Der Chevrolet Caprice war ein Fullsize-PKW, der in den Modelljahren 1966 bis 1996 von der preisgünstigen Chevrolet-Division des Automobilherstellers General Motors in den USA zunächst als Luxusversion des Modells Impala und damit Spitzenmodell gebaut wurde. Die Bezeichnung wurde durch vier Modellgenerationen beibehalten und gehörte durchgehend zu den bestverkauften Chevrolet-Modellen. Die letzte Generation Caprice war gleichzeitig der letzte in Nordamerika von General Motors produzierte Body-on-Frame-PkW.

Modellgeschichte 1. Generation – Caprice (1966–1970)

mini|links|1966 Chevrolet Caprice Coupé

Noch zu Beginn der Sechziger haben US-Automobilmarken üblicherweise jeweils nur ein einziges PKW-Modell produziert, das in der Regel in drei verschiedenen Ausstattungsvarianten (Trimlevel) angeboten wurde. Als ab 1960 nach und nach kleinere PKW Einzug ins Portfolio der Hersteller hielten, wurde die traditionelle Baureihe begrifflich mit Bezeichnungen wie „Regular Size“ oder „Standard Size“ abgegrenzt, woraus sich ab Mitte der Sechziger die Klassenbezeichnung „Fullsize“ entwickelt hat. Fullsize ist ursprünglich ein traditionell, nicht technisch definierter Begriff, der bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die traditionelle Fahrzeugplattform einer Marke weitgehend ungeachtet ihrer tatsächlichen Größe beschreibt, und der erst wesentlich später an Standardmaße und -rauminhalte geknüpft wurde.

Dass der Caprice unter den großen Chevrolet-Modellen die Spitzenposition einnimmt, führt oft zu der Annahme, es handle sich um ein gehobenes Modell im Sinne der deutschen „oberen Mittelklasse“. Vor dem Hintergrund des völlig anders strukturierten US-Marktes ist diese Einstufung irreführend: Die Divisionen des GM-Konzerns waren entlang einer strikten vertikalen Preishierarchie organisiert, von Cadillac über Buick, Oldsmobile und Pontiac absteigend zu Chevrolet. Chevrolet war horizontal gegen die Ford Motor Company-Marke Ford sowie die Chrysler Corporation-Marke Plymouth aufgestellt – diese drei extrem stückzahlenstarken Marken bildeten das sogenannte „Low Price“-Segment, in welches zwischen 1950 und 1975 mehr als 50 % der Neuwagenverkäufe in den USA fielen. Die übrigen Divisionen haben bis in die Siebziger eine strikte Abgrenzung gegen das Low-Price-Segment aufrechterhalten, sichtbar unter anderem in der lange künstlich verzögerten V8-Einführung bei Chevrolet oder dem „Flossenverbot“ für die Low-Price-Marke. Kein Produkt der Low Priced Three wurde von Konsumenten als „gehoben“, „obere“ oder „mittel“ wahrgenommen. Hier verhält es sich ähnlich wie mit der „Fullsize“-Klasse, die als „Normalgröße“ wahrgenommen wurde: Chevrolet war – mit mehr als 50 % Anteil an der GM-Gesamtproduktion – die „normale“ Marke, Pontiac, Oldsmobile, Buick und Cadillac wurden als mögliche Steigerungen des Normalzustandes betrachtet. Insofern ist selbst die Annahme einer Mittelklasse auf dem US-Markt schon verzerrend.

Entsprechend der traditionellen Herleitung der „Fullsize“-Definition ist der Chevrolet Fullsize kleiner als die Fullsizes der gehobenen Marken. Cadillac und Buick haben die lange C-Plattform verwendet, Chevrolet und Pontiac die kürzere B-Plattform, nur Oldsmobile in der Mitte der Hierarchie hat beide Plattformen genutzt und gleichzeitig zwei Fullsizes angeboten.

Die Chevrolet-Division des GM-Konzerns hat ihren Fullsize von 1950 bis 1957 auf der A-Plattform des Konzerns gebaut, und von 1958 bis 1995 auf der B-Plattform. 1996 wurde die Plattform in GMT300 umbenannt und am Ende des Modelljahres eingestellt. Zum Modelljahr 1965 bekam die B-Plattform einen neuen Leiterrahmen, der den bisher verwendeten X-Rahmen ablöste. Gleichzeitig wurde die Plattform wesentlichen technischen Veränderungen unterzogen. Den traditionellen drei Trimleveln Biscayne, Bel Air und Impala wurde zu diesem Anlass ein Sonderausstattungspaket zur Seite gestellt, welches nur auf der viertürigen Hardtop-Limousine des Spitzen-Trimlevels Impala erhältlich war. So ausgestattete Fahrzeuge wurden als „Impala Caprice“ bezeichnet.

