentlich beliebt. Zu seinen zahlreichen Hörern gehörten Cicero, dessen philosophische Entwicklung von Philons Unterricht stark beeinflusst wurde,Cicero, Brutus 306. der Politiker Quintus Lutatius Catulus, der im Jahr 102 Konsul gewesen war, und dessen gleichnamiger Sohn, der 78 zum Konsul gewählt wurde.
In Rom lehrte Philon wie schon zuvor in Athen auch Rhetorik. Damit wich er von der rhetorikfeindlichen Haltung ab, welche seit Platons Zeiten in der Akademie vorherrschte.Siehe dazu Tobias Reinhardt: Rhetoric in the Fourth Academy. In: The Classical Quarterly 50, 2000, S. 531–547; Charles Brittain: Philo of Larissa. The Last of the Academic Sceptics, Oxford 2001, S. 57 f., 66, 296 ff.
Im Winter 87/86 übte Philons ehemaliger Schüler Antiochos von Askalon, der sich damals in Alexandria aufhielt, heftige Kritik an der skeptischen Erkenntnistheorie. Antiochos hatte sich schon früher von der Akademie getrennt, da er zu einer prinzipiellen Ablehnung des Skeptizismus gelangt war. Nun bekämpfte er eine von Philon entwickelte und schriftlich verbreitete neue Variante des gemäßigten Skeptizismus in einer Gegenschrift Sosos, die nicht erhalten ist. Herakleitos von Tyros, ein in Alexandria lebender Schüler Philons, verteidigte die skeptische Philosophie gegen den Angriff des Antiochos. Kritik an Philons gemäßigtem Skeptizismus kam auch aus dem entgegengesetzten Lager: Ainesidemos, ein ehemaliger Akademiker, der eine radikal skeptische Haltung einnahm, wandte sich gegen die Aufweichung des Skeptizismus.Zu Ainesidemos’ Kritik an Philon und ihrer Datierung siehe Woldemar Görler: Ausklang und Übergang. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4: Die hellenistische Philosophie, 2. Halbband, Basel 1994, S. 981–989, hier: 983–985.
Philon starb im Jahr 84 oder Anfang 83 in Italien im Zuge einer Influenzaepidemie, wie eine Papyrus-Neulesung gezeigt hat.Zur Chronologie siehe Tiziano Dorandi: Ricerche sulla cronologia dei filosofi ellenistici, Stuttgart 1991, S. 17–20. Zu Philons Tod siehe Kilian Fleischer: New Evidence on the Death of Philo of Larissa (PHerc. 1021, cols. 33,42–34,7). In: The Cambridge Classical Journal 63, 2017, S. 69–81. Mit ihm endete die Epoche der vom Skeptizismus geprägten „Jüngeren Akademie“, deren letzter Scholarch er war.Hypothesen über mögliche Nachfolger sind nicht plausibel, siehe Woldemar Görler: Philon aus Larisa. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4: Die hellenistische Philosophie, 2. Halbband, Basel 1994, S. 915–937, hier: 917.
Werke
Sämtliche Schriften Philons sind bis auf Fragmente verloren. Überliefert ist ein Titel Dihaíresis tou kata philosophían lógou, was wörtlich mit „Einteilung der Darstellung der Philosophie“ übersetzt wird; es kann sich um eine Programmschrift oder eine systematische Übersicht gehandelt haben. Daraus ist ein Abschnitt, der das Vorgehen bei der Vermittlung ethischer Lehren behandelt, in einer Paraphrase bei Johannes Stobaios erhalten.Woldemar Görler: Philon aus Larisa. In: Hellmut Flashar (Hrsg.): Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, Bd. 4: Die hellenistische Philosophie, 2. Halbband, Basel 1994, S. 915–937, hier: 918; Zweifel äußert Charles Brittain: Philo of Larissa. The Last of the Academic Sceptics, Oxford 2001, S. 71. Sicher ist, dass Philon im Jahr 87 in Rom eine Schrift in zwei Büchern verfasste, die in der Forschung als „römische Bücher“ bezeichnet wird, da ihr authentischer Titel unbekannt ist. Darin behandelte er Fragen der Erkenntnistheorie.
Lehre
Da Philons Schriften nicht erhalten geblieben sind, kann seine Lehre nur aus Angaben in Werken anderer Autoren erschlossen werden. Die Hauptquelle sind die Academica Ciceros, der als Teilnehmer an Philons Unterricht gut informiert war und auch gegnerische Argumente mitteilt.
Wie bei den anderen skeptischen Akademikern standen auch bei Philon Erkenntnistheorie und Ethik im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Wegen der ungünstigen Überlieferungslage und weil er seine Ansichten im Lauf der Zeit erheblich geändert hat, erweist sich die Ermittlung und Untersuchung seiner Lehraussagen als schwierig. Die damit zusammenhängenden Fragen werden in der reichhaltigen Forschungsliteratur kontrovers diskutiert.
Erkenntnistheorie
Ältere Entwicklungsphasen Als Schüler des Kleitomachos und auch noch zum Zeitpunkt seiner Wahl zum Scholarchen war Philon anscheinend ein getreuer Anhänger des herkömmlichen akademischen Skeptizismus, wenn auch möglicherweise nicht der von Kleitomachos vertretenen radikalen Variante. Er trat also – vor allem in der Auseinandersetzung mit den Stoikern – für die Überzeugung ein, dass es unmöglich sei, gesichertes philosophisches Wissen zu erlangen. Alle Versuche, Wahrheitskriterien schlüssig zu begründen und mit ihrer Hilfe die Richtigkeit eines Urteils zwingend zu erweisen, seien zum Scheitern verurteilt. Daher könne man als Philosoph zwar verschiedene Meinungen erörtern, doch dürfe man sich redlicherweise keine von ihnen im Sinne einer Tatsachenbehauptung zu eigen machen. Im praktischen Leben, wo man ständig Entscheidungen treffen muss und dafür Kriterien benötigt, sei es zulässig, sich unter dem Gesichtspunkt der Wahrscheinlichkeit oder Plausibilität für eine bestimmte Annahme zu entscheiden und sein Verhalten danach auszurichten. Philosophisch gesehen seien aber solche Annahmen nichts als belanglose Meinungen, da sie nicht beweisbar seien. Daher verzichte der Weise prinzipiell auf das Urteilen.