mini|Max Dauthendey Max Dauthendey (* als Maximilian Albert DauthendeyDauthendey, Max (Maximilian) Albert. In: NDB 3 (1957). am 25. Juli 1867 in Würzburg; † 29. August 1918 in Malang auf Java) war ein deutscher Dichter und Maler.
Leben Herkunft und Jugend Max Dauthendey wurde 1867 in der Würzburger Büttnersgasse 2 (heute Büttnerstraße)Ralph Bauer: Neue Welt und Java. Max Dauthendey. In: Kurt Illing (Hrsg.): Auf den Spuren der Dichter in Würzburg. Eigenverlag (Druck: Max Schimmel Verlag), Würzburg 1992, S. 65–80; hier: S. 67. als das achte Kind des Daguerreotypisten und Photographen Carl Albert Dauthendey und als das zweite Kind dessen zweiter Frau Charlotte Karoline geboren.
Der am 1. November 1819 in Aschersleben im Harz geborene Vater kam im Oktober 1843 als gelernter Mechaniker und Optiker im Alter von 23 Jahren nach Russland und gründete in St. Petersburg u. a. am Newski-Prospekt zwei Ateliers für Daguerreotypie, die er als erster im Zarenreich einführte.Walter Roßdeutscher: Carl Albert Dauthendey – Erster Lichtbildner 1819–1896. In: Frankenland 1997, Seiten 121 ff. Dort heiratete er seine erste Frau Anna Olschwang, die Tochter eines Hanauer Rabbiners. Die Kinder Olga und Konstantin starben bereits sehr früh. Danach folgten die vier Töchter Anna, Marie, Dorothea und Elisabeth. Im Jahre 1855 verübte die erste Frau von Carl Dauthendey Suizid.
Am 1. November 1857 heiratete Dauthendeys Vater die aus einer deutschen Familie stammende und am 11. Mai 1837 in St. Petersburg geborene Charlotte Karoline Friedrich. Ein erster Sohn Kaspar wurde am 23. Februar 1860 noch in St. Petersburg geboren, bevor Carl Dauthendey mit seiner Familie Russland aus geschäftlichen Gründen verließ und sich schließlich 1864 im Alter von 48 Jahren in Würzburg nochmals eine neue berufliche Existenz aufbaute. Auch seine zweite Frau starb bereits am 11. Juni 1873 an einem Lungenleiden auf dem Würzburger Gutshof „Neue Welt“, als Max Dauthendey, das erste in Deutschland geborene Kind, sechs Jahre alt war. Dieser Gutshof am Leutfresserweg 32 mit seinen Bewohnern und Gästen sollte noch große Bedeutung für Dauthendey erlangen.
Nach einem ersten Atelier in Max' Geburtshaus konnte sich der erfolgreiche Geschäftsmann in der neu angelegten Kaiserstraße mit der Hausnummer 9 ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus mit zwei Ateliers und Werkstätten errichten lassen, das er mit seinen Kindern im Mai 1876 bezog. So erfolgreich Carl Dauthendey in geschäftlicher Hinsicht auch war, die als selbstverständlich erwartete Geschäftsnachfolge durch einen seiner Söhne erfüllte sich nicht. Der ältere Sohn Kaspar erlernte zwar den Photographenberuf und zeigte auch Talent und Engagement, konnte sich aber dem autoritären Vater nicht unterordnen. Aufgrund der Auseinandersetzungen mit seinem Vater und um dem ungeliebten dreijährigen Militärdienst zu entkommen, ging Kaspar in die USA. In einem Anfall von Verfolgungswahn erschoss er sich dort am 15. Februar 1885 in Philadelphia. Damit verblieb nur noch Max als potenzieller Nachfolger des väterlichen Geschäfts. Dieser hatte jedoch niemals einen Zweifel daran gelassen, dass er für eine solche Tätigkeit keinerlei Neigung verspürte, sondern vielmehr seinen künstlerischen Ambitionen folgen möchte. Nach dem frühen Tod der Mutter kümmerten sich neben seinem Vater vor allem die älteren Stiefschwestern um seine Erziehung und schulischen Werdegang. Das Verhältnis zu seinem Vater war schon seit der frühen Kindheit von Spannungen geprägt, da dieser bereits ahnte, dass Max sich nicht in seinem Sinne entwickeln würde. Später erinnerte Max sich, wie er als Neunjähriger wegen eines kleinen Vergehens die Hundepeitsche zu spüren bekam, wenn sein Vater ihn im aufflammenden Zorn wie seine früheren russischen Leibeigenen behandelte.Der Geist meines Vaters, 1912
