mini|Das während des Projekts eingeführte neue Stadtwappen war ein Entwurf von Hans Leistikow nach Skizzen von Ernst May
Das Neue Frankfurt war ein Stadtplanungsprogramm zwischen 1925 und 1930, das alle Bereiche der städtischen Gestaltung in Frankfurt am Main umfasste. Es wurde vor allem durch die Wohnungsbauaktivitäten bekannt, welche die akute Wohnungsnot in den 1920er Jahren beseitigten. Als Projekt des Neuen Bauens setzte es ästhetische Maßstäbe. Darüber hinaus war es eine gesellschaftliche Reformbewegung, die viele Lebensbereiche umfasste.
Der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann ernannte 1925 den Architekten Ernst May zum Stadtbaurat, der fortan alle Aktivitäten leitete und sich mit einem Stab junger Architekten, Techniker, Künstler und Designer umgab, um das Projekt nachhaltig in der Stadt zu verankern. Gerade dieser umfassende Gestaltungsanspruch, der im Alltag der Gestaltung städtischen Lebens auch an vielen Stellen sichtbar wurde, unterscheidet das Neue Frankfurt von gleichzeitigen Projekten an anderen Orten.
Unter Mays Regie entstanden 12.000 Wohnungen als öffentlich-private Partnerschaft, 2000 mehr als geplant. Die Wohnungen erfüllten nicht nur das Grundbedürfnis des Wohnens – sie setzten Standards im Wohnungs- und Siedlungsbau, beispielsweise mit der Frankfurter Küche. Umgangssprachlich werden die zum Programm gehörenden Anlagen auch als „May-Siedlungen“ bezeichnet.
Situation zu Beginn der 1920er Jahre mini|Kinderspeisung in der Dominikanerkirche 1916. Eine kommunale Kinderbetreuung gab es zu jener Zeit jedoch nicht mini|Notgeld von 1923, als Zahlungsmittel der Hoechst AG
Zu Beginn der 1920er Jahre hatte Frankfurt einen hohen Wohnraum- und Modernisierungsbedarf, war aber zeitgleich von der Währungskrise stark betroffen. Die Stadt musste Wirtschaftsflüchtlinge (beispielsweise in Folge der Ruhrbesetzung) aufnehmen, während sie zusätzlich durch Eingemeindungen wuchs. Frankfurt war bis zur Bildung von Groß-Berlin flächenmäßig die größte Stadt Deutschlands. Auch die hygienischen Zustände im Bestand waren für viele Einwohner noch dürftig: Tuberkulose und Rachitis waren verbreitete Volkskrankheiten.Jan Abt, Alexander Ruhe: Das Neue Frankfurt: der soziale Wohnungsbau in Frankfurt am Main und sein Architekt Ernst May. 2008, S. 46. Viele Häuser, besonders in der Altstadt, verfügten noch über Gemeinschafts-Toiletten im Treppenhaus oder gar im Hof. Nur ein Teil der Wohnungen besaß bereits eigene Badezimmer, oft in der Form des Frankfurter Bades. Die Bewohner der dichtbesiedelten Stadtviertel waren meist auf Volksbrausebäder angewiesen, wie das 1887 eröffnete Merianbad. Enge Gassen verhinderten ausreichenden Lichteinfall oder zufriedenstellende Belüftung. Die rasche Industrialisierung und die allgemein übliche Heizung mit Kohleöfen führte zusätzlich zu Luftverschmutzung.
Am 2. Oktober 1924 wurde Ludwig Landmann zum Oberbürgermeister gewählt. Der Wahl war eine überparteiliche Einigung vorausgegangen, der die SPD erst kurz vor der Abstimmung ihre Zustimmung gab.Dieter Rebentisch: Oberbürgermeister Landmann und die „Neue Ära“ in Frankfurt am Main – Geschichte der Stadt. Thorbecke, Sigmaringen 1991, S. 442f. Landmann trieb ehrgeizig das Projekt eines neuen Groß-Frankfurt voran. Einerseits sollte die neue Stadt zusammenwachsen, andererseits sich zu einer weltoffenen Metropole entwickeln. Landmann erkannte die Notwendigkeit einer kulturellen und gestalterischen Harmonisierung.Michael Müller, Ben Rebel: Metropolis. 1988, S. 82. Sozial sollte die in Arbeiterschaft und Bürgertum gespaltene Gesellschaft ausgesöhnt werden. Das Projekt wurde getragen von einer großen Koalition aus SPD, liberaler Deutscher Demokratischer Partei und katholischer Zentrumspartei.
