Mit dem Begriff Geburtstrauma werden sowohl physische als auch psychische Beeinträchtigungen des Babys bezeichnet, die infolge des Geburtsvorgangs auftreten. Der Begriff des Traumas wurde zunächst in der Medizin verwendet und bezeichnet eine durch äußere Gewalteinwirkung hervorgerufene Verletzung oder Verwundung. An diese ursprüngliche Bedeutung lehnt sich auch die Bedeutung von „Trauma“ im Bereich der Psychologie an (Psychotrauma).

Physisches Geburtstrauma mini|Geburtsphasen Im körperlichen Bereich bezeichnet Geburtstrauma Verletzungen des Gewebes und der Organe in Folge von physischen Kräften, die während des Geburtsvorgangs wirken. Der Begriff umfasst dabei auch Langzeitfolgen wie beispielsweise Beeinträchtigungen des Gehirns bzw. kognitiver Funktionen, die verbunden sind mit Schädel- oder Hirnverletzungen.V. V. Vlasyuk: Birth trauma and perinatal disorders of cerebral circulation. Nestor History, St. Petersburg 2009, ISBN 978-5-98187-373-7. Geburtsverletzungen stellen ein eigenes medizinisches Gebiet dar. Im ICD-10 referieren die Codes P10 bis P15 auf spezifische Beeinträchtigungen.

Man unterscheidet zwischen Hirnverletzungen, die durch Geburtstraumen verursacht werden, und solchen, die durch intrauterine Asphyxie entstehen. Im engeren Sinn des Wortes bezeichnet also Geburtstrauma nur diejenigen Schädigungen, die durch mechanische Krafteinwirkungen entstehen, nicht im Zeitraum der Geburt auftretenden Schädigungen durch Sauerstoffmangel, Mangel an Gerinnungsfaktoren oder Durchblutungsstörungen.Dieter Palitzsch: Pädiatrie: Kinderheilkunde für Studenten und Ärzte. 3. Auflage. Stuttgart 1990, S. 72.

Folgewirkungen einer traumatischen Geburt können Baby und Mutter betreffen. Geburtstraumen gelten als selten in der westlichen Welt verglichen mit entsprechenden Häufigkeiten in der Dritten Welt. Im Westen entstehen Geburtsfolgeschäden bei 1,1 % der Geburten.J. M. Alexander, K. J. Leveno, J. Hauth, M. B. Landon u. a.: Fetal injury associated with cesarean delivery. In: Obstetrics and Gynecology. 108 (4), 2006, S. 885–890. Zahlreiche körperliche Bedingungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Geburtsschäden, darunter:

Missverhältnis zwischen kindlichem Kopf und Becken der Mutter Überstürzte Geburt verspätete und verzögerte Geburt abnorme Geburtspositionen (z. B. Beckenendlage) Scheitelbeineinstellung (Asynklitismus) geburtshilfliche Eingriffe Geburtseinleitung Vakuumextraktion und ZangengeburtK. Demissie, G. G. Rhoads, J. C. Smulian, B. A. Balasubramanian, K. Gandhi, K. S. Joseph u. a.: Operative vaginal delivery and neonatal and infant adverse outcomes: population based retrospective analysis. In: BMJ. 329, 2004, S. 24–29. Multiparität Frühgeburt Mehrlingsschwangerschaft (kleine Kinder) Placenta praevia Polyhydramnion fetale Fehlbildungen Uterusfehlbildungen Tumoren im kleinen Becken (selten ein) enges Becken

Beim Neugeborenen kann eine Reihe von Störungsbildern infolge der Geburt verursacht werden. Die Kindliche Plexusparese beispielsweise entsteht bei 0,4 bis 5,1 Babys pro 1000 Geburten, davon abzugrenzen ist die Epiphyseolysis capitis humeri.Rachelle Goldfisher, John Amodio: Separation of the Proximal Humeral Epiphysis in the Newborn: Rapid Diagnosis with Ultrasonography. In: Case Reports in Pediatrics. 2015, 2015, S. 1, .

