Die Medikalisierungsthese oder auch Expansionsthese besagt, dass die gewonnenen Lebensjahre durch die steigende Lebenserwartung überwiegend in Krankheit verbracht werden. Damit steht sie im Gegensatz zur Kompressionsthese.

Begriffserläuterung und Abgrenzung Die Begrifflichkeit der Expansionsthese ("expansion of morbidity") geht zurück auf die Arbeiten von Ernest M. Gruenberg, welcher 1977 die Auswirkungen des technologischen Fortschritts auf eine Reihe von chronischen Krankheiten untersuchte.E. M. Gruenberg: The failures of success. 1977. In: The Milbank quarterly. Band 83, Nummer 4, 2005, S. 779–800, doi:10.1111/j.1468-0009.2005.00400.x. PMID 16279967, .

Gruenberg konstatierte:

Hintergrund Der technologische Fortschritt führt grundsätzlich zu einer steigenden Lebenserwartung in der Bevölkerung. In der Diskussion ist jedoch, inwieweit der technologische Fortschritt auch zu einer steigenden Gesundheitserwartung führt.

Fraglich ist, ob mit steigender Lebenserwartung die gewonnenen Lebensjahre Krankheitszeiten im hohen Lebensalter lediglich nach hinten verschieben oder ob die gewonnene Lebenszeit vermehrt in Krankheit verbracht wird.Frank Niehaus: . In: Barmer GEK Gesundheitswesen aktuell 2012, Hrsg.: Uwe Repschläger et al., Seite 46–66.

Ernest Gruenberg beschrieb in seiner Arbeit "Failures of Success" früh die Gefahr, wenn sich im Zuge des Anstiegs der Lebenserwartung lediglich die chronisch kranke Lebenszeit verlängert. In seinen Untersuchungen führte er als Beispiel die Erfolge bei der Behandlung der Lungenentzündung mit Sulfonamiden (1935) und Penicillin (1941) an, wodurch die Sterblichkeit in den USA zwischen 1930 und 1945 von 65 auf 20 Personen pro 100.000 sank. Die neuen Therapien halfen insbesondere Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Hieraus resultierte ein Anstieg der Prävalenz chronischer Erkrankungen. Wenn eine steigende Lebenserwartung gleichzeitig mit einer gleichbleibenden Inzidenz bei chronischen Krankheiten einherginge, müssten die Gesundheitssysteme sukzessive mehr chronisch Kranke versorgen.

Sisyphus-Syndrom mini|Sisyphus Syndrom Breyer, Zweifel, Kifmann beschreiben die sich alternde Gesellschaft und den fortschreitenden medizinische Fortschritt als sich gegenseitig verstärkende Faktoren. Breyer, Zweifel, Kifmann: Gesundheitsökonomik, S. 556. Der medizinische Fortschritt führt durch Produktinnovationen insbesondere zu einer steigenden Lebenserwartung bei Älteren. Dies führt zu einem steigenden Anteil von Älteren an der Gesamtbevölkerung und die Bedeutung von Älteren für das Gesundheitswesen steigt. Zusätzliche finanzielle Mittel fließen in das Gesundheitssystem, wovon ein Großteil in Produktinnovationen landet.

Dies führt zu einem hypertrophen Wachstum der Gesundheitskosten im Verhältnis zum Haushaltsbudget. Dies benennen Breyer, Zweifel, Kifmann als Sisyphus-Syndrom.

Diskussion und Kritik Gruenbergs These wurde zwischenzeitlich vielfach untersucht. Die überwiegende Anzahl an Forschungsarbeiten widerlegt dabei die Mortalitätsthese und bestätigt die Kompressionsthese. Sprich: Die Forschungsergebnisse sprechen (Stand: 2012) dafür, dass eine steigende Lebenserwartung auch mit einer steigenden Gesundheitserwartung einhergeht.Frank Niehaus: . In: Barmer GEK Gesundheitswesen aktuell 2012, Hrsg.: Uwe Repschläger et al., Seite 46.

Die Medikalisierungsthese wird häufig dazu genutzt, auf eine drohende finanzielle Überforderung auf das Gesundheitssystem hinzuweisen. Wichtig ist die Analyse belastbarer Daten, um zu untersuchen, inwieweit eine steigende Lebenserwartung mit steigenden Gesundheitskosten korreliert.

Niehaus hat die Situation in Deutschland anhand von Gesundheitsausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung von 2001 bis 2009 untersucht, ob steigende Lebenserwartung mit steigenden Gesundheitskosten einhergeht. Die Gesundheitsausgaben stiegen im Untersuchungszeitraum in allen Lebensaltern im Zeitverlauf. Der prozentuale Anstieg war in den Lebensaltern bis 65 am höchsten (auch im Vergleich zu den Lebensaltern über 85 Jahren). Im Zeitverlauf wurden demnach immer mehr medizinische Leistungen erbracht und Medikamente gegeben. Niehaus schließt daraus, dass dies jedoch kein Zeichen dafür sei, dass immer mehr Lebenszeit in Krankheit verbracht wird, sondern dass die gewonnene beschwerdefreie Lebenszeit durch die umfangreiche medizinische Versorgung erzielt wird.

Siehe auch Gesundheitswesen, dort auch bei: Reformen Medikalisierung Multimorbidität im höheren Lebensalter

Literatur Friedrich Breyer, Peter Zweifel, Mathias Kifmann: Gesundheitsökonomik, Springer Gabler Verlag, 6. Auflage, 2013, ISBN 978-3-642-30894-9

Einzelnachweise

Kategorie:Gerontologie Kategorie:Demografie