Ärzte gegen Tierversuche e. V. ist ein Verein mit Sitz in Köln,Satzung (PDF; 213 kB), auf aerzte-gegen-tierversuche.de der sich unter dem Motto „Medizinischer Fortschritt ist wichtig – Tierversuche sind der falsche Weg!“ für die vollständige Abschaffung von Tierversuchen einsetzt.

Gründung und Arbeitsweise Die Organisation wurde im Jahr 1979 von dem Neurologen-Ehepaar Margot und Herbert Stiller sowie weiteren Medizinern in Hamburg gegründet. Bereits zwei Jahre zuvor hatte das Ehepaar Stiller das Buch „Tierversuch und Tierexperimentator“ veröffentlicht. Sie waren mit die Ersten, die Tierversuche aus wissenschaftlicher Sicht in Frage stellten sowie den daraus entstehenden Schaden für den Menschen beleuchteten.

Die Aufklärung der Öffentlichkeit über den methodologischen Irrtum der Tierversuche stand von Anfang an im Fokus des Vereins. In der prädigitalen Zeit verbreiteten die Vorstandsmitglieder und Aktiven vor allem Schriften, schrieben Briefe an Entscheidungsträger, hielten Vorträge im In- und Ausland, veröffentlichten Bücher und Artikel und standen den Medien Rede und Antwort. 1990 erschien das Buch „Mythos Tierversuch“ von Dr. Bernhard Rambeck in erster Auflage. Der Autor räumt mit den zehn immer wieder vorgebrachten Gründen für die Tierversuche auf und widerlegt diese.

Bis heute ist die Aufklärung über Tierversuche Kernpunkt der Arbeit des Vereins. Dabei liegen den Veröffentlichungen, Kampagnen und Projekten des Vereins fundierte Recherchen eines Wissenschaftsteams zugrunde. Neben der Aufklärung der Öffentlichkeit veranstaltet der Verein auch eigene Kongresse, referiert vor interessiertem Fachpublikum, tritt in Kontakt mit politischen Entscheidungsträgern und setzt sich juristisch gegen Tierversuche ein. Regelmäßig werden mit Hilfe der zahlreichen bundesweit aktiven Arbeitsgruppen des Vereins Aktionsstände, Aktionstage und Demonstrationen veranstaltet.

Mitglieder Der Vereinigung gehören nach eigenen Angaben rund 4.050 Mitglieder/Fördermitglieder an, davon sind knapp ein Viertel Mitglieder (Ärzte, Tierärzte, Zahnärzte, Psychologen und im medizinischen Bereich tätige Naturwissenschaftler) sowie etwa drei Viertel Fördermitglieder. Die Vereinigung arbeitet unabhängig von den Interessen der Pharmaindustrie und Universitäten und finanziert sich ausschließlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.Jahresbericht 2016 (PDF; 1,6 MB), S. 14, auf aerzte-gegen-tierversuche.de, abgerufen am 14. August 2017.

Ziele Die Organisation lehnt sämtliche Tierversuche aus ethischen und wissenschaftlichen Gründen ab. Sie vertritt die Meinung, dass solche Versuche für die Untersuchung menschlicher Krankheiten nicht geeignet und aus wissenschaftlicher Sicht, eine Übertragung der Ergebnisse auf den Menschen nicht möglich seien.Grundsatzerklärung der Ärzte gegen Tierversuche, auf aerzte-gegen-tierversuche.de/

Als Alternative propagiert der Verein die Verwendung tierversuchsfreier Forschungsmethoden wie menschliche Zellkulturen, aus menschlichen Zellen generierte Mini-Organe (Organoide), Multiorganchips, Computersimulationen und klinische Studien, die Tierversuchen an Aussagekraft überlegen seien.Grundsatzerklärung, auf aerzte-gegen-tierversuche.de, abgerufen am 18. Mai 2020.

Kampagnen und Projekte

Datenbank über Tierversuche Seit 1998 betreibt der Verein eine Datenbank, die Beispiele von Tierversuchen in Deutschland dokumentiert. Dazu werden in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichte Artikel ausgewertet und die darin beschriebenen Tierversuche in einer für Laien verständlichen Sprache zusammengefasst. So soll nach Aussage des Vereins der Öffentlichkeit ein Einblick in die Realität der Tierversuche ermöglicht werden.

