mini|Thor Kunkel, 2023 Thor Kunkel (* 2. September 1963 in Frankfurt am Main) ist ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Publizist, Werbefilmer und Kommunikationsberater. Sein Roman Endstufe löste 2004 eine hitzige Debatte in den Feuilletons mehrerer Zeitungen aus.
Biografie Kunkel wuchs als Sohn eines Maschinenbauingenieurs und einer veterinärmedizinischen Assistentin in der Friedrich-Ebert-Siedlung im heutigen Frankfurter Gallusviertel auf. Nach dem Abitur am Goethe-Gymnasium studierte er Bildende Kunst bei Thomas Bayrle an der Städelschule in Frankfurt am Main. Anschließend belegte er in San Francisco einen Kurs in „Creative Script Writing“, kam wieder nach Deutschland zurück und arbeitete zeitweise in der Werbebranche. Nach eigener Aussage war er während seines Studiums als Ersteller von Plakaten für die Grünen in Frankfurt am Main tätig.Interview mit Markus Gärnter vom 2. Mai 2020, Minute 23:20, auf YouTube, abgerufen am 3. Mai 2020. Nach Beendigung seines Studiums lebte er fünf Jahre in London und mehr als zehn Jahre in Amsterdam. In dieser Zeit arbeitete er für große internationale Werbeagenturen, darunter Young & Rubicam und Leo Burnett. Im Jahr 1999 gewann Kunkel, mit dem ersten Kapitel aus seinem Romandebüt Das Schwarzlicht-Terrarium, den Ernst-Willner-Preis. Die Feuilleton-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung wählte den Roman im März 2002 in den Kanon der „25 wirkungsvollsten deutschen Bücher der letzten 20 Jahre“.Thor Kunkel: Das Schwarzlicht-Terrarium, 2000 – Die Hoffnung wohnt im hessischen Kamerun. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 11 vom 17. März 2002.
Seit 2009 hat Thor Kunkel seinen Lebensmittelpunkt in der Schweiz, wo er auf die Riederalp im Wallis zog.
Sein Roman Subs wurde von Regisseur Oskar Roehler unter dem Titel HERRliche Zeiten – mit Katja Riemann und Oliver Masucci in den Hauptrollen – verfilmt.Alexander Kissler: Cicero Online, 11. November 2013, abgerufen am 25. Juni 2017. Die arte-Sendung Metropolis widmete dem Roman einen Beitrag. Ein Radiofeature über Subs wurde vom Deutschlandfunk gesendet.Knut Cordsen: Düsterer Zukunftsentwurf: Thor Kunkel: „Subs“. DeutschlandRadio-Kultur-Sendung „Buchkritik“, 27. Mai 2011, abgerufen am 25. Juni 2017.
Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit berät Kunkel unter der Firmierung KunkelBakker Creative Communications im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Kommunikation.Website der Agentur Kunkelbakker, abgerufen am 25. Juni 2017. Laut Lürzer’s Archiv hat er Unternehmen wie Coca-Cola, Dommelsch Bier, Levi’s und Ford-Europe sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung beraten. Auch an der Kampagne der Partei Alternative für Deutschland (AfD) für die Bundestagswahl 2017 war er beratend beteiligt und „als Kreativ-Chef im Kampagnenteam der Partei“.Thomas Schmelzer: Thor Kunkel: Umstrittener Autor berät AfD im Wahlkampf. WirtschaftsWoche, 20. April 2017, abgerufen am 25. Juni 2017. Ebenso wirkte er bei der AfD-Wahlkampagne zur Europawahl 2019 mit.
Literarisches Werk Thor Kunkels Debütroman Das Schwarzlicht-Terrarium, 1999 ausgezeichnet mit dem Ernst-Willner-Preis, schichtet in der historischen Realität der 1970er Jahre eine Vielfalt tragisch-komischer Geschichten um Drogen-Experimente, Disco und den von G.I.s der US-Army importierten American Dream. In den Dialogen der Protagonisten verquickt sich hessischer Alltagsjargon mit G.I.-Slang zu einer hochliterarischen Gossensprache. Auf den Romanerstling bezogen schrieb Martin Walser anerkennend: „Der Autor scheint ein Benennungsbesessener zu sein, ein Ekelvirtuose, ein Meisteranmacher, ein Sexualfundamentalist.“
Auch Kunkels zweiter Roman Ein Brief an Hanny Porter ist eine dialoglastige Reflexion zwischen vier Personen über den „amerikanischen Traum“. Der NDR verglich den Roman mit einem „Brecht’schen Lehrstück“.dpa: Horror statt Ferienidylle – „Porter’s Paradise“ uraufgeführt. In: Hamburger Morgenpost, 17. Januar 2002, abgerufen am 24. Juni 2017. Nach einer Spielfassung des Leipziger Schauspielhauses von 2002 wurde der auf Hawaii spielende Roman vom MDR als Hörspiel mit Andrea Sawatzki in einer Hauptrolle produziert.
