mini|Banknote des Jugoslawischen Dinar von 1985: Bezeichnung des Zahlwortes „Tausend“ in serbischer und kroatischer Variante mini|Banknote des Jugoslawischen Dinar von 1981: Unterschiedliche Formulierung des Satzes „Geldfälschen wird dem Gesetz entsprechend bestraft“ in serbischer, kroatischer, slowenischer und mazedonischer Sprache Dieser Artikel stellt eine linguistische Beschreibung der Unterschiede zwischen den serbokroatischen Standardvarietäten (Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch, Serbisch) dar, wie sie heute als Amtssprachen in Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien gebräuchlich sind.
Der Umstand, dass Bosnisch, Kroatisch und Serbisch in den jeweiligen Verfassungen als Amtssprachen festgelegt sind und Kodifizierungsmaßnahmen einen jeweils bosnischen, kroatischen, serbischen oder montenegrinischen Standard festlegen, sagt nichts über den linguistischen Status dieser Standardvarietäten aus. Inhaltlich gibt es hier verschiedenste Zugänge und Meinungen, die entweder von Einzelsprachen oder von Standardvarietäten einer plurizentrischen Sprache ausgehen (siehe auch: Deklaration zur gemeinsamen Sprache). Im letzteren Fall wird entweder Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (BKS), Serbisch und Kroatisch oder Serbokroatisch als Oberbegriff benutzt, vor allem bei Bezeichnungen für Studienrichtungen oder Universitätsinstitute. Da der Ausdruck Serbokroatisch sich früher auf eine der Amtssprachen im ehemaligen Jugoslawien bezog, wird er im offiziellen Sprachgebrauch heute nicht mehr verwendet. Manche Sprecher bezeichnen ihre Sprache jedoch nach wie vor als Serbokroatisch oder Kroatoserbisch (ebenso wie umgekehrt das ganze 20. Jahrhundert hindurch auch Kroatisch und Serbisch als kürzere, umgangssprachliche Sprachbezeichnungen üblich gewesen sind).
Das Serbische verfügt seinerseits über drei Standardvarietäten, die sich in einigen Punkten voneinander unterscheiden: diejenige der Republik Serbien, diejenige Montenegros und diejenige der Serben Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens.Miloš Okuka: Die serbische Standardsprache in Theorie und Praxis. Die Welt der Slaven, 45, 2000, S. 233–248. Das Montenegrinische besitzt bisher keine allgemein anerkannte kodifizierte Norm, so dass unklar ist, inwieweit seine künftigen Sprachnormen denjenigen der bisherigen serbokroatischen bzw. serbischen Standardvarietät Montenegros entsprechen oder größere Abweichungen von diesen enthalten werden. Im Folgenden werden vor allem Unterschiede zwischen Bosnisch, Kroatisch und Serbisch behandelt; wo nichts anderes gesagt ist, verhalten sich Sprecher des Serbischen in Montenegro sowie Bosnien und Herzegowina in der Regel ebenso wie diejenigen in Serbien.
Geschichte
Der Artikel Serbokroatische Sprache vermittelt eine detaillierte Gesamtdarstellung der Entwicklung der hier behandelten Sprachen (vor allem im 19. und 20. Jahrhundert). Für die neueren (bzw. auch früheren) Einzelentwicklungen siehe auch die Artikel Bosnische Sprache, Kroatische Sprache, Montenegrinische Sprache und Serbische Sprache
Phonologie Alle drei Sprachen verwenden dasselbe Phoneminventar. Einige Wörter unterscheiden sich jedoch in ihrer lautlichen Form. Da die Orthographie strikt phonologischen Grundsätzen folgt, werden diese Unterschiede auch in der Schrift wiedergegeben, so dass sie recht leicht ins Auge fallen. Im Falle des auffälligsten Unterschiedes, desjenigen zwischen ijekavisch und ekavisch (der unterschiedlichen Reflexion des urslawischen Lautes Jat), verläuft die Grenze jedoch nicht wie in anderen Fällen zwischen den drei nationalen Varietäten, sondern innerhalb des Serbischen, da auch in Montenegro und von der Mehrheit der Serben in Kroatien und Bosnien und Herzegowina die ijekavischen Formen verwendet werden:
