mini|Mitglieder eines „Wachsamkeitskomittees“ beobachten einen Verdächtigen; bekannte künstlerische Darstellung aus der Illustrated London News vom 13. Oktober 1888. Das Bild trägt den Titel „A Suspicious Character“ und ist Teil der Gesamtreihe „With the Vigilance Committee in the East End“. Jack the Ripper (dt. Jack der Aufschlitzer) ist das Pseudonym eines Serienmörders, dem die Morde an mindestens fünf Frauen im Herbst des Jahres 1888 im Londoner East End zugerechnet werden. Der Mörder wurde nie gefasst, seine mögliche Identität ist auch noch heute Anlass für Spekulationen. So werden von Kriminologen, Historikern und Laien zahlreiche Personen verdächtigt. Die Ereignisse um Jack the Ripper entwickelten sich zu einem Durcheinander von naturwissenschaftlicher und historischer Forschung, Verschwörungstheorien und volkstümlichen Erzählungen. Die zur Zeit der Morde besonders auflagenstarken Zeitungen aus aller Welt widmeten dem mutmaßlichen Täter, den Morden sowie den Ermittlungen und den Fehlschlägen der Polizei fortlaufend ausgedehnte Reportagen.

Name Der Name Jack the Ripper entstammt dem sogenannten Dear-Boss-Brief, der am 27. September 1888 der Central News Agency in London zugestellt wurde, dessen Echtheit jedoch umstritten ist. Der Verfasser des Briefes gab sich als der Mörder aus. Vielfach wurde behauptet, dass der Name Jack the Ripper durch die Zeitungen in die Welt gesetzt wurde. Neben diesem wohl bekanntesten Namen wurde der mutmaßliche Serienmörder auch Leather Apron (Lederschürze) und The Whitechapel Murderer (Mörder von Whitechapel) genannt.

Hintergründe In England kam es Mitte des 19. Jahrhunderts durch Einwanderung und eine hohe Geburtenrate zu einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum. In London führte das zu Umweltproblemen wie dem Großen Gestank im Jahre 1858. Während um 1850 viele Iren aufgrund der Großen Hungersnot in Irland nach England flüchteten, kamen ab 1882 große Mengen Zuwanderer aus Osteuropa und Russland, die sich aufgrund der in ihrer Heimat stattfindenden Judenpogrome in derselben Londoner Gegend ansiedelten, dem Londoner East End.Anne J. Kershen. The Immigrant Community of Whitechapel at the Time of the Jack the Ripper Murders, in Werner, S. 65–97; Laura Vaughan. Mapping the East End Labyrinth, in Werner, S. 225. Das Gebiet um den Hafen, vor allem das heutige London Borough of Tower Hamlets, war völlig überbevölkert. Arbeitsplätze und Wohnmöglichkeiten waren rar. Viele Frauen verdienten sich ihren Lebensunterhalt durch Gelegenheitsprostitution. Das Leben spielte sich auf der Straße, in Pubs und in Armenunterkünften ab, sogenannten Common Lodging-Houses. Armut, Alkohol und Diebstahl gehörten zum Alltag. Im Oktober 1888 vermutete der Metropolitan Police Service alleine in Whitechapel etwa 1.200 Prostituierte und 62 Bordelle.Polizeibericht vom 25. Oktober 1888, MEPO 3/141. Zitiert u. a. bei Evans und Skinner, Sourcebook Seite 283 und Rumbelow Seite 12.

Whitechapel-Morde

Allgemeines mini|Tatorte der ersten sieben Whitechapel-Morde|250px Die Whitechapel-Morde bezeichnen eine Reihe von elf Morden, die sich zwischen dem 3. April 1888 und 13. Februar 1891 in Whitechapel und den angrenzenden Stadtteilen Poplar, Spitalfields sowie der City of London ereignet haben. Trotz alltäglicher Kriminalität in Whitechapel, insbesondere gegenüber Frauen, sorgten die Taten vor allem aufgrund ihrer Grausamkeit für Aufsehen. Bei den Opfern handelte es sich um Frauen aus ärmlichsten Verhältnissen, die in den meisten – womöglich allen – Fällen von (Gelegenheits-)Prostitution und kleineren Arbeiten lebten. Die Morde an fünf der Frauen, die heute als „Kanonische Fünf“ bekannt sind, wurden von den damaligen Verantwortlichen und werden von heutigen Experten überwiegend als Tat einer einzelnen Person betrachtet. Ob die restlichen sechs Personen ebenfalls Opfer dieses Mörders wurden oder aber ein oder mehrere weitere Täter an den Morden beteiligt waren, ist umstritten.