Kunkels dritter Roman Endstufe, gefördert mit einem Stipendium der Stiftung Preußische Seehandlung, wurde schon vor dem offiziellen Erscheinungstermin kontrovers in der internationalen Presse diskutiert. Die Veröffentlichung führte zu einem heftigen Skandal und einem dauerhaften Zerwürfnis des Autors mit dem Feuilleton. Iris Radisch nannte den Roman am 15. April 2004 in der Zeit „die Avantgarde des biotechnischen Zeitalters“, in dem „die Berliner Bananenrepublik im NS-Design“ vorgeführt werde.Iris Radisch: Roman: Ach, du Eisen-Pimmel. In: Zeit Online, 15. April 2004, abgerufen am 24. Juni 2017. Der FAZ-Journalist Dirk Schümer befand dagegen am 12. Mai 2004 in der SWR-Sendung Büchertalk: „Kunkels Provokation besteht darin, dass das Dritte Reich aus der Innenperspektive geschildert wird. Das heißt, die Leute, die uns das schildern, sind Nazis. […] Ich habe dieses Buch mit großem Genuss in sehr schneller Zeit gelesen und fand es eine monströse, horrorfilmartige Innenperspektive eines Systems, das sonst immer nur aus der Perspektive der Opfer geschildert wird.“
2007 erschien Kunkels vierter Roman Kuhls Kosmos. Volker Weidermann nannte den Roman in der FAS „sensationell komisch“.Volker Weidermann: Glitzernder Kosmos: Thor Kunkels Waffenroman über das Ende der 70er Jahre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. September 2008, abgerufen am 24. Juni 2017. Auch der Ärzte-Sänger Bela B. äußerte sich öffentlich zu Kunkels Roman: „Hab’ mich selten so gut schlecht gefühlt.“ Kuhls Kosmos beschreibt die dunkle Seite der Disco-Kultur und verortet ihre Anfänge im kriminellen Rotlichtmilieu. Über diese Anfänge äußerte sich auch der Frankfurter DJ Sven Väth in der Süddeutschen Zeitung vom 14. April 2002: „Man muss sich das in etwa so wie in Thor Kunkels Frankfurt-Roman ‚Das Schwarzlicht-Terrarium‘ vorstellen, sehr halbseiden, sexy und proletarisch.“
2010 folgte die utopische Groteske Schaumschwester, in der Kunkel das Komplott kybernetischer Organismen beschreibt. Die taz lobte den Roman und nannte ihn „komprimiert und zurückhaltend“.Elias Kreuzmair: Roman „Schaumschwestern“: Wünsche älterer Männer. In: taz, 6. August 2010, abgerufen am 24. Juni 2017.
Aus einem 2009 für den WDR geschriebenen Hörstück Subs entwickelte Kunkel den gleichnamigen Roman, der 2011 erschien. Darin schildert er die Rückkehr der Sklaverei im privaten Rahmen. Ein progressiv denkendes Ehepaar entschließt sich, „Balkanmenschen“ (gemeint sind Flüchtlinge) auf ihrem Grundstück in Berlin anzusiedeln. Der österreichische Standard schrieb am 3. Juni 2011: „Thor Kunkel ist und bleibt der deutsche Großmeister des Trash.“Christian Schachinger: Neue Sklaven braucht das Land. In: derStandard.at, 3. Juni 2011, abgerufen am 24. Juni 2017. Auch der Philosoph Peter Sloterdijk äußerte sich über den Roman: „Wehret den Anfängen! hieß es einst bei Ovid. Thor Kunkel setzt dagegen: Untersucht die Anfänge!“ Der Spiegel vom 12. Dezember 2011 wertete diese Äußerung zugleich als „Ritterschlag und Ehrenerklärung“.Literatur: Sklaven gesucht. In: Der Spiegel 50/2011, 12. Dezember 2011, S. 124, abgerufen am 24. Juni 2017.
In dem 2014 veröffentlichten Memoir Wanderful – Mein neues Leben in den Bergen schildert Kunkel zwei Jahre seines Lebens in den Walliser Alpen. Der Text ist eine Mischung aus autobiografischen Vignetten und naturphilosophischen Essays, die sich im Rahmen eines hochalpinen Wanderführers entfalten. Das Magazin Cicero (Nr. 4 vom April 2014) bezeichnete Kunkel daraufhin als „den letzten Outlaw der deutschen Literatur“.
