mini|Norbert Niemann (2013)
Norbert Niemann (* 20. Mai 1961 in Landau an der Isar) ist ein deutscher Schriftsteller.
Leben Norbert Niemann wuchs in Niederbayern auf. Nach der Reifeprüfung studierte er ab 1982 Literatur-, Musikwissenschaft und Neuere Geschichte an der Universität Regensburg, ab 1985 an der Universität München. Während seines Studiums in Regensburg war Niemann von 1983 bis 1985 Instrumentalist und Sänger der New-Wave-Band Diebe der Nacht, für die er auch komponierte und erstmals Liedtexte schrieb. Gemeinsam mit gleichaltrigen Autoren wie Marcel Beyer und Durs Grünbein war Niemann ab 1987 Mitarbeiter und Redakteur bei der Literaturzeitschrift Konzepte, sowie Mitglied der Autorengruppe Gruppe Schöner Wohnen. Für seinen Roman Die Einzigen (Berlin Verlag) wurden einige der Aufnahmen von Diebe der Nacht neu aufbereitet.https://www.piper.de/buecher/die-einzigen-isbn-978-3-8270-1253-1 Mit einer Arbeit über Neue Subjektivität erlangte Niemann 1989 den akademischen Grad des Magister Artium. Seit 1997 lebt er mit seiner Familie als freier Schriftsteller in Chieming am Chiemsee.
Norbert Niemann ist Verfasser zahlreicher Essays und Kritiken sowie Autor von vier Zeitromanen. Sein gesellschaftskritisches Werk und seine Poetologie sich wandelnder Erzähltechniken ist unter anderem beeinflusst von Adornos/Horkheimers Dialektik der Aufklärung, Gilles Deleuze und Michel Foucault. Niemanns analytischer Ansatz wird von der Kritik in der Nachfolge Robert Musils, Joseph Roths, Thomas Manns oder Arthur Schnitzlers eingeordnet.http://www.nachschlage.net/document/16000000731
Norbert Niemann erhielt den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis 1997, 1998 den Förderpreis des Landes Bayern für Literatur sowie 1999 den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg. Für seine Bühnenfassung des Musiktheaterstücks Musicophilia (nach Oliver Sacks) erhielt er 2016 den International Music Theatre Now Award, für seinen Roman „Die Einzigen“ das New York-Stipendium des Deutschen Literaturfonds.https://deutscher-literaturfonds.de/preise/new-york-stipendium/ Von 2006 bis 2014 war er stellvertretender Vorsitzender des Landesbezirks Bayern des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di und ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und Gründungsmitglied des PEN Berlin. Niemann nimmt regelmäßig an den Lübecker Literaturtreffen teil. 2015 erhielt er den Carl-Amery-Literaturpreis.http://www.schriftsteller-bayern.de/index.php?option=com_content&task=view&id=31&Itemid=10 Seit Sommer 2015http://www.oberpfalznetz.de/zeitung/4650313-129-heisses-sommerfest-im-literaturarchiv-drei-autoren-lesen-fast-im-dunkeln,1,0.html ist er Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. 2019 erhielt er eines der Arbeitsstipendien für Münchner Autorinnen und Autoren für sein neues Romanprojekt (Arbeitstitel: Dianoia).https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Kulturreferat/Literatur/Stipendien-Literatur/literatur-arbeitsstipendium/2019.html
Romane Wie man’s nimmt
Wie man’s nimmt erzählt die Geschichte von fünf Menschen in den 1990er-Jahren. Schauplatz sind nicht die großstädtischen Ballungszentren, in denen sich der Wirbel der gerade herrschenden „Ich-Moden“ dreht, sondern die scheinbare Normalität der Provinz. Der gesellschaftlich etablierte Restaurator Peter Schönlein bricht aus seiner scheinbar glücklichen Ehe aus und beginnt eine Affäre mit Lisa, der Freundin seines ehemaligen Freundes, des Künstlers Karl Kreiner. Die Beziehung scheitert jedoch und Lisa kommt mit einem Bekannten des Ehepaars Schönlein, Boker, zusammen, während das Ehepaar Schönlein sich endgültig trennt und Kreiner verschwunden bleibt. Fast unmöglich scheint es, in einer Flut von medial vermittelten Emotionen die eigenen Gefühle wiederzufinden, wie auch eine Lebensform, die sich weder durch Abgrenzung von der Gesellschaft noch durch Anpassung ausdrücken muss. Das Handeln der Romanfiguren scheint fremdbestimmt und nicht authentisch, die Reflexion dieses Zustands beginnt jeweils erst mit der Katastrophe der Trennung. In seinem Debütroman spielt Niemann bereits mit dem ständigen Wechsel der Perspektiven und Erzählformen, wodurch der Leser wie durch eine Kamera auf die Figuren blickt. Film- und Fotografie-Metaphern sind dann auch zentrale Motive des Romans.
