Vaz/Obervaz ( , []) ist eine politische Gemeinde im Schweizer Kanton Graubünden. Die Gemeinde Vaz/Obervaz, die zur Region Albula gehört, umfasst die Dörfer Lain, Muldain, Zorten, Lenzerheide und Valbella sowie die Weiler Nivagl, Fuso, Trantermoira, Sporz, Tgantieni, Sartons und Creusen. Die Fraktion Obersolis liegt jenseits der Albula auf der südlichen Seite der Schinschlucht und ist postalisch Tiefencastel zugehörig.
Geographie mini|links|Das Hochtal von Lenzerheide mini|Luftbild aus 500 m von Walter Mittelholzer (1925) Ein eigentliches Dorf mit dem Namen Vaz/Obervaz existiert nicht. Landläufig werden die Stammfraktionen Lain, Muldain und Zorten als Obervaz bezeichnet.
Das Gebiet der Gemeinde Vaz/Obervaz erstreckt sich in nordsüdlicher Richtung von Parpan bis Alvaschein bzw. Lantsch/Lenz und in ostwestlicher Richtung von der Bergkette des Parpaner Rothorns zu den ausgedehnten Alpweiden des Piz Scalottas, Piz Danis und Stätzerhorns. Am Südhang des Crap la Pala fällt das Gelände steil gegen die tief eingeschnittene Schlucht der Albula ab. Entsprechend gross sind die Höhendifferenzen innerhalb der Gemeinde: auf knapp 700 m ü. M. liegt der tiefste Punkt in der Schinschlucht, 2865 m erreicht der höchste Punkt am Parpaner Rothorn. Das Gemeindegebiet wird vor allem durch den Heidbach entwässert.
Die Stammfraktionen liegen auf durchschnittlich 1200 m, der Kurort Lenzerheide mit dem Heidsee auf rund 1500 m. Die ganze Gemeinde umfasst eine Fläche von 4245 ha, womit Vaz/Obervaz eine der grössten Gemeinden des Kantons Graubünden ist. Die eigentliche produktive Fläche beträgt rund 3000 ha, davon entfallen 730 ha auf die landwirtschaftlichen Nutzflächen. Die Gemeinde Vaz/Obervaz liegt in der Region Surmeir.
Geschichte Frühes Mittelalter Nachweisbar besiedelt war Obervaz zur Zeit der Karolinger (750–910). Das Inventar der fränkischen Krongüter in Churrätien von 831 erwähnt die Fraktionen Lain, Muldain und Zorten mit der damaligen Kirche. Ausgrabungen im Bereich der alten Pfarrkirche St. Donat in Zorten brachten unter anderem auch römische Einzelfunde zum Vorschein und eine frühmittelalterliche Saalkirche mit hufeisenförmiger, rechteckig hintermauerter Apsis aus der Zeit um 650 n. Chr.
Hochmittelalter Die Gemeinde Vaz/Obervaz ist ein Teil des Nachlasses der Freiherren von Vaz. Dieses bedeutende Dynastengeschlecht ist urkundlich nachweisbar von 1135 bis 1338. Zweifellos waren die Freiherren von Vaz eines der mächtigsten Adelsgeschlechter im Alpenraum. Einer Urkunde aus dem Jahre 1253 kann entnommen werden, dass sie auch im deutschen Linzgau ausgedehnte Ländereien besassen. Es wird erwähnt, dass die Freiherren von Vaz in der Umgebung Salems von insgesamt 28 Ortschaften den Zehnten bezogen. Dieser Besitz im Bodenseeraum hat die Frage nach einer möglichen süddeutschen Herkunft der Freiherren von Vaz aufgeworfen. Unabhängig davon geht Jürg Muraro davon aus, dass die Freiherren von Vaz die Rechtsnachfolger jenes Azzo sind, dessen Benefizium im karolingischen Reichsguturbar erwähnt wird.
In Graubünden besassen die Freiherren von Vaz neben ihrem Hauptsitz in Nivagl und später der Burg Belfort Rechte an gut 25 Burgen, von Neu-Aspermont in der Herrschaft bis Jörgenberg im Oberland, von Ortenstein am Ausgang des Domleschgs bis nach Splügen. Die beiden bedeutendsten Vertreter der Dynastie waren Walter der Vierte und Donat von Vaz. Donat hinterliess zwei Töchter, Kunigunde, verheiratet mit Friedrich von Toggenburg, und Ursula, welche nach dem Tode des Vaters Rudolf von Werdenberg Sargans heiratete. Die Hinterlassenschaft des letzten Freiherren ging somit an diese beiden adeligen Häuser über.
