mini|Werner Schulz (2010) Werner Gustav Schulz (* 22. Januar 1950 in Zwickau; † 9. November 2022 in Berlin) war ein deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Er war 1990 Mitglied der letzten und einzigen frei gewählten Volkskammer der DDR, anschließend bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2009 bis 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments. Schulz galt als der einzige profilierte Bürgerrechtler aus der DDR, der sich in seiner Partei dauerhaft durchsetzen konnte.Jochen Buchsteiner: Risiko Sonnenblume. Außenminister Fischer? Das Amt freut sich, die Partei trägt es mit Fassung. In: Die Zeit. Nr. 41, 1. Oktober 1998 (zeit.de, abgerufen am 14. April 2025; Artikelanfang frei abrufbar).Jens König: In: taz.de. 18. Januar 2002.

Leben und Wirken Ausbildung und Beruf als Wissenschaftler Werner Schulz wuchs in Zwickau als Sohn eines selbständigen Fuhrunternehmers und ehemaligen Berufsoffiziers aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie auf.Eckhard Jesse (Hrsg.): Friedliche Revolution und deutsche Einheit. Sächsische Bürgerrechtler ziehen Bilanz. Ch. Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-86153-379-0, S. 226, 270. Er absolvierte dort von 1964 bis 1968 die Erweiterte Oberschule „Käthe Kollwitz“ und erlernte gleichzeitig im Rahmen des Abiturs mit Berufsausbildung den Beruf des Lokomotivschlossers. Zu den Jungen Pionieren zu gehen, verbot ihm sein Vater. Nach dem Abitur 1968 absolvierte Schulz ein Studium der Lebensmitteltechnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, das er 1972 als Diplomingenieur beendete. Ab 1974 war er als wissenschaftlicher Assistent an der Humboldt-Universität tätig.

Der Weg in die DDR-Opposition Schulz wurde wesentlich durch den Prager Frühling politisiert. Eine prägende, Selbstvorwürfe hervorrufende Erfahrung war, dass er auf äußeren Druck gegen seine Überzeugung eine Erklärung unterschrieb, mit der die Unterzeichnenden den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes begrüßten.Birk Meinhardt: Eine Frage der Verfassung. Porträt von Werner Schulz. In: Süddeutsche Zeitung. 22./23. Oktober 2005, S. 3.

Seit den 1970er Jahren war Schulz in der kirchlichen Friedens-, Ökologie- und Menschenrechtsbewegung aktiv. Von 1976 bis 1978 leistete er seinen Wehrersatzdienst als Bausoldat ab. 1976 engagierte er sich für den ausgebürgerten Wolf Biermann.Wolfgang Kühnel, Carola Sallmon-Metzner: Von der Illegalität ins Parlament. Werdegang und Konzept der neuen Bürgerbewegungen. Hrsg. von Helmut Müller-Enbergs, Marianne Schulz und Jan Wielgohs. LinksDruck, Berlin 1991, S. 385 ( auf die 2., erw. Auflage. Ebenda 1992, ISBN 3-86153-037-6, S. 394). Wegen seines öffentlichen Protests gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan wurde ihm 1980 kurz vor Abgabe seiner Dissertation seine Stelle an der Universität gekündigt. Seit 1982 gehörte er zu den Teilnehmern des Pankower Friedenskreises,Marianne Subklew (Red.): Ich wurde mutiger. Der Pankower Friedenskreis – politische Selbstbehauptung und öffentlicher Widerspruch. Interviews und Dokumente aus 20 Jahren. Katalog zur Ausstellung (Texte: Marianne Subklew, Gestaltung: Martin Hoffmann). Berlin 2003, S. 76–77 (Selbstauskunft; Neubearbeitung 2009, ). des ersten unabhängigen Friedenskreises unter dem Dach der Kirche.Werner Schulz, 1989: „Ihr lauft in die falsche Richtung!“ In: n-tv.de. 9. April 2009, abgerufen am 14. April 2025 (Interview mit Wolfram Neidhard und Hubertus Volmer).

Einige Zeit nach seiner Entlassung von der Universität wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sekundärrohstoffwirtschaft (Recyclingtechnologie). Von 1988 bis 1990 war er Leiter des Bereiches Umwelthygiene in der Kreishygieneinspektion Berlin-Lichtenberg.

Im Mai 1989 kritisierte er offen die gefälschten Kommunalwahlen in der DDR.

