mini|386x386px|Porträt des österreichischen Historikers Otto Brunner Otto Heinrich Brunner (* 21. April 1898 in Mödling; † 12. Juni 1982 in Hamburg-Altona) war ein österreichischer Historiker und Hochschullehrer. Seine 1939 erstmals publizierte und mehrfach nachgedruckte Darstellung Land und Herrschaft zählt zu den einflussreichsten und umstrittensten Schriften der Mediävistik.
Leben Jugend und Ausbildung Otto Brunner am 21. April 1898 als Sohn des Bezirksrichters Heinrich Brunner (* 17. Mai 1868 in Kirchberg am Wagram;Taufbuch Kirchberg am Wagram, tom. XIII, fol. 97 (Faksimile), abgerufen am 9. Juni 2026 † 1. Juli 1900 in Scheibbs) und dessen Frau Flora (geborene Birringer; * 24. November 1876 in Langenlois; † 18. Oktober 1963 in Klosterneuburg),Taufbuch Langenlois, tom. XVI, fol. 188 (Faksimile), abgerufen am 9. Juni 2026 Tochter eines Langenloiser Weingutbesitzers, geboren und am 7. Mai 1898 auf den Namen Otto Heinrich getauft.Taufbuch Mödling St. Othmar, tom. XXV, fol. 154 (Faksimile), abgerufen am 9. Juni 2026 Seine Eltern hatten am 17. Mai 1897 in der Schottenkirche in Wien geheiratet.Trauungsbuch Wien-01., Unsere Liebe Frau zu den Schotten, tom. LIV, fol. 230 (Faksimile), abgerufen am 9. Juni 2026 Nach dem frühen Tod seines Vaters wuchs er auf dem Gut seiner Mutter in Langenlois auf, wo er auch die Volksschule besuchte. Danach ging er auf das Gymnasium in Wien-Währing, allerdings nur ein Semester lang, da seine Mutter inzwischen eine Ehe mit einem Berufsoffizier eingegangen war, der nach Iglau versetzt wurde.
Brunner wechselte daraufhin das Gymnasium und besuchte von 1909 bis 1914 das Gymnasium in Iglau. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges besuchte er von 1914 bis 1916 das erste Deutsche Gymnasium in Brünn. Getragen von der allgemeinen Kriegsbegeisterung, meldete er sich 1915 freiwillig zum Fronteinsatz, der aber erst nach Abschluss des Gymnasiums 1916 Realität wurde: Er kämpfte an der Isonzofront.
Nach der Kriegsniederlage der Mittelmächte verließ Brunner im November 1918 als Leutnant das Militär und begann noch im Dezember 1918 – mitten in den Nachkriegswirren und dem Zerfall der Doppelmonarchie – das Studium der Geschichte und Geographie am Institut für Österreichische Geschichtsforschung (IFÖG) der Universität Wien. Auf Anraten verschiedener Gelehrter legte Brunner sein Studium breit gefächert an. So studierte er neben Kunstgeschichte, Gesellschaftslehre (Soziologie) und Wirtschaftswissenschaft vor allem Rechts- und Staatswissenschaften mit dem Schwerpunkt Deutsche Rechtsgeschichte. Diese Wissenschaften gaben ihm ein für Historiker untypisches theoretisches Rüstzeug an die Hand, dessen Anleihen in seinen späteren Werken, vor allem in seinem Hauptwerk Land und Herrschaft, deutlich sichtbar werden sollten.Adam Wandruszka: Otto Brunner. In: Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Band 132, 1982, S. 387–397. Auch in seinen späteren Studien kombinierte er sozial-, wirtschafts- und verfassungsgeschichtliche Aspekte. 1922 vollendete Brunner seine Dissertation mit dem Titel Österreich und die Walachei während des Türkenkrieges 1683–1699 und wurde bei Oswald Redlich zum Dr. phil. promoviert. Im Juli 1923 machte er die Abschlussprüfung am IFÖG. Der Titel seiner Institutsarbeit lautete Studien zur Geschichte des Edelmetallbaues im Erzstift Salzburg.