Als Kind im Alter von etwa zehn Jahren nahm ihn sein Vater auf ausgedehnten Spaziergängen durch Würzburg mit. Die Erzählungen und Erklärungen seines Vaters fanden jedoch nur seine Aufmerksamkeit, wenn sie ausnahmsweise nicht technischer Art waren, sondern sich auf die Natur und deren Schönheit bezogen. Sein Vater musste bald erkennen, dass sich Max nicht zu einem technisch-praktischen Beruf hingezogen fühlte:
Im Oktober 1880 war ein wegen mangelnder Leistungen verhängter Schularrest die Ursache für einen ersten Fluchtversuch des 13-Jährigen aus dem Elternhaus, der jedoch schon in Aschaffenburg endete. Schon zu Weihnachten 1883 wünschte er sich die Schule verlassen zu dürfen. Noch in seiner Schulzeit fasste der 17-Jährige, beeinflusst von Erzählungen und einem Reisebuch, das er sich als einziges Weihnachtsgeschenk gewünscht hatte, den Plan, als Soldat in die niederländische Kolonie Java zu gehen. Sein Vater sah schließlich ein, dass das Pauken der naturwissenschaftlichen Schulfächer für seinen musisch veranlagten Sohn verlorene Zeit sei. Er konnte ihn jedoch davon überzeugen, noch drei Jahre durchzuhalten, um mit dem Examen die Berechtigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst zu erlangen, sich dadurch die übliche dreijährige Dienstzeit zu ersparen und den Fehler seines älteren Bruders nicht zu wiederholen. So legte Max Dauthendey 1886 nach einem Misserfolg das Einjährigen-Examen ab. Als Belohnung finanzierte ihm sein Vater im Frühjahr 1886 eine mehrmonatige Reise durch Mitteldeutschland, die ihn nach Dresden, Berlin, Magdeburg, Dessau, Naumburg und Weimar führte.
In einem ungeliebten Beruf Seinen Wunsch, nach der Rückkehr in München Maler werden zu dürfen, musste Dauthendey aufgeben und im Atelier seines Vaters mit der Photographenlehre beginnen. Mit den Argumenten, dass die Grundlage für den Lebensunterhalt vorrangig sei, sich hierzu das Atelier als „Goldmühle“ anbot und Malen sowie Dichten nebenbei nicht ausgeschlossen seien, konnte sein Vater sich wiederum durchsetzen. So entstand 1888 in seiner freien Zeit ein erstes Epos mit dem Titel „Unter Maien. Eine Frühlingsmär aus alter Zeit“, das Max seinem Vater als Weihnachtsgeschenk widmete. Noch fügte er sich dem väterlichen Willen, aber es war nur ein vorläufiger Kompromiss, der den grundsätzlichen Konflikt verschärfte und eine endgültige Entscheidung lediglich verschob.
Im Frühjahr 1889 erhielt Max die Möglichkeit eines dreimonatigen Volontariats in einer Genfer lithographischen Anstalt. Danach floh er im Sommer dieses Jahres ohne große Vorbereitung und Wissen des Vaters zu seinen mütterlichen Verwandten nach Russland und blieb dort in St. Petersburg für ein halbes Jahr. Diesem Ausbruch aus den beruflichen Zwängen und der väterlichen Strenge folgte eine ebenso überstürzte Verlobung mit einer seiner Cousinen in Berlin, bevor er wieder nach Würzburg zurückkehrte.
1890/91 lernte Max die beiden Philosophie- und Medizinstudenten Arnold Villinger und Siegfried Löwenthal kennen, zu denen er eine schwärmerische Freundschaft entwickelte. Seit dem Tod seiner zweiten Frau auf der „Neuen Welt“ pflegte sein Vater zu deren Bewohnern einen freundschaftlichen Kontakt. Max hatte dort bereits im Kindesalter die neun Jahre jüngere Gertraud Rostosky, die spätere Malerin, kennengelernt. Diese schilderte, wie sie Dauthendey später wieder begegnete:
Mit der Einladung der drei Freunde auf die „Neue Welt“ wurde diese zu deren bevorzugtem Treffpunkt und zum Beginn für einen vielfältigen geistigen Austausch von künstlerischen, philosophischen und weltanschaulichen Gedanken und Ideen. Für Dauthendey war es eine Rückkehr an eine Stätte seiner Kindheit, die durch den dortigen Tod seiner Mutter besondere Bedeutung erlangt hatte.