Kopftraumen und Hirnschädigungen während der Geburt können unterschiedliche Krankheitsbilder bewirken, darunter die Geburtsgeschwulst, das Kephalhämatom und verschiedene Formen intrakranieller Blutungen.Dieter Palitzsch: Pädiatrie: Kinderheilkunde für Studenten und Ärzte. 3. Auflage. Stuttgart 1990, S. 72 f. Die häufigste Fraktur, die während der Geburt entstehen kann, ist der Bruch des Schlüsselbeins (Klavikulafraktur) bei 0,5 % der Geburten. Weitere typische Geburtsschäden sind: Hämatom im Musculus sternocleidomastoideus evtl. mit Schiefhals, Fazialisparese, Obere Plexuslähmung (Erb-Duchenne), Untere Plexuslähmung (Klumpke) beide siehe Plexus brachialis, Hypopituitarismus durch Abriss des Hypophysenstieles und die Luxation des Nasenknorpels.

Illustration eines Armvorfalls bei der Geburt und geburtshilfliches Vorgehen

Evolutionär bedingte Besonderheiten der Geburt beim Menschen mini|Röntgenbild eines weiblichen Beckens Die Geburt des Menschen ist geprägt von körperlichen Besonderheiten, die im evolutionären Prozess der Hominisation entstanden sind. Bei der Entwicklung des aufrechten, zweibeinigen Ganges entstand eine Vielzahl von Veränderungen des Skeletts und der Skelettmuskeln. Im Zusammenhang mit der Geburt sind insbesondere die Anpassungen der Wirbelsäule und des Beckengürtels relevant.Katherine K. Whitcome, Liza J. Shapiro, Daniel E. Lieberman: Fetal load and the evolution of lumbar lordosis in bipedal hominins. In: Nature. Band 450, 2007, S. 1075–1078, doi:10.1038/nature06342 Der so entstandene Beckenkanal, den der Fötus bei der Geburt durchqueren muss, ist im Vergleich mit allen anderen Menschenartigen sehr eng. Seine Innenmaße sind nahezu identisch mit der Kopfgröße des Neugeborenen. Infolge des evolutionären Wachstums des Gehirns (Zerebralisation) ist der menschliche Schädel im Vergleich zu den Schädeln anderer Primaten sehr groß.Richard E. Leakey: Die Bedeutung eines vergrößerten Gehirns in der Evolution des Menschen. In: Heinrich Meyer, Detlev Ploog (Hrsg.): Der Mensch und sein Gehirn: Die Folgen der Evolution. Piper, München 1998, S. 121–136. Auch die Breite der Schultern spielt hier eine größere Rolle, übertrifft sie doch die Breite des fötalen Schädels.Wenda Trevathan: Primate pelvic anatomy and implications for birth. In: Philosophical Transactions of the Royal Society. B, 370, 20140065, S. 2. doi:10.1098/rstb.2014.0065 Das evolutionär entstandene Verhältnis von Schädelgröße des Kindes und Größe des Beckenrings der Mutter führt dazu, dass „Mutter und Neugeborenes ein beträchtliches Risiko für eine traumatische Geburt“ tragen.Scott W. Simpson u. a.: A Female Homo erectus Pelvis from Gona, Ethiopia. In: Science. Band 322, Nr. 5904, 2008, S. 1089–1092, doi:10.1126/science.1163592Enge Becken, große Köpfe und die schwierige Geburt beim Menschen. Auf: idw-online.de vom 21. April 2015.Wenda Trevathan: Primate pelvic anatomy and implications for birth. In: Philosophical Transactions of the Royal Society. B, 370: 20140065, S. 1–7. doi:10.1098/rstb.2014.0065 Vgl. die Abbildungen der Verhältnisse von Kopf des Fötus zur Weite des Beckenrings, S. 2.

Beim Geburtsvorgang müssen sich der große Kopf und die breiten Schultern durch den relativ engen Geburtskanal bewegen. Der Geburtsvorgang blieb zwar ein normaler biologischer Vorgang, aber wegen der erwähnten evolutionären Besonderheiten ergibt sich eine besonders komplizierte Geburtsmechanik, die jede Geburt schwierig macht. Der kindliche Kopf muss dabei eine komplizierte Schraubenbewegung durch das mütterliche Becken ausführen.Beschreibung in E. Schleußner: Normale Geburt. In: Marion Kiechle Marion (Hrsg.): Gynäkologie und Geburtshilfe. 2. Auflage. Urban & Fischer, München 2013, S. 314 f. Dabei kann das Kind steckenbleiben, insbesondere wenn aufgrund eines besonders ausgeprägten Missverhältnisses zwischen mütterlichem Becken und kindlichem Kopf die Vorwärtsbewegung nicht angemessen erfolgen kann. Das empfindliche Gehirn des Kindes wird von den beweglichen Knochenplatten des Schädels geschützt. Ein Verknöchern erfolgt erst nach der Geburt. Der menschliche Schädel entwickelte auf diese Weise evolutionär die Besonderheit der Verformbarkeit, damit der vaginale Geburtskanal passiert werden kann.Gerhard Martius, Uwe Cammann: Gynäkologie, Geburtshilfe und Neonatologie. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln 1997, S. 150 f. Diese Verformungen finden wohl an einer evolutionsbiologisch erreichten Grenze statt und gefährden das Gehirn des Kindes. Die oben erwähnten möglichen Verletzungen des Schädels und des Gehirns sind Folge dieser anatomischen Besonderheiten.