Standardvarietät Typ langes Jat: *rěka ‘Fluss’ kurzes Jat: *viděti ‘sehen’ Jat vor o: *vidělъ ‘sah’ Bosnisch ijekavisch rijeka vidjeti vidio Kroatisch Montenegrinisch Serbisch in Bosnien, Kroatien und Montenegro Serbisch in Serbien ekavisch reka videti video
Ein nur in wenigen Wörtern reflektierter phonologischer Unterschied betrifft den Laut (orthographisch <h>), der in vielen serbokroatischen Dialekten komplett geschwunden oder durch andere Laute ersetzt ist. In der Position nach wird dieses Phänomen bei einigen Wörtern im serbischen Standard als (orthographisch <v>) reflektiert, so dass es im Standardserbischen zum Beispiel meist suv ‘trocken’, duvan ‘Tabak’ heißt (aber kroat., mont. und bosn. suh, duhan). Im bosnischen Standard wird – mit Verweis auf den Stellenwert dieses Lautes im Arabischen und Türkischen – sogar in Wörtern restituiert, in denen es in fast sämtlichen Dialekten geschwunden ist, z. B. lahko ‘leicht’ (aber kroat., mont. und serb. lako; in diesem Sinne ist auch die bosnische Entscheidung für die Variante kahva ‘Kaffee’ zu verstehen, vgl. kroat. kava, serb. und mont. kafa). In den allermeisten Wörtern, in denen etymologisches h in vielen Dialekten entfällt (z. B. oću statt hoću ‘ich werde’, rast statt hrast ‘Eiche’ oder maati statt mahati ‘winken’) ist das h jedoch auch im Serbischen kodifiziert.
Schrift Alphabet Das Kroatische wird nur in lateinischer Schrift geschrieben.
Im Serbischen (sowie im Montenegrinischen) sind die kyrillische und die lateinische Schrift parallel im Gebrauch, wobei in manchen Gebieten die kyrillische, in anderen die lateinische bevorzugt wird. In ganz Serbien und ganz Montenegro sowie in Bosnien werden aber in der Schule beide Alphabete unterrichtet, und jeder Serbe und Montenegriner liest beide Schriften gleich fließend. Auch aktiv verwenden viele Sprecher beide Schriften abwechselnd. Für den amtlichen Gebrauch allerdings sieht die serbische Verfassung heute ausschließlich das kyrillische Alphabet vor.Art. 10 der serbischen Verfassung von 2006: „In der Republik Serbien sind die serbische Sprache und die kyrillische Schrift im offiziellen Gebrauch. Den offiziellen Gebrauch anderer Sprachen und Schriften regelt das Gesetz, auf der Grundlage der Verfassung.“ Ähnlich hieß es auch schon in Art. 8 der Verfassung von 1990. Die montenegrinische Verfassung sieht die Verwendung des lateinischen Alphabets vor.
Das Bosnische wird heutzutage fast ausschließlich lateinisch geschrieben, seit dem Zerfall Jugoslawiens nur mehr sehr selten kyrillisch, wobei aber jede Form staatlicher Dokumente in beiden Alphabeten geschrieben wird.
Die lateinische und kyrillische Version des Serbokroatischen sind wechselseitig eins zu eins ineinander transliterierbar, wobei den kyrillischen Buchstaben Љ/љ, Њ/њ und Џ/џ die lateinischen Buchstabenkombinationen LJ/Lj/lj, NJ/Nj/nj und DŽ/Dž/dž entsprechen. Auf diese Weise lässt sich ein und dieselbe Orthographie auf zwei verschiedene Schriften anwenden.
In früheren Jahrhunderten war die kyrillische Schrift auch bei Katholiken sehr verbreitet (z. B. in Dubrovnik sowie die von Franziskanern entwickelte so genannte Bosančica in Dalmatien und Bosnien). Außerdem existierte eine spezielle kroatische Form der glagolitischen Schrift, die bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein im religiösen Schrifttum Istriens und Dalmatiens noch im Gebrauch war. Die bosnischen Muslime benutzten ebenso lang auch noch die arabische Schrift in einer ans Bosnische adaptierten Form.
Das kroatische, bosnische und serbische Alphabet hat 30 Buchstaben. Das montenegrinische Alphabet besitzt 32.
Orthographie Auf der Ebene der Orthographie gibt es drei Gruppen von Unterschieden, die sich allesamt so zusammenfassen lassen, dass die serbische Orthographie – getreu der von Vuk Karadžić aufgestellten Regel „Schreib, wie du sprichst“ („Piši kao što govoriš“) – „phonetischer“ ist, während insbesondere in der kroatischen Rechtschreibung die morphologische Zusammensetzung von Wörtern ein größeres Gewicht einnimmt.
