In der Philosophie sind ethische Dilemmata, auch moralische Dilemmata genannt, Situationen, in denen ein Akteur unter zwei (oder mehr) widersprüchlichen moralischen Anforderungen steht, von denen keine die andere außer Kraft setzt. Eine eng verwandte Definition beschreibt ethische Dilemmata als Situationen, in denen jede verfügbare Option falsch ist. Der Begriff wird in der Alltagssprache auch in einem weiter gefassten Sinne verwendet und bezieht sich auf ethische Konflikte, die lösbar sein können, auf psychologisch schwierige Entscheidungen oder auf andere Arten von schwierigen ethischen Problemen. Der vorliegende Artikel behandelt ethische Dilemmata im streng philosophischen Sinne, welche oft als echte ethische Dilemmata bezeichnet werden. Es wurden verschiedene Beispiele vorgeschlagen, aber es besteht Uneinigkeit darüber, ob es sich dabei um echte oder nur scheinbare ethische Dilemmata handelt. Die zentrale Debatte um ethische Dilemmata dreht sich um die Frage, ob es überhaupt welche gibt. Die Befürworter verweisen oft auf scheinbare Beispiele, während ihre Gegner in der Regel darauf abzielen zu zeigen, dass ihre Existenz im Widerspruch zu sehr grundlegenden ethischen Prinzipien steht. Es gibt verschiedene Arten von ethischen Dilemmata. Eine wichtige Unterscheidung betrifft den Unterschied zwischen epistemischen Dilemmata, die dem Handelnden den möglicherweise falschen Eindruck eines unlösbaren Konflikts vermitteln, und tatsächlichen oder ontologischen Dilemmata. Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass es epistemische Dilemmata gibt, aber das Hauptinteresse an ethischen Dilemmata findet auf der ontologischen Ebene statt. Traditionell gingen Philosophen davon aus, dass es eine Voraussetzung für gute Moraltheorien ist, frei von ethischen Dilemmata zu sein. Diese Annahme wurde jedoch in der zeitgenössischen Philosophie infrage gestellt.
Definition Ethische Dilemmata sind Situationen, in denen ein Handelnder unter zwei (oder mehr) widersprüchlichen ethischen Anforderungen steht, von denen keine die andere außer Kraft setzt. Zwei ethische Anforderungen stehen im Widerspruch zueinander, wenn der Handelnde entweder die eine oder die andere tun kann, aber nicht beide: Der Handelnde muss sich für die eine oder die andere entscheiden. Zwei kollidierende ethische Anforderungen setzen sich nicht gegenseitig außer Kraft, wenn sie die gleiche Stärke haben oder wenn es keinen ausreichenden ethischen Grund gibt, die eine der anderen vorzuziehen.Bernard Williams: Ethical Consistency; in: Joseph Raz (Hrsg.): Practical Reasoning; Oxford University Press 1978; ISBN 0198750412; S. 91–109 Nur diese Art von Situation stellt ein ethisches Dilemma im streng philosophischen Sinne dar, was oft als echtes ethisches Dilemma bezeichnet wird. Andere Fälle ethischer Konflikte sind lösbar und daher streng genommen keine ethischen Dilemmata. Dies gilt auch für viele Fälle von Interessenkonflikten. So befindet sich beispielsweise ein Geschäftsmann, der am Ufer eines Sees zu einer Besprechung eilt, in einem ethischen Konflikt, als er in der Nähe des Ufers ein ertrinkendes Kind sieht. Dieser Konflikt ist jedoch kein echtes ethisches Dilemma, da es eine klare Lösung gibt: Der Sprung ins Wasser, um das Kind zu retten, überwiegt bei weitem die Wichtigkeit, rechtzeitig zur Besprechung zu erscheinen. Ausgeschlossen von dieser Definition sind auch Fälle, in denen es für den Handelnden lediglich psychologisch schwierig ist, eine Entscheidung zu treffen, beispielsweise aufgrund persönlicher Bindungen oder weil ihm das Wissen über die Konsequenzen der verschiedenen Alternativen fehlt.
