Die Partidul Național Liberal (PNL) (Nationalliberale Partei) ist eine liberal-konservative, christlich-demokratisch und sozialkonservative Partei in Rumänien.
Gemeinsam mit den Christdemokraten (PNȚ-CD) stellt die PNL die historische Verknüpfung des gegenwärtigen Rumänien zu der Zeit vor 1947 dar (zuvor Königreich Rumänien). Durch die Fusion mit der Partidul Democrat Liberal (PD-L) 2014 wurde die PNL die führende Partei des Mitte-rechts-Spektrums in Rumänien. Zugleich wechselte sie von der liberalen Parteienfamilie zur christdemokratisch-konservativen Europäischen Volkspartei (EVP). Zusammen mit der Partidul Social Democrat (PSD; Sozialdemokratische Partei) war die PNL 2024 eine der beiden größten Parteien im rumänischen Parlament. Nach den Parlamentswahlen im Dezember 2024 ist die Partei die drittgrößte im Parlament.
Nach 1989 war die Partei die zweite welche über mehrere Legislaturperioden die Gesamtregierung, allein oder im Bündniss, nach der Sozialdemokratischen Partei stellte.
Geschichte 1875–1947 Die Wurzeln des politischen Liberalismus reichen in Rumänien wie in den meisten europäischen Staaten bis in die 1840er-Jahre zurück. Als Gründungsdatum der PNL wird 1875 angegeben. Erster Vorsitzender war Ion C. Brătianu („Ionel Brătianu“), der von 1876 bis 1888 auch rumänischer Ministerpräsident war. Von 1892 bis 1909 war Dimitrie Alexandru Sturdza Vorsitzender der PNL. Er war in dieser Zeit auch mehrmals Regierungschef. Die Partei spielte im Kontext des rumänischen Bauernaufstands von 1907 eine negative Rolle, indem sie die Armee einsetzte, um den Aufstand gewaltsam niederzuschlagen. Die von Sturdza geführte nationalliberale Regierung entsandte die Armee zur Niederschlagung des Aufstands und trägt daher die Verantwortung für den Tod mehrerer tausend Menschen.
Ion I. C. Brătianu („Ionel“), der Sohn des Parteigründers, führte die PNL von 1909 bis 1927 und ist damit der am längsten amtierende Parteichef in der Geschichte der Nationalliberalen. Zudem war er 1909–11, 1914–18, 1918–19, 1922–26 sowie für mehrere Monate im Jahr 1927 Premierminister Rumäniens. Auch Ionels Brüder Vintilă (Premier 1927–28) und Dinu Brătianu waren 1927–30 bzw. 1934–47 Parteivorsitzende, doch bereits 1930 hatte sich die Partei gespalten. Auf Vintilă Brătianu war zunächst Ion Duca als Parteichef gefolgt. Daraufhin gründete „Ionels“ Sohn Gheorghe Brătianu mit einem Teil des rechtsnationalistisch-profaschistischen Parteiflügels der sogenannten „Jungliberalen“ seine eigene Splitterpartei, die er Nationalliberale Partei Brătianu (Partidul Național Liberal–Brătianu) nannte und die 1938 verboten wurde, als König Carol II. eine Ein-Parteien-Diktatur errichtete. Ein anderer Flügel unter dem Generalsekretär der Partei, Gheorghe Tătărescu (Premier 1934–37 und 1939–40), spaltete sich 1938 ab und schloss sich zunächst der fortan einzigen offiziell zugelassenen Einheitspartei, der „Front der Nationalen Wiedergeburt“ (Frontul Renașterii Naționale) an. Neuer Generalsekretär wurde Bebe Brătianu.
Wahlergebnisse 1919–1937 mini|hochkant|Wahlkarte, die den Sieg der Nationalliberalen Partei (PNL) bei den rumänischen Parlamentswahlen 1937 zeigt. Die PNL gewann damals die Wahlen in den meisten Landkreisen des Königreichs Rumänien der Zwischenkriegszeit.
Bei den Wahlen in Großrumänien seit 1919 war die Partidul Național Liberal wechselnd erfolgreich und konnte bis 1940 mehrfach die Regierung stellen. Bei der Wahl zur Abgeordnetenkammer erreichte sie folgende Ergebnisse:
Wahl Mandate (von) 1919 103 (568) 1920 7 (369) 1922 227 (387) 1926 16 (387) 1926 318 (387) 1928 13 (386) 1931 12 (387) 1932 14 + 28 (387) 1933 10 + 300 (387) 1937 16 + 152 (387)
1922 wurde auch ein deutscher Abgeordneter (Peter Mutschler) und 1927 zwei Abgeordnete (Michael Kausch und Konstantin Roduner) sowie ein Senator (Andreas Widmer) für die PNL gewählt.
