mini|Michael Hartmann (2008)
Michael Hartmann (* 24. August 1952 in Paderborn) ist ein deutscher Soziologe. Hartmann war bis 2014 Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Elitesoziologie, Industrie- und Betriebssoziologie sowie Organisationssoziologie an der Technischen Universität Darmstadt.
Leben Hartmann legte 1971 sein Abitur am altsprachlichen Gymnasium Theodorianum in Paderborn ab. Sein Studium von 1971 bis 1976 in den Fächern Soziologie, Politikwissenschaft, Philosophie, Geschichte, Germanistik und Psychologie an den Universitäten in Marburg und Hannover schloss er mit dem M. A. in Soziologie und Politikwissenschaften ab. Im Jahre 1979 wurde er in Hannover zum Dr. phil. promoviert. 1983 habilitierte er sich für Soziologie an der Universität Osnabrück.
Nach verschiedenen Projektarbeiten, befristeten Tätigkeiten, Gast- und Vertretungsprofessuren war Michael Hartmann von 1999 bis 2014 als Professor für Soziologie am Fachbereich Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften der Technischen Universität Darmstadt tätig. Hartmanns Forschungsinteresse gilt besonders der Elitenforschung sowie der Globalisierung und deren Einfluss auf die unterschiedlichen nationalen Wirtschaftsstile (Globalization and National Economic Cultures). auf den archivierten Internetseiten der TU Darmstadt Hartmann hat in zwölf Sprachen publiziert.
Hochschulpolitisch setzt er sich gegen StudiengebührenVgl. z. B. Michael Hartmann: Studiengebühren und Hochschulzugang: Vorbild USA?. In: Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 33 (2005), Heft 4, S. 439–463 . Sein Fazit zu den Studiengebühren in den USA ist, dass Studiengebühren den Zugang zu den Hochschulen nicht egalisierten, sondern vielmehr soziale Ungleichheit beförderten: „Die Verlierer der Entwicklung sind die breiten Mittelschichten und vor allem die ärmeren Teile der US-Gesellschaft, die Gewinner die Wohlhabenden und Reichen. Als Vorbild für die deutsche Hochschulpolitik eignen sich die USA daher nicht, zumindest soweit es die Finanzierung der Hochschulen betrifft.“, ebd., S. 461. und gegen die Förderung sogenannter „Eliteuniversitäten“Vgl. etwa Michael Hartmann: Die Exzellenzinitivative – ein Paradigmenwechsel in der deutschen Hochschulpolitik. In: Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 34 (2006), Heft 4, S. 447–465. ein.
Aus gesundheitlichen Gründen hat sich Hartmann 2014 vorzeitig pensionieren lassen.
Hartmann war bis zu dessen Selbstauflösung 2021 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac.
Michael Hartmann nimmt immer wieder auch in tagespolitischen Medien Stellung, so etwa in der taz, dem Tagesspiegel, der jungen Welt, der Frankfurter Rundschau, der Zeit und im Deutschlandfunk.
Forschungsarbeiten In seinen Forschungen beschäftigt sich Hartmann vorrangig mit den internationalen Eliten, der zunehmenden Kluft zwischen Arm und Reich und dem Anwachsen des Rechtspopulismus. In seinen empirischen Studien Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende und Soziale Ungleichheit – kein Thema für die Eliten? untersuchte Hartmann zum einen die führenden Topmanager und Milliardäre dieser Welt, zum anderen die aktuelle Wirtschafts-, Justiz-, Wissenschafts- und politische Elite in Deutschland. In seiner Studie Eliten und Macht in Europa zeichnet er die Neuformierung der Eliten nach 1945 in Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien nach und stellt ebenso die Wandlungsprozesse der Elitenformation in diesen und weiteren Ländern (Spanien, Schweiz, Österreich, Beneluxländer, skandinavische und osteuropäische Länder) dar. Zudem diskutiert er die Frage, inwiefern man von einer Europäisierung der Eliten sprechen kann und welche gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse sich im Zusammenhang mit Eliten zeigen. In seiner großen empirischen Studie Der Mythos von den Leistungseliten untersuchte Hartmann den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Zugangschancen zu Elitepositionen in Deutschland. Er kam zu dem Ergebnis, dass soziale Herkunft für die Besetzung von Spitzenpositionen ausschlaggebend ist.