Rezeption:
Rezensent Peter von Matt fühlt sich an Erzähler der Jahrhundertwende wie Musil oder Schnitzler und deren Komödien des überzüchteten Bewusstseins erinnert, jedoch in einer neuen zeitgenössischen Inszenierung. Den Roman durchziehe mit einer seltsam wilden Energie ein Nachdenken der Figuren über ihr Handeln und Nicht-Handeln, so dass die Physiognomie einer Generation entstehe, die alles über sich wisse, alles tausendfach durchdacht habe, aber im Gefängnis ihrer rundum aufgeklärten Welt eingesperrt bleibe. Bis die Figuren eine Schwelle überschreiten würden, in einen Bereich, für den keine Modelle mehr zur Verfügung stünden. „Von diesem Autor wird man noch hören. Er hat Zeit, er besitzt Reserven, und er wagt es, dem Leser Steine in den Weg zu legen.“ Peter von Matt: Auf der Schwelle, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Mai 1998
Für Franz Haas ist Wie man’s nimmt ein breit angelegter Generationenroman, der den Versuch unternimmt, die schwer überschaubare Gegenwart der neunziger Jahre in den Blick zu nehmen. Thema des Buchs sei das Glück in seinen vielfältigen Verkleidungen als Erfolg, Liebe und „deren garstigem Gegenteil“. Haas zählt den Roman zu den Besten seiner Zeit und seines Landes, hält ihn für „sehr deutsch, sehr gründlich, sehr gescheit“. Aber mit seiner Ironie, seinem bösen Blick und seinen abgründig komischen Szenen breche der Autor dieses Muster immer wieder auf und stehe damit „ziemlich brillant da“. „Norbert Niemann inszeniert diesen spätmodernen Reigen mit einer stupenden Vielstimmigkeit, mit furioser Detailliertheit und überrumpelnder Intelligenz.“ Franz Haas: Den Himmel durchschauen, Neue Zürcher Zeitung, 22. März 1998
“Hell”, says Gotthold Lessing, the Enlightenment theorist, “is causality. The effects of what is done or not done continue into infinity. We are guilty because we live. That is hell… Therefore Enlightenment… is nothing but carrying the weight of hell on your shoulders.” This austere view is quoted by Mattias Boker, a failed writer who believes himself to be Lessing’s intellectual heir, towards the end of Norbert Niemann’s novel Wie man’s nimmt (That Depends). Niemann’s literary debut boldly reinvents the Gesellschaftsroman (society novel) within a contemporary context. Needless to say, the idea of the postmodern is anathema to Mattias’ mind, which the narrator dismisses as a “metaphysics machine”. Clearly indebted to recent French cultural theory, Niemann’s important novel analyses the “abwesende Anwesenheit” (absent presence) which haunts his characters’ media-saturated lives. Peter D. Smith: Cause and ill effect, Times Literary Supplement, 26. März 1999
Schule der Gewalt
Niemanns zweiter Roman Schule der Gewalt ist ebenfalls als gesellschaftskritischer Text zu lesen. In seinem Zentrum steht die Figur des Lehrers Frank Beck, der eine Beziehung mit seiner Schülerin Nadja beginnt. Im Verlauf des Romans eskaliert zunehmend Gewalt, Beck wird von Schülern anonym bedroht und schließlich offen schikaniert. Der zuvor sozial engagierte, sensible und beliebte Lehrer wird schließlich durch die ständige Atmosphäre von Gewalt und Hass selbst zum Amokläufer. Auch in Schule der Gewalt thematisiert Niemann die Frage nach der Fremdbestimmtheit in der Gesellschaft und der Unmöglichkeit, sich darin zu orientieren. Erzählerisch ist dieser Roman stringenter gestaltet, Beck scheint einen Dialog mit einem fiktiven Gegenüber zu führen, der mehr und mehr in einen Monolog umschlägt. Durch das Verweben textueller Versatzstücke, die miteinander kollidieren, wird der Zustand sozialer Verwirrung poetisch verdichtet. Im letzten Kapitel schließlich reduziert sich der Text sukzessive zum Gedankenstrom eines außerhalb seiner selbst Stehenden.