Entwicklung 1943–1948 mini|hochkant|Die Ergebnisse, die PNL-Brătianu bei den Parlamentswahlen im Königreich Rumänien im Jahr 1946 erzielte (auf dieser Karte hellblau markiert). Dies waren die vorletzten freien Wahlen, die in Rumänien bis 1990 stattfanden, und die letzte Parlamentswahl im Königreich Rumänien.
In der Illegalität schlossen sich Nationalliberale, Bauernpartei (PNȚ), Sozialdemokraten und Kommunisten 1943 zum „Nationaldemokratischen Block“ zusammen. Gemeinsam unterstützten sie den Staatsstreich König Michaels I. im August 1944, durch den der mit Nazideutschland verbündete Diktator Ion Antonescu abgesetzt wurde und Rumänien aus den Achsenmächten ausschied. Versuche, in der unmittelbaren Nachkriegszeit gemeinsam mit Rumäniens Christ- und Sozialdemokraten einen Neuanfang zustande zu bringen, scheiterten am kommunistischen Machtanspruch, aber auch an der Spaltung der Nationalliberalen in zwei rivalisierende Parteien um Brătianu und Tătărescu.
Tătărescu hatte inzwischen seine eigene Nationalliberale Partei als Partidul Național Liberal-Tătărescu gegründet, seine Anhänger wurden aus der Brătianu-Partei ausgeschlossen. Im Gegensatz zu Tătărescu schloss sich Brătianu 1945 der kommunistisch geführten Koalitionsregierung von Petru Groza nicht an, während Tătărescu sowie seine Parteifreunde Dumitru Alimănișteanu und Petre Bejan Minister wurden (später Tătărescu mit Alexandru Alexandrini, Ion Vântu und Radu Roșculeț). Zwar trat 1946 mit Mihail Romniceanu doch nochmal ein Parteifreund Brătianus in die Regierung ein, bei den Wahlen im November 1946 wurde die Brătianu-Partei jedoch von der Tătărescu-Partei geschlagen und 1947 verboten.
Im November 1947 wurde allerdings auch die Tătărescu-Partei aus der Regierung gedrängt und löste sich im Januar 1948 formal auf. Eine von Petre Bejan 1948 neugegründete Partei wurde zwar zugelassen, blieb jedoch bedeutungslos und wurde Ende 1948 (nach anderen Angaben 1950) ebenfalls aufgelöst. Führende PNL-Mitglieder wurden verfolgt, ins Sighet-Gefängnis verbracht, zu Zwangsarbeit (z. B. Donaukanal) verurteilt oder schafften es, ins Exil zu fliehen.
Neugründung in den 1990er-Jahren mini|125px|Radu Câmpeanu mini|125px|Mircea Ionescu-Quintus Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurde die PNL 1990 wiedergegründet. Bei den ersten freien Wahlen im Mai 1990 kam der Präsidentschaftskandidat der PNL, Radu Câmpeanu, auf 10,6 % der Stimmen. Bei der gleichzeitigen Parlamentswahl erhielt die PNL sogar nur 6,4 % und 29 der 395 Sitze in der Deputiertenkammer. Hingegen gewann die aus der aufgelösten Kommunistischen Partei (PCR) hervorgegangene „Nationale Rettungsfront“ (FSN) eine Zwei-Drittel-Mehrheit.
Als Gegenpol zur dominanten FSN bildete die PNL im Jahr darauf mit der anderen neu-alten Partei, der christdemokratischen PNȚ-CD, das Wahlbündnis Convenția Democrată Română (CDR; „Rumänische demokratische Konvention“). Die CDR unterlag zwar 1992 erneut den inzwischen als „Demokratische nationale Rettungsfront“ auftretenden Post-Kommunisten des Präsidenten Ion Iliescu, legte aber auf zusammen rund 20 % zu. Bei den Wahlen 1996 siegte die CDR: Emil Constantinescu (ein Christdemokrat) wurde Staatspräsident und die CDR wurde mit 30,2 % stärkste Kraft im Parlament. Anschließend stellte sie von 1996 bis 2000 gemeinsam mit der Partidul Democrat (PD, reformorientierte Post-Kommunisten) und der demokratischen Ungarnpartei UDMR/RMDSZ die Regierung.