Die Abgehobenen. Wie die Eliten die Demokratie gefährden 2018 In diesem Buch ging Hartmann dem Zusammenhang zwischen der neoliberalen Politik der Eliten und dem Aufstieg des Rechtspopulismus nach. Er machte dies überwiegend am Beispiel Deutschlands deutlich, zog aber auch andere Länder wie vor allem Großbritannien und die USA zur Beweisführung heran. Die drei zentralen Thesen des Buches lauten: Die von der neoliberalen Politik der letzten Jahrzehnte verursachte soziale Spaltung der Gesellschaft bildet die entscheidende Grundlage für den Erfolg des Rechtspopulismus. Für die Durchsetzung des neoliberalen Kurswechsels war ein grundlegender Wandel in der sozialen Rekrutierung vor allem der politischen Elite (eine erheblich größere soziale Exklusivität) wesentlich. Die mehrheitliche Rekrutierung der Eliten aus den oberen vier Prozent der Bevölkerung (Bürger- und Großbürgertum) prägt das Denken und Handeln der Eliten. Sie sehen aufgrund ihrer Herkunft soziale Ungleichheit als weit unproblematischer an als die Bevölkerung und lehnen höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen im Gegensatz zur Bevölkerung entschieden ab. Da alle Elitemitglieder unabhängig von ihrer Herkunft zu den Gewinnern der neoliberalen Politik zählen, findet diese in den Eliten weiterhin große Zustimmung.
Die globale Wirtschaftselite 2016 In dieser Publikation beschäftigte sich Hartmann mit der These der Existenz einer globalen Wirtschaftselite oder -klasse, die sich aus den Topmanagern der größten Unternehmen und den reichsten Menschen der Welt zusammensetze. Auf Basis einer umfassenden Analyse der Vorstandschefs oder Chief Executive Officer (CEOs) der 1000 größten Unternehmen der Welt, der Vorsitzenden und Mitglieder der Aufsichtsräte sowie der rund 1000 reichsten Personen der Welt kam er zu dem generellen Ergebnis, dass es keine globale Wirtschaftselite gibt und es auf absehbare Zeit auch keine geben wird. Er zeigte auf, dass nur jeder achte der CEOs ein Unternehmen außerhalb des Heimatlandes leitet. Berücksichtigt man zudem, dass davon zwei Dutzend nicht wirklich außerhalb ihres Heimatlandes arbeiten, da die Unternehmen nur juristisch außerhalb des jeweiligen Ursprungslandes angesiedelt sind, und dass zwei Drittel der ausländischen CEOs innerhalb ihres vertrauten Sprach- und Kulturraums leben und arbeiten, so dezimiert sich der Anteil weiter. Die Schweiz sei das einzige Land, das wirklich mit einer internationalen Spitze in den Unternehmen aufwarten kann.
Soziale Ungleichheit – kein Thema für die Eliten 2013 In dieser Publikation untersuchte Hartmann die aktuelle deutsche Wirtschafts-, Justiz-, Wissenschafts- und politische Elite in Deutschland. Dabei zeichnete er das Sozialprofil sowie die Bildungs- und Karrierewege der Eliten nach und stellte Befunde aus Befragungen mit Angehörigen der deutschen Eliten über ihre Einstellungen zur Finanzkrise und zum Problem der sozialen Ungleichheit dar. Neben dem Befund, dass Frauen, Ausländer und ehemalige DDR-Bürger in den Eliten massiv unterrepräsentiert sind, verwies er auf deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Sektoren: Während die Wirtschaft den sozial exklusivsten Zirkel darstellt, sind die Eliten in der Politik deutlich heterogener zusammengesetzt. Die soziale Herkunft prägt auch die politische Einstellung der Personen. Hinsichtlich der Problematik wachsender sozialer Ungleichheiten in der Gesellschaft fasste Hartmann zusammen, dass „je höher die soziale Herkunft der Eliteangehörigen ist, desto eher neigen sie einer positiven Sicht der Dinge zu. Während die Arbeiterkinder unter ihnen die sozialen Unterschiede fast zweieinhalbmal so häufig ungerecht finden wie gerecht, ist es bei den Großbürgerkindern nahezu genau umgekehrt.“Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit – kein Thema für die Eliten, 2013, S. 171.
