mini|Polizeiliches Foto von Escobar (1976) Pablo Emilio Escobar Gaviria (auch „El Doctor“, „El Patrón“ oder „Don Pablo“ genannt, * 1. Dezember 1949 in Rionegro; † 2. Dezember 1993 in Medellín) war ein kolumbianischer Drogenbaron, Drogenschmuggler und Terrorist. Durch groß angelegten und erstmals in der Kriminalgeschichte industrialisierten Drogenhandel wurde er als Oberhaupt des sogenannten Medellín-Kartells zu einem der reichsten Menschen der Welt. Er wird als einer der bisher mächtigsten und brutalsten Drogenbarone angesehen.
Auch sein Bruder Roberto „El Osito“ Escobar Gaviria und sein Cousin Gustavo „El León“ Gaviria Rivero waren Teil seines Imperiums.
Hintergrund Eine Atmosphäre der Gewalt prägte die Jugend Pablo Escobars und begründete seine Skrupellosigkeit zur Durchsetzung seiner Ziele.Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 27. Sie entsprang den ungleichen Vermögensverhältnissen Kolumbiens: Eine reiche Machtelite aus wenigen Familien besaß 97 Prozent der Ländereien und Rohstoffe – darunter Bergwerke, Erdölquellen sowie Kaffee- und Bananenplantagen. Wegen dieser Ungleichverteilung war ein Großteil der Bevölkerung arm.Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 19.
1948 wurde der liberale Präsidentschaftskandidat und Reformer Jorge Eliécer Gaitán erschossen. Dies führte zum Volksaufstand El Bogotazo, der vor allem in ländlichen Zonen vehement fortgesetzt wurde – bedingt zum einen durch religiösen Eifer, zum anderen durch Macht- und Landansprüche. Dies mündete in die Violencia, einen grausamen Bürgerkrieg zwischen Anhängern von liberaler und konservativer Partei.
Leben Jugend Pablo Emilio Escobar Gaviria wurde in der Stadt Rionegro im Departamento de Antioquia als drittes von sieben„Pablo Escobar by Marcela Grajales“. Accents Magazine, Kean University. Abgerufen am 13. Februar 2012. Kindern des Viehzüchters Abel de Jesús Escobar und der Lehrerin Hermilda Gaviria geboren.Luis Cañón Moreno: El Patrón. Vida y muerte de Pablo Escobar. Planeta, Santafé de Bogotá 1994, ISBN 958-614-402-X, S. 304. Er entstammte dem ländlichen Mittelstand, seine Familie besaß Milchkühe und 12 Hektar Land. Die relativ wohlhabenden Rinderfarmen von Frontino und Rionegro waren stets Schauplätze gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen liberalen Heereseinheiten und Guerilleros aus den Bergen.Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 29–30.
Die Familie zog nach Envigado, dort gründete Hermilda eine Volksschule. Pablo Escobar schloss sich in Envigado einer nihilistischen Jugendbewegung, dem Nadaísmo,Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 30–31. an und begann mit 13 Jahren Marihuana zu rauchen. Seine Schule Liceo Lucrecio Jaramillo verließ er 1966 aus Protest vorzeitig. Escobar konsumierte große Mengen an Softdrinks, Pizza und Fastfood, was zu seinem Übergewicht führte.Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 46–47.
Zusammen mit seinem Cousin Gustavo „El León“ Gaviria verbrachte er seine Jugend auf den Straßen und in den Bars des Medellíner Rotlichtbezirks Jesús el Nazareno. Im Barrio Antioquia von Medellín machte er Bekanntschaft mit lokalen Unterweltgrößen, die für seine weitere Laufbahn wichtig waren. Der Besitz von Schusswaffen brachte ihm schnell den Respekt der anderen Banden ein, die damals meist nur mit Messern und Macheten bewaffnet waren. Früh schloss er sich einer Marihuana-Schmugglerbande an und beteiligte sich an Raubüberfällen auf der Straße. Ein weiterer Erwerbszweig war der Handel mit geschmuggelten Marlboro-Zigaretten. Nach Aussagen seiner Mutter war er für eine ehrliche Tätigkeit ungeeignet, denn er wollte sich schon früh große Macht aneignen.
Mit 20 Jahren begann er Autos zu stehlen, um sie zerlegt als Hehlerware zu verkaufen. Kurze Zeit später entführte er mit seiner Bande reiche Bürger und ermordete sie oft auch trotz Lösegeldzahlung, um seine Macht zu demonstrieren.
