Hymnen an die Nacht ist der Titel eines Gedichtzyklus von Novalis (Friedrich von Hardenberg). Der Zyklus wurde zuerst 1800 in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Athenäum veröffentlicht.

Der Zyklus ist das einzige größere Werk, das zu Novalis’ Lebzeiten veröffentlicht und auch von ihm fertiggestellt wurde. Sie werden zusammen mit seinen Geistlichen Liedern als Höhepunkt seiner Lyrik angesehenGerhard Schulz. In: Novalis: Werke. Hrsg. und kommentiert von Gerhard Schulz. C. H. Beck, 2001, S. 658. und können als die bedeutendste Dichtung der Frühromantik bezeichnet werden.

Entstehung und Einflüsse Fassungen

Von den Hymnen existieren zwei verschiedene Fassungen. Die erste – eine handschriftliche Fassung – wurde gegen Ende des Jahres 1799 bzw. zu Beginn des Jahres 1800 geschrieben. Diese Fassung ist in Versen abgefasst. Die Druckfassung – die zweite Fassung –, für die Novalis eigentlich den verkürzten Titel „Die Nacht“ vorsah, entstand nur wenig später, im Zeitraum Ende Januar bis Anfang Februar 1800. Sie ist größtenteils in rhythmisierter Prosa geschrieben, enthält jedoch auch Verspassagen. Diese Prosafassung wurde von Novalis selbst als Druckfassung ausgewählt und kann daher als die endgültige, näher an seinen Absichten liegende Gestaltung gesehen werden. Aus diesem Grund wird in der Forschung auch meist die Athenäumsfassung herangezogen. Es existieren keine Vorstufen zur handschriftlichen Fassung der Hymnen. Trotzdem gibt es Ansätze in der Forschung, die Entstehung des Textes bereits im Jahre 1797 anzusetzen (siehe hierzu 2.3).

Im Gegensatz zur Versfassung zielt die Prosafassung weniger auf das Subjektive und Private ab. Sprecher des Textes ist zwar nicht Novalis, sondern ein lyrisches Ich, aber dennoch beinhalten die Hymnen viele autobiographische Elemente oder begünstigen zumindest eine solche Lesart. Sie können gewissermaßen als Ausdruck der Ereignisse und Entwicklungen im Leben Hardenbergs zwischen 1797 und 1800 gesehen werden. Hierunter fallen unter anderem der Tod Sophie von Kühns, die Verlobung mit Julie von Charpentier, die Studienzeit an der Freiberger Bergakademie, gedankliche Auseinandersetzungen mit den Zusammenhängen zwischen Geist und Natur und vielfältige Überlegungen über die Natur.

Quellen und Anregungen

Als Quellen und Anregungen für Novalis können das Gedanken- und Sprachgut der Mystik und des Pietismus gesehen werden. Weiterhin übten Edward Youngs „Nachtgedanken“ (dt. 1751), Shakespeares Romeo und Julia (dt. von A. W. Schlegel 1797) und Jean Pauls „Unsichtbare Loge“ (1793) nachweislich einen Einfluss auf Novalis aus. Zusätzlich sollte Schillers „Die Götter Griechenlands“ (1788) genannt werden, was besonders für die 5. Hymne von Bedeutung ist (siehe hierzu 2.5). Diesen Quellen entstammen verschiedene Elemente aus den Hymnen; z. B. die Nacht als Mutter oder das Motiv der Liebenden, die über den Tod hinaus verbunden sind, und die Verehrung des Grabes des Geliebten als heiligen Ort. Dennoch gelingt es Novalis aus diesen Elementen etwas Eigenes zu erschaffen, das mit dem Terminus frühromantische Mythologie bezeichnet werden kann. Diese ist als eine poetisierte Verbindung aus Privatmythologie und christlicher Mythologie zu verstehen. Es soll eine universale Mittlerreligion entfaltet werden. Dahinter steht der Gedanke, dass zwischen dem Menschen und dem Göttlichen stets ein Mittler steht. In der christlichen Mythologie ist dies Christus, in der Privatmythologie nach den Vorstellungen Hardenbergs kann der Mittler für jeden Menschen etwas Verschiedenes, z. B. auch die verstorbene Geliebte, sein. Dafür könnten doch auch die frühitalienische Dichtung des Stil Novo und Dantes Komödie (hier insbesondere die Figur von Beatrice, Vermittlerin zwischen dem Dichter und Gott im Paradies) von Bedeutung gewesen sein. Novalis’ Absicht in den Hymnen ist es, diese beiden Vorstellungen zu verschmelzen, um daraus eine speziell frühromantische Mythologie zu schaffen.

