Die Schlacht von Kyzikos war eine kombinierte See- und Landschlacht während des Peloponnesischen Krieges. Sie wurde im März/April 410 v. Chr. zwischen den Flotten Athens und Spartas vor Kyzikos in der Propontis ausgetragen. In den anschließenden Landkampf griffen auch Truppen des Achämenidenreichs ein. Die Schlacht endete mit einer klaren Niederlage der Spartaner, deren Flotte vollständig vernichtet wurde.
Die Ausgangssituation Nach dem Verlust seiner Expeditionsflotte in Sizilien (413 v. Chr.) kämpfte Athen um den Erhalt seines Attischen Reiches in der Ägäis. Im ersten Jahr nach der Katastrophe war es Sparta als Vormacht des Peloponnesischen Bundes gelungen, zahlreiche Städte und Inseln auf seine Seite zu ziehen, darunter Chios, Milet, Euboia und die wichtigsten Städte an den Meerengen Hellespont und Bosporus. Ermöglicht wurde dies auch dank eines Bündnis- und Subsidienvertrags mit dem Perserreich, durch den die Peloponnesier in der Lage waren, eine große Flotte auszurüsten.Thukydides, VIII 1–96.
Nach den ersten Auflösungserscheinungen hatte Athen jedoch reagiert und eine neue Flotte aufgestellt, mit der es den Spartanern am Hellespont entgegentrat, dessen Kontrolle für die athenischen Getreideimporte vom Schwarzen Meer unverzichtbar war. In der Meerenge zwischen Abydos und Sestos war es den attischen Feldherren Thrasybul und Thrasyllos 411 v. Chr. gelungen, den spartanischen Seeherrn Mindaros in zwei Seeschlachten in die Schranken zu weisen. In der ersten, der Schlacht von Kynossema, hatten die Athener nur leichte Vorteile. In der zweiten, der Schlacht von Abydos, war das Ergebnis deutlicher und die spartanische Flotte, zu der auch starke Kontingente aus Syrakus, Chios und Korinth gehörten, verlor 30 Schiffe. Trotz dieser Rückschläge blieb die Flotte des Mindaros jedoch eine Bedrohung, da der höhere Sold der Spartaner dafür sorgte, dass es ihnen nie an Ruderern mangelte, während mit dem Holz des Großkönigs bald Ersatz für die verlorenen Schiffe gebaut war.Thukydides, VIII 97–109; Xenophon, Hellenika, I 1,1–8; Diodor, Bibliothek, XIII 38–42 und 45f.
Die Rückkehr des Alkibiades hochkant=0.6|mini|Alkibiades (Marmor, 4. Jh. v. Chr.) Den Ausschlag in der Seeschlacht von Abydos hatte durch sein überraschendes Eingreifen der Feldherr Alkibiades gegeben, der während der Sizilienexpedition wegen Religionsfrevels angeklagt worden war und sich dem drohenden Prozess durch Flucht nach Sparta entzogen hatte. In spartanischen Diensten war Alkibiades im Jahr 412 v. Chr. die treibende Kraft hinter dem Abfall von Chios und Milet gewesen, bald darauf hatte er jedoch versucht, das spartanisch-persische Bündnis zu hintertreiben, indem er Tissaphernes, dem Satrapen von Lydien, den Ratschlag gab, Sparta nicht zu sehr erstarken zu lassen und stattdessen die beiden Vormächte Griechenlands gegeneinander auszuspielen. Bevor die Spartaner seine Machenschaften durchschauten, hatte er Anfang des Jahres 411 v. Chr. erneut die Seiten gewechselt, um sich bald wieder kraftvoll für die Interessen Athens einzusetzen.Thukydides, VI 53 und 88–93, VIII 12–37, 45–59 und 81f; Xenophon, Hellenika, I 1,5f; Plutarch, Alkibiades, 17–27.
Nach der Seeschlacht von Abydos unternahm Alkibiades zunächst einen letzten Versuch, seinen Freund Tissaphernes von einem Bündnis mit Athen zu überzeugen. Dieser hatte indes neue Anweisungen vom Großkönig Dareios II. erhalten und ließ ihn in Sardes festnehmen und einsperren. Nach dreißig Tagen gelang Alkibiades die Flucht. In einem abenteuerlichen Ritt gelangte er nach Klazomenai an der ionischen Küste. Von dort fuhr er mit 5 Trieren und einem Leichtboot erneut an den Hellespont, wo er nur noch 40 athenische Schiffe vorfand, da die übrigen unter Thrasybul ausgefahren waren, um auf den nahegelegenen Inseln den Tribut einzufordern.Xenophon, Hellenika, I 1,9f; Plutarch, Alkibiades, 27f.