Frühe Morde Am Morgen des 3. April 1888 kehrte Emma Elizabeth Smith schwer verletzt zu ihrer Herberge in der George Street zurück, wo sie von zwei Bekannten in das London Hospital gebracht wurde. Smith war in der Osborn Street, Whitechapel, beraubt und vergewaltigt worden, laut eigener Aussage von zwei oder drei Männern, einer davon jüngeren Alters. Sie trug Verletzungen an Ohr und Gesicht davon, außerdem war ein stumpfer Gegenstand in ihre Vagina gestoßen worden, durch den auch ihr Peritoneum gerissen war. Am darauffolgenden Morgen starb sie an den Folgen ihrer Verletzungen.Stewart P. Evans, Keith Skinner. The Ultimate Jack the Ripper Sourcebook. An Illustrated Encyclopedia. Constable and Robinson, London 2002, ISBN 1-84119-452-2, S. 4–7.

Die Prostituierte Martha Tabram wurde am Morgen des 7. August 1888 an einem Treppeneingang in George Yard mit 39 Stichen ermordet aufgefunden. Die Stiche befanden sich hauptsächlich im Bereich des Rumpfes, mit einem Fokus auf die Brüste, Bauch und Unterleib.Trevor Marriott. Jack the Ripper. The 21st Century Investigation. John Blake, London 2005, ISBN 1-84454-103-7, S. 9–10. Die Haltung und der freigelegte Unterleib des Opfers deuteten auf sexuelle Handlungen, diese konnten aber durch den untersuchenden Arzt nicht bestätigt werden.Stewart P. Evans, Donald Rumbelow. Jack the Ripper. Scotland Yard Investigates. Sutton Publishing, Stroud 2006, ISBN 0-7509-4228-2, S. 51. Wegen der zeitlichen Nähe zu den Morden an den „Kanonischen Fünf“ und der Brutalität dieser Tat wird Tabram häufig zu den Opfern von Jack the Ripper gezählt.

Sogenannte Kanonische Fünf Als die Kanonischen Fünf werden die Opfer der Whitechapel-Morde bezeichnet, die zwischen dem 31. August und dem 9. November 1888 geschahen. Ein überwiegender Anteil der Experten und damaligen Verantwortlichen geht davon aus, dass diese von derselben Person begangen wurden.

Am 31. August 1888 wurde gegen 3:40 Uhr die Prostituierte Mary Ann Nichols in der Buck’s Row (heute: Durward Street) in Whitechapel tot aufgefunden. Ihre Kehle wurde durchschnitten. In der Leistengegend waren Schnitte angesetzt, um den Unterleib zu öffnen und ihre Gedärme freizulegen.

Die Leiche der Prostituierten Annie Chapman wurde am 8. September 1888 auf dem Hinterhof von 29 Hanbury Street, Spitalfields, entdeckt. Ihre Kehle wurde mit zwei Schnitten durchtrennt. Der Unterleib wurde vollständig geöffnet und ausgeweidet. Die Gedärme waren über die rechte Schulter gelegt. Später stellte sich heraus, dass ein Teil der Bauchdecke sowie die komplette Gebärmutter fehlten.

Die Prostituierte Elizabeth Stride wurde am 30. September 1888 in der Nacht des sogenannten Double-Event (deutsch „Doppelereignis“) ermordet. Ihr Leichnam wurde um 1:00 Uhr im Dutfield’s Yard in der Berner Street (heute: Henriques Street) in Whitechapel gefunden. Im Gegensatz zu Mary Ann Nichols und Annie Chapman wurde Stride mit Ausnahme der Durchtrennung der Kehle nicht weiter verstümmelt. Einige Quellen gehen davon aus, dass Stride aufgrund der fehlenden Öffnung des Unterleibs nicht zu den Opfern von Jack the Ripper gehört. Allerdings stimmen sowohl Zeit und Ort als auch die Merkmale des Opfers mit den anderen Morden überein. Quellen, die davon ausgehen, dass Jack the Ripper der Mörder war, sind der Ansicht, dass der Täter durch die Ankunft des Kellners einer angrenzenden Gaststätte mit einem Fuhrkarren bei seiner Tat gestört wurde.