Die politischen Umbrüche 1989/1990 Schulz engagierte sich ab Herbst 1989 im Neuen Forum. Europäisches Parlament. Zunächst nur als Kontaktperson des Neuen Forums von Berlin nach Sachsen entsandt, erlebte er am 9. Oktober 1989 die große Montagsdemonstration in Leipzig mit und verlegte sein politisches Engagement für die nächsten Jahre nach Sachsen.Werner Schulz: »Was lange gärt, wird Wut«. In: Eckhard Jesse (Hrsg.): Friedliche Revolution und deutsche Einheit. Sächsische Bürgerrechtler ziehen Bilanz. Ch. Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-86153-379-0, S. 223–236, hier S. 225. Er vertrat das Neue Forum sechsmal am Zentralen Runden Tisch der DDR.

Von März bis Oktober 1990 war er Mitglied der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und einer von drei Sprechern der Fraktion Bündnis 90/Grüne. Eigentlich war Martin Böttger gewählt worden, dieser verzichtete jedoch auf sein Mandat zugunsten von Werner Schulz.Eckhard Jesse (Hrsg.): Friedliche Revolution und deutsche Einheit. Sächsische Bürgerrechtler ziehen Bilanz. Ch. Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-86153-379-0, S. 244. Ab dem 3. Oktober 1990 war er von der Volkskammer entsandtes Mitglied des Deutschen Bundestages und arbeitete im Finanzausschuss.

Die Ausgestaltung der Wiedervereinigung kritisierte Schulz. Er beteiligte sich am Runden Tisch an der Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfes und hoffte auf eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten nach Artikel 146 des Grundgesetzes. Der Beitritt nach Artikel 23 zur Bundesrepublik mit der Folge, dass es keinen gemeinsamen Neuanfang gab, war eine Enttäuschung für ihn. Schulz sprach sich wegen der besonderen historischen Bedeutung des Datums für den 9. November statt des 3. Oktober als Nationalfeiertag aus.

Sprecher der Bundestagsgruppe Bündnis 90/Grüne (1990–1994) 1990 zog die Listenverbindung „Bündnis 90/Grüne – BürgerInnenbewegung“ mit 6,0 Prozent der Stimmen im ostdeutschen Wahlgebiet in den Bundestag ein. Da die westdeutschen Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten, erreichten die acht ostdeutschen bündnisgrünen Abgeordneten nicht die Fraktionsstärke, sondern bildeten die Bundestagsgruppe Bündnis 90/Grüne. Werner Schulz wurde ihr Sprecher und zugleich Parlamentarischer Geschäftsführer.

Am 21. September 1991 gründete er mit Mitgliedern von Demokratie Jetzt, Initiative Frieden und Menschenrechte sowie Teilen des Neuen Forums das Bündnis 90 als politische Partei. Schulz gehörte damit zu denjenigen Mitgliedern des Neuen Forums, die zum Bündnis wechselten. Von 1991 bis 1993 war Schulz einer von neun gleichberechtigten Sprechern der Partei „Bündnis 90“ und leitete die Verhandlungsdelegation zum Zusammenschluss mit der Partei „Die Grünen“. Am 14. Mai 1993 erfolgte dieser zur Partei „Bündnis 90/Die Grünen“. Die westdeutschen Grünen hatten bereits Ende 1990 mit der Grünen Partei in der DDR fusioniert. Die Voranstellung im heutigen Parteinamen hatte Schulz durchgesetzt.Klaus Hartung: Schafft es der Bürgerrechtler Werner Schulz, in Leipzig ein Direktmandat zu gewinnen? Melancholischer Realist. In: Die Zeit. Nr. 41/1994, 7. Oktober 1994 (zeit.de, abgerufen am 14. April 2025).

Auf einem Sonderparteitag der vereinigten Partei zum Bosnienkrieg am 9. Oktober 1993 gehörte Schulz zu den wenigen Befürwortern einer Militärintervention.Joschka Fischer: Die rot-grünen Jahre. Knaur, München 2008, ISBN 978-3-426-78083-1, S. 215, 221. Diese Position wurde von nur 46 Delegierten unterstützt, setzte sich aber später anlässlich des Kosovokrieges in der Partei durch.

Schulz kritisierte mit der „parlamentarischen Gesäßgeographie“Klaus Hartung: l Parteiwechsel der grünen Bürgerrechtler zur CDU: Sie standen nie weit links und waren nie farbecht grün. In: Die Zeit. 27. Dezember 1996 (zeit.de, abgerufen am 14. April 2025). den starren Links-rechts-Schematismus westdeutscher Prägung und plädierte dafür, dass sich die Bündnisgrünen in Sachsen eine schwarz-grüne Koalition nach der Landtagswahl 1994 bewusst offen halten sollten.Jutta Ditfurth: Das waren die Grünen. Abschied von einer Hoffnung. Econ, München 2000, ISBN 3-548-75027-3, S. 187 f. Er wiederholte die Forderung nach einer Öffnung seiner Partei für Koalitionen mit der Union in den folgenden Jahren mehrmals. Zugleich sprach er sich stets deutlich gegen eine Regierungszusammenarbeit mit der SED-Nachfolgepartei PDS aus.So in einem Streitgespräch mit Gregor Gysi.

Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion (1994–1998) Die Position des parlamentarischen Geschäftsführers der Bundestagsfraktion behielt er auch nach dem Wiedereinzug der Grünen in Fraktionsstärke in den Deutschen Bundestag von 1994 bis 1998. Den Fraktionsvorsitz übernahm dagegen Joschka Fischer.

Im April 1998 kandidierte er bei der Oberbürgermeisterwahl in Leipzig. Mit 8,2 Prozent der Stimmen kam er im ersten Wahlgang auf den vierten Platz. Im zweiten Wahlgang trat Schulz nicht mehr anWerner Schulz gibt OB-Kandidatur auf. In: Taz am Wochenende. 11. April 1998, S. 6, abgerufen am 14. April 2025. und Wolfgang Tiefensee (SPD) wurde erstmals ins Amt gewählt.

Abgeordneter während der rot-grünen Regierungsjahre (1998–2005) mini|Werner Schulz bei einer Wahlveranstaltung (2005)

Werner Schulz lag während der rot-grünen Regierungsjahre nach eigener Aussage über Kreuz mit dem grünen Außenminister Joschka Fischer, weil er darauf bestanden habe, dass die politische Willensbildung von der Bundestagsfraktion auszugehen habe.Sebastian Christ, Hans Peter Schütz: In: Stern. 5. Februar 2009. Fischer habe aber statt eines Fraktionssprechers einen Regierungssprecher gesucht. Zudem hatte Fischer 1998 die Wahl von Werner Schulz zum Fraktionsvorsitzenden vereitelt und stattdessen Rezzo Schlauch durchgesetzt. Fischer schätzte seinen Freund Schlauch als loyaleren Stabilitätsfaktor für die Koalition ein, während er Schulz in dieser Hinsicht misstraute.Joschka Fischer: Die rot-grünen Jahre. Knaur, München 2008, ISBN 978-3-426-78083-1, S. 69 ff. 2002 brachte Fischer Schulz als Nachfolger für Antje Vollmer als Bundestagsvizepräsident ins Gespräch. Als Beweggründe schätzten Beobachter ein, dass Fischer einen erneuten Anlauf von Schulz auf den Fraktionsvorsitz vereiteln wollte. Dieser verzichtete aus Respekt vor Antje Vollmer auf eine Kandidatur für die Position des Bundestagsvizepräsidenten und unterlag Katrin Göring-Eckardt bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden. Wie Schulz sprach auch Joschka Fischer rückblickend von einem tiefen persönlichen Zerwürfnis zwischen den beiden. Zudem räumt er ein, Schulz habe aufgrund seiner Begabung, seiner Kompetenz, seiner Verdienste sowie als Vertreter Ostdeutschlands durchaus berechtigte Ansprüche auf den Fraktionsvorsitz oder auf ein Ministeramt gehabt.

Nachdem Schulz bis 1998 stets über die Landesliste Sachsen in den Deutschen Bundestag eingezogen war, kandidierte er 2002 in Berlin. Mit seiner Bewerbungsrede auf einer Landesmitgliederversammlung konnte er die Parteimitglieder mitreißen und sich überraschend gegen die Mitbewerber Christian Ströbele und Andrea Fischer für den sicheren zweiten Listenplatz hinter Renate Künast durchsetzen. Außerdem war er Direktkandidat im Wahlkreis Berlin-Pankow. Hier rief er dazu auf, den Sozialdemokraten Wolfgang Thierse zu wählen und so zu verhindern, dass das Direktmandat wie 1994 und 1998 an die PDS gehen würde.Marina Achenbach: Wahlkreis der Abschiede. In: der Freitag. 2. September 2005, abgerufen am 14. April 2025.

Von Oktober 1998 bis 2005, also während der gesamten Zeit der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder, war Werner Schulz wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Er war der einzige Abgeordnete der rot-grünen Koalition, der dem dritten und vierten Hartz-Gesetz nicht zustimmen mochte und sich enthielt.Christoph Egle, Reimut Zohlnhöfer (Hrsg.): Ende des rot-grünen Projektes. Eine Bilanz der Regierung Schröder 2002–2005. VS Verlag, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-14875-5, S. 15. Zudem war er Sprecher für die Angelegenheiten der Neuen Länder in der Bundestagsfraktion.