Die Geschichte der Stadt Kamen umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Kamen von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart. Urkundlich wird Kamen erstmals 1050 genannt.
Zu Kamens ältester Geschichte mini|Die Seseke in Kamen Die frühesten Spuren menschlicher Besiedlung an verschiedenen Stellen im Kamener Stadtgebiet stammen aus dem Neolithikum (Jungsteinzeit, 5.–2. Jahrtausend v. Chr.). In diesem Abschnitt der Vorgeschichte vollzog sich der Übergang vom Wildbeutertum (Jäger und Sammler) zur produzierenden Wirtschaftsform mit Ackerbau und Viehzucht. Aussaat und Ernte nötigten die Menschen, sich in der Nähe ihrer Felder aufzuhalten. Sie mussten somit sesshaft werden und bauten Häuser in kleinen Gemeinschaften. Neben der ausgeprägten Technik, Steinwerkzeuge zu fertigen, war bereits die Herstellung von gebrannten Tongefäßen und das Spinnen und Weben von Textilien verbreitet. Da das Kamener Gebiet an den Ausläufern der sehr fruchtbaren Soester Börde liegt, ist auch das Ackerland im Gebiet von Kamen für den Getreideanbau von Bedeutung. Die Fruchtbarkeit des Bodens macht sich auch in der Größe der Bauernhöfe deutlich.
Dass nicht nur im Rheinland die Römer ansässig waren, beweist der spektakuläre Fund eines großen Römerlagers unweit des Stadtgebietes in Bergkamen-Oberaden. Es war das größte römische Militärlager nördlich der Alpen. Es bestand jedoch nur in den Jahren 11–8 v. Chr. Da eine endgültige Unterwerfung dieses Teils Germaniens nicht gelang, zogen sich die Römer nach der Varusschlacht (9 n. Chr.) auf das linksrheinische Gebiet zurück. Eine Vielzahl verschiedener Funde belegt den Alltag der römischen Legionäre in Germanien. Unweit davon befand sich an der Lippe das Uferkastell Beckinghausen.
Der Fund des Römerlagers in Oberaden war in erster Linie dem Methlerschen Pfarrer Otto Prein zu verdanken. Auf der Suche nach dem legendären Römerlager Aliso erforschte Prein unter Bezugnahme auf alte Flurnamen, örtliche Sagen, uralte Straßenzüge sowie durch Beobachtungen bestimmter Geländeformationen die heimische Landschaft nach römischen Spuren. Für die Entdeckung dieses Lagers hatte er die entscheidenden Hinweise gegeben. Die nächste bedeutende Entdeckung gelang ihm 1910 in der Gemarkung Westick, im Winkel zwischen den Flüssen Seseke und Körne. Auch hier erregten wieder ältere überlieferte Flurnamen seine Aufmerksamkeit. Ungefähr 4 km südöstlich des Römerlagers in Oberaden stieß er auf die Flurnamen Am beilaufenden Turm, In den Böhren und Wöhrenwall und fand dort etliche römische Keramikscherben unweit des Laufs der Körne. Bei der Regulierung der Körne 1921 stieß dann der Bagger auch auf eine Schicht mit zahlreichen tierischen Knochenresten und Gefäßscherben, vermutlich eine frühgeschichtliche „Mülldeponie“. In den Jahren 1926/27 begann man unter der Federführung des Gustav-Lübcke-Museums in Hamm dort Versuchsgrabungen durchzuführen. Eine unter dem Mutterboden liegende Schicht mit römischen und germanischen Scherben brachte den Hinweis auf eine vor langer Zeit bestandene Siedlung. Doch erst die umfangreichen Grabungen von 1930 bis 1935, die 1936/37 durch Einzeluntersuchungen ergänzt wurden, lieferten den Beleg, dass dort eine germanische Siedlung vom Anfang des 2. bis zum Anfang des 6. Jahrhunderts bestanden hatte.
Bis heute sind etwa 700 römische Münzen des 1. bis 5. Jahrhunderts, weiter eine Vielzahl römischer Tonwaren, Fibeln und andere Gebrauchsgegenstände gefunden worden. Sie deuten auf ausgedehnte Handelsbeziehungen der hier siedelnden Einheimischen mit den Römern hin. Die weiteren Funde geben einen Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse. So fand man neben den verschiedenen Gefäßen, Fibeln, Nadeln, Gürtel- und Möbelbeschlägen, ferner Teile von Pferdegeschirren sowie germanischen Schmuck, Waffen und Geräte, die zum Teil am Ort hergestellt wurden. Dies wird belegt durch Gusstiegel und -formen und Reste einer Buntmetallgießerei sowie Rennfeuerstellen und die dazugehörige Eisenschlacke. Funde, die für den Betrachter relativ unspektakulär sind, aber viel über die Bedeutung und Größe dieser Siedlung aussagen.
