Eine Erklärung ist eine kommunikative Handlung mit zwei unterschiedlichen Bedeutungen:
Im allgemeinen Sprachgebrauch und in den Wissenschaften ist eine Erklärung der Versuch, die Ursachen eines beobachteten Sachverhaltes oder Phänomens durch die sprachliche Darlegung seiner logischen und kausalen Zusammenhänge verständlich zu machen.Stichwort Erklärung. In: duden.de, abgerufen am 7. November 2014.Stichwort Erklärung. In: Gabler Wirtschaftslexikon online, abgerufen am 7. November 2014. Eine wissenschaftliche Erklärung ist in diesem Sinne die wichtigste Form des Begründens in der Wissenschaftstheorie,Wolfgang Stegmüller: Wissenschaftliche Erklärung und Begründung. Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie, I. Berlin / Heidelberg / New York 1969, S. 171 f., 136 f., 768 ff. Zit. nach: Hans Lenk: Philosophie im technischen Zeitalter. W. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln / Mainz 1971, S. 96. nämlich die logische Ableitung einer Tatsachenbehauptung aus einem wissenschaftlichen Gesetz sowie den als gegeben unterstellten Situationsbedingungen, unter denen selbiges Gesetz wirkt. In politischen und juristischen Zusammenhängen ist eine Erklärung eine offizielle Mitteilung, um Hintergründe eines bestimmten Themas zu klären und der Öffentlichkeit darzulegen. Das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch verwendet den Begriff synonym zu Willenserklärung.
Die Erklärung kommt in vielen Fachgebieten vor. Im allgemeinen Sprachgebrauch des Alltags beschränkt sich die Erklärung auf die Erläuterung der Bedeutung eines Wortes, Vorgangs oder ZustandsWolfgang Stegmüller: Das ABC der modernen Logik und Semantik: Der Begriff der Erklärung und seine Spielarten. 1969, S. 73. oder stellt einfach eine Rechtfertigung oder Rechenschaft für ein bestimmtes Handeln, Dulden oder Unterlassen dar.
Eine Theorie dient der Erklärung von Sachverhalten (Retrognose) und auch der Voraussage (Prognose), wie sich diese Sachverhalte künftig auswirken werden.Rainer Busch, Rudolf Dögl, Fritz Unger: Integriertes Marketing. 1995, S. 38. Eine wissenschaftliche Erklärung kann sich aber auch in der Form der Definition erschöpfen, während Philosophen oder Literaturwissenschaftler Texte durch Textinterpretation erklären.Wolfgang Stegmüller: Das ABC der modernen Logik und Semantik: Der Begriff der Erklärung und seine Spielarten. 1969, S. 73.
Etymologie und begriffliche Abgrenzungen Das Wort Erklärung geht auf das 1484 erstmals in Magdeburg aufgetauchte „erclerung“ zurück, 1542 kam es erstmals in heutiger Schreibweise vor.Preußische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Deutsches Rechtswörterbuch, Band III, 1935, Sp. 222.
Gegenüber Aussage, Behauptung und Beweis ist der Begriff Erklärung nicht ganz eindeutig abzugrenzen: Der Begriff Aussage richtet die Perspektive auf den Inhalt, den Aussagegehalt eines jeweiligen Satzes. Der Begriff Behauptung nimmt stärker den Sprecher in den Blick, der ein Interesse daran hat, eine bestimmte Aussage zu machen – man kann darum etwa von einer mutwilligen, voreiligen, begründeten, irreführenden oder hypothetischen Behauptung sprechen. Bei Behauptungen stellt sich die Frage, welchen Wert der Sprecher ihnen als angeblich wahren Aussagen beigemessen haben will. Ein Beweis sollte so kurz wie möglich, präzise und zwingend sein – es ist gut möglich, dass der zwingende Beweis dabei eine ausführliche Erklärung benötigt, um verständlich zu werden. Der Begriff Erklärung richtet den Blick dagegen auf den Adressaten, also auf die Person, der etwas erklärt werden soll.
