Logischer Empirismus, auch logischer Positivismus oder Neopositivismus genannt, ist eine sprach-, erkenntnis-, wissenschafts- und geistesphilosophische Position, die zu den einflussreichsten philosophischen Richtungen des 20. Jahrhunderts zählt. Zu seinen Begründern zählen insbesondere Rudolf Carnap, Hans Reichenbach, Herbert Feigl, Victor Kraft und andere; der Wiener Kreis und seine Mitglieder spielten eine maßgebliche Rolle bei der Formulierung des Programms.
Einflüsse, Namensgebung und Programm Einflüsse Der größte Einfluss auf den logischen Empirismus ging von Denkern wie Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein und Ernst Mach aus. So vertritt der logische Empirismus z. B. eine strikt antimetaphysische Haltung, die er mit dem ursprünglichen Empirismus und einer empirisch ausgerichteten Immanenzphilosophie teilt.
Gleichzeitig wurden die Positionen dieser Vorläufer kritisch hinterfragt und überprüft. Beispielsweise hat Moritz Schlick den Immanenzpositivismus Machs bereits sehr früh in den 1920ern kritisiert. Schlick vertrat zu jener Zeit einen erkenntnistheoretischen Realismus, da nur dann sinnvoll wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden könnten, wenn man auch solche Dinge als wirklich annehmen kann, die nicht gegeben sind. Spätestens nach dem Protokollsatzstreit zu Beginn der 1930er wurde der für den Positivismus maßgebliche Begriff des „unmittelbar Gegebenen“ aufgegeben und stattdessen ein Verifikationismus akzeptiert.Siehe W. Stegmüller (1969), hier in der Literatur angegeben, S. 381. Die Charakterisierung des logischen Empirismus als ›Logischer Positivismus‹ wurde laut Stegmüller von dessen damaligen Hauptvertretern mehrheitlich abgelehnt. Sie stimme nur dahingehend überein, als dass die Überwindung metaphysischer (vorwissenschaftlicher) Termini nur mittels einer exakten oder formalen Wissenschaftssprache gelingen könne. Des Weiteren werden als ›positivistisch‹ nur solche Richtungen bezeichnet, die – wie beispielsweise die von Mach und von Russell – vom unmittelbar Gegebenen ausgehen, eine Voraussetzung, die für viele Empiristen problematisch sei (siehe dazu ebd., S. 361). Trotzdem sahen sich die logischen Empiristen auch weiterhin in der von E. Mach vertretenen Tradition und verwendeten den Begriff Positivismus, in einem sehr viel weiteren Sinn, auch weiterhin für sich.In seiner Rezension von K. Poppers „Logik der Forschung“ erklärt R. Carnap, dass der Sinn, in dem der Begriff „Positivismus“ vom logischen Empirismus für sich selbst verwendet werde, sehr weit sei. Und zwar würden sie alle Positionen als Positivismus einordnen, in denen die Akzeptanz von Theorien letztlich durch Konfrontation mit der Wirklichkeit zustande käme, womit selbst Poppers Position noch unter diesem weiten Begriff des Positivismus fallen würde.
Namensgebung Die Benennung „logischer Empirismus“ geht auf Hans Reichenbach zurück, welcher diese Benennung als Alternative zu dem von Herbert FeiglAlbert E. Blumberg, Herbert Feigl: Logical Positivism: A new Movement in European Philosophy. Journal of Philosophy 28, 281–296 (1931) benutzten Bezeichnung „logischer Positivismus“ vorschlug. Andere weniger bekannte Vorschläge waren „Konsistenter Empirismus“ (M. Schlick) oder auch „Wissenschaftlicher Rationalismus“ (O. Neurath).siehe Einleitung zu „Logical Empiricism in North America.“ G. L. Hardcastle, A.W. Richardson (Editoren), Minnesota Studies in the Philosophy of Science, XVIII, (2003)
Zumeist wird nicht zwischen den Ausdrücken logischer Empirismus und logischer Positivismus unterschieden. Wenn ein sachlicher Unterschied gemacht wird, ist logischer Empirismus der weitere Begriff.So Der logische Positivismus wird dann u. a. als „eine wichtige Strömung“Greimann, Dirk: Der logische Empirismus und seine Auflösung in der amerikanischen Nachkriegsphilosophie. In: E. Fischer/W. Vossenkuhl: Die Fragen der Philosophie. Beck, München 2003, S. 346 (351) des logischen Empirismus aufgefasst. Historisch betrachtet benutzten Mitglieder des Berliner Kreises den Ausdruck Positivismus nicht für sich selbst.