Neben reichen Kleinfunden hat die Erforschung des Siedlungsgeländes drei Hausgrundrisse geliefert, die für die historische Hausforschung erhebliche Bedeutung erlangt haben. Das Haus III ist das bedeutendste Ergebnis der Westicker Grabungen. Gefunden in den südlichen Grabungsflächen, von Osten nach Westen ausgerichtet, wurden Umrisse anhand von Pfostenspuren mit einer Länge von 48 m (!) und einer Breite von 7,5 m entdeckt. Es könnte aufgrund seiner Größe und Ausstattung der Sitz eines freien Herren oder Edelings gewesen sein. An den ältesten (östlichen) Teil schließt sich ein zweiter jüngerer Gebäudeteil an. Offenbar sind beide Gebäudeteile durch Brand vernichtet und später als zusammenhängendes Gebäude neu errichtet worden. An der´Nordseite schließt sich ein 10 m langer laubenartiger Vorbau an. Die Funde lagern im Städt. Gustav-Lübcke-Museum Hamm und im Museum Kamen.
Die Deutung des Namens „Kamen“ ist bis heute noch nicht ohne Widersprüche gelungen. Das Gleiche gilt auch für die Namen der Kamener Stadtteile. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts waren sowohl die Schreibweisen „Camen“ als auch „Kamen“ üblich. 1903 wurde die heutige Form des Ortsnamens amtlich festgelegt.Walter Vollmer: Westfälische Städtebilder. Berichte und Betrachtungen. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1963, S. 276.
Kamen im Mittelalter mini|Alter Markt Eine Ansiedlung mit dem Namen Kamen wird um 1050 im Besitztumsverzeichnis (Urbar C) der Abtei Werden genannt, jedoch muss die Pfarrei Kamen schon älter gewesen sein. Ihr frühes kölnisches Severins-Patrozinium sowie Reste einer älteren Vorgängerkirche bekräftigen dies. Der heutige mächtige grüne Sandsteinturm der Pauluskirche stammt noch aus der Mitte des 12. Jahrhunderts. Der schiefe Turmhelm, das Wahrzeichen Kamens, entstand 200 Jahre später. Er ist bewusst gegen die Hauptwindrichtung, also nach Südwesten geneigt gebaut worden.
Im Laufe des 12. Jahrhunderts ließen sich die Landesherren, die Grafen von Altena, westlich nahe der späteren Pauluskirche eine Burg errichten, wie später auch in Mark bei Hamm. Das Areal der landesherrlichen Burg war mit Wassergraben, Wall und Palisaden umgeben. Die Begrenzung lässt sich noch heute am Verlauf der Straßen Wiemeling, Zur Wimme und des südlichen Teils der Dunklen Straße nachvollziehen. Im Süden bildete die Seseke die Grenze. Der Eingang war von der heutigen Schulstraße aus angelegt.
Da sich die Landesherren seit dem 13. Jahrhundert „von der Mark“ nannten, hieß ihr Territorium „Grafschaft Mark“. Da die Kölner Erzbischöfe auch Anspruch auf die Landesherrschaft erhoben, hatte Kamen, weil es an einem gut passierbaren Sesekeübergang lag, die Bedeutung einer Grenzfeste gegen den Kölnischen Machtanspruch.
Vielen historisch Interessierten ist der Begriff „Burgmannshöfe“ geläufig. Mindestens zehn dieser Höfe sind für Kamen nachweisbar. So war auch die Bedeutung Kamens im Mittelalter noch so groß, dass Kamen unter den märkischen Städten lange Zeit nach der Hauptstadt Hamm an zweiter Stelle genannt wurde. Das nördlich von Osnabrück gelegene Quakenbrück ist eine ebenso bedeutende Stadt gewesen, die sich ihrer mittelalterlichen Bedeutung bewusst ist und sich „Burgmannsstadt Quakenbrück“ nennt.
Die Burgmannen in Kamen gehörten zu den Ministerialen der Landesherren, das heißt, ihnen unterlag die Hofhaltung sowie die Verwaltung und Verteidigung des Gebietes. Die Burgmannshöfe wurden daher in der Nähe der Stadttore angelegt (so liegt beispielsweise der von der Recksche Hof auf dem ehemaligen Karstadtgelände). Für diese Leistungen erhielten sie ihr Lehen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein behielten die Burgmannshöfe ihre adeligen Freiheiten von allen städtischen Lasten und Abgaben, auch wenn sie schon bürgerliche Besitzer hatten.