In seinem 2020 erschienenen Wörterbuch der Lügenpresse schrieb Kunkel: „Zahllose journalistische (An)richter leisten das tägliche plausible Umlügen der Wahrheit und die nötige Empörungsbewirtschaftung.“ Er konstatiert eine „Situation, die es vorher so in der Geschichte nicht gab, und sie entstand aus dem konsequenten Missbrauch unserer Sprache durch privilegierte Kulturlenker und kryptomarxistische Politiker, die die Demokratie von innen ausgehöhlt haben“. Den Inhalt dieses Werks fasste der Journalist Hans Demmel folgendermaßen zusammen: ein „der Sprache verlustig gegangenes, von verlogenen Journalisten und unfähigen Politikern manipuliertes Volk steht vor dem Untergang, beschleunigt durch Flüchtlinge, Migranten und Zuwanderer“. In diesem Werk, so Demmel, wimmele „es von Falschbehauptungen und Unterstellungen“.Hans Demmel: Anderswelt. Ein Selbstversuch mit rechten Medien, begleitet von Friedrich Küppersbusch. Kunstmann, München 2021, S. 165 ff.
Neben seiner literarischen Arbeit betätigt sich Thor Kunkel zunehmend im internationalen Sprachraum als Regisseur.Ed Meza: Germany’s Syrreal Jumps Into Genre Game With Sci-Fi ‘Sum1’. In: Variety, 7. April 2015, abgerufen am 24. Juni 2017. Das Frühjahr 2015 verbrachte er als writer in residence am Monte Verità im Tessin, wo sein philosophisches Traktat Mir blüht ein stiller Garten entstand. Das Buch erschien 2016.
Debattenbeiträge von Kunkel erschienen unter anderem in Medien wie der Financial Times Deutschland, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung,Thor Kunkel: Literaturwettbewerb: Klagenfurt: „Kläglich scheitert nur die Lobby“. In: faz.net, 29. Juni 2001, abgerufen am 25. Juni 2017. in der Jungen Freiheit,Suchergebnisse für: thor kunkel, jungefreiheit.de, abgerufen am 25. Juni 2017. Journalistenwatch,Thor Kunkel: In: journalistenwatch.com, abgerufen am 8. Juli 2017. Sezession sezession.de, 7. Januar 2016, abgerufen am 25. Juni 2017. und Tumult.Thor Kunkel:
2022 publizierte Kunkel zwei Romane: Die Satire „Im Garten der Eloi – Geschichte einer hochsensiblen Familie“ und „Welt unter“, ein den Klimawandel thematisierenden Roman über mutierte Menschen, die in der Lage sind, unter Wasser zu atmen.https://buchszene.de/welt-unter-interview/ Stationen der polizeilich gesuchten Naturaktivistin Freya Velden stehen im Zentrum der Handlung. Zum Werk „Im Garten der Eloi“ schrieb Pascal Fischer vom SWR: „Großer Bevölkerungsaustausch, entwurzelte Europäer, wehrloses ‚Tätervolk‘ als Geschenk an die neue Weltordnung – immer mehr kippt der Roman nach rechts außen.“ Literatur müsse sich zwar „nicht moralinsauer jeglichen Extremismus in der Figurenrede verkneifen“. Sie überzeuge „aber auch nicht als platter Wahlkampf in notdürftiger Romanverkleidung“. Was „als wundervolle Milieu-Satire“ beginne, gerate „zu einer zynischen, passiv-aggressiven Abstiegs- und Rachefantasie“.
Roman Endstufe (2004)
Kurz vor Druckbeginn im Frühjahr 2004 stellte der Rowohlt Verlag die Zusammenarbeit mit Kunkel ein. Der Verleger Alexander Fest begründete das knapp mit Differenzen in „inhaltlichen und ästhetischen Fragen“. Daraufhin erschien Endstufe einige Monate später bei Eichborn. Der rote Faden der fiktiven Handlung ist der Handel mit pornografischen Filmen, der von Angestellten des „SS-Hygiene-Instituts Berlin“ in Nordafrika betrieben wird. Kunkel bezieht sich dabei auf die sogenannten Sachsenwald-Filme aus der Sammlung des Medienexperten Werner Nekes, deren Authentizität umstritten ist.Marius Meller: Deutschland, einig Pornoland. In: Der Tagesspiegel, 15. April 2004, abgerufen am 28. Juni 2017.