Der Begriff repräsentierende Wahrnehmung hat unterschiedliche Bedeutungen. Sigmund Freud bezeichnete damit das Auftreten eines „fremden Gefühls“ als SymptomSiegfried Rosner: Systemaufstellung als Aktionsforschung. Grundlagen, Anwendungsfelder, Perspektiven. Band 1. München und Mering 2007, S. 14. (Fremdgefühl als Symptom eines Patienten)Rainer Tölle, Klaus Windgassen: Psychiatrie einschließlich Psychotherapie. Berlin und Heidelberg 2014, S. 79 f..

Auch in der Identitätsorientierten Psychotraumatherapie (IoPT) nach Franz Ruppert wird mit dem Phänomen der stellvertretenden Wahrnehmung gearbeitet, indem sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting innere Anteile der eigenen Psyche von fremden Personen repräsentiert werden. Hier spricht man allerdings von Resonanzgebern statt von Stellvertretern.

Joachim Bauer bezeichnet das Phänomen, dass wir mit anderen Menschen in Resonanz gehen können, als eine der Grundvoraussetzungen menschlicher Identitätsentwicklung.Vgl. Joachim Bauer: Wie wir werden, wer wir sind: Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. Blessing, München 2019, ISBN 978-3-89667-620-7.

Matthias Varga von Kibéd und Insa Sparrer verwenden es für Phänomene, die im Rahmen systemischer Aufstellungen in Form von „Fremdgefühlen“ bei Stellvertretern (von ihnen unbekannten Personen) auftreten.

Vorläufer zu Gruppen- und Massenpsychologie sowie zu Raum- bzw. Feldwahrnehmung Von Kurt Lewin stammt die Erkenntnis, dass das Verhalten eines Menschen in Kontext zur aktuell gegebenen Gruppe, in jeweils sozialer Abhängigkeit wahrzunehmen ist, worauf die Theorie des gruppendynamischen Feldes basiert. Später entwickelte Raoul Schindler sein Modell der rangdynamischen Positionen, die in Abhängigkeit von der Gruppe auf den jeweiligen Gruppenkontext bezogen zu verstehen sind. Von Lucas Derks stammt die Theorie des „sozialen Panoramas“, die Theorie der inneren Organisation auf Basis von (Raum-)„Submodalitäten“. In einer Studie wurde 2015 die innere Repräsentation sozialer Beziehungen mittels räumlicher Parameter bestätigtRita Morais Tavares, Avi Mendelsohn, Yael Grossman, Christian Hamilton Williams, Matthew Shapiro, Yaacov Trope, Daniela Schiller: A Map for Social Navigation in the Human Brain. 2015. und dass die Art der inneren Organisation sozialer Beziehungen sich auf die „Navigation“ durch das tägliche Leben auswirkt.Howard Eichenbaum: The Hippocampus as a Cognitive Map … of Social Space. 2015.

Das Phänomen des „wissenden Feldes“ und daraus repräsentierender Wahrnehmungen (bei Stellvertretern) ist Psychodramatikern und Familientherapeuten grundsätzlich bekannt.Maria Zwack: Was kann die Psychotherapie von Hellinger lernen? (PDF), 2006, S. 2: „Das – oftmals verblüffende – Phänomen der Rückehr [sic] der Gefühle ist dementsprechend bekannt. [...] Wer über viele Jahre die Logik der Rollenwahlen verfolgt, ist noch einmal mehr verblüfft. [...] Nicht nur die Gefühle der Aufgestellten kehren zurück, sondern die Gefühle der sie Vertretenden, werden diesen zugänglich.“

Forschung Mit einer großangelegten Untersuchung (2800 Einzelversuche mit 250 Probanden) im Rahmen seiner Dissertation konnte Peter Schlötter (2005) empirisch nachweisen, dass bestimmte repräsentierende Wahrnehmungen überindividuell reproduzierbar sind.Vgl. Peter Schlötter: Vertraute Sprache und ihre Entdeckung. Systemaufstellungen sind kein Zufallsprodukt – der empirische Nachweis. Heidelberg 2005.

Videos Video zum Forschungsprojekt zur Aufstellungsarbeit von Peter Schlötter: Vertraute Sprache und ihre Entdeckung. Video zum Forschungsprojekt zur Aufstellungsarbeit von Peter Schlötter: Epilog – Vertraute Sprache und ihre Entdeckung.

Einzelnachweise

Kategorie:Wahrnehmung