Ethische Dilemmata werden manchmal nicht in Bezug auf widersprüchliche Pflichten definiert, sondern als das Fehlen einer richtigen Handlungsoption, da alle Alternativen falsch sind. Die beiden Definitionen sind für viele Zwecke gleichwertig, aber nicht für alle. So kann man die Auffassung vertreten, dass der Handelnde in ethischen Dilemmata die Freiheit hat, sich für eine der beiden Handlungsweisen zu entscheiden, dass also beide Alternativen richtig sind. Eine solche Situation stellt nach der ersten Definition immer noch ein ethisches Dilemma dar, da die widersprüchlichen Anforderungen ungelöst sind, nicht aber nach der zweiten Definition, da es eine richtige Handlungsweise gibt.
Beispiele Es wurden verschiedene Beispiele für ethische Dilemmata vorgeschlagen, aber es besteht Uneinigkeit darüber, ob es sich dabei um echte oder nur scheinbare ethische Dilemmata handelt. Eines der ältesten Beispiele stammt von Platon, der eine Situation skizziert, in welcher der Handelnde einem Freund versprochen hat, ihm eine Waffe zurückzugeben, welche er wahrscheinlich benutzen wird, um jemandem Schaden zuzufügen, da er nicht bei klarem Verstand ist. In diesem Beispiel steht die Pflicht, ein Versprechen zu halten, in Konflikt mit der Pflicht, zu verhindern, dass andere geschädigt werden. Es ist fraglich, ob es sich in diesem Fall um ein echtes ethisches Dilemma handelt, da die Pflicht, Schäden zu verhindern, das Versprechen eindeutig zu überwiegen scheint. Ein weiteres bekanntes Beispiel stammt von Jean-Paul Sartre, der die Situation eines seiner Studenten während der deutschen Besetzung Frankreichs beschreibt. Dieser Student stand vor der Wahl, entweder für die Befreiung seines Landes von den Deutschen zu kämpfen oder bei seiner Mutter zu bleiben und sich um sie zu kümmern, für die er nach dem Tod ihres anderen Sohnes der einzige Trost war. Der Konflikt besteht in diesem Fall zwischen einer persönlichen Pflicht gegenüber seiner Mutter und der Pflicht gegenüber seinem Land. Der Roman Sophies Entscheidung von William Styron präsentiert ein weiteres viel diskutiertes Beispiel. Darin zwingt ein Nazi-Wachmann Sophie, eines ihrer Kinder für die Hinrichtung auszuwählen, und fügt hinzu, dass beide hingerichtet werden, wenn sie sich weigert, sich zu entscheiden. Dieser Fall unterscheidet sich von den anderen Beispielen, bei denen die kollidierenden Pflichten unterschiedlicher Art sind. Diese Art von Fall wird als symmetrisch bezeichnet, da die beiden Pflichten zur gleichen Art gehören.
Existenz ethischer Dilemmata Das Problem der Existenz ethischer Dilemmata betrifft die Frage, ob es echte ethische Dilemmata gibt, im Gegensatz zu beispielsweise nur scheinbaren Dilemmata oder lösbaren Konflikten. Die traditionelle Position verneint ihre Existenz, aber in der zeitgenössischen Philosophie gibt es verschiedene Befürworter ihrer Existenz. Es gibt unterschiedliche Argumente für und gegen beide Seiten. Die Befürworter ethischer Dilemmata verweisen oft auf scheinbare Beispiele von Dilemmata, während ihre Gegner in der Regel darauf abzielen zu zeigen, dass ihre Existenz im Widerspruch zu sehr grundlegenden ethischen Prinzipien steht. Beide Seiten stehen vor der Herausforderung, diese widersprüchlichen Intuitionen miteinander in Einklang zu bringen.