Inhalt und Deutung

Der Text besteht aus sechs Hymnen. Diese können in drei Teile zu je zwei Hymnen gegliedert werden. In jedem dieser Teile kann das gleiche Grundmuster gefunden werden. Die jeweils ersten Hymnen beschreiben in einem für Novalis typischen dreistufigen Modell die Entwicklung vom Leben im glücklichen, irdischen Reich des Lichts über eine Phase der schmerzhaften Entfremdung zur Befreiung in der ewigen Nacht. Die jeweils zweiten Hymnen schildern das ernüchternde Aufwachen aus der Vision und die Sehnsucht nach der Rückkehr zu dieser Vision. Die drei Zyklen sind als Steigerung angelegt; in jeder dieser Stufen wird eine höhere Ebene der Erfahrung und des Wissens erreicht.

Die 1. Hymne

Die erste Hymne kann gedanklich in drei Teile unterteilt werden. Sie beginnt mit einem Lob des Lichts, welches zunächst als Prinzip des Lebens bezeichnet wird. Es wird als lebenserweckende Kraft der natürlichen Welt dargestellt. Alle Bestandteile der Natur atmen das Licht, auch der Mensch, der als Fremdling bezeichnet wird. Es wird hierin schon eine gewisse Spannung angezeigt. Der zweite Teil der ersten Hymne setzt die Nacht dem Licht entgegen. Die Assoziationen zur Nacht sind zuerst geprägt von Gefühlen der Einsamkeit und Leere und beeinflusst von gescheiterten Hoffnungen. Das lyrische Ich, das erst nach der Erwähnung der Nacht auftaucht, empfindet Sehnsucht nach dem Licht. Im dritten Abschnitt verschwindet diese Sehnsucht nach dem Licht jedoch und weicht dem Verständnis der geheimnisvollen Nacht. Gefühle der Geborgenheit und der Neugeburt durch die Mutter Nacht werden nun geäußert. Die Nacht ist Element allen Lebens und ist erfreulich und erstrebenswert. Wichtig ist, dass die Nacht auch zum Raum der Liebe wird, ja die Nacht hat erst den Sinn im Sprecher für die Erfahrung der Liebe geöffnet. Die Liebe in einem Mutter-Kind-Verhältnis, zwischen der Nacht, von Novalis als „Weltkönigin“ personifiziert, und dem Ich, weicht nun der Liebe zur Gesandten der Nacht, der Geliebten. Mit der Geliebten wird die ewige Brautnacht vollzogen. Die Geliebte wird als „Sonne der Nacht“ beschrieben, als eine Synthese aus Licht und Nacht, was als Vorausdeutung auf die Aufhebung aller Grenzen und die neue Einheit gesehen werden kann.

Das Ich ist im Verlauf der ersten Hymne reifer geworden und hat somit eine Initiation durchgemacht. Die Nacht wird nun verstanden als das Unendliche, das alles Umfassende und das Zeugende. Das eingangs erwähnte dreistufige Modell kann in dieser Hymne sehr deutlich gesehen werden. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Novalis die traditionellen Assoziationen umkehrt. Das Licht, das positive Symbol in der christlichen Religion, das hier jedoch auch als Symbol für den rationalen Verstand und die Aufklärung gesehen werden darf, wird herabgesetzt und die Nacht wird emporgehoben. Sie wird als sakrales Element gesehen und ist der Raum religiöser Erfahrungen. Der Gegensatz von Licht und Nacht findet sich auch sprachlich, die Beschreibungen des Lichts gehen mit der Häufung von kurzen, hellen Vokalen (i, ü) einher, die der Nacht mit langen, dunklen Lauten (a, u).