Die Anfahrt Mindaros waren nach der Schlacht von Abydos 60 Schiffe verblieben, mit denen er nach Kyzikos an der Nordküste Kleinasiens fuhr, um von Pharnabazos, dem persischen Satrapen von Phrygien, neue Hilfsleistungen zu erbitten. Das momentane Übergewicht der Spartaner war indes nur von kurzer Dauer. Mit der Rückkehr Thrasybuls aus Thasos mit 20 Schiffen und der gleichzeitigen Ankunft des Strategen Theramenes mit 20 neuen Trieren aus Athen verschob sich das Kräfteverhältnis wieder zugunsten der Athener.Diod. XIII, 47.4-8, 49.1. Der damit verbundene Schub an frischem Optimismus wurde noch verstärkt durch die ersehnte Nachricht des Theramenes, dass man in Athen nach dem oligarchischen Putsch vom Jahresanfang wieder zur demokratischen Staatsverfassung zurückgekehrt war.Xenophon, Hellenika, I 1,11f; Diodor, Bibliothek, XIII 49; Plutarch, Alkibiades, 28.
Als sie erfuhren, dass Mindaros und Pharnabazos das unbefestigte Kyzikos besetzt hatten, segelten Thrasybul als Oberkommandierender, Theramenes als sein Stellvertreter und Alkibiades mit ihren und den verbliebenen vierzig Schiffen, die noch in Kardien verblieben waren, nach Parion und die vereinigte Flotte von nunmehr 86 Schiffen gelangte bei Nacht nach Prokonnesos in der Propontis, um von einer unerwarteten Seite aus Kyzikos zu überfallen.Xen. Hell. I, 1.11-12. Die Athener brachen im Dunkel der Nacht durch den Hellespont auf, damit die mit Sparta verbündete Hafenstadt Abydos die Zahl der vorbeifahrenden Schiffe nicht erkennen konnte. Ein Verbot, auf die gegnerische Küste überzusetzen, sollte das Überraschungsmoment zusätzlich sichern, bei Zuwiderhandlung drohte die Todesstrafe. Am folgenden Morgen hielt Alkibiades eine Ansprache an die Mannschaften, in der er den Soldaten die bevorstehende Schlacht durch die zu erwartende Beute schmackhaft zu machen suchte:Xenophon, Hellenika, I 1,13–15; Diodor, Bibliothek, XIII 49; Plutarch, Alkibiades, 28.
Von Prokonnesos fuhr die attische Flotte in südöstlicher Richtung an der Küste der Halbinsel Arktonnesos vorbei nach Kyzikos. Während der Fahrt regnete es, doch bei der Ankunft vor der Stadt klarte es plötzlich auf, und die Sonne beleuchtete die Szenerie in der Bucht vor dem Hafen, wo Mindaros gerade ein Flottenmanöver abhielt. Bei ihm befanden sich sein Vizeadmiral Hippokrates, der Stratege Klearchos und der syrakusische Feldherr Hermokrates als Führer des sizilischen Kontingents.Xenophon, Hellenika, I 1,16; Plutarch, Alkibiades, 28.
Topographie und Quellenkritik hochkant=1|mini|Vereinfachtes Schema des athenischen Schlachtplans in der Schlacht von Kyzikos Der Historiker Xenophon verliert insgesamt nur sehr wenige Worte über die nun folgende Seeschlacht, während der fünf Jahrhunderte später schreibende Biograph Plutarch sie als eine recht einfache Operation beschreibt: Alkibiades fuhr mit nur 20 Schiffen an den Feinden vorbei und als diese die Verfolgung aufnahmen, erschienen Thrasybul und Theramenes mit dem Rest der Flotte und schnitten ihnen den Rückzug in den Hafen ab.Xenophon, Hellenika, I 1,16; Plutarch, Alkibiades, 28.
