miniatur|Stadtplan Kassels von Matthäus Merian, 1648 miniatur|Kassel – Auszug aus der Topographia Hassiae von Matthäus Merian 1655
Die Geschichte der Stadt Kassel umfasst die Entwicklungen auf dem heutigen Gebiet der Stadt Kassel von der ersten Besiedlung bis zur Gegenwart.
Erste Besiedlung und Stadtgründung Die ältesten nachgewiesenen Spuren menschlicher Besiedlung im Raum Kassel stammen aus der Jungsteinzeit. Bei Ausgrabungen im Bereich des Altmarkts stieß man 2007 auf Reste einer neusteinzeitlichen Siedlung, die während der Bauvorarbeiten für das Ende 2008 fertiggestellte Finanzzentrum archäologisch gesichert wurden.
Die erste schriftliche Erwähnung des Königshofes Kassel (damals unter dem Namen Chassalla bzw. Chassella) findet sich auf zwei Urkunden des ostfränkischen Königs Konrad I., ausgestellt am 18. Februar 913. Obwohl die Inhalte der Urkunden keinen direkten Bezug zur späteren Stadt aufweisen, gelten sie als frühester schriftlicher Beleg für die Existenz Kassels.
An der Stelle des heutigen Regierungspräsidiums befand sich ein Königshof, in dessen Schutz sich in den nächsten Jahrhunderten eine Siedlung entwickelte, deren geringe Ausdehnung man noch an dem Straßenzug „Graben“ ablesen kann und die von Thietmar von Merseburg 1015 als „civitas“ bezeichnet wird. Der ehemals fränkische Königshof wurde um 1143 allmählich zur Residenz des ludowingischen Grafen Heinrich Raspe II. von Hessen (bzw. Gudensberg) ausgebaut.
Zwischen 1140 und 1148 gründeten Heinrich Raspe und seine Mutter Hedwig von Gudensberg das Prämonstratenserinnenstift auf dem Ahnaberg am Nordrand der damaligen Siedlung, das Kloster Ahnaberg. Hof, Kloster und Siedlung wurden bald darauf befestigt.
Bereits vor 1189 erlangte Kassel das Stadtrecht. Zwar ging die zugehörige Handfeste verloren, doch wurden die darin verbrieften Rechte der Ratsbeamten und Bürger Kassels 1239 von Landgraf Hermann dem Jüngeren von Thüringen bestätigt.Heinrich Gottfried Philipp Gengler: Regesten und Urkunden der Verfassungs- und Rechtsgeschichte der deutschen Städte im Mittelalter, Erlangen 1863, S. 467 ff.
Mittelalter miniatur|hochkant|Der 1415 errichtete Druselturm
Nach der endgültigen Loslösung Hessens von Thüringen baute der neue Landgraf Heinrich I. von Hessen ab 1277 Kassel als Residenz und Hauptstadt der neu entstandenen Landgrafschaft Hessen aus. Er gründete die (Unter-)Neustadt und berief 1292 die Karmeliter nach Kassel, die die Brüderkirche, das älteste heute noch erhaltene Bauwerk der Stadt, errichteten. Im Jahre 1297 gründete seine Gemahlin Mechthild von Kleve das Elisabethhospital, eines der ersten Siechenhäuser Kassels.
Mit der wachsenden Bedeutung Kassels stieg auch die Einwohnerzahl. Um 1330 erweiterte Landgraf Heinrich II. die Stadt um die sogenannte Freiheit. Dort begann man 1366/67 mit dem Bau der Martinskirche, die 1462 eingeweiht wurde. Sie war ein Zeichen der Emanzipation vom Bistum Mainz und entwickelte sich später zum religiösen Zentrum Hessens. 1378 vereinigten sich die bis dahin selbstständigen Städte Altstadt, Neustadt und Freiheit zu einem Gemeinwesen.
Kassel war im 14. Jahrhundert mehrfach militärischen Angriffen ausgesetzt, unter anderem 1385 durch die Belagerung durch Truppen Balthasar von Thüringens. Die Belagerung war jedoch erfolglos, ebenso wie die in den drei Folgejahren.
Am Anfang des 15. Jahrhunderts wurden unter den Landgrafen Hermann II. und Ludwig I. mehrere Gebäude errichtet, die das Stadtbild lange prägten, beispielsweise 1408 das Rathaus und 1415 der Druselturm, der ursprünglich Teil der Stadtbefestigung war und eines der wenigen bis heute erhaltenen mittelalterlichen Gebäude der Stadt ist.