1971 entführte er den Industriellen Diego Echavarría und erdrosselte ihn nach Erhalt des Lösegeldes.Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 36. Die Entführung machte ihn in Medellín berühmt und brachte ihm den Beinamen „El Doctor“ ein.
Mitte der 1970er-Jahre wurde der Marimba-Marihuanahandel durch die Modedroge Kokain abgelöst. Pioniere in diesem neuen Boom-Geschäft waren Escobar, die Ochoa-Brüder, Carlos Lehder und José Rodriguez Gacha. Der intelligente und geschäftstüchtige Escobar erkannte als einer der ersten das enorme wirtschaftliche Potential des Kokainhandels und begann damit, neuartige Vertriebsstrukturen aufzubauen, damit diese Ware die Endabnehmer in den Vereinigten Staaten erreichen konnte.
Escobar nutzte die ungeahnten Verdienstmöglichkeiten für seinen gesellschaftlichen Aufstieg. In den 1970er-Jahren baute er ein riesiges Drogenimperium auf. Während seiner besten Jahre soll er bis zu 1,5 Millionen US-Dollar am Tag verdient haben. Er war als „der“ Drogenbaron Kolumbiens bekannt.
Drogenhandel
Escobars Persönlichkeit und Verhalten war geprägt von Grausamkeit und Skrupellosigkeit, die ihn schnell an die Spitze des Medellín-Kartells brachten.
Obwohl Escobar einmal im Besitz von elfeinhalb Kilogramm Kokain festgenommen wurde, gab es nie einen Prozess wegen Drogenbesitzes oder Drogenhandels gegen ihn, da der ihn belastende Polizist unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Durch Morddrohungen wurden auch die Richter eingeschüchtert, die den Mordprozess daher nicht noch einmal aufrollten.
1975 lernte Escobar einen wohlhabenden Piloten mit dem Decknamen Rubin aus Medellín kennen, der fließend Englisch sprach,Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 37. Miami gut kannte und bereits für die Ochoa-Brüder (Alonso, Jorge und Fabio) arbeitete.David P. Thompson: Pablo Escobar, Drug Baron: His surrender, imprisonment, and escape Taylor & Francis Online, abgerufen am 4. Juli 2017 (englisch) Rubin kaufte in Miami Sportflugzeuge und warb weitere Piloten an. Der erste Kokainschmuggler aus Medellín war Fabio Restrepo, mit dem Rubin 1975 ein bis zwei Lieferungen Kokain (40–60 kg) nach Miami ausflog und einen Gewinn von etwa 40.000 USD erwirtschaftete.Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 38. Escobar erhielt von Jorge Ochoa die Erlaubnis, unverschnittenes Kokain an Restrepo zu verkaufen. Er ließ Restrepo ermorden und Rubin sowie die Ochoa-Brüder wussten, dass sie fortan für ihn arbeiten mussten.
1976 heiratete Escobar die 15-jährige María Victoria Henao Vellejo. Mit ihr bekam er die Kinder Juan Pablo und Manuela. Die Ehe wurde nach eigener Aussage als sehr glücklich eingeschätzt, obwohl Escobar seine Frau mit unzähligen jungen Frauen betrog. Als eine dieser Frauen schwanger wurde, wurde sie von Escobars Auftragsmördern getötet.
Jhon Jairo Velásquez, genannt Popeye, war engster Vertrauter und Escobars wichtigster Mörder, er tötete auf seinen Befehl etwa 300 Menschen. Insgesamt ließ Escobar 30 Richter sowie 457 Polizisten ermorden.
1976 ließ das Departamento Administrativo de Seguridad (DAS) seinen Cousin Gustavo Gaviria verhaften, nachdem er in Miami Kokain abtransportiert hatte. Escobar wurde verhaftet und musste in Itagüí eine Gefängnisstrafe absitzen, wurde aber durch Bestechung kurz danach wieder freigelassen. Die DAS-Beamten, die ihn verhaftet hatten, wurden ermordet. Er etablierte damit das kolumbianische „plata o plomo“-Prinzip (wörtlich „Silber oder Blei“): Entweder lässt man sich bestechen, oder es fliegen Bleikugeln (für oder gegen ihn).Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 40.