Im Oktober 1923 begann Brunner eine weitere Ausbildung zum Archivar am Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. Diese Zeit der Nähe zu den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Quellen nutzte er, um sich einen Überblick über die im Archiv vorhandenen Unterlagen zu verschaffen. Nach drei Jahren wurde er als Unterstaatsarchivar zum Beamten ernannt. Diese Ernennung schuf die materielle Grundlage für die Hochzeit mit Stefanie Staudinger am 24. Februar 1927. Das Paar hatte später zwei Töchter.Otto Friedrich Winter: In memoriam Otto Brunner. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs. Band 36, 1983, S. 556–563.
Nach weiteren drei Jahren erfolgte 1929 Brunners Habilitation bei Theodor Mayer an der Universität Wien, mit der Habilitationsschrift Die Finanzen der Stadt Wien von den Anfängen bis ins 16. Jahrhundert. In diesem Werk gelang ihm erstmals eine Verzahnung von wirtschafts- und verwaltungsgeschichtlichen Fragestellungen. Der Gutachter, der Wirtschaftshistoriker Alfons Dopsch, urteilte, „daß die von ihm zutage geförderten wissenschaftlichen Ergebnisse nicht nur einen bedeutsamen Fortschritt auf dem Gebiete der österreichischen Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte darstellen, sondern darüber hinaus auch für die Geschichte des deutschen Städtewesens überhaupt Beachtung verdienen.“Robert Jütte: Zwischen Ständestaat und Austrofaschismus. Der Beitrag Otto Brunners zur Geschichtsschreibung. In: Jahrbuch des Instituts für Deutsche Geschichte. Band 13, 1984, S. 237–262. Noch im selben Jahr erhielt Brunner einen Lehrauftrag als Privatdozent an der Universität Wien.
Akademische Karriere in Wien ab 1931 mini|408x408px Im Juli 1931 wurde Brunner im Alter von erst 33 Jahren außerordentlicher Professor für mittelalterliche Geschichte am IFÖG. Zu verdanken hatte er diesen Aufstieg Hans Hirsch, der seit 1931 Leiter des IFÖG war. Hans Hirsch war beeindruckt von Brunners Arbeiten und wurde ihm Mentor und Förderer.James van Horn Melton: From Folk History to Structural History: Otto Brunner (1898–1982) and the Radical-Conservative Roots of German Social History. In: Hartmut Lehmann, James van Horn Melton (Hrsg.): Paths of Continuity. Central European Historiography From the 1930s to the 1950s. Publications of German Historical Institute Washington, D. C. Cambridge University Press, Cambridge, New York, Melbourne 1994, S. 263–298. Otto Brunner hielt Vorlesungen und Übungen zur österreichischen Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte. In den Übungen führte er die Studenten in die historischen Hilfswissenschaften wie Quellenkunde, Genealogie, Heraldik und Sphragistik ein.
Um 1930 waren die vorherrschenden geschichtswissenschaftlichen Anschauungen geprägt von der Warte des aufklärerischen Geschichtsdenkens, das im Mittelalter ein rückständiges, finsteres Zeitalter sah; andererseits hatten die Romantiker eine märchenhafte Verklärung des Mittelalters propagiert. Das Fehdewesen des Mittelalters, mit dem beide Strömungen wenig anfangen konnten, nahm Brunner als Musterfall, um daran das Staats- und Rechtsempfinden des mittelalterlichen Menschen deutlich zu machen.Otto Brunner: Beiträge zur Geschichte des Fehdewesens im spätmittelalterlichen Österreich (1. Georg von Puchheim und König Friedrich III. 1440–1452. – 2. Aus den Papieren des Georg von Pottendorf 1432–1463). In: Jahrbuch für die Landeskunde von Niederösterreich N. F. Band 22, 1929, S. 431–507.
Dabei forderte Brunner wiederholt, der Historiker müsse aus den Quellen stammende Begriffe verwenden, da die moderne Terminologie mit ihren Konnotationen zu Missverständnissen bei der Interpretation mittelalterlicher Verhältnisse führe. Die Ergebnisse dieser Sicht flossen 1939 in das Buch „Land und Herrschaft“ ein. Nach dem Tod seines Mentors und Förderers Hans Hirsch übernahm Brunner nach dessen ausdrücklichen Wunsch 1940 die Leitung des IFÖG. Im gleichen Jahr wurde er zudem Nachfolger Hirschs als Leiter der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft.Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft (SOFG) im Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. 1941 wurde er zum ordentlichen Professor für mittelalterliche und neuere Geschichte ernannt. Ferner bekam er den Verdun-Preis für sein Werk Land und Herrschaft. Dieser Preis wurde alljährlich dem Verfasser des besten Geschichtswerkes in Deutschland verliehen.