1966 Zum Modelljahr 1966 wurde „Caprice“ zu einem eigenen Trimlevel, das den Spitzenplatz in der Trimlevel-Hierarchie einnahm. Die Verfügbarkeit war zunächst auf den Sport Sedan und den Station Wagon (Kombi) beschränkt, außerdem erhielt der Caprice eine eigene Coupé-Karosserie, die sich vom Impala-Coupé durch die steilere Heckscheibe und breitere C-Säule unterschied.

Entsprechend dem Spitzenstatus des Trimlevels gab es den Caprice nur mit V8-Motoren. Der Basismotor war der bekannte 283 in³ (4,7 Liter) Small Block V8 und leistete 195 PS (143 kW). Sowohl der Mark I „W-Block“-Motor als auch die Rochester-Einspritzanlage waren im Vorjahr eingestellt worden – dafür war mit dem 427 in³ erstmals ein Mark IV-Motor verfügbar. Standard war ein 3-Gang-Schaltgetriebe mit Schalthebel an der Lenksäule, optional standen das Zweigang-Power Glide-Automatikgetriebe und eine 4-Gang-Schaltgetriebe mit Schalthebel auf dem Kabinenboden zur Verfügung.

Bezeichnung Typ Hubraum [in3] Hubraum [cm3] Verdichtung Vergaser Leistung [PS/kW] bei Drehzahl [min−1]Turbo-Fire V-8SBC28346389,25:1Rochester Registervergaser195/1434800L77Rochester Doppel-Registervergaser220/162L30327535910,25:1Holley/Carter Doppel-Registervergaser275/202L35BBC Mark IV3966494Holley/Rochester Doppel-Registervergaser325/239L364276997Rochester Doppel-Registervergaser390/2875200L7211,00:1Holley Doppel-Registervergaser425/3125600

1967 Im Modelljahr 1967 wanderten die vorderen Blinkleuchten an die Fahrzeugecken und bildeten mit der V-förmigen Nase eine deutliche Konturierung der Fahrzeugfront. Die Hüftknicke über den hinteren Radausschnitten wurden deutlicher.

1968 Für 1968 wurden die vorderen Blinkleuchten wieder kleiner und machten einem deutlich nach oben gezogenen Frontstoßfänger Platz. Die Doppelscheinwerfer erhielten rechteckige, verchromte Rahmen. Das Coupé verlor seine B-Säulen und mutierte so ein Jahr lang zum Hardtop-Coupé. 1968 war es wieder ein normales Coupé. Technisch änderte sich in diesen beiden Jahren wenig.

mini|Chevrolet Kingswood Estate (1970)

1969 Erneut umfassend überarbeitet präsentierte sich die Serie für das Modelljahr 1969. Bei gleichem Radstand waren die Wagen in Länge und Breite nochmals gewachsen. Die noch stärker konturierte Front zeigte allseitig einen massiven Chromrahmen, und die hinteren Radausschnitte waren so weit verkleinert worden, dass die oberen Hälften der Räder fast abgedeckt waren. Die untere Hälfte des Heckabschlusses wurde vom verchromten, hinteren Stoßfänger eingenommen, der auch die drei schmalen Rückleuchten pro Seite aufnahm. Die Kombis – nur mit V8-Motoren verfügbar – hießen nun Kingswood Estate.

1970 Wenige Veränderungen hatte das Modelljahr 1970. Das Motorenprogramm wurde gestrafft: Ein neuer V8 mit 5735 cm3 Hubraum und 250 PS (184 kW) kam zum Einsatz.

2. Generation – Caprice / Caprice Classic (1971–1976)

mini|links|1976 Chevrolet Caprice Classic

Mit dem Modellwechsel 1971 sollte eine neue Ära im US-Automobilbau vorbereitet werden. Luftreinhaltungsvorschriften und andere Eingriffe des Gesetzgebers in die Gestaltungs- und Entwicklungsfreiheit der Autohersteller waren entweder bereits beschlossen oder wurden in der ersten Hälfte der Siebziger erwartet, so dass Marktführer General Motors alle Fahrzeuge aller Divisionen einer Abkehr vom „Performance“-Image der Sechziger unterzog. Zu diesem Zeitpunkt war die GM „B“ Fullsize-Plattform in den USA die meistverkaufte Fahrzeugplattform pro Modelljahr, und die Chevrolet-Fullsizes Caprice und Impala die meistverkauften Fahrzeugmodelle. Größere, schwerere, luxuriöser und sichere Fahrzeuge mit geringerem Schadstoffausstoß sollten in der „Landyacht“-Ära die bisherigen Hubraum- und Leistungsgiganten ersetzen. Bereits 1975 verabschiedete der US-Kongress völlig unerwartet unter dem Eindruck der Ölkrise von 1974 Notfall-Energiesparmaßnahmen, die einen Großteil der US-Fahrzeugproduktion obsolet machte und die Hersteller zu radikalem und extrem kurzfristigem Umdenken zwang.