Nach der erfolgten Geburt ergeben sich weitere physiologische Umstellungen mit jeweils eigenen Risiken: Das Neugeborene muss auf die Lungenatmung umstellen, es muss Nahrung oral zu sich nehmen, und es ist ungleich stärker als vorher den Reizen der Außenwelt ausgesetzt. Ein Stressgeschehen kann hierzu angenommen werden.

Psychisches Geburtstrauma

Im Zusammenhang mit vor allem negativen psychischen Folgewirkungen der Geburt wird ebenfalls der Begriff Geburtstrauma verwendet. Er geht wohl auf Otto Rank zurück, der 1924 das Buch Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse veröffentlichte. Darin beschäftigte er sich mit den psychischen Folgewirkungen der Geburt und ebenso mit Überlegungen zum pränatalen Erleben des Fötus. Rank ging davon aus, dass die Geburt zu einem überwältigenden Angsterlebnis des Fötus führe. Er vermutete, dass dieses Trauma der Auslöser für zahlreiche spätere Ängste, u. a. die Angst vor dem weiblichen Genital, werden könne, und dass sich in Träumen, Symbolen, Mythen und Kunstwerken die Geburtsthematik nachweisen lasse.Otto Rank: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse. 1924. (Nachdruck: Frankfurt 1988, S. 61) Einige Ängste führte Rank auf Erinnerungen an den Mutterleib zurück, etwa die Angst vor dem Allein-Sein in einem dunklen Raum. Er nahm weiter an, dass zumindest die späte pränatale Zeit in bestimmten Aspekten erinnert werden kann.Otto Rank: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse. Fischer, Frankfurt am Main 1988, S. 98. Somit hatte Rank eine Pränatalpsychologie entwickelt, die er auf kulturelle Aspekte anwandte. Er verstand beispielsweise die christlichen Höllenvorstellungen als Folgewirkungen der „Intrauterin-Situation mit negativen Vorzeichen“.Otto Rank: Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung für die Psychoanalyse. Fischer, Frankfurt am Main 1988, S. 142.

In der Psychoanalyse sind Annahmen zum Erleben der Geburt uneinheitlich und umstritten. Freud erkannte zwar an, dass die Geburt das erste Angsterlebnis des Menschen darstelle. Allerdings habe dieses Ereignis keinen psychischen Inhalt, da der Fötus über kein Objekt verfüge.Sigmund Freud: Hemmung, Symptom und Angst. In: Gesammelte Werke. Band XIV, Fischer, Frankfurt am Main 1926, S. 111–205. Bis heute gehen die meisten psychoanalytischen Theorien davon aus, dass sich die Objekte, das Selbst und das Bewusstsein nach der Geburt entwickeln. In der Psychoanalyse werden prä- und perinatale Themen gewöhnlich als Phantasien angesehen. Der manifest pränatale Inhalt – etwa das Schwimmen unter Wasser, der Aufenthalt in Höhlen, das Kämpfen mit Unterwassermonstern – wird dann als zeitliche Rückprojektion in die frühe Phase verstanden.Ludwig Janus: Die Psychoanalyse der vorgeburtlichen Lebenszeit und der Geburt. Centaurus, Pfaffenweiler 1993, S. 21–75. Einige Psychoanalytiker nehmen aber an, dass sich ein Erleben bereits vor der Geburt entwickelt. Somit gestehen sie dem Geburtserleben eine Rolle bei postnatalen Symptombildung zu. Zu diesen Theoretikern gehören neben Rank auch Nandor Fodor, Francis J. Mott, Donald Winnicott, Gustav Hans Graber und Ludwig Janus.