Jung und unschuldig (Young and Innocent) ist ein britischer Kriminalfilm des Regisseurs Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1937 mit Nova Pilbeam und Derrick De Marney in den Hauptrollen.

Handlung Der Filmstar Christine Clay wird, nachdem sie einen Streit mit ihrem Ex-Mann Guy gehabt hat, am Strand tot aufgefunden – und zwar von ihrem Bekannten Robert Tisdall. Dieser läuft davon, um Hilfe zu holen, und wird dabei von zwei Frauen beobachtet, die der Polizei dann erzählen, er sei vom Tatort weggerannt. Die Polizei verdächtigt Robert prompt, Clay mit dem Gürtel seines Mantels erwürgt zu haben. In der Presse findet ebenfalls eine Vorverurteilung statt. Robert kann seine Unschuld jedoch nicht beweisen, weil ihm sein eigener Mantel zuvor gestohlen worden ist. Die Polizei versucht ihm bei der Befragung Antworten in den Mund zu legen. Er flieht aus dem Gerichtsgebäude und versucht dabei, die Tochter des Polizeidirektors, Erica Burgoyne, als Verbündete zu gewinnen.

Nachdem er sich in Ericas Fahrzeug geschlichen hat, setzt sie ihn zunächst in einem verlassenen Landhaus aus. Dann bekommt sie aber doch Mitleid und versorgt ihn mit Lebensmitteln. Robert überzeugt sie von seiner Unschuld und versucht gleichzeitig, eine Liebesbeziehung mit ihr aufzubauen. Ihre gemeinsame Flucht im Auto führt sie über Umwege zu Old Will, der den Mantel besitzt – jedoch ohne Gürtel. Old Will ist ein Obdachloser, dem der Mantel geschenkt wurde. Er erinnert sich noch daran, dass der Schenker permanent mit den Augen blinzelte. Erica wird inzwischen von der Polizei gefasst, doch ihr Vater lässt sie frei. Er tritt von seinem Amt als Chief Constable zurück. Erica macht sich mit Old Will auf die Suche nach dem Gürtel.

Eine Spur führt sie zum „Grand Hotel“, wo sie den Mörder vermuten. Das Einzige, was sie über ihn wissen, ist, dass er unablässig mit den Augen blinzelt. Der gesuchte Mann spielt tatsächlich in einer Band im Ballsaal des Hotels. Er merkt, dass sie ihm auf der Spur sind, versucht sein Blinzeln verzweifelt zu stoppen und erleidet schließlich einen Nervenzusammenbruch, woraufhin er den Mord gesteht. Es ist Guy, der Ex-Mann der Ermordeten. Erica stellt Robert ihrem Vater vor, der einsieht, dass er den jungen Mann wohl zum Abendessen einladen muss.

Hintergrund Hitchcocks Frühwerk Jung und unschuldig, das ansatzweise auf dem Roman A Shilling for Candles von Josephine Tey basiert, reiht sich gut in die britischen Filme jener Schaffensphase vor 1939 ein, auch wenn es nie allzu große Bekanntheit erlangt hat. Viele Details weisen bereits darauf hin, wie sich Hitchcocks Stil weiterentwickeln würde. So ist der Film mit Humor und mehrdeutigen Szenen gespickt und zeugt auch von einem sehr geschickten Spannungsaufbau. Das Motiv des unschuldig Verfolgten kommt in mehreren späteren Filmen Hitchcocks wieder vor.

Außergewöhnlich ist vor allem die lange Einstellung im „Grand Hotel“, die zuerst als Totale über das Geschehen im Saal schweift, dann mittels Kamerakran auf die spielende Band geht und immer stärker auf die Augen des Schlagzeugers vergrößert, die letztlich anfangen zu blinzeln. Diese Kamerafahrt beginnt bei einer Entfernung von 145 Fuß (ca. 44,2 m) und endet vier Zoll (ca. 10,2 cm) vor den Augen.Maurice Yacowar: Hitchcock’s British Films. Wayne State University Press, Detroit 2010 (Neuauflage), ISBN 978-0-8143-3494-2, S. 180. Die Einstellung wurde innerhalb von zwei Tagen gedreht und erinnert in ihrer Gestaltung an eine ähnliche Szene aus Hitchcocks späterem Spielfilm Berüchtigt, die mit der Aufnahme einer Partygesellschaft beginnt und mit der Nahaufnahme eines Schlüssels endet.Maurice Yacowar: Hitchcock’s British Films. Wayne State University Press, Detroit 2010 (Neuauflage), ISBN 978-0-8143-3494-2, S. 180 f. Bemerkenswert ist auch das in Jung und unschuldig gespielte Lied, das vom „drummer man“ (Schlagzeuger) handelt, und damit auf den Mörder verweist.