Eine Erklärung „überzeugt“, sie „leuchtet ein“, sie kann auch „nicht zufriedenstellend“ oder „enttäuschend“ ausfallen. Der Adressat kann eine Erklärung als Entschuldigung eines Verhaltens, das er als verletzend empfand, „annehmen“, oder für sich zu dem Ergebnis kommen, dass er sich mit ihr „nicht abfinden“ wird, auf eine aufrichtigere, ehrlichere Erklärung hoffen wird. Man spricht von einer „kindgerechten Erklärung“, wenn man die Erklärung auf das Verständnisvermögen eines Kindes ausrichtet. Man gibt einem Phänomen eine „natürliche Erklärung“, wenn man im Bezirk naturwissenschaftlich erfassbarer Vorgänge bleibt. Man kann, das charakterisiert die Ausrichtung des Wortes auf den Adressaten, von einer „einfühlsamen Erklärung“ sprechen – nicht aber von einer „einfühlsamen Behauptung“, oder einem „einfühlsamen Beweis“. Die Definition des Wortes ist schwierig, da mit der Zufriedenheit des Adressaten ein sich der Definition entziehender Faktor im Spiel ist.
Arten Die Erklärung setzt sich zusammen aus dem Explanandum (das zu Erklärende), also einem Sachverhalt, der bzw. einem Phänomen, das zu erklären ist, und seinem Explanans (der Erklärung), also dem, was der Erklärung dient.Marco Iorio: Karl Marx – Geschichte, Gesellschaft, Politik. 2003, S. 126. Die eigentliche Erklärung ist also das Explanans. Eine Erklärung geht immer von einem konkret beschriebenen Phänomen aus, dem Explanandum. Hierfür sucht man eine Erklärung, die gefundenen Kausalitäten bilden das Explanans; dabei handelt es sich um Kausalerklärungen. Erklärungen durch einen Verweis auf die Ursache des Explanandums, also Kausalerklärungen, entsprechen dem normalen und zumeist gebrauchten Begriff der Erklärung.Marco Iorio: Karl Marx – Geschichte, Gesellschaft, Politik. 2003, S. 150. Funktionale Erklärungen sind dagegen Erklärungen, die ihr Explanandum nicht dadurch verständlich machen, dass sie irgendwelche Ursachen zur Sprache bringen, die zu dem betreffenden Explanandum führen. Vielmehr bringen funktionale Erklärungen die Notwendigkeit einer Eigenschaft für das Auftreten eines funktionalen Zusammenhangs zum Ausdruck.Gerhard Schlosser: Einheit der Welt und Einheitswissenschaft. 1993, S. 218. Während die funktionale Erklärung von einem Zusammenhang auf die Bedeutung eines einwirkenden Phänomens schließt (Deduktion), klärt die Kausalerklärung über die von einer Ursache ausgehenden Wirkung (Induktion) auf.Martin Elbe: Wissen und Methode. 2002, S. 48.
Bei den unvollkommenen Erklärungen können mehrere Arten unterschieden werden. So gibt es die ungenauen Erklärungen, wenn die in einer Erklärung verwendeten Begriffe vage oder mehrdeutig sind. Von einer rudimentären Erklärung spricht man, wenn die Antecedensbedingungen (Randbedingungen) nur unvollständig bekannt sind und die notwendigen Gesetze nicht explizit erwähnt, sondern stillschweigend vorausgesetzt werden. Bei einer partiellen Erklärung reicht das Explanans nicht aus, um das Explanandum in all seinen Aspekten zu erklären. Bei einer Erklärungsskizze ist das Explanans nur in einem vagen Umriss sowie mehr oder weniger undeutlichen Hinweisen darauf, wie die Skizze zu einer Erklärung vervollständigt werden könnte, vorhanden.
Von einer Pseudo-Erklärung wird gesprochen, wenn die sprachliche Form eine wissenschaftliche Erklärung lediglich vortäuscht, aber grundsätzliche Fehler in der Logik der Erklärung vorliegen, wie etwa die Verwendung einer verdeckten Tautologie, eines logischen Zirkels oder eines theoretischen Konstrukts, das nicht unabhängig vom Explanandum gemessen wird. Die plausible Erklärung ist eine vom Empfänger nachvollziehbare Erklärung.