Nach dem Tod Landgraf Ludwig I. 1458 wurde Hessen aufgrund von Erbstreitigkeiten geteilt. Sein ältester Sohn Ludwig erhielt Niederhessen mit Kassel, sein zweiter Sohn Heinrich Oberhessen mit Marburg. Auch daran sieht man die wachsende Bedeutung von Kassel innerhalb der Landgrafschaft Hessen. Landgraf Ludwig II. ließ den Königshof abreißen und an dieser Stelle 1466 ein neues Schloss errichten.
Zeit der Reformation miniatur|Stich der Ansicht Kassels von Osten von Georg Braun und Frans Hogenberg (zwischen 1572 und 1618)
Die Reformation führte 1527 zu Veränderungen durch die Aufhebung der Klöster und Stifter. Landgraf Philipp der Großmütige war einer der wichtigsten Förderer der Reformation in Deutschland. So trat er beispielsweise auf dem zweiten Reichstag zu Speyer als Sprecher der Protestanten auf. Philipp ließ Kassel zu einer der wichtigsten Festungen des Schmalkaldischen Bundes ausbauen. Nach der Niederlage des Bundes 1547 gegen den Kaiser wurde die Stadt besetzt, die Befestigung teilweise geschleift. Philipp wurde von kaiserlichen Truppen gefangen genommen. Nach seiner Rückkehr 1552 begann die Wiederherstellung der Festungsanlagen und 1557 ein umfangreicher Um- und Neubau des alten Landgrafenschlosses. Eine Besonderheit stellte das Alabastergemach dar: Von den niederländischen Hofbildhauern in Kassel, Elias Godefroy und Adam Liquier Beaumont, geschaffen, mit vier großen Reliefs (heute im Hessischen Landesmuseum Kassel); sogar Fußboden, Türflügel, Bänke, Tisch und Saaldecke sind aus Alabaster gefertigt.
miniatur|Die Kasseler Altstadt vor deren Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, hier das Deichmannhaus am Marställer Platz
1567 wurde nach dem Tod Philipps von Hessen im sogenannten Vierbrüdervergleich aus der Hälfte des hessischen Territoriums die Landgrafschaft Hessen-Kassel errichtet, weiterhin entstanden die Landgrafschaften Hessen-Marburg, Hessen-Rheinfels und Hessen-Darmstadt. Nach dem Erlöschen zweier Linien bestanden ab 1604 noch Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt mit den gleichnamigen Haupt- und Residenzstädten.Schätze des Staatsarchivs Marburg: Vertrag der Erbeinigung zwischen Wilhelm, Ludwig, Philipp und Georg, den vier Söhnen des Landgrafen Philipp von Hessen, 28. Mai 1568 Diese Teilung trug zur Schwächung des in der Reformationszeit bedeutend gewordenen Mittelstaats Hessen bei.
Unter Landgraf Wilhelm IV., der in Hessen-Kassel von 1567 bis 1592 regierte, entstanden zahlreiche Großbauten: das Kanzleigebäude am neuen Renthof, der Marstall und das Zeughaus, welches sowohl als Waffendepot als auch als Getreidespeicher für Notzeiten diente. Der unter Landgraf Philipp begonnene Um- und Neubau des Landgrafenschlosses wurde zu Ende geführt. In der Martinskirche entstand ein zwölf Meter hohes Grabmal für Landgraf Philipp und seine Frau, Christina von Sachsen, aus schwarzem Marmor und Alabaster, welches zu den bedeutendsten Bildhauerarbeiten der Zeit in Deutschland gehörte.
Wilhelm betrieb schon als Erbprinz im Schloss eine Sternwarte, die als erste fest eingerichtete im neuzeitlichen Europa gilt. Er war selbst bedeutender Astronom, und in Kassel wurde erstmals bei der Vermessung der Sterne die Kategorie des Raumes durch die der Zeit ersetzt und die Uhr damit zum wichtigen astronomischen Instrument. Der Hofuhrmachermeister Jost Bürgi entwickelte für die Berechnungen der Sternwarte erstmals Logarithmen (noch vor dem Schotten Neper, aber erst nach ihm auf Drängen Keplers veröffentlicht). Im neu angelegten Lustgarten des Landgrafen in der Fuldaaue wurden auf Anregung des Botanikers Charles de l’Écluse unter anderem exotische Pflanzen angebaut. Darunter befanden sich auch Kartoffeln. Kochrezepte entstanden in der Folge und wurden auch an andere Höfe verschickt.
Vom Barock zum Klassizismus Der Nachfolger Wilhelms, Landgraf Moritz der Gelehrte, förderte Kunst und Wissenschaft. 1595 gründete er im umgebauten Renthof eine Hof- und Ritterakademie und errichtete 1606 das Ottoneum als erstes feststehendes Theatergebäude der Neuzeit in Deutschland. Ebenfalls entdeckte und förderte er Heinrich Schütz, der allerdings nach seiner Ausbildung 1615 als Hofkapellmeister nach Dresden ging. Ab 1633 durfte sich Kassel für 20 Jahre Universitätsstadt nennen, bevor die hessische Landesuniversität aus dem Renthof in das wiedergewonnene Marburg zurückverlegt wurde.