Argumente dafür Beispiele für ethische Dilemmata sind recht häufig: im Alltag, in Geschichten oder Gedankenexperimenten. Bei genauerer Betrachtung kann sich in einigen dieser Beispiele herausstellen, dass unsere anfänglichen Intuitionen uns getäuscht haben und dass der betreffende Fall doch kein echtes Dilemma ist. Beispielsweise kann sich herausstellen, dass die vorgeschlagene Situation unmöglich ist, dass eine Option objektiv besser ist als die andere oder dass es eine zusätzliche Option gibt, die in der Beschreibung des Beispiels nicht erwähnt wurde. Aber damit die Argumentation der Befürworter Erfolg hat, genügt es, mindestens einen echten Fall zu haben. Dies stellt für die Gegner eine erhebliche Schwierigkeit dar, da sie nachweisen müssten, dass unsere Intuitionen nicht nur in einigen dieser Fälle falsch sind, sondern in allen. Eine Möglichkeit, für diese Behauptung zu argumentieren, besteht darin, sie als epistemische ethische Dilemmata zu kategorisieren, dass der Konflikt lediglich aufgrund des mangelnden Wissens des Handelnden unlösbar erscheint. Diese Position kann einigermaßen plausibel gemacht werden, da die Folgen selbst einfacher Handlungen oft zu weitreichend sind, als dass wir sie richtig vorhersehen könnten. Nach dieser Interpretation verwechseln wir unsere Ungewissheit darüber, welche Handlungsweise den anderen vorzuziehen ist, mit der Idee, dass dieser Konflikt auf ontologischer Ebene nicht lösbar ist.
Das Argument des moralischen Residuums () ist ein weiteres Argument für ethische Dilemmata. Moralisches Residuum bezieht sich in diesem Zusammenhang auf rückwärtsgewandte Emotionen wie Schuld oder Reue. Diese Emotionen beruhen auf dem Eindruck, etwas Falsches getan zu haben oder der eigenen Pflicht nicht nachgekommen zu sein. In einigen Fällen von moralischem Residuum ist der Handelnde selbst verantwortlich, weil er eine schlechte Entscheidung getroffen hat, die er im Nachhinein bereut. Doch im Falle eines ethischen Dilemmas wird dies dem Handelnden aufgezwungen, egal wie er sich entscheidet. Das Durchleben der Erfahrung des moralischen Residuums ist nicht nur etwas, das dem Handelnden widerfährt, sondern es scheint sogar die angemessene emotionale Reaktion zu sein. Das Argument des moralischen Residuums nutzt diesen Gedankengang, um für ethische Dilemmata zu argumentieren, indem es behauptet, dass die Existenz ethischer Dilemmata die beste Erklärung dafür ist, warum moralisches Residuum in diesen Fällen die angemessene Reaktion ist. Die Gegner können mit dem Argument antworten, dass die angemessene Reaktion nicht Schuld, sondern Bedauern ist, wobei der Unterschied darin besteht, dass Bedauern nicht von den vorherigen Entscheidungen des Handelnden abhängig ist. Indem die Verbindung zu der möglicherweise dilemmatischen Entscheidung gekappt wird, verliert das ursprüngliche Argument seine Kraft. Ein weiteres Gegenargument lässt zu, dass Schuldgefühle die angemessene emotionale Reaktion sind, bestreitet aber, dass dies auf die Existenz eines zugrunde liegenden ethischen Dilemmas hinweist. Diese Argumentationslinie kann plausibel gemacht werden, indem man auf andere Beispiele hinweist, wie Fälle, in denen Schuldgefühle angemessen sind, obwohl es überhaupt keine Entscheidung gab.
Argumente dagegen Einige der stärksten Argumente gegen ethische Dilemmata gehen von sehr allgemeinen ethischen Prinzipien aus und versuchen zu zeigen, dass diese Prinzipien mit der Existenz ethischer Dilemmata unvereinbar sind, dass ihre Existenz also einen Widerspruch darstellen würde.
Ein solches Argument beruht auf dem Agglomerationsprinzip und dem Grundsatz, dass Sollen Können impliziert. Laut dem Agglomerationsprinzip gilt: Wenn ein Handelnder eine Sache tun soll und eine andere Sache tun soll, dann soll er beide Sachen tun. Gemäß dem Grundsatz, dass Sollen Können impliziert, gilt: Wenn ein Handelnder beide Sachen tun soll, dann kann er beide Sachen tun. Wenn er aber beides tun kann, gibt es keinen Konflikt zwischen den beiden Handlungsweisen und somit auch kein Dilemma. Für die Befürworter kann es notwendig sein, entweder das Agglomerationsprinzip oder das Sollen-Können-Prinzip zu verneinen. Beides ist problematisch, da diese Prinzipien ziemlich grundlegend sind.