Nur 44 Minuten später wurde am etwa einen Kilometer entfernten Mitre Square, City of London, der Körper von Catherine Eddowes gefunden.Untersuchungszeugnis des Gutachters Frederick William Foster, zitiert aus Evans and Skinner (2000), S. 201–202; Marriott, S. 138 (siehe Abschnitt Literatur) Ihr Leichnam war ähnlich verstümmelt wie der von Annie Chapman. Aus dem geöffneten Unterleib fehlten die halbe Gebärmutter sowie die linke Niere. Darüber hinaus war neben der durchschnittenen Kehle auch das Gesicht verstümmelt. Danach flüchtete der Ripper vermutlich wieder nach Whitechapel, denn in der Goulston Street wurde später ein Teil der Schürze von Eddowes gefunden. Geht man davon aus, dass beide von einer Person getötet wurden, so dürfte der Mörder an Catharine Eddowes das vollendet haben, was er bei Elizabeth Stride aufgrund der Störung nicht durchführen konnte.Der untersuchende Pathologe Dr. Frederick Gordon Brown zitiert aus Evans and Rumbelow, S. 128; Evans and Skinner (2000), S. 207; and Marriott, S. 132–133, 141–143 (siehe Abschnitt Literatur)

Am 9. November 1888 um 10:45 wurde die Leiche der Prostituierten Mary Jane Kelly in ihrem Zimmer in Nr. 13 Miller’s Court in der Dorset Street entdeckt. Wie bei allen der „Kanonischen Fünf“ war die Kehle durchschnitten.Zeugenaussage von Dr Phillips's, 12. November 1888, zitiert in Marriott, S. 176 (siehe Abschnitt Literatur) Das Gesicht war stark verstümmelt, Brustkorb und Unterleib waren aufgeschnitten. Viele innere Organe waren entfernt worden und lagen verstreut im Raum. An verschiedenen Stellen des Körpers wurde das Muskelfleisch entfernt.Der Bericht des Polizeichirurgen Thomas Bond, MEPO 3/3153 ff. 10–18, zitiert aus Begg, Jack the Ripper: The Definitive History, S. 242–243; Evans and Skinner (2000), S. 345–347 und Marriott, S. 170–171 (siehe Abschnitt Literatur) Das Herz fehlte und wurde entweder vom Täter mitgenommen oder vor Ort im Ofen verbrannt. Der Mord an Mary Jane Kelly unterscheidet sich von den anderen Opfern insofern, als Kelly wesentlich jünger war und sie nicht in der Öffentlichkeit, sondern in ihrer privaten Unterkunft ermordet wurde. Aus diesem Grund sind einige Experten der Auffassung, Mary Jane Kelly sei nicht von Jack the Ripper getötet worden. Die Mehrheit der Forscher hingegen sieht sie durchaus als das Opfer Jack the Rippers. Zeit und soziale Schicht passen ins Bild. Auch die Tatsache, dass die Verstümmelungen von Mord zu Mord schlimmer wurden, spricht dafür. Wegen der umfassenden Berichterstattung und der Ermittlungen durch Polizei und „Wachsamkeitskomittees“ könnte sich der Mörder deshalb dazu genötigt gefühlt haben, Vorsicht walten zu lassen und Mary Jane Kelly in einem geschützten Raum, außerhalb der Öffentlichkeit, zu ermorden.The Daily Telegraph, 10. November 1888, zitiert aus Evans und Skinner (2000), S. 338; Marriott, S. 179; Whitehead und Rivett, S. 86 (siehe Abschnitt Literatur)

Spätere Morde Mary Jane Kelly gilt gemeinhin als das letzte Opfer von Jack the Ripper. Das plötzliche Ende der Mordserie wird damit erklärt, dass der Mörder gestorben sei, aus anderen Gründen inhaftiert, in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wurde oder das Land verlassen habe. Einige wenige Forscher sehen aber auch die letzten vier der Whitechapel-Morde als Taten des Rippers.

Am 20. Dezember 1888 wurde die Leiche der erdrosselten Prostituierten Rose Mylett in einem Hinterhof in der High Street, Poplar, gefunden. Da keine Kampfspuren zu finden waren, ging die Polizei zunächst davon aus, dass sie sich ihre tödlichen Verletzungen in Trunkenheit selbst zufügte oder Selbsttötung beging.Robert Anderson zu James Monro, 11. Januar 1889, MEPO 3/143 ff. E–J, zitiert aus Evans and Skinner (2000), S. 434–436 (siehe Abschnitt Literatur) Nach der Untersuchung war man jedoch davon überzeugt, dass es sich um einen Mord handelte.

Alice McKenzie, auch bekannt als (dt. „Tonpfeifen-Alice“) oder Alice Bryant, wurde am 17. Juli 1889 getötet. Todesursache war die Durchtrennung der Halsschlagader. Außerdem fanden sich Stichwunden in der Bauchdecke.