Obervaz im Gotteshausbund Im Jahre 1456 wurde Vaz/Obervaz durch Loskauf eine selbständige Gerichtsgemeinde im Gotteshausbund. Sie setzte sich aus vier Squader (Vierteile) zusammen, zu denen auch Stierva und Mutten gehörten. Der Bischof von Chur sowie Schams und Obervaz kauften 1456 das Erbe der Ursula von den verarmten Grafen von Werdenberg Sargans für 3600 Gulden. Obervaz bezahlte für sein Gebiet 600 Gulden, ungefähr 11 000 Franken. rechts|mini|Haus im Weiler Sporz In den nächsten Jahrhunderten wird die Gerichtsgemeinde sukzessive demokratischer und freiheitlicher, einzig die Bündner Wirren (1618–1639) führten sie kurzfristig zurück in einen Zustand der fehlenden Rechtssicherheit, des Leidens, materieller Schäden, Verschuldungen und wirtschaftlichen Ruins. Die Nachkriegszeit ist geprägt durch Kompetenzprobleme zwischen Politik, Bistum und einheimischer Justiz, durch Streitigkeiten um Waldnutzungsrechte und um Gemeindegrenzen. Ganz charakteristisch sind in diesem Zusammenhang die Streitigkeiten zwischen den Vazern, den Churwaldnern und Parpanern um Nutzungsrechte auf der Alp Stätz, welche 1487 mit der Erschlagung von zwölf Hirten der Gegenpartei durch die Vazer ihren Höhepunkt erreichten und erst im Jahre 1788 durch Pachtverträge erledigt werden konnten.
Die grösste Not ist aus der Zeit der Bündner Wirren überliefert. 1629 wurde durch die Söldnerheere Erzherzog Leopolds die Pest eingeschleppt. Sie erfasste grosse Teile Graubündens und raffte in vielen Talschaften den Grossteil der Bevölkerung hinweg. So verödete das Walserdorf Schall hinter dem Piz Danis vollständig und ist seither bloss noch Maiensäss. Als die Pest 1642 die Gemeinde erneut heimsuchte, soll die gesamte ansässige Bevölkerung bis auf zwölf Familien der Seuche zum Opfer gefallen sein.Der Schweizerische Geschichtsforscher, 1812, S. 278, abgerufen am 30. Oktober 2018.
Wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung in der Barockzeit mini|Das Junkerhaus in Muldain ist das historisch bedeutsamste Haus in der Gemeinde Vaz/Obervaz. Das Ende der Bündner Wirren und die Wiederherstellung der Bündner Herrschaft im Untertanengebiet Veltlin führten zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden mehrere Patrizierhäuser und drei barocke Kirchen (Muldain 1673, Lain 1678, Solis 1688) gebaut. 1663 übernahmen die Kapuziner die Seelsorge in der weitläufigen Pfarrei. Mit der Unterstützung der Patrizierfamilien de Florin, Beeli, de Cadusch und de Bergamin setzten sie die Beschlüsse des Konzils von Trient um und erneuerten die Volksfrömmigkeit. Der Einfluss der Kapuziner zeigt sich auch in der Anzahl geistlicher Berufungen. J. J. Simonet listet 1921 in seiner Geschichte der Pfarrei Obervaz 65 Obervazer (51 Weltpriester und Ordensmänner) und Obervazerinnen (14 Ordensschwestern) auf, die im Zeitraum von 1597 bis 1921 eine geistliche Laufbahn einschlugen.
Auswanderung Die Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert war vor allem von der Auswanderung geprägt. Viele junge Männer zogen in fremde Kriegsdienste. Angehörige der lokalen Oberschicht bekleideten Offiziersränge und erhielten nach jahrzehntelangem Dienst eine ansehnliche Pension. Nach der Auflösung der Schweizerregimenter fanden junge Männer und Frauen ein Auskommen als Zuckerbäcker, Cafétier, Kaufleute, Ladendiener, Hausangestellte. Um 1859 befanden sich rund 13 % der erwerbstätigen Bevölkerung im europäischen Ausland und in Übersee. Triest, Udine, Capodistria, Modena, Paris, Bordeaux und Hamburg zogen am meisten Obervazer an.
Zuwanderung Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts liessen sich mehrere Ostschweizer (Altherr, Eugster) und Tiroler (Krismer, Pfiffner, Moser, Kollegger) zunächst als Hintersassen oder Tolerierte in der Gemeinde nieder. Während die Altherr, Eugster, Krismer und Pfiffner bald mit der romanischen Dorfbevölkerung verschmolzen, verlief die Integration der Moser und Kollegger langsamer. Obwohl sie Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Umsetzung des eidgenössischen Gesetzes betreffend die Heimatlosigkeit das Obervazer Bürgerrecht erhielten, blieben sie noch längere Zeit marginalisiert, was vor allem bei den Moser mit ihrer Erwerbstätigkeit zusammenhing. Mehrere Jahrzehnte lebten sie im Raum Canols (Valbella), wo sie für die Gemeinden Obervaz, Parpan und Churwalden den Wasenmeisterdienst versahen. Da sie ihren Lebensunterhalt nicht allein mit dieser Arbeit bestreiten konnten, zogen sie als Hausierer durch die Ostschweiz. Wegen ihrer halbsesshaften Lebensweise bezeichnete man sie als Vaganten. Der Begriff Jenisch wurde ihnen später von aussen auferlegt und war in Romanischbünden nicht geläufig. Die Romanen verwendeten Berufsbezeichnungen wie cutsch (Wasenmeister) oder parler (Kesselflicker).