Von April 1942 bis Juni 1944 wurde Brunner zum Wehrdienst einberufen, zuletzt als Hauptmann der Reserve. Diese Einberufungen wirkten sich kaum auf seine wissenschaftliche Produktivität aus. Auf Antrag des Amtes Rosenberg wurde er schließlich von der unter der Leitung Martin Bormanns stehenden Parteikanzlei der NSDAP als „unabkömmlich“ vom Wehrdienst freigestellt. 1942 erschien die zweite Auflage von Land und Herrschaft, 1943 die dritte. Zudem publizierte er eine Reihe von Aufsätzen und Rezensionen.
Grade der Politisierung bei Brunner (1931–1945) Wie im Deutschen Reich begannen die Nationalsozialisten ab Ende der 1920er-Jahre auch in Österreich politisch an Einfluss zu gewinnen, kamen aber bei den Nationalratswahlen 1930 nicht ins Parlament. Kurz nach der Ausschaltung des Parlaments und Errichtung einer Diktatur 1933 wurden sowohl die Kommunistische Partei als auch die NSDAP verboten. Die Ständestaat-Diktatur versuchte, Österreich als deutschen, aber eigenständigen Staat zu propagieren – ein Konzept, das nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung teilte, während sich ein Großteil als Deutsche sahen. Auch Brunner war zu dieser Zeit Anhänger einer „großdeutschen Geschichtsauffassung“, die unter den Mitarbeitern des IFÖG und den ordinierten Historikern an der Universität Wien vorherrschte.Gernot Heiß: Von Österreichs deutscher Vergangenheit und Aufgabe. Die Wiener Schule der Geschichtswissenschaft und der Nationalsozialismus. In: Gernot Heiß, Siegfried Mattl, Sebastian Meissl, Edith Saurer, Karl Stuhlpfarrer (Hrsg.): Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945. Wien 1989, S. 39–76.
Bei Brunner lassen sich verschiedene Grade der Politisierung unterscheiden:
Beiträge in Sammelwerken und Zeitschriften Dieser Grad der Politisierung fällt mit dem Beginn der Protegierung Brunners durch Hans Hirsch zusammen, dem Brunner seine Stellung als außerordentlicher Professor (1931) verdankte. 1932 arbeitete Brunner an einem Sammelwerk mit dem Titel „Bekenntnis zu Österreich“. Dieses Sammelwerk wurde in Berlin veröffentlicht als Ergänzungsband der Monatsschrift „Volk und Reich“. Anlass für diesen Ergänzungsband war die zweihundertste Wiederkehr des Geburtstags von Joseph Haydn. In dem Geleitwort werben die Herausgeber für den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich; Bekenntnis zu Österreich sei Bekenntnis zum Deutschen Reich. Das Geleitwort schließt mit dem Anfang der ersten Strophe des Deutschlandliedes: „Deutschland, Deutschland über alles“. Brunners Beitrag handelte vom Burgenland.Otto Brunner: Das Burgenland. In: F. Heiss (Hrsg.): Volk und Reich. Politische Monatsschrift für das junge Deutschland. 3. Beiheft 1932, S. 40–46.
1935 veröffentlichte er einen Beitrag in „Die Rasse“, einer „Monatsschrift der nordischen Bewegung“. Der Titel seines Aufsatzes lautete: „Der ostmärkische Raum in der Geschichte“.Otto Brunner: Der ostmärkische Raum in der Geschichte. In: Die Rasse. Monatsschrift der nordischen Bewegung. Band 2, 1935, S. 397–401. In dem Beitrag bezeichnete er den Begriff „Ostmark“ als ein Schlüsselwort für „Österreich als Bollwerk des Deutschen Reiches im Südosten“.Michael Fahlbusch: Die „Südostdeutsche Forschungsgemeinschaft“. Politische Beratung und NS-Volkstumspolitik. In: Winfried Schulze, Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Fischer, Frankfurt am Main 1999, S. 241–264.