Escobar kontrollierte als Geschäftsmodell den Transport des von unabhängigen Pflanzern gewonnenen Kokains. Die Erzeuger zahlten dafür eine Provision von 10 Prozent auf den Großhandelspreis in Miami. Bei Verlust einer Lieferung zahlte Escobar den Lieferanten Ersatz auf die Erzeugerkosten. Die Gewinne lagen bei weitem über den Verlusten der abgefangenen Lieferungen. Escobar erkaufte sich Schutz von den Pflanzern über die Verarbeiter bis zu den Distributoren. Die Transporte wurden hauptsächlich mit Staffeln von Sportflugzeugen (etwa eine Tonne Fracht) abgewickelt, aber auch mit ferngesteuerten Mini-U-Booten, die bis zwei Tonnen Kokain von der Nordküste Kolumbiens bis nach Puerto Rico transportierten. In der Endphase ließ er 10 Tonnen Kokain in einer umgebauten Boeing 727 in die USA exportieren.
Gacha und Lehder arbeiteten in der Anfangsphase teils für Escobar, teils gegen ihn. 1975 wurde eine Kokainlieferung von 600 Kilogramm in einem Flugzeug in Cali abgefangen; diese Maßnahme löste die Ermordung von 40 Personen an einem Wochenende aus, da sich die Organisationen gegenseitig vorwarfen, das Geschäft gestört zu haben. Der unermessliche Reichtum durch das Kokaingeschäft führte zu einer neuen Gesellschaftsschicht in Kolumbien, die diesen durch Villen, Diskotheken etc. zur Schau trug.
Escobars Schwager Mario Henao, ein linksorientierter Intellektueller, gab Escobar die patriotische Rechtfertigung für seinen Drogenhandel,Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 44–45. um ein neues, modernes und fortschrittliches Kolumbien aufzubauen. In Medellín gab Escobar die Zeitung Medellín Cívico heraus, die sich mit der Glorifizierung seiner Person befasste. Ihm zur Ehre wurde das Viertel Pablo Escobar für Wohnungslose erbaut. Escobar stellte sich als großzügiger Arbeitgeber in Medellín dar und zahlte dem Personal in den Drogenlabors hohe Gehälter. 1978 wurde Escobar als Abgeordneter in den Stadtrat von Medellín gewählt, die politische Immunität schützte ihn vor weiterer Strafverfolgung. Der Diplomatenstatus wurde für Reisen seiner Familie nach Miami genutzt.
In Miami erwarb die Familie ebenfalls Luxusvillen und eine 8-Millionen-Dollar-Ranch bei Plantation im Broward County. Die kolumbianischen Narco-Millionäre und -Milliardäre setzten die Tradition der Wohlhabenden fort, die ihre Reichtümer damals der Sklavenarbeit, dem Tabak- und Chinin-Schmuggel, der Landbeschlagnahmung während der Bürgerkriege, dem Gold- und Smaragdschmuggel verdankten.
1981 stellte Escobar nach der Entführung von Marta Ochoa eine private MAS-Miliz „Muerte a los Secuestradores“ auf. Die Gründung der MAS-Miliz wurde von 223 Drogenhändlern unterzeichnet und durch das Abwerfen von Flugblättern über einem Fußballstadion bekanntgegeben. Der Zusammenschluss der MAS wird auch als Gründungsdatum des Medellín-Kartells gesehen.
1982 ließ sich Escobar als Abgeordneter in den kolumbianischen Kongress wählen. Er war Mitglied der sozialdemokratisch-liberalen Partei, befand sich auf dem Gipfel seiner Popularität und wurde „paisa Robin Hood“paisa – Bewohner der kolumbianischen Provinz Antioquia genannt. Da er aber öffentlich beschuldigt wurde, mit Drogen zu handeln, war er gezwungen, sein Mandat niederzulegen. Aufgrund seiner Finanzmacht und seiner Verbindungen konnte er sich weiterhin großen Einfluss auf Politik und bestochene Politiker sichern.
1983 und Anfang 1984 war er der erfolgreichste Kokainhändler der Welt, er hatte 80 Prozent des Kokainmarktes in Kolumbien unter seiner Kontrolle. Seinen größten Gewinn erzielte er mit dem Kokainschmuggel in die USA, wo Kokain etwa dreimal teurer verkauft werden konnte als in Kolumbien. Ein Kilogramm Kokain hatte jenseits der Grenze statt seines ursprünglichen Wertes von 9.000 Dollar nun einen von 30.000 Dollar. Da sein Reinheitsgrad von ursprünglich 90 Prozent in den USA auf 30 Prozent gestreckt wurde, stieg der Wert auf über 90.000 Dollar.
1983 bot Manuel Noriega dem Medellín-Kartell in Panama Exil und großzügige Anlagemöglichkeiten für das Drogengeld.Mark Bowden: Killing Pablo. Berlin-Verlag, 2001, S. 67.