Programm Eines der Hauptanliegen des logischen Empirismus war es, genaue Kriterien angeben zu können, nach denen man philosophische Methoden als gültig bzw. ungültig beurteilen kann. Wichtiges Motiv dafür war der Vergleich zwischen der Entwicklung der empirischen Wissenschaften sowie der Mathematik einerseits und der Philosophie andererseits. Während in Ersteren in den letzten Jahrhunderten ein nicht zu leugnender Zuwachs an Erkenntnis zu verzeichnen war, konnte ein solcher Fortschritt aus Sicht der logischen Empiristen in vielen wesentlichen Gebieten der Philosophie – trotz jahrtausendelanger Tradition – bestritten werden. Verantwortlich gemacht für diese Diskrepanz wurde, neben dem Mitteilungsproblem, eben das Fehlen von möglichst exakten Kriterien zur Beurteilung von philosophischen Methoden. Wegen des Fehlens solcher zwingender Kriterien, wie es sie in Mathematik und Naturwissenschaften gibt, sei in den wesentlichen philosophischen Fragen bis heute keine Einigung erzielt worden.
Vorbild des logischen Empirismus war der Logizismus Gottlob Freges. Ähnlich wie dort ein Programm aufgestellt wurde, das die Mathematik im Rahmen der Logik zu rekonstruieren versuchte, wurde im logischen Empirismus ein Programm aufgestellt, das zum Ziel hatte, die Theorien der empirischen Wissenschaften mit Hilfe der Logik rational zu rekonstruieren. Der logische Empirismus verlangte, dass alle bedeutungsvollen Aussagen entweder direkt auf Beobachtungssätze reduziert werden können, oder zumindest in eine logische Relation zu Beobachtungssätzen gebracht werden können, so dass sie durch akzeptierte Beobachtungssätze bestätigt bzw. geprüft werden können. Die akzeptierten Beobachtungssätze werden dabei als intersubjektive Übereinkunft (Konvention) angesehen, nicht als absolut gesicherte Basis, wobei ihnen aber nicht ein objektiver Gehalt abgesprochen wird. Entgegen einigen Rezeptionen, welche dem Logischen Empirismus einen traditionellen erkenntnistheoretischen Fundamentalismus unterstellen, der gesichertes Wissen auf als absolut sicher geltenden Beobachtungssätzen begründen wollte, wird heute vielmehr betont, dass der Logische Empirismus speziell in der Form, wie er von den Hauptvertretern Moritz Schlick, Rudolf Carnap und Otto Neurath vorangetrieben wurde, einen erkenntnistheoretischen Anti-Fundamentalismus beinhaltete, der auch die Sichtweise der (Wissenschafts-)Philosophie als eine privilegierte und autonome Instanz zur Beurteilung wissenschaftlichen Wissens und Vorgehens ablehnte.Thomas E. Uebel: Anti-Foundationalism and the Vienna Circle's Revolution in Philosophy. Brit. J. Phil. Sci., 47, (1996), 415–440
Entwicklung und Ausbreitung Als Ursprungszelle des logischen Empirismus gilt der Wiener Kreis, eine sich wöchentlich treffende Diskussionsgruppe, die sich 1923 aus einem Seminar von Moritz Schlick heraus entwickelte. Kennzeichnend für diese Gruppe war ihre interdisziplinäre Zusammensetzung. Entscheidend für die Entwicklung des Wiener Kreises war die Teilnahme R. Carnaps, der 1926 einen Ruf an die Universität Wien erhielt und zu einer der bekanntesten Figuren des logischen Empirismus werden sollte. Neben Carnaps Buch Der logische Aufbau der Welt kann zu dieser frühen Zeit besonders Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus als einflussreiche Inspiration genannt werden.