Ein Blick auf die Karte verrät jedoch, das dies keineswegs so einfach gewesen sein kann, da Kyzikos auf der Landenge lag, welche die Halbinsel Arktonnesos mit dem kleinasiatischen Festland verbindet. Nach Westen wie nach Osten bilden die Küsten der Halbinsel im Norden und Phrygiens im Süden einen spitz zulaufenden Winkel, an dessen Endpunkt in einer tief eingeschnittenen Bucht Kyzikos lag, wobei im Nordwesten ein Vorgebirge bei dem Ort Artake die Einfahrt noch zusätzlich verengte. Die Stadt war zum damaligen Zeitpunkt nicht befestigt, weshalb die Peloponnesier und Pharnabazos sie ohne Probleme eingenommen hatten. Sie war aber gegenüber dem Festland durch einen kurzen Kanal geschützt, der den westlichen Meerbusen mit dem östlichen verband. Wegen dieses Kanals hatte Kyzikos drei Häfen, einen im Westen, einen im Osten und ein drittes Becken mitten auf dem Isthmos, das nur durch den Kanal zu erreichen war. hochkant=0.6|mini|Tetradrachme aus Kyzikos, ca. 350 v. Chr. Ein einfaches Passieren der Stadt war also unmöglich, und die Bestätigung findet man in der dritten überlieferten Quelle, dem Historiker Diodor, dessen Bericht ohne Zugrundelegung der topographischen Gegebenheiten verwirrend erscheinen mag, nach einem genauen Abgleich jedoch als artikulierte Darstellung eines komplexen Schlachtgeschehens zu verstehen ist. Das Werk Diodors ist ansonsten von unterschiedlicher Qualität. Im Allgemeinen heißt es, Diodor sei so gut wie seine Quellen. Im Fall der Schlacht von Kyzikos stand ihm offenbar eine sehr detaillierte Schlachtanalyse des Ephoros zur Verfügung, weshalb sein Bericht von Militärhistorikern den anderen Überlieferungen vorgezogen wird.Diodor, Bibliothek, XIII 50f. Vgl. etwa John Francis Lazenby: The Peloponnesian War: a military study, S. 203–205.
Anderer Ansicht ist Bruno Bleckmann, demzufolge Diodor sich hier auf Material stützte, das, vermittelt über eine Zwischenquelle, letztendlich auf einer Grundquelle beruht, die Bleckmann mit Theopompos identifiziert. Nach Bleckmann war die Darstellung des Theopompos dadurch charakterisiert, dass er Material Xenophons übernahm, es veränderte und mit fiktiven Elementen erweiterte. Aufgrund der zahlreichen zusätzlichen, auch topographisch exakten Informationen bei Diodor ist die Theorie einer derart nachgeordneten Konstruktion des Schlachtberichts von Kyzikos jedoch nicht überzeugend.Bleckmann, Athens Weg in die Niederlage, S. 56–72. Insgesamt leidet die Argumentation Bleckmanns darunter, dass er sich weitgehend auf reine Quellenkritik beschränkt, ohne ernsthaften Versuch einer Rekonstruktion des Schlachthergangs. Einen solchen unternimmt dagegen John Francis Lazenby, scheitert aber bei der Landschlacht an einer irrigen Annahme bezüglich der Position des Chaireas.John Francis Lazenby: The Peloponnesian War: a military study, S. 203–205. Bleckmann wie Lazenby folgen damit zumindest in Teilen der Kritik von Georg Busolt, der die Quelle Diodors für eine „willkürlich erfundene Schilderung“ hielt.Georg Busolt: Zur Glaubwürdigkeit Theopomps, in: Hermes, 45. Bd., H. 2 (1910), S. 240–249, Zitat S. 249.
Die Seeschlacht links|mini|hochkant=0.4|Griechischer Peltast Diodor berichtet, dass die Athener vor Beginn der Seeschlacht ihre Hopliten unter dem Kommando des Chaireas auf dem Gebiet der Kyzikener ausschifften.Diodor, Bibliothek, XIII 49,6. Es ist deshalb zunächst zu fragen, wo diese Ausschiffung stattfand. Als Territorium der Stadt Kyzikos kann nur die Halbinsel Arktonnesos gelten, nicht die weitere phrygische Gegenküste. Die Annäherung der attischen Flotte erfolgte von Nordwesten entlang der Küste der Halbinsel. Unter Beachtung der militärischen Grundregel, dass Flotte und Landtruppen möglichst parallel marschierten, war die Ausschiffung daher nur an der Südwestküste von Arktonnesos praktikabel. Als idealer Ort erscheint dabei unweit von Kyzikos der natürliche Hafen von Artake hinter dem gleichnamigen Vorgebirge.
Aus der Darstellung Diodors lässt sich schließen, dass die attische Flottenführung vor Beginn der Schlacht eine genaue Vorstellung von den örtlichen Gegebenheiten und einen klaren Plan gehabt haben muss. Unter Beachtung aller Gegebenheiten ist daher wahrscheinlich, dass die Athener sich zunächst hinter dem Vorgebirge von Artake hielten, um dort ihre Landtruppen auszuladen und von dem die Bucht dominierenden Hügel die Lage zu studieren. Es ist sogar denkbar, dass sie auf dem Vorgebirge einen Signalposten einrichteten, um die Bewegungen der verschiedenen Flotten- und Heeresteile zu koordinieren.