NAT-Datenbank Um Tierversuche zu vermeiden und tierversuchsfreie Forschung voranzutreiben, veröffentlichte der Verein am 29. Juli 2020 die NAT-Datenbank zu tierversuchsfreien Forschungsmethoden mit damals noch 250 Einträgen. Aktuell (Stand Februar 2025) beinhaltet die Datenbank 2.097 Einträge.NAT-Datenbank Dem Verein nach dominierten in herkömmlichen Literaturdatenbanken noch immer die tierverbrauchende Forschung und tierversuchsfreie Methoden gingen so in einer Flut von Tierversuchsstudien unter. Demnach würde das volle Potenzial der modernen humanbasierten Forschungsmethoden bisher nicht ausgeschöpft – zahllose Tiere leiden und sterben auch weiterhin in Tierversuchen, obwohl es geeignete tierfreie Verfahren gibt, so der Verein.

Um diese Lücke zwischen der einerseits enormen Anzahl von verfügbaren tierversuchsfreien Methoden und ihrer andererseits kaum zu bewerkstelligenden Auffindbarkeit zu schließen, hat der Verein die zweisprachige NAT (Non Animal Technologies)-Datenbank erzeugt. Die frei verfügbare Datenbank umfasst verschiedenste tierfreie Verfahren aus der ganzen Welt, die von modernen Methoden auf Basis menschlicher Zellen bis hin zu komplexen Computermodellen reichen. Die NAT-Datenbank unterstützt Wissenschaftler bei der Suche nach tierversuchsfreien Methoden für ihre jeweiligen Fragestellungen, ist jedoch auch für Politiker, Behördenvertreter, Journalisten und die interessierte Öffentlichkeit gedacht. Die Suchmaske ermöglicht eine Stichwortsuche sowie die Möglichkeit, nach Fachbereichen, Modellen, Land oder Datum der Veröffentlichung zu filtern. Die Einträge enthalten eine Zusammenfassung der Methode sowie zugehörige Quellen und Informationen zu den verantwortlichen Forschern und Instituten.

Transparente Tierversuche Datenbank Im Juli 2025 veröffentlichte der Verein Ärzte gegen Tierversuche die Transparente Tierversuche Datenbank (TTV). Die Plattform sammelt öffentlich zugängliche Dokumente zum Thema Tierversuche. Sie enthält unter anderem Auskünfte von öffentlichen Stellen, darunter Antworten auf parlamentarische Anfragen auf Bundes- und Landesebene sowie gerichtliche Entscheidungen zum Thema Tierversuche. Außerdem sind internationale Ausstiegspläne enthalten, die Strategien zum Verzicht auf Tierversuche beschreiben.

Herbert-Stiller-Preis Um die tierversuchsfreie humanmedizinische Forschung vor allem unter jüngeren Medizinern und Wissenschaftlern zu fördern, hat der Verein den Herbert-Stiller-Preis, einen Forschungspreis und einen Promotionspreis ins Leben gerufen.

Der Preis, benannt nach dem Mitbegründer der Vereinigung, Herbert Stiller, wird für innovative wissenschaftliche Arbeiten verliehen, die sich mit Hilfe von tierversuchsfreien humanbasierten Methoden der Erforschung und Therapie menschlicher Erkrankungen beschäftigen und einen wesentlichen Beitrag für den medizinischen Fortschritt leisten. Dafür kommen In-vitro-Studien, aber auch klinische Arbeiten und epidemiologische Untersuchungen bezüglich der Ursachen der Zivilisationskrankheiten in Frage.Herbert-Stiller-Förderpreis 2023, auf aerzte-gegen-tierversuche.deKlara Janjic erhält Herbert-Stiller-Preis für tierversuchsfreie Forschung, auf meduniwien.ac.atin kürze Herbert-Stiller-Preis Grune geehrt, auf taz.de.