Rezeption:
Helmut Böttiger hebt hervor, dass der Autor in Schule der Gewalt Fragen nachgeht, wie sie in der deutschen Gegenwartsliteratur selten zu finden sind. Politik und Gesellschaft, Sozialisation unter den Bedingungen entfesselter medialer Bedingungen spielen darin eine zentrale Rolle. Der Roman finde eine genuin literarische Form für den Einbruch der Medien in die Wahrnehmung von Wirklichkeit und verbinde sie zwingend mit einer spezifischen Generationsproblematik. Grundthema des Buches sei die Leere, die dadurch wachse, dass die Kommunikationsmaschinerie der Medien wahre zwischenmenschliche Kommunikation ersetze und vernichte. An ihre Stelle trete eine stumme Sprache der Gewalt. Nach Wie man’s nimmt sei Norbert Niemann mit Schule der Gewalt eine konsequente Fortschreibung gelungen: "Mitten hinein in jenen Punkt der Gesellschaft, den man immer mit „Herz“ oder ähnlichen hilflosen Vokabeln bezeichnet hat und der nicht mehr so leicht zu orten ist." Helmut Böttiger: In der Kommunikationsmaschine, Der Tagesspiegel, 2. Dezember 2001
Für Verena Auffermann leistet der Autor mit Schule der Gewalt einen Beitrag zu einem aktuellen Thema und einer hilflos geführten Diskussion über Jugendgewalt, „über missratene Kinder und missratene Eltern“. Glanzstücke des Romans seien u. a. die mitreißenden, in einem beängstigend langsamen Tempo gehaltenen Beschreibungen der Gewalteskalationen. Auffermann vergleicht den Roman mit dem Film American Beauty, der im Januar 2000 in die Kinos kam. Während der Film das Verlangen eines amerikanischen Familienvaters nach der Freundin der Tochter durch schöne Bilder abfedere, insistiere der Roman auf dem ausweglosen Selbstgespräch seines Protagonisten Frank Beck mit einem imaginären Gegenüber. Das „Reale“ missachtend, erlebe Beck, wie dieses ihn einkreise und zurichte. „Frank Beck ist in allem das Gegenteil der „coolen Helden“, die das Fernsehen produziert. Er ist nicht aus Plastik, er ist aus dem gleichen Stoff wie wir.“ Verena Auffermann: Heiß hinter kaltem Blick, Süddeutsche Zeitung, 18./19. August 2001http://www.literaturkritik.de/public/buecher/Buch-Info.php?buch_id=16510
Ingo Schramm zufolge spielt Schule der Gewalt in einer Gegenwart, in der die direkten Beziehungen zwischen den Menschen weitgehend ersetzt sind durch mediale Metakonstrukte. Sie gaukeln eine Sprache vor, die es längst nicht mehr gibt. Frank Beck, Hauptperson und Ich-Erzähler des Romans, erfahre sein Dasein als eine eskalierende Krise in einer Welt, deren Plot vom allgegenwärtigen Mainstream der Massenmedien vorgegeben werde. In dieser Situation komme es zu einer in ihrer dürstenden Unbeholfenheit anrührenden Beziehung zu seiner Schülerin Nadja. Gemeinsam gelinge ihnen für kurze Zeit das Wunder, eine gemeinsame Sprache zu finden. Doch an der verbotenen Affäre, die im eigentlichen Sinn gar keine sei, entzünde sich zum Ende des Buchs eine latent schon von Anfang an vorhandene Gewalt. Nicht nur wegen der atemlosen Spannung, die den Leser über jede Zeile gefangen halte, oder wegen der hochmodernen, unmanierierten Erzählweise zähle dieses Buch zu den wichtigsten Neuerscheinungen der letzten Zeit. „Gemeinsam mit seinem Erstling Wie man’s nimmt markiert Schule der Gewalt neben den Büchern Don DeLillos oder Michel Houellebecqs eine perspektivische Neuorientierung der Literatur.“ Ingo Schramm: Die Suche nach dem Realen, Netzeitung, 4. Dezember 2001
Willkommen neue Träume