Der extreme Wohnraumbedarf legte es nahe, diese Aufgabe Architekten und Städteplanern anzuvertrauen. Der liberale Landmann berief hierzu 1925 den gebürtigen Frankfurter Ernst May, der zu jenem Zeitpunkt für die städtische Schlesische Heimstätte der Stadt Breslau tätig war, den sozialdemokratischen Stadtkämmerer Bruno Asch und den Kulturdezernenten Max Michel. Der parteilose Ernst May erfüllte auch seine Rolle im Projekt als Puffer zwischen den politischen Positionen.Walter Prigge: Urbanität und Intellektualität im 20. Jahrhundert. 1996, S. 71. Die genannten Protagonisten waren jüdischer Herkunft, aber faktisch ohne religiöse Bindung und Betätigung. Sie waren Vertreter eines modernen Judentums, das sich gesellschaftlich geöffnet hatte, beispielsweise durch Ehen mit Christen oder durch ein für eine kleine Gruppe überdurchschnittliches Engagement im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich.
Erste städtebauliche Überlegungen gingen davon aus, dass die Innenstadt nicht mehr primär Wohnzwecken dienen sollte, sondern ein Ort des Handels sein würde, wobei sich die großen Büros an der Bockenheimer Landstraße befinden sollten. Die Stadt sollte nicht unkontrolliert nach außen wachsen, sondern Wohnraum sollte in „Trabanten“ mit Grünflächen zwischen ihnen geschaffen werden. Auch wurde auf eine gute Anbindung bisheriger Ortsteilkerne geachtet. Eine strikte Trennung von Wohnen und Arbeiten wie in der Charta von Athen propagiert, sollte jedoch keine große Rolle spielen. Neben den Wohnbauten sollte wegen der kurzen Wege auch Industrie angesiedelt werden. Auch das Wohl der Jugendlichen und Kinder fand in manchen Überlegungen Platz. Faktisch war nicht nur Wohnraum, sondern nahezu die gesamte öffentliche Infrastruktur zu schaffen, die bis dahin entweder vernachlässigt worden war oder für die keine Notwendigkeit bestand.
Umfang mini|Gartenplanung von Leberecht Migge für die Siedlung Römerstadt. Man beachte, dass sich Migge beim Zeichnen nicht an die Gestaltungsrichtlinien des Neuen Frankfurt gehalten hat. mini|Wohnzimmer im Ernst-May-Haus mini|Schlafzimmer im Ernst-May-Haus mini|Zentralheizung und bunte Farben. Beides nach Befund rekonstruiert im Ernst-May-Haus mini|Typisiertes Schrebergartenhaus (Gartenlaube) Typ II, in der Römerstadt (Zustand 2014)
Die Architektur des Neuen Frankfurt brach mit traditionellen Methoden des Wohnungs- und Städtebaus. Zugleich waren Elemente aus der englischen Gartenstadt zu finden. Die Siedlungen des Neuen Frankfurt sind ein bedeutendes Beispiel der klassischen Moderne und des Funktionalismus, wie er in der Architektur und im Design von 1920 bis 1968 prägend war. Sie weisen eine verblüffende formale Homogenität auf.
Generell wurde nichts dem Zufall überlassen, was zu gestalten war und im weitesten Sinne in den Kompetenzbereich der Planer fiel. Ernst May und seine Mitarbeiter setzten auf Standardisierung und Normung von Bauteilen. In dem Bauprojekt wurden in einem größeren Maßstab die Ziegelbauweise durch ein neues Montageverfahren ersetzt, patentiert als Frankfurter Montageverfahren. Dafür ließ Ernst May 1926 eine Fabrik zur Fertigung von Bimsbetonplatten errichten, welche in einem Baukastensystem zu Häusern zusammengesetzt werden konnten. Da die Bauteile als Bauplatten bezeichnet wurden und man die Fabrik auch als Bauplattenfabrik betitelte, tauchte damit der Begriff „Plattenbau“ auf. Daher wird in Publikationen oft vom Einsatz von Plattenbauten gesprochen, technisch handelt es sich allerdings um Block- und Streifenbauweisen. Ernst May verzichtete auf geschosshohe Betonplatten, um ungelernte Arbeitskräfte beschäftigen zu können, sowie im Wissen um die Probleme in den Niederlanden mit Transport, Kranauslastung und der Maßgenauigkeit der Betonteile. Diese Erfahrungswerte bauten auf Wagners Vorarbeiten bei der Kriegsheimstätten-Siedlung auf, der heutigen Splanemann-Siedlung.