Emanzipation und dichterische Anfänge Die Entwicklung eigener Lebensansichten und Welterklärungsmodelle führte zu einer Beschleunigung des Entfremdungsprozesses von den Zwängen in seinem Vaterhaus, aber auch zu einer wachsenden inneren Sicherheit hinsichtlich seiner Berufung als Dichter. Er machte sich Gedanken über ein neues Verständnis von Religion und Weltlichkeit, die in der Vorstellung einer eigenen Lebensphilosophie mündeten, deren Kern er als allbeseelte „Weltfestlichkeit“ bezeichnete. Den ursprünglichen Wunsch, Maler zu werden, gab er auf und versuchte sich in ersten dichterischen Übungen neben seiner beruflichen Tätigkeit. Der seit langem schwelende Konflikt führte schließlich im April 1891 zu seinem physischen und psychischen Zusammenbruch. Sein Vater sah sich veranlasst, ihn in eine Nervenklinik einweisen zu lassen. Seine beiden Freunde brachten ihn schließlich zur Genesung auf die „Neue Welt“.
Seine Kindheitsbekannte und spätere Freundin Gertraud Rostosky, die mit ihrer Mutter und Großmutter auf der „Neuen Welt“ lebte, schilderte den Zustand Dauthendeys:
Dauthendey begann nach seiner Genesung im Mai 1891 im Laufe des Jahres mit kleineren Arbeiten und Veröffentlichungen in der „Modernen Rundschau“ sowie mit den Anfangskapiteln seines ersten impressionistischen Romans „Josa Gerth“, der die „Neue Welt“ zum Hauptschauplatz hatte. Diese erste Talentprobe, Ende 1892 bei der Verlagsbuchhandlung Edgar Pierson in Dresden erschienen, entstand unter Beeinflussung von Jens Peter Jacobsens Roman „Niehls Lyhne“, der auf Dauthendey nachhaltigen Eindruck gemacht hatte.
In Berliner Künstlerkreisen Kurz vor Weihnachten 1891 kam es zum endgültigen Bruch mit dem Vater. Dauthendey brach aus der Umklammerung von Elternhaus und Beruf aus und ging unvermittelt nach Berlin. Doch schon wenige Tage später musste er sich am 29. Dezember 1891 in einem Brief an seinen Vater mit der Bitte um Geld wenden. Dieser hatte offensichtlich resigniert und war bereit ihm eine monatliche Unterstützung zu gewähren, um die materielle Existenz des angehenden Dichters zu sichern.
Bis 1893 hielt er sich im Umfeld des Friedrichshagener Dichterkreises auf und hatte Kontakte zu Stanislaw Przybyszewski. Przybyszewskis Beziehung zu Dagny Juel und das Verhältnis von ihr zu Edvard Munch hat er als Dreiecksgeschichte in seiner Bohèmekomödie Maja (1911) verarbeitet. Im Friedrichshagener Dichterkreis unterhielt er Verbindungen zu Bruno Wille, Ola Hansson, Laura Marholm und Richard Dehmel. Er wird von Przybyszewski als „Mimosa Pudica“ betitelt, da er mit seiner erstaunlich feinen, vornehmen und überempfindlichen Art aufgefallen ist.
Im Frühjahr 1892 reiste Dauthendey nach München. Das Reisegeld, das sein Freund Villinger von seiner Mutter für einen Besuch Venedigs erhalten hatte, trat er ihm ab, so dass Dauthendey an seiner statt die Reise durchführen konnte.
Dauthendey empfand, verstärkt durch die Konfliktlage mit seinem Vater, einen unerfüllten Drang nach Freundschaft und Geborgenheit, der sich vor allem in Beziehung auf Siegfried Löwenthal so steigerte, dass dieser sich bedrängt fühlte und auf Distanz ging. Nach einem Besuch Dauthendeys bei Löwenthal in Brieg im Herbst 1892 kam es zu überschwänglichen Gefühlsausbrüchen. Selbstmorddrohungen sollten sein Verbleiben im Umfeld Löwenthals erzwingen, so dass es zu einer erneuten Einweisung in eine Heil- und Pflegeanstalt, das „Asyl-Neufriedberg“ für „Gemütskranke“ bei München kam.
Wieder in Berlin gesellten sich zu seinen Jugendfreunden neue Freundschaften mit Dichtern und Malern. Richard Dehmel, der durch Dauthendeys gerade veröffentlichten Roman „Josa Gerth“ auf ihn aufmerksam wurde, prägte aufgrund der Farbigkeit der verwendeten Sprache für ihn das Wort „Farbendichter“. Die Edvard-Munch-Ausstellung sowie Begegnungen mit Stefan George, Hugo von Hofmannsthal und August Strindberg sowie die Auseinandersetzung mit ihren Werken wirkten sich auf seine Entwicklung aus. Einen besonderen Einfluss hatten jedoch die nordischen Schriftsteller auf ihn.