Die 2. Hymne

Auf die Begeisterung folgt nun die Ernüchterung, da auf die Nacht stets auch der Morgen folgt. Das Ich beklagt sich in dieser Hymne über die Geschäftigkeit des Tagewerks. Aber das Ich erkennt auch, dass die Herrschaft des Lichts nur begrenzt ist, die Herrschaft der Nacht jedoch zeitlos und raumlos. Thema ist hier also nicht die Nacht als Zeitpunkt des Schlafes und der Ruhe, sondern die Nacht in einer symbolischen Bedeutung. Nun folgt auf die Ernüchterung die Erkenntnis: Das Ich beschreibt, wie der Eingeweihte der Nacht am Tage begegnen kann. Dies kann geschehen im Rausch des Weines, durch die betäubende Wirkung des Bittermandelöls, im Opiumrausch („dem braunen Safte des Mohns“) und auch im Rausch der körperlichen Liebe. Weiterhin kann die Nacht auch im Zauber von alten Geschichten (aus der goldenen Zeit) liegen. Dieser als Schlaf bezeichnete Rauschzustand steht im Gegensatz zum Schlaf des Philisters, die ihn als „Thoren verkennen“. In der zweiten Hymne wird die (zeitliche) Beschränktheit des Lichts hervorgehoben und mit der zeitlosen und raumlosen Unendlichkeit der Nacht kontrastiert.

Die 3. Hymne

Die dritte Hymne spricht nun nicht mehr vom Allgemeinen, sondern berichtet von einem persönlichen, spirituellen Erlebnis des lyrischen Ichs. In diesem Zuge ändert sich auch der Ton, denn das Präsens weicht dem Präteritum der Ich-Erzählung.

Das lyrische Ich berichtet nun von einem Ereignis des Schmerzes in seinem Leben, das jedoch nach dem gleichen Initiationsschema wie in der ersten Hymne gestaltet ist und sich am Ende der dritten Hymne in ein spirituelles, positives Erlebnis umkehrt. Inhaltlich legt der Sprecher dar, wie er in Schmerzen aufgelöst am Grab seiner Geliebten stand. Er berichtet nun von einem mystischen Erlebnis an diesem Grab, in dem er die Aufhebung von Raum und Zeit empfindet. Er erfährt eine geistige Neugeburt und sieht in einer visionären Erscheinung seine Geliebte. Das lyrische Ich erlangt die Erkenntnis, dass am Ende das ewige Bündnis mit seiner Geliebten stehen wird. Die ewige Brautnacht wird hier abermals erwähnt.

Diese Hymne hat Anlass zu zahlreichen Überlegungen bezüglich möglicher Vorstufen der „Hymnen an die Nacht“ gegeben. Die dritte Hymne wurde oft als sogenannte „Urhymne“ bezeichnet. Dies geht darauf zurück, dass Novalis in diesem Abschnitt scheinbar autobiographisch schreibt. Er zitiert nahezu wörtlich aus seinem Tagebuch vom 13. Mai 1797. Darin beschreibt er, wie er ein außergewöhnliches Erlebnis am Grabe Sophies hatte: „Abends ging ich zu Sophieen. Dort war ich unbeschreiblich freudig – aufblitzende Enthusiasmus Momente – Das Grab blies ich wie Staub, vor mir hin – Jahrhunderte waren wie Momente – ihre Nähe war fühlbar – ich glaubte sie solle immer vortreten.“ Deshalb wurde die Entstehungszeit der dritten Hymne oft in zeitliche Nähe zu dem geschilderten Erlebnis gesetzt. Dagegen spricht jedoch einiges. Zum Beispiel ist anzumerken, dass das Graberlebnis im Tagebuch nur beiläufig zwischen Alltäglichem geschildert wird. Außerdem sind bis jetzt keinerlei Vorstufen zur handschriftlichen Version der „Hymnen an die Nacht“ gefunden worden. Es kann vielmehr davon ausgegangen werden, dass Novalis sich im Zuge der Niederschrift der Hymnen bewusst an dieses Graberlebnis erinnert hat und dies sukzessive und nachträglich zu einer Initiation auf eine höhere Erkenntnisebene ausgestaltet hat. Das lyrische Ich erlebt in dieser Vision das Ungültigwerden des Zeitlich-Vergänglichen; er sieht das ewige Leben aus der Nacht hervortreten. Es erschließen sich also der Tod, die Liebe und die höhere Welt in einem einzigen Moment. Der Grundgedanke der dritten Hymne war Novalis wohl aufgrund seiner religiösen Herkunft und durch Fichte und Jean Paul bekannt. Gemeint ist hier die Zufälligkeit der einzelnen Form des Ichs und die Berufung zu einem höheren Ich. Auf den Dichter selbst bezogen war diese Vorstellung eine entscheidende Hilfe dabei den Nachsterbewunsch zu überleben. Die Geliebte wird für den Dichter und für das Ich der Mittler in ihrer frühromantischen Mittlerreligion.

Die 4. Hymne