Eliten und Macht in Europa 2007 In dieser Studie zeichnete er die Neuformierung der Eliten nach 1945 in Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Italien nach und stellte ebenso die Wandlungsprozesse der Elitenformation in diesen und weiteren Ländern (Spanien, Schweiz, Österreich, Beneluxländer, skandinavische und osteuropäische Länder) dar. Zudem diskutierte er die Frage, inwiefern man von einer Europäisierung der Eliten sprechen kann und welche gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse sich im Zusammenhang mit Eliten zeigen. Hartmann geht davon aus, dass nach wie vor nationale Rekrutierungs- und Aufstiegsmuster vorherrschen und die Herkunft und Homogenität in direktem Zusammenhang mit sozialen Ungleichheiten steht. Dabei zeigt sich, dass je exklusiver und homogener eine nationale Elite ist, sich die Kluft zwischen Arm und Reich als umso größer erweist.
Der Mythos von den Leistungseliten 2002 In dieser empirischen Studie untersuchte Hartmann den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Zugangschancen zu Elitepositionen in Deutschland. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Chancengleichheit diesbezüglich erhebliche Defizite aufweist.
Dazu untersuchte er die Biografien von 6500 Doktoren der Promotionsjahre 1955, 1965, 1975 und 1985 in der Bundesrepublik Deutschland anhand ihrer Lebensläufe in der Dissertation. Dabei konzentrierte er sich wegen ihrer Bedeutung für die Herrschaftsstruktur in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Politik auf Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure. Zum einen stellte Hartmann fest, dass bereits die Promotion sozial hoch selektiv ist. Es zeige sich bei Betrachtung des weiteren Karriereverlaufs der Promovierten, dass Spitzenpositionen in den untersuchten Bereichen in überrepräsentativen Ausmaß von Kindern des Großbürgertums und des gehobenen Bürgertums besetzt werden. Dabei unterliege der Wirtschaftsbereich einer stärkeren sozialen Selektion als die Bereiche Justiz und Politik. Hartmann begründete dies mit der Wahlmöglichkeit der aus „Großbürgertum“ und „gehobenen Bürgertum“ stammenden Kinder, die vorwiegend in Positionen der Wirtschaft drängen und sich erst dann für Justiz und Politik entscheiden, wenn die gesamtwirtschaftliche Situation die Aussichten auf eine Wirtschaftskarriere schmälert. Die in der strukturfunktionalistischen Schule der Eliteforschung vertretene Position, die Rekrutierung der Eliten erfolge vorrangig anhand der individuellen Leistung, hätten sich insoweit nicht bestätigt. Auch die Hoffnungen Ralf Dahrendorfs und der meisten anderen Eliteforscher, die Bildungsexpansion mit ihrer sozialen Öffnung der Hochschulen werde an der Bedeutung der sozialen Herkunft bei der Rekrutierung der Eliten Wesentliches ändern, hätten sich dementsprechend nur unzureichend erfüllt. Zwar sei es zunächst durchaus zu einer Öffnung der Promotion für breitere Teile der Gesellschaft gekommen, doch habe bei den untersuchten Jahrgängen inzwischen eine weitere soziale Selektion bei der Verteilung von Spitzenpositionen eingesetzt. Zusammenfassend habe also die Bildungsexpansion zwar den Zugang zu den Bildungsinstitutionen für breite Gesellschaftsteile erleichtert, nicht aber den zu den Elitepositionen.
Im Einzelnen: Nach Hartmann stammen die deutschen Eliten überproportional aus den Reihen des Bürgertums. (Zum „Bürgertum“ zählen bei ihm „größere“ Unternehmer, aber auch Grundbesitzer (Land- und Forstwirte), akademische Freiberufler (Freie Berufe), leitende Angestellte (Manager) sowie höhere Beamte und Offiziere, aber keine kleineren Unternehmer und Kaufleute und keine Handwerker.Die Anzahl (die statistische Grundgesamtheit) der „Unternehmer“ in Deutschland ist nach wie vor nicht erhoben und daher unbekannt.) In der Vätergeneration der heutigen Eliten stellten diese Berufsgruppen zirka 3,5 % der männlichen Erwerbstätigen. Weitgehend einig sei man sich in der Einschätzung, dass die politische Elite sozial am durchlässigsten und die Wirtschaftselite am geschlossensten sei. Es besteht ein prinzipieller Zusammenhang zwischen der sozialen Selektivität des deutschen Bildungssystems und der sozialen Rekrutierung der deutschen Eliten.