Wie die meisten historisch gewachsenen Städte, so entwickelte sich auch Kamen von einem Herrensitz (Burg) ausgehend. Im Laufe der Zeit siedelten sich Handwerker, Kaufleute und andere Untertanen im Schutzbereich der Burg an. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie mit der Versorgung der Landesherren und Burgmannen. Der Name „Bürger“ soll nach dieser Nähe zur landesherrlichen Burg seinen Ursprung haben. Die Landesherren hielten sich nur gelegentlich in Kamen auf. Sie zogen von Residenzort zu Residenzort. Sie hielten in ihren Burgen dann auch Gerichtstage ab. Im Anschluss an diese Gerichtstage wurden zumeist die Kirchweihfeste (Kirmessen) oder Jahrmärkte abgehalten. Kamen hat nachweislich seit über 650 Jahren zwei Jahrmärkte. Einen im Frühjahr, und den Severinsmarkt im Oktober. Der Name leitet sich vom ehemaligen Schutzpatron der Severinskirche, der heutigen Pauluskirche ab. Der massive, über 800-jährige Turm der Pauluskirche diente im Mittelalter als Wehr- und Fliehturm. Die Kirche mit ihrem alten Vorgängerkirchenschiff lag innerhalb der Befestigungsanlagen der landesherrlichen Burg.
Während der weiteren Entwicklung dehnte sich die Ansiedlung nach Westen, Norden und Osten aus. Im Süden ließ die Seseke keine Ausdehnung mehr zu. Der Ort wurde nach 1243 mit einer Mauer und einem Grabensystem befestigt. Die südliche Begrenzung bildete die Seseke, die man näher an die Mauer heranführte und schon im Mittelalter begradigte. Die Stadtmauer hatte insgesamt sechs Stadttore. Das älteste Stadttor war am Bollwerk, etwa dort, wo das heutige AWO-Haus steht. Es hatte auch den Namen Langebrüggentor, da zu ihm wohl ehedem ein Damm aus Holz (Knüppeldamm) führte, der schon zur Römerzeit zum Sesekeübergang geführt haben soll. Das Tor wurde im 17. Jahrhundert geschlossen. In Richtung Süden, also in Richtung Unna, führte das Mühlentor. Es lag an der Bahnhofstraße zwischen Ostenmauer und Klosterstraße. Es hatte wie alle Stadttore ein kleines vorgelagertes Tor, das man „Homey“ nannte. Danach hat noch heute die Maibrücke ihren Namen. Nach Osten, in Richtung Hamm, zwischen Osten- und Nordenmauer befand sich das Ostentor. Nach Norden führten zwei Stadttore. Das Norden- oder Viehtor an der Nordstraße, das in Richtung Reck-Kamensche-Heide und Werne führte, sowie das Kämertor an der Kämerstraße. Das Kämertor hieß noch im 16. Jahrhundert „Bergkämertor“ und hat so im Laufe der Zeit eine irreführende Verkürzung erhalten. Das sechste und letzte Stadttor war das Westentor, das nach Lünen führte.
Stadtmauer und -tore hatten im Ursprung eine vornehmlich schützende Funktion gegenüber feindlichen Angriffen. In zweiter Linie eine fiskalische, also steuerliche Funktion. Nach der Verbreitung und Weiterentwicklung der Feuerwaffentechnik war eine solche Mauer als Hindernis militärisch kaum noch von Bedeutung. Übrig blieb die steuerliche Seite, das heißt, wer als Händler in die Stadt wollte, musste die Akzise, die Stadtsteuer, entrichten. Erst als am Ende des 18. Jahrhunderts diese Steuer wegfiel, hatten Stadtmauer und -tore keinerlei Bedeutung mehr. Mauer und Tore verfielen, und man verwendete die Steine u. a. zum Bau der Häuser und des Turmes der Lutherkirche. Ein kleiner Rest der Ostenmauer ist an der Bohdeschen Besitzung erhalten. Sie ist eines der letzten Relikte an Bauwerken aus Kamens bedeutender Vergangenheit im Mittelalter. Die Mauer war, wie alle Steinbauten unserer Region im Mittelalter, mit dem grünen Anröchter Sandstein gebaut worden. Der Pauluskirchenturm und die Margaretenkirche in Methler sind aus dem gleichen Stein errichtet. Wegen seines jungen erdgeschichtlichen Alters ist dieser Stein sehr weich und wittert stark aus. Daher musste das Mauerwerk der Margaretenkirche mit einem Schlemmputz versehen werden.