Gründung des Armen- und Waisenhauses Casa Son Duno Nachdem mehrere Versuche zur Gründung eines Armen- und Waisenhauses gescheitert waren, unternahm Landammann und Grossrat Joh. Fidel Rischatsch-Bläsi 1893 einen erneuten Anlauf, indem er der Gemeinde seine Haushälfte in Zorten mit der Auflage schenkte, darin ein Armen- und Waisenhaus einzurichten. Die Schenkung stiess zunächst auf geteilte Zustimmung. Nachdem die Gemeinde wenig später aber auch die andere Haushälfte von Luzius und Maria Ursula Brügger-Jochberg erwerben konnte, wurde das Haus als Casa Son Duno 1894 eröffnet. Damit konnte die Not der armen Bevölkerungsschichten etwas gelindert werden.
Wappen
Bevölkerung Einwohnerschaft Bevölkerungsentwicklung Jahr 1735 1775 1819 1850 1888 1900 1910 1920 1930 1941 1950 1960 1980 1990 2000 2010 2020 Einwohner 554 614 750 886 768 913 965 1337 1411 1489 1568 2003 2067 2311 2691 2612 2802
Bis 1900 lebte der sesshafte Teil der Bevölkerung fast ausschliesslich von der Landwirtschaft und war über Jahrhunderte hinweg in seiner Grösse beinahe konstant. Die in Obervaz heimatberechtigten Moser und Kollegger waren grösstenteils auf Hausierreise und beeinflussten deshalb die Bevölkerungsstatistik kaum. Immerhin verzeichnete das Todesregister in der Zeitspanne 1892 bis 1905 neben 115 Landwirten je zwei Geschirrhändler und Hausierer und einen Glockengiesser.Quelle: Webseite der Gemeindeschule Vaz/Obervaz.
Noch heute leben viele Nachkommen der Familien Moser und Kollegger in der Gemeinde und bekleiden auch öffentliche Ämter. Andere Zweige leben in der ganzen Schweiz verstreut, viele davon in den Städten St. Gallen, Zürich und Basel. Nach wie vor leben, mittlerweile allerdings mehrheitlich im Mittelland, etliche der «Vazer Jenischen» im Wohnwagen und gehen ihren traditionellen Gewerben nach.
In der ganzen Schweiz wurde während langer Zeit der Begriff Vazer als Synonym für «Jenische» oder «Zigeuner» verwendet. Der einen Landstreicher mimende Schauspieler Zarli Carigiet gab diesem Irrtum singender Weise mit dem Spruch «i bi vo Vaz und kumma vo Vaz und bi au z Vaz dahaima» zusätzliche Verbreitung.
Sprachen Sprachen in Vaz/Obervaz Sprachen Volkszählung 1980 Volkszählung 1990 Volkszählung 2000 Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl AnteilDeutsch 1297 62,75 % 1728 74,77 % 2209 82,09 %Rätoromanisch 594 28,74 % 368 15,92 % 243 9,03 %Italienisch 66 3,19 % 52 2,25 % 49 1,82 %Einwohner 2067 100 % 2311 100 % 2691 100 % In der Gemeinde Vaz/Obervaz wird Rätoromanisch und Deutsch gesprochen. Das in der Gemeinde gesprochene Rumantsch da Vaz ist eine lautliche Varietät des Surmiran. Charakteristische Laute sind "oi" wie in "moir" (Surmiran "meir", dt. Mauer), "eu" wie in "neus" (Surmiran "nous", dt. wir) und stimmhaftes "sch" wie in "schantar" (Surmiran "giantar", dt. Mittagessen). Die aus dem Tirol und der Steiermark eingewanderten Moser und Kollegger verwenden im Familienkreis vereinzelt lautliche Varietäten und Ausdrücke aus der Ostschweiz, dem Tirol und aus der jenischen Sprache. 2,16 % der Wohnbevölkerung nannte bei der Erhebung im Jahr 2000 Portugiesisch als Muttersprache, was somit die dritthäufigste der amtlich erhobenen Sprachen der Gemeinde nach Deutsch (82,09 %) und Rätoromanisch (9,03 %) ist.