1971 Zum Modelljahr 1971 wurde die B-Karosserie und der unter der Karosserie verwendete Leiterrahmen entsprechend der GM-Designphilosophie für die Siebziger vollständig überarbeitet: Der Radstand der Limousine wuchs von 119 Zoll (3023 mm) auf 121,5 Zoll (3086 mm), in den Kombis sogar auf 125 Zoll (3200 mm), was die Modelljahrgänge 1971–1976 zu den größten Chevrolets in der Geschichte macht. Der Caprice war weiterhin nur als Limousine verfügbar, das Spitzentrimlevel für Kombis verwendete weiterhin die eigenständige Bezeichnung „Kingswood Estate“. Insgesamt wurden der Caprice in fünf Karosserieformen angeboten, als Hardtop, Cabrio (ab 1973) und Coupé mit zwei Türen, sowie als Hardtop und als Limousine (ab 1972) mit vier Türen.

Die außer dem Größenzuwachs wesentlichen technischen Veränderungen betrafen nur die Kombimodelle, die als einzige GM-Fullsizes nach 1958 wieder Blattfedern für die Hinterachsaufhängung verwendeten. Die zweiteilige Kofferraumklappe war ebenfalls komplett überarbeitet worden: Die Glasscheibe wurde zum Öffnen in das Fahrzeugdach zurückgezogen, während der untere Teil der Klappe unter den Ladeboden geschoben wurde. Nach diesem Merkmal werden die Wagons der Modelljahre 1971–1976 heute „Clamshell“-Wagons („Muschelschale“) genannt, die GM-Marketingbezeichnung lautete eigentlich „Glide-Away“. Trommelbremsen vorn waren für alle Modelle nicht länger verfügbar.

Alle in der Baureihe verfügbaren Motoren hatten für 1971, in Erwartung der 1975 in Kraft tretenden staatlichen Emissionsbegrenzung für PKW, eine Kompressionsreduzierung erfahren. Standard auf dem Caprice war der 400 in³ (6,6 Liter) Smallblock-V8 mit 255 PS, optional waren zwei Bigblock-V8 verfügbar, der 402 in³ (6,6 Liter) mit 300 PS sowie der 454 in³ (7,4 Liter) mit 365 PS. Beide Bigblock-Motoren waren Mark IV-Blöcke, auch wenn die Nomenklatur an dieser Stelle äußerst unübersichtlich ist: Der 402 in³ Mark IV ist die Ausbaustufe des 396 in³ Mark IV, dessen alte Hubraumbezeichnung aus Marketinggründen auf anderen Chevrolet-Baureihen aber beibehalten wurde, obwohl sich der Hubraum tatsächlich von 396 auf 402 in³ vergrößert hatte. Die Handelsbezeichnung für den 402 im Caprice lautet obendrein „Turbo Jet 400“, was aber nicht mit dem 400 in³ „Giant Smallblock“ verwechselt werden darf.

1972 Für 1972 wurden die Stoßstangen des Caprice in Vorbereitung auf den am 1. September 1972 in Kraft tretenden Federal Motor Vehicle Safety Standard #215 (FMVSS 215) überarbeitet. Die Vorschrift, auch als „5 Mile Impact Law“ bekannt, zwang Autohersteller ab dem Modelljahr 1973 Stoßstangen so zu konstruieren, dass „Bagatellkollisionen“ bis zu einer Aufprallgeschwindigkeit von 5 mph (8 km/h) an der Front bzw. 2,5 Meilen (4 km/h) am Heck weder Fahrbarkeit noch sicherheitsrelevante Einrichtungen des Fahrzeugs beeinträchtigen konnten, ab dem Modelljahr 1974 war außerdem die Höhe von PKW-Stoßstangen gesetzlich festgelegt. Entsprechend wurden die Rückleuchten des Caprice schon für 1972 in eine neue, massive Heckstoßstange integriert, die fast das gesamte Heck des Fahrzeugs bis hoch zum Kofferraumdeckel verdeckt.

Gleichzeitig war es in den USA nicht länger zulässig, Motorleistung von Neuwagen als „Brutto“-Horsepower anzugeben, so dass die werksseitigen Leistungsangaben für 1972 in „Netto“-Horsepower (SAE Standard J1349) erschienen. Dadurch wurde die Motorleistung aller verfügbaren Triebwerke als stark reduziert wahrgenommen, ohne dass der Hersteller technische Veränderungen vorgenommen hätte. Der Basis 400 in³ (6,6 Liter) Smallblock-V8 wurde jetzt mit 170 PS (127 kW) angegeben, der Turbo Jet 400 Bigblock-V8 mit 210 PS (157 kW) und der 454 in³ (7,4 Liter) Bigblock-V8 mit 270 PS (201 kW). 1972 war das letzte Jahr, in dem das Powerglide Zweigang-Automatikgetriebe parallel zum Turbo-Hydramatic THM400 Dreigang-Automatikgetriebe verfügbar war.

1973