Nach einem ernüchternden Zerfallsprozess Mitte der 1990er-Jahre (z. B. Gründung der Partidul Liberal 1993 um Dinu Patriciu) gelang den Nationalliberalen nach 2000 unter der Führung von Valeriu Stoica (und später Theodor Stolojan) durch viele Fusionen mit ehemaligen Abspaltungen und anderen Kleinparteien eine signifikante Festigung. Die PNL wurde 1999 als Vollmitglied in die Liberale Internationale (LI) aufgenommen.
mini|125px|Valeriu Stoica Zu den Wahlen im Jahr 2000 verließ die PNL das CDR-Bündnis mit den Christdemokraten und trat alleine an. Sie kam nur auf rund 7 % bei der Parlamentswahl, ihr Präsidentschaftskandidat Theodor Stolojan erhielt 11,8 %. Anschließend war sie wieder in der Opposition. Durch das Verschwinden der christdemokratischen PNȚ-CD in der politischen Bedeutungslosigkeit war die PNL die einzig verbliebene „historische“ Mitte-rechts-Partei von Bedeutung. Dieser Zustand endete durch die Neuorientierung der post-kommunistischen PD als christdemokratische und liberalkonservative Mitte-rechts-Partei um 2005.
Erläuterungen der Grafik ACL = Alianța Civic Liberală (Bürgerlich-Liberale Allianz) ApR = Alianța pentru România (Allianz für Rumänien) ANL = Alianța Național Liberală (National-Liberale Allianz) ALDE = Alianța Liberalilor şi Democraților (Allianz der Liberalen und Demokraten) NPL = Noul Partid Liberal (Neue Liberale Partei) PAC = Partidul Alianței Civice (Partei der Bürgerallianz) PAR = Partidul Alternativa României (Partei Rumäniens Alternative) PC = Partidul Conservator (Konservative Partei) PL'93 = Partidul Liberal 1993 (Liberale Partei 1993) PD-L = Partidul Democrat Liberal (Demokratische Liberale Partei) PLD = Partidul Liberal Democrat (Liberale Demokratische Partei) PNL = Partidul Național Liberal (National-Liberale Partei) PNL-AT = Partidul Național Liberal – Aripa Tânără (National-Liberale Partei – Junger Flügel) PNL-CD = Partidul Național Liberal – Convenția Democrată (National-Liberale Partei – Demokratische Konvention) PNL-C = Partidul Național Liberal-Câmpeanu (National-Liberale Partei-Câmpeanu) PSL = Partidul Socialist Liberal (Sozialistisch-Liberale Partei) PUR = Partidul Umanist din România (Humanistische Partei von Rumänien) PUR-SL = Partidul Umanist din România – Social Liberal (Humanistische Partei von Rumänien – Sozialliberal) UFD = Uniunea Forțelor de Dreapta (Union der Rechten Kräfte)
Allianz D.A. und Regierung 2004–2008 mini|125px|Theodor Stolojan Nach vier Jahren Regierung der post-kommunistischen PSD unter Adrian Năstase trat die PNL 2004 in einem Bündnis mit der PD an (die ebenfalls aus ehemaligen Kommunisten bestand, aber stärker reformorientiert als die PSD war). Dieses nannte sich „Allianz für Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Alianța Dreptate și Adevăr, kurz D.A.). Die PD, die damals noch zur sozialdemokratischen Parteienfamilie gehörte, wurde von der Sozialistischen Internationale (SI) scharf für ihr Bündnis mit der rechts der Mitte positionierten PNL kritisiert. Dies hatte zu Spekulationen geführt, die beiden Parteien könnten fusionieren und als eine liberale Bewegung fortbestehen. Auch über einer Annäherung an die Europäische Volkspartei (EVP, Christdemokraten) wurde viel spekuliert. Viele Kommentatoren sahen den Fortbestand der Allianz nach der Ablösung Theodor Stolojan als Vorsitzender der PNL durch Călin Popescu-Tăriceanu im Herbst 2004 gefährdet, weil vor allem die beiden Parteichefs (also Stolojan und Traian Băsescu) Garanten für die Stabilität des Bündnisses waren.
mini|125px|Călin Popescu-Tăriceanu Die Allianz bestand jedoch fort und der Kandidat der D.A. Traian Băsescu (PD) wurde im zweiten Wahlgang zum Staatspräsidenten gewählt. Im Parlament wurde die Allianz mit 31,3 % nur zweitstärkste Kraft hinter „Nationalen Union“ aus PSD und PUR. Nach der Wahl wechselte die PUR jedoch die Seiten und verschaffte der D.A. gemeinsam mit der Partei der ungarischen Volksgruppe UDMR/RMDSZ eine Mehrheit. Der Nationalliberale Călin Popescu-Tăriceanu wurde Premierminister und blieb dies bis 2008.
Nachdem im Herbst 2005 die von der Konservativen Partei (PC) – früher „Humanistische Partei Rumäniens“ – gewünschte Aufnahme in die Reihen der EVP gescheitert war und sich die EU-Parlamentsbeobachter der PC ebenso wie jene der PNL den liberalen EU-Parlamentariern (ALDE) anschlossen, wurde eine Fusion der PC mit der PNL diskutiert, die jedoch nicht zustande kam.