In dieser Zeit entstanden die meisten der prächtigen Fachwerk- und Renaissance-Giebelhäuser wie das Linkersche Haus in der Brüderstraße 23 oder auch die Drei Erker Gruppe am Altmarkt, die alle 1943 zerstört wurden.
Im Dreißigjährigen Krieg konnte Kassel trotz mehrerer Versuche nicht von feindlichen Truppen eingenommen werden. Landgraf Wilhelm V. schmiedete ein Bündnis mit Schweden, Soldaten von Hessen-Kassel traten aktiv ins Kriegsgeschehen ein. Der Krieg führte zu Hungersnöten in der Stadt, auch die Pest breitete sich aus. Die Bevölkerung war bei Kriegsende auf weniger als die Hälfte des Vorkriegszustandes dezimiert worden.
miniatur|Die barocke Orangerie in der Karlsaue
Unter Landgraf Karl, der seit 1677 regierte, wurden ab 1685 in Kassel etwa 1700 Hugenotten aufgenommen, die vor allem aus Frankreich, aber auch aus der Kurpfalz kamen. Für sie wurde die Oberneustadt um die 1698 fertiggestellte Karlskirche errichtet.
Anfang des 18. Jahrhunderts begannen auf dem damaligen Karlsberg (heute: Wilhelmshöhe) erste Arbeiten an den Wasserkünsten. 1717 wurde hier das Herkules-Monument vollendet, das Wahrzeichen Kassels. Die Anlage entstand nach Entwürfen von Giovanni Francesco Guerniero, allerdings wurde nur das obere Drittel vollendet. Die Herkulesfigur wurde im Kasseler Messinghof vom Augsburger Kupferschmied Antoni hergestellt. Im Bergpark Wilhelmshöhe fanden auf den Kaskaden am Herkules am 3. Juni 1714, dem ersten Sonntag des Monats, erstmals die Wasserspiele statt. Das Gegenstück zu dem Bergpark nach italienischem Vorbild bildete die Karlsaue als französisch-niederländischer Garten in der Fuldaniederung, mit dem Orangerieschloss als Zentrum (1701–1710 nach Plänen von Johann Konrad Giesler errichtet). Als besondere Sehenswürdigkeit wurde in den 1720er-Jahren dort das Marmorbad eingerichtet: ganz mit verschiedenfarbigem Marmor ausgekleidet, als prunkvoller Rahmen für Statuen und Reliefs des Bildhauers Pierre-Étienne Monnot.
1709 wurde das Collegium Carolinum als eine Art technische Hochschule dem Kunsthaus (ehemaliges Ottoneum) angegliedert. Hier lehrten bis zur Schließung durch Wilhelm IX. bedeutende Gelehrte wie der Weltreisende Georg Forster, der Anatom Samuel Thomas Soemmering und der Historiker Johannes von Müller. Karl betrieb insbesondere eine umfangreiche technische Forschung. Der Franzose Denis Papin führte Versuche mit Dampf durch und entwickelte das Prinzip des Dampfkochtopfs. Im Jahre 1721 wurde das Karlshospital als Besserungsanstalt fertiggestellt.
Landgraf Karl starb 1730. In seinen 53 Regierungsjahren hat er Kassel durch die von ihm beauftragten Bauten, seine Politik und die Förderung der Wissenschaft und Kunst geprägt wie keiner seiner Vorgänger. Kassel war eine prosperierende Stadt mit etwa 19.000 Einwohnern (zum Vergleich: Frankfurt hatte etwa 25.000 Einwohner zu diesem Zeitpunkt).
Nach dem Tode Karls übernahm Prinz Wilhelm die Statthalterschaft für seinen Bruder Landgraf Friedrich I., der zugleich König von Schweden war. Wilhelm ließ in einem Palais an der Frankfurter Straße seine reiche Gemäldesammlung unterbringen, die er in den Niederlanden erworben hatte. Sie stellt mit zahlreichen Bildern von Rembrandt, Rubens und anderen niederländischen Meistern heute noch den Kernbestand der staatlichen Gemäldegalerie dar. Als Erweiterungsbau des Palais ließ er um 1749 durch den Hofarchitekten der Wittelsbacher, François de Cuvilliés der Ältere, einen Galeriesaal errichten. Außerdem entstand nach den Plänen des Architekten in der Nähe Kassels das Schloss Wilhelmsthal.