Im Jahre 1928 wurde in Berlin eine ähnliche Gruppe als Berliner Gesellschaft für empirische Philosophie gegründet, zu der unter anderem Hans Reichenbach als führendes Mitglied zählte. Weiterhin gab es eine Zusammenarbeit des Wiener Kreises mit einer Gruppe um Heinrich Scholz in Münster. Auch außerhalb des deutschen Sprachraumes bildeten sich ähnliche Gruppen, so in Polen die Lemberg-Warschau-Schule, eine gegen irrationalistische Metaphysik gerichtete Gruppe, zu deren bekanntesten Mitgliedern Alfred Tarski zählte. In Skandinavien war bereits 1910 von Axel Hägerström die ‹Uppsala Schule› gegründet worden, die bereits einige der Auffassungen des späteren logischen Empirismus vorwegnahm, allerdings erst relativ spät, in den 1930ern, mit dem Wiener Kreis in Kontakt kam. Hägerströms Schüler Konrad Marc-Wogau und die Zeitschrift Theoria bildeten eine wichtige skandinavische Verbindung zum Wiener Positivismus.
Neben diesen Gruppen gibt es zahlreiche Einzelpersonen aus verschiedenen Ländern, die zum logischen Empirismus gezählt werden können. Dazu gehören die Skandinavier Eino Kaila, G.H. von Wright, Arne Næss, Joergen Joergensen, die Briten Joseph Henry Woodger und Alfred Jules Ayer, die Schweizer Ferdinand Gonseth und Karl Dürr; sowie Louis Rougier aus Frankreich und der Deutsche Paul Oppenheim.
In die Öffentlichkeit trat der Wiener Kreis erstmals 1929 mit einer Publikation „Wissenschaftliche Weltauffassung: Der Wiener Kreis“.Wissenschaftliche Weltauffassung: Der Wiener Kreis (Carnap, Hahn, Neurath 1929). Open-Access Bereitstellung unter Red Hat Enterprise (abgerufen am 17. Dezember 2024). in der das Programm des Wiener Kreises erläutert wurde. Veröffentlicht wurde diese durch den 1928 mit dem Ziel der Förderung und Verbreitung eines wissenschaftlichen Weltbildes gegründeten Verein Ernst Mach.
Bereits seit den 1920ern fand ein reger Ideenaustausch zwischen Mitgliedern des Wiener Kreises und amerikanischen Philosophen statt, und in den 1930ern emigrierten fast alle Vertreter des logischen Empirismus aus dem deutschsprachigen Raum, der überwiegende Teil in die USA. Grund hierfür waren teils ökonomische Gründe oder – wie im Fall R. Carnaps – ein Ruf an die Universität von Chicago, zum überwiegenden Teil jedoch politische Gründe. Viele Vertreter des logischen Empirismus waren Juden und mussten auf Grund des grassierenden Antisemitismus den Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten verlassen. Auch waren viele Vertreter in linken oder liberalen Bewegungen aktiv und kamen in Konflikt mit dem klerikal gefärbten Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Die Folge davon war eine dominante Stellung des logischen Empirismus an den philosophischen Fakultäten amerikanischer Universitäten.
Mit der Ermordung M. Schlicks im Jahr 1936 durch seinen ehemaligen Studenten Hans Nelböck löste sich der Wiener Kreis auf. Damit verschwand auch der logische Empirismus im deutschsprachigen Raum, in dem er wesentlich entwickelt wurde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden u. a. von W. Stegmüller wesentliche Kerngedanken des logischen Empirismus in Form der Analytischen Philosophie wieder im deutschsprachigen Raum eingeführt.
Verbindung zum amerikanischen Pragmatismus Mit seiner Verlagerung nach Nordamerika ging der logische Empirismus inhaltlich und personell eine Verbindung mit dem amerikanischen Pragmatismus ein. So waren führende Pragmatisten wie Charles W. Morris und John Dewey neben Rudolf Carnap und anderen Mitherausgeber der International Encyclopedia of Unified Science. Erleichtert wurde diese Verbindung durch viele parallele Ideen, beispielsweise die des Fallibilismus, die sich in beiden Philosophien wiederfanden.siehe etwas C.W Morris Logical Positivism, Pragmatism, and Scientic Empiricism. Paris 1937. Einer vollständigen Verschmelzung beider Richtungen standen aber letztlich Differenzen über die Stellung der Objektivität in der Wissenschaft entgegen; obwohl auch hier einige logische Empiristen, wie O. Neurath, Positionen vertraten, die denjenigen der Pragmatisten sehr nahe kamen.
Gesellschaftliches Umfeld Die Zeit des Wiener Kreises war eine Zeit großer gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Umbrüche. Auch der sich formierende logische Empirismus betrachtete sich als revolutionäre Bewegung, die die überkommene Philosophie überwinden wollte, ähnlich wie Relativitätstheorie und andere neue physikalische Theorien das bis dahin gültige physikalische Weltbild überwunden hatten.