Wissenschaftliche Erklärung In seiner Logik der Forschung (III. Kap., Abs. 12) definiert Karl Popper „einen Vorgang kausal erklären“ so: „einen Satz, der ihn behauptet, aus Gesetzen und Randbedingungen deduktiv ableiten“.Karl R. Popper: Logik der Forschung. 8. verb. u. verm. Auflage. Tübingen 1984; vgl. dazu Alan E. Musgrave: Explanation, Description and Scientific Realism. In: Herbert Keuth (Hg.): Logik der Forschung. Akademie Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-05-003021-6. Das entsprechende deduktiv-nomologische oder „hypothetisch-deduktive“ Modell der Erklärung wurde von Carl Gustav Hempel und Paul Oppenheim umfassend ausgearbeitet.Zuerst in: Carl Gustav Hempel: Studies in the Logic of explanation. In: Philosophy of Science, 15 (1948), S. 135–175. Umfassender dargestellt in: Aspects of Scientific Explanation and Other Essays in the Philosophy of Science. Free Press, 1968.
Das Hempel-Oppenheim Modell (HO-Modell, auch deduktiv-nomologisches Modell, DN-Modell) der wissenschaftlichen Erklärung ist trotz zahlreicher Kritik bisher noch nicht durch ein anderes ersetzt worden und wird immer noch zur Orientierung herangezogen.
Im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Erklärung stehen demnach Gesetze oder gesetzesartige Aussagen. Gemäß dem HO-Modell müssen zwei Klassen von empirisch gehaltvollen Aussagen für eine Erklärung verwendet werden. Das sind zum einen die Randbedingungen (auch Antecedensbedingungen genannt), welche vor oder gleichzeitig mit dem zu erklärenden Phänomen gegeben sind, und Gesetzeshypothesen. Beide Aussagenklassen zusammen werden das Explanans (das Erklärende) genannt. Eine wissenschaftliche Erklärung besteht dann aus der logischen Ableitung der das Phänomen beschreibenden Tatsachenbehauptung (= Explanandum, das zu Erklärende) aus dem Explanans. Wichtig ist hier anzumerken, dass die Gesetzesaussagen nicht notwendig deterministische Gesetze beschreiben müssen, sondern auch statistische Gesetze umfassen können. Je nachdem werden die Erklärungen deduktiv-nomologisch oder statistisch-induktiv genannt.
Gefundene Erklärungen, welche dem HO-Modell entsprechen, können im Prinzip immer auch zu Prognosen von zukünftigen Ereignissen verwendet werden. Man spricht daher in diesem Sinne auch von der Äquivalenz der logischen Struktur von Erklärungen gemäß dem HO-Modell und wissenschaftlichen Prognosen. Allerdings kann man zu Prognosezwecken auch von empirischen Verallgemeinerungen oder Korrelationen ausgehen, ohne dass man über präzise Kenntnis der wirklichen kausalgesetzlichen Zusammenhänge verfügt.
Jon Elster kritisiert das HO-Modell, weil es zwischen Kausalaussagen und bloßen Korrelationen nicht zu unterscheiden erlaube sowie keine Aussagen darüber mache, ob weitere Kausalzusammenhänge den gerade betrachteten beeinflussen oder gar zu wirken hindern.Jon Elster: Nuts and Bolts for the Social Sciences. Cambridge University Press, Cambridge / New York / Port Chester / Melbourne / Sydney 1989, ISBN 0-521-37606-8, S. 6 f. Er zieht es daher im Anschluss an Paul Veyne vor, das Gewicht mehr auf das Herausfinden und stets besseres Verständnis von Kausalmechanismen denn als auf die Verbesserung von Theorien zu legen.Jon Elster: Nuts and Bolts for the Social Sciences. Cambridge University Press, Cambridge / New York / Port Chester / Melbourne / Sydney 1989, ISBN 0-521-37606-8, S. 173.Paul Veyne: Writing History. Wesleyan University Press, Middletown, Conn. 1984.
Kausale Erklärung Die Kausalerklärung gilt bis heute als die wissenschaftliche Erklärungsart schlechthin. Wichtig ist hervorzuheben, dass danach der Begriff „kausal“ sich nur auf eine logische Ableitung bezieht, und zwar auf die logische Ableitung des den zu erklärenden Vorgang beschreibenden Satzes aus Gesetzmäßigkeiten und Anfangsbedingungen. Die kausale Erklärung entspricht damit direkt dem HO-Modell.
Wegen der Bedeutung der kausalen Erklärung und des HO-Modells stellt sich die Frage der Rückführbarkeit anderer in der Wissenschaftstheorie diskutierter Erklärungsarten auf das HO-Modell. Von Interesse ist dabei besonders die Frage, welche Bedeutung Gesetzeshypothesen in anderen Erklärungsarten einnehmen.
Dispositionelle Erklärung