Im Gegensatz zu Mays Nachkriegsbauten griffen sie auf kleinteilige räumliche Strukturen zurück, die bei aller Normung viel Gewicht auf ästhetische Details und ortsspezifische Gestaltung setzten. Beispielsweise wurden Straßenverläufe einer römischen Mauer nachempfunden. Mit vergleichsweise geringen Kosten entstand ein hoher Wohnkomfort. So wurde etwa bei Türen auf eine aufwendige Kassettierung verzichtet. Auch die in drei Größen entwickelte Frankfurter Küche, ein Prototyp der Einbauküche, wurde in jede Wohnung eingebaut und nutzte den geplanten Raum optimal. Auch andere Bauteile bis hin zu Einrichtungsgegenständen wurden im Frankfurter Register katalogisiert. Ernst May veranlasste auch die Beschäftigung von Arbeitslosen in dafür gegründeten Gesellschaften, von denen beispielsweise die Betonplatten, aber auch Möbel und Einrichtungsgegenstände gefertigt wurden.
1927–1928 entwarf Hans Leistikow im Auftrag Mays die „Siedlungstapeten“ für die Marburger Tapetenfabrik; diesem Beispiel folgte 1929 das Bauhaus und brachte seine „Bauhaus-Tapeten“ auf den Markt.
Von den Siedlungen aus sollte ein Naturerleben möglich sein und die bebaute Fläche einen Bezug zur natürlichen Umwelt haben. Max Bromme erreichte eine Ausweitung der städtischen Grünflächen von 200 auf 450 Hektar. Die Grünflächen zwischen den Siedlungen wurden erstmals angelegt und als Grüngürtel bezeichnet. Sie bildeten die Grundlage des heutigen Frankfurter Grüngürtels. Nutzgärten sollten in Krisenzeiten den Familien eine gewisse Unabhängigkeit bei der Versorgung mit Lebensmitteln bieten. Einer der Gartenarchitekten war Leberecht Migge, wie May ein Freund des englischen Gartenstadtmodells. May beauftragte Walter Gropius und Adolf Meyer, ästhetische Richtlinien für die Friedhofsordnung auszuarbeiten, die einem Geiste der „Schlichtheit und der Wahrheit“ entsprechen. Die Bildhauer Richard Scheibe und Josef Hartwig gestalteten exemplarische Grabsteine aus regionalem Material. Diese Typisierung war damals nicht unüblich. Pablo Picasso beispielsweise weigerte sich, einen Grabstein für einen Freund auf einem französischen Friedhof aufzustellen, den er als „Jahrmarkt von Denkmälern“ bezeichnete.Gabriele Klein, Annette Treibel-Illian: Skepsis und Engagement. Festschrift für Hermann Korte. 2000, S. 323. Selbst Kleingartenkolonien wurden als Teil des Stadtbildes verstanden: den Kleingärtnern wurden typisierte Hütten vorgeschrieben, die von Architekten der Stadt entworfen und kostengünstig industriell gefertigt wurden.
Spätestens ab der Zusammenarbeit von Ernst May mit Fritz Wichert bestand auch eine Verbindung des Projekts zur Städelschule.Andreas Hansert: Georg Hartmann (1870–1954): Biographie eines Frankfurter Schriftgiessers, Bibliophilen und Kunstmäzens. 2009, S. 88. Studenten bekamen über das Projekt Aufträge der Stadt. Christian Dell, der Leiter der Metallwerkstatt des Städels/Kunstgewerbeschule, entwarf Leuchten für das Frankfurter Register. Dieser Erfolg führte zu Folgeaufträgen von Konkurrenzfirmen für den Designer.
Bei dem Wohnungs- und Städtebauprogramm Neues Frankfurt wurde von Beginn an auch der öffentliche Nahverkehr mitgedacht.
Finanzierung Für das Projekt wurde viel Bauland benötigt. Viele Frankfurter Familien besaßen ein Stück Land am Stadtrand, das einst zur Selbstversorgung diente, sodass es noch im 20. Jahrhundert viele Grundbesitzer gab. Die Stadt besaß 43,2 Prozent ihrer Fläche, 22 Prozent gehörten jedoch zum Stadtwald. Auf dem freien Markt wurde geeignetes Land für 5 bis 15 Reichsmark pro Quadratmeter angeboten. Diese Preise verhinderten jedoch eine Bautätigkeit mit sozialen Zielen. Mit Berufung auf das preußische Gesetz zur Umlegung von Grundstücken in Frankfurt am Main enteignete die Stadt Grundeigentümer und entschädigte sie mit durchschnittlich 3,50 Reichsmark pro Quadratmeter.Lore Kramer: Texte-Zur aktuellen Geschichte von Architektur und Design. 1993, S. 89–90.
Die Ansicht war, dass für den Komfort der neuen Bauten höhere Mieten als für Bestandsbauten akzeptiert werden würden und es einen Markt für Neubauten gäbe. Der städtische Beitrag von 50 Prozent der Kosten für die Wohnbauten wurde zur Hälfte mit der Hauszinssteuer und zu 30 Prozent mit Darlehen finanziert, der Restbetrag bestand aus Eigenmitteln.Carina Groß: Frankfurt Römerstadt – Grundkonzeption und städtebauliche Details. 2005, S. 5.