In einer humoristischen Szene geraten die beiden „Helden“ auf ihrer Flucht mitten in eine Kindergeburtstagsparty und müssen notgedrungen alle Albernheiten über sich ergehen lassen, um sich nicht zu verraten. Diese für den Spannungsaufbau wichtige Szene wurde in der US-Version entfernt.

Die erst 18-jährige Nova Pilbeam spielte ihre erste Hauptrolle in diesem Film. Zuvor hatte sie eine Nebenrolle in Der Mann, der zu viel wusste (1934) gespielt. Laut de Marney war Hitchcock ungewöhnlich sanft zu der Schauspielerin, weil er befürchtete, dass seine übliche unsensible, harte Herangehensweise die natürliche Naivität ihrer Darstellung beeinträchtigen könnte. Der Rest der Besetzung und der Crew kam nicht so glimpflich davon.

In den USA lief der Film unter dem Titel The Girl Was Young.

Trotz ungewöhnlich vieler Hitchcock-Filme, die mehrfach deutsch synchronisiert wurden, ist dieser der einzige, zu dem eine eigene DDR-Synchronfassung existiert.

Im deutschen Fernsehen war der Film erstmals am 28. November 1978 im ZDF zu sehen.Spiegel.de.

Cameo Hitchcock steht nach etwa 14 Filmminuten mit Fotoapparat am Eingang des Justizgebäudes.

Kritiken Die Zusammenfassung des Lexikons des internationalen Films lautet: „Spannender, sehr humorvoller Kriminalfilm, der Hitchcock bereits auf der Höhe seines Könnens zeigt.“

Paul Bryant meinte auf efilmcritic.com, auch wenn Jung und unschuldig letztlich als eher „zurückhaltender Hitchcock“ gesehen werden müsse, habe der Film „das gewisse Etwas“. Hitchcock sei eben nicht nur ein Meister des Suspense gewesen, sondern habe auch sein Talent für die sparsame und temporeiche Thrillerkomödie bewiesen. Tatsächlich sei dieses Level bis heute von keinem anderen erreicht worden.

Mark Duguid (screenonline.org) fiel auf, dass sich die Grundstruktur des „Helden auf der Suche nach dem Unschuldsbeweis“ in vielen Filmen von Hitchcock findet, so zuvor in Die 39 Stufen, danach in weiteren. In Bezug auf die Atmosphäre meinte Duguid, Jung und unschuldig habe eine lockerere Stimmung als die meisten Thriller von Hitchcock davor, was zum Teil dem Charme des Hauptdarstellers Derrick De Marney zu verdanken sei. Es werde die erfolgreiche Mischung aus Komödie und Spannung in Eine Dame verschwindet aus dem folgenden Jahr vorweggenommen.

In The Films of Alfred Hitchcock von Robert A. Harris und Michael S. Lasky wird die Fülle an Details, wie sie in keinem anderen von Hitchcocks Produktionen wahrzunehmen sei, hervorgehoben. Jung und unschuldig sei für Hitchcocks Verhältnisse, da er sich „nie um Plausibilität“ geschert habe, glaubwürdig: Realismus und Romantik seien keine Antagonisten. Es liege ein „besonders gelungener Thriller“ vor.

Synchronisation Die deutsche Synchronisation wurde 1975 von der Arena Synchron Berlin erstellt. Für Buch und Dialogregie zeichnete Kurt Eugen Ludwig verantwortlich. Die DDR-Fassung wurde 1984 von der DEFA Studio für Synchronisation in Ost-Berlin nach dem Dialogbuch von Willi Lindner und unter der Dialogregie von Hasso Zorn produziert.

Rolle Darsteller Deutsche Stimme (ZDF) Deutsche Stimme (DFF) Erica Burgoyne Nova Pilbeam Philine Peters-Arnolds Katarina Tomaschewsky Robert Tisdall Derrick De Marney Norbert Langer Joachim Siebenschuh Colonel Burgoyne Percy Marmont Eric Vaessen Klaus Glowalla Old Will Edward Rigby Arnold Marquis Johannes Knittel Ericas Tante Margaret Mary Clare Inge Landgut Brigitte Krause Detective Inspector Kent John Longden Claus Jurichs Hans-Dieter Lange Guy George Curzon Edgar Ott Karl Sturm Ericas Onkel Basil Basil Radford Lothar Blumhagen Wolfgang Lohse Christine Pamela Carme Almut Eggert Roswitha Hirsch Detective Sergeant Miller George Merritt Gerd Duwner Hans-Joachim Hanisch Rechtsanwalt Mr. Briggs J. H. Roberts Friedrich W. Bauschulte Klaus Mertens Police Sergeant H. F. Maltby Heinz Theo Branding Hans-Robert Wille

Weblinks

Young And Innocent – Download im Internet Archive (englisch) Auszug aus dem Interview „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ mit Truffaut

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1937 Kategorie:Britischer Film Kategorie:Schwarzweißfilm Kategorie:Thriller Kategorie:Alfred Hitchcock