Schreibung phonologischer Assimilation
Auch jeweils innerhalb der behandelten Standardvarietäten nicht einheitlich geregelt ist die Schreibung von Wörtern, deren Morpheme aufgrund vollständiger Assimilation miteinander verschmelzen. Beispielsweise fällt in den meisten Formen des Wortes mladac ‘Jüngling’ das zweite a aus, so dass auch das d nicht mehr zu hören ist – der Nominativ Plural lautet also . Als Schreibweise dieser Form wird in verschiedenen Orthographien entweder morphemtreues mladci oder mit Schreibung der Stimmhaftigkeitsassimilation mlatci oder völlig phonemtreu mlaci kodifiziert. Dabei tendiert die kroatische Schreibpraxis in solchen Fällen eher zu mladci, die serbische eher zu mlaci.
Getrennt- und Zusammenschreibung Einen klareren Unterschied gibt es bei der Schreibung des Futurs, wie am folgenden Beispielsatz deutlich wird:
Kroatisch Bosnisch SerbischMontenegrinisch Deutsch Napisat ću to. Napisaću to/Написаћу то .Napisaću to. Ich werde das aufschreiben. Bit će. Biće/Биће .Biće. Er/sie/es wird sein.
Auch hier wird wieder ähnlich wie bei dem oben angeführten Beispiel mladci/mlaci deutlich, dass die serbische Orthographie „phonetischer“ ist, denn die Aussprache dieser Futurformen ist in allen Standardvarietäten einheitlich bzw. .
Adaption von fremdsprachlichen Eigennamen
Das lateinische Alphabet enthält die Buchstaben q, w, x und y, die zur Darstellung serbokroatischer Wörter nicht benötigt werden, aber zur Schreibung von Fremdwörtern benutzt werden können. Fremdwörter, die diese Buchstaben enthalten, können in kyrillischer Schrift nicht originalgetreu wiedergegeben werden. Aber auch bei anderen Fremdwörtern ist die Übernahme fremder Laut-Buchstaben-Zuordnungen undenkbar. So wird etwa Shakespeare in keiner kyrillisch geschriebenen Sprache der Welt als Схакеспеаре transliteriert, sondern z. B. im Serbischen als Шекспир (Šekspir) umschriftet. Da die Zweischriftlichkeit ein wichtiger Bestandteil der serbischen Kultur ist, gilt diese Regel auch für in lateinischer Schrift geschriebene serbische Texte – nicht jedoch für kroatische. Im Bosnischen scheint man hier uneinheitlich zu verfahren. Im Montenegrinischen können Fremdwörter originalgetreu übertragen werden, jedoch werden sie öfters ins Montenegrinische umgeschrieben.
Kroatisch Bosnisch SerbischMontenegrinisch Deutsch William Shakespeare William Shakespeare Vilijam Šekspir oder Вилијам ШекспирVilijam Šekspir/William Shakespeare William Shakespeare München Minhen Minhen oder МинхенMinhen/München München Zürich Zürich Cirih oder ЦирихCirih/Zürich Zürich Bruxelles Brisel Brisel oder БриселBrisel/Bruxelles Brüssel, frz. Bruxelles, nl. Brussel New York New York Njujork oder ЊујоркNjujork/New York New York
Grammatik (Morphologie und Syntax)
Fast alle grammatischen Kategorien, Formen und Regeln sind in allen serbokroatischen Standardvarietäten identisch. Es gibt jedoch zwei größere Ausnahmen:
Gebrauch des Infinitivs vs. da-Konstruktion Im Kroatischen wird bei Modalverben mehrheitlich und bei der Bildung des Futurs ausschließlich der Infinitiv benutzt. Im Serbischen, Montenegrinischen und Bosnischen erscheint an dieser Stelle häufig eine Nebensatz-Konstruktion mit der Konjunktion da ‘dass’ und einer finiten Verbform, wobei das Subjekt dieses dass-Satzes mit dem des Hauptsatzes identisch ist. Dies ist eine Gemeinsamkeit mit den Idiomen des Balkansprachbunds. In den Sprachen dieser Gruppe ist der Infinitiv jedoch vollständig geschwunden, sodass etwa im Bulgarischen die da-Konstruktion die einzig mögliche Variante darstellt. Im Bosnischen, Montenegrinischen und Serbischen sind dagegen beide Varianten möglich. Im Montenegrinischen wird die da-Konstruktion häufiger benutzt.
Kroatisch Bosnisch SerbischMontenegrinisch Deutsch želim vas informirati želim da vas informišem oder želim vas informisatiželim da vas informišem oder