Der damals mit 25.000 DM dotierte Preis wurde erstmals 1995 verliehen. Bis 2001 erhielten fünf Wissenschaftler diese Auszeichnung, zwei weitere den mit 10.000 DM dotierten Promotionspreis. 2006–2011 wurden drei Preise zu je 10.000 Euro mit dem Schwerpunkt tierversuchsfreie Krebsforschung verliehen. Seit 2019 wird der Herbert-Stiller-Preis alle zwei Jahre vergeben. Zuletzt 2023 wurden zwei Projekte mit jeweils 20.000 € gefördert. Einer der Preise wurde an Peter Loskill von der Eberhart Karls Universität Tübingen für das Projekt „Breast-Cancer-on-Chip“ (Brustkrebs-auf-dem-Chip) vergeben. Dabei handelt es sich um ein völlig tierfreies Modell, um spezifische Krebsprozesse zu erforschen und Krebstherapien und -medikamente zu testen. Ein weiterer gleichwertiger Preis ging an Stephan Harm von der Universität für Weiterbildung Krems in Österreich. Krems und sein Team wurden für ihr „Nabelnschnur-Gefäßmodell“ ausgezeichnet. Das Modell soll die Untersuchung von immunologischen Reaktionen und Regenerationsprozessen menschlicher Blutgefäße ermöglichen und zur Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Blutvergiftung eingesetzt werden.

Herz aus Stein

Der Verein vergibt u. a. auch einen Negativpreis. Das „Herz aus Stein“ steht laut Verein für eine herzlose Forschung, bei der fühlende Lebewesen zu bloßen Messinstrumenten degradiert werden. Mit öffentlichen Online-Abstimmungen will der Verein auf einige besonders absurde und grausame Tierversuche aufmerksam machen, die in Deutschland durchgeführt worden sind."Herz aus Stein 2020, auf aerzte-gegen-tierversuche.deSüddeutsche Zeitung 2023 Beitrag von Max Weinhold: Mit Elektroschocks gegen Goldfische. Die „Ärzte gegen Tierversuche“ küren alljährlich „besonders absurde und grausame Tierversuche“.

Der Negativpreis wird seit 2017 jährlich verliehen. Folgende Institutionen erhielten bisher das „Herz aus Stein“: 2017 – Max-Delbrück-Zentrum Berlin für Erstickungsversuche an Nacktmullen und Mäusen. 2018 – Universität Ulm für Rauchversuche an Mäusen, bei denen die Tiere 3 Wochen lang an 5 Tagen die Woche den Rauch von bis zu 8 Zigaretten einatmen mussten. 2020 – Universitätsklinikum des Saarlandes Homburg/Saar für Versuche an Mäusen mit sogenannten Rückenhautkammern. Dabei wird die Rückenhaut von Mäusen wie ein Sandwich zwischen zwei Metallrahmen geklemmt und es wird ein Loch in die Haut geschnitten, um kleine Blutgefäße am wachen Tier beobachten zu können. 2021 – Carl von Ossietzky Universität Oldenburg für Versuche an Singvögeln, bei denen den wildgefangenen Tieren Löcher in den Schädel gebohrt werden. 2022 – Poliklinik für zahnärztliche Chirurgie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf für Versuche, bei denen Beaglehunden zahlreiche Zähne gezogen und Implantate in die Löcher eingesetzt werden. 2023 – AG Neurophysik der Philipps-Universität Marburg für Hirnforschungsversuche an Rhesusaffen, bei denen die Tiere durch Durst gezwungen werden, mit fixiertem Kopf zu sitzen, während Elektroden über Bohrlöcher im Schädel in das Gehirn eingelassen werden. 2024 – Regensburg Center for Neuroscience (RNC) der Universität Regensburg für Versuche, bei denen Mäusen Elektroschocks verabreicht wurden, um bei ihnen Angst vor Artgenossen auszulösen. Der Verein Ärzte gegen Tierversuche zweifelt an, dass sich soziale Ängste beim Menschen anhand dieses Tiermodells erforschen lassen.

Kampagne gegen Hirnforschungen an Affen in Tübingen Der Verein führt seit 2009 eine Kampagne gegen Hirnforschung an Rhesusaffen an vier Instituten in Tübingen. Im Jahr 2014 geriet eines davon, das Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik, in die Schlagzeilen, als Aufnahmen veröffentlicht wurden, die schwere Misshandlungen der Affen zeigten. Ärzte gegen Tierversuche erstattete im Januar 2015 Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Tübingen. Stern TV, 17. September 2014 (Onlineartikel)

Nach den Aufdeckungen warf Marco Wehr 2017 in einem Gastbeitrag der FAZ dem Verein mangelnde Nähe zu Akteuren der medizinischen Forschung und zu geringe Sachkunde vor. Unter anderem kritisierte er den Verein dafür, Tierversuche durch Zellkulturen und Computermodelle zu ersetzen, da diese komplexe biologische Prozesse nur unzureichend nachbilden könnten und daher seiner Meinung nach, zur Erforschung längerer Wirkungsketten unzureichend seien.