Unter Arbeiterkindern werden, neben der reinen Wortbedeutung „Kinder von Arbeitern“, Kinder oder Jugendliche mit Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht verstanden, die über geringeres Einkommen, Ansehen und Bildungschancen verfügen. Der Begriff hat eine biographische Bedeutung, da das Umfeld der ersten Lebensjahre besonders prägend ist. Diese Prägung beschrieb Pierre Bourdieu mit dem Konzept des Habitus, der durch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht bedingt ist und zugleich Klassenlagen wieder hervorbringt.Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main 1987.Lars Schmitt: Bestellt und nicht abgeholt. Soziale Ungleichheit und Habitus-Struktur-Konflikte im Studium. Springer VS, ISBN 978-3-531-92193-8.
Bedeutung Der Ausdruck Arbeiterkinder entstand mit dem Beginn der Industrialisierung, als vor allem Menschen mit geringem Bildungsstand und niedrigem sozialem Status ihren Lebensunterhalt mit gering bezahlter Lohnarbeit bestritten. Deren Kinder verfügten in der Regel über keine Chancen zum gesellschaftlichen Aufstieg, da ihnen der Zugang zu Bildung vor allem aus finanziellen Gründen verwehrt war, während der Nachwuchs von Unternehmern, höheren Beamten und Akademikern von Anfang an auf das gesellschaftliche Niveau der Eltern gehoben wurde.
Heutiges Verständnis In der heutigen europäischen Gesellschaft ist der Ausdruck in seiner ursprünglichen Bedeutung nur noch bedingt anwendbar. Einerseits fehlt es außerhalb der marxistischen Klassentheorie an einem einheitlichen Verständnis des „Arbeiter“-Begriffs, unter den im weiteren Sinne auch qualifizierte und gut bezahlte Berufstätigkeiten, etwa als Facharbeiter gefasst werden. Andererseits sind die Merkmale Armut, geringes Sozialprestige und gesellschaftliche Benachteiligung in Zeiten enormer Erwerbslosigkeit gesellschaftlich breiter gestreut und treffen etwa auch Arbeitslose, Alleinerziehende, Migranten, kranke und behinderte Menschen. Trotz dieser Veränderung wird Arbeiterkinder in Presse und wissenschaftlicher Darstellung zuweilen noch synonym für Kinder mit einem familiären Hintergrund verwendet, der über wenig finanzielles, soziales und kulturelles Kapital verfügt und vorwiegend körperliche Arbeit leistet.
Marxismus Nach marxistischer Auffassung stehen im Kapitalismus Arbeiterkinder vor vielen Bildungsbarrieren, da das Verwertungsinteresse des Kapitals den Umfang und die Grenzen der Bildung bestimme.
In seiner „Kritik des Gothaer Programms“Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, 1875. MEW 19:13–32. der SPD („Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“) forderte Karl Marx: Durch ein allgemeines Gesetz die Mittel für die Volksschule bestimmen, ist etwas ganz anderes als den Staat zum Volkserzieher zu ernennen. Vielmehr sind Regierung und Kirche gleichmäßig von jedem Einfluss auf die Schule auszuschließen. Er forderte technische Schulen, die theoretischen und praktischen Unterricht bieten: „Polytechnische Erziehung“.
Auf Russland bezogen fand kurz nach der Jahrhundertwende eine kultur- und bildungstheoretische Kontroverse zwischen Bogdanow und Lenin statt, in der es unter anderem darum ging, ob nach der Revolution ein anders aufgebautes und inhaltlich neues arbeiter- und arbeiterkindergerechtes Bildungssystem (Arbeiteruniversitäten) errichtet werden solle, oder ob weitgehend bürgerliche Werte und Ordnungen übernommen werden sollten. Bogdanows Proletkult-Bewegung unterlag in diesem Streit.
Nach der Oktoberrevolution 1917 erließ der Rat der Volkskommissare eine Erklärung über ein einheitliches, barrierenloses Bildungssystem, das vom Kindergarten bis zur Universität führen sollte. Es wurde anfangs versucht, reformpädagogische Ansätze in den überall aus dem Boden gestampften Schulen umzusetzen. Der erste Volkskommissar A. W. Lunatscharski (1875–1933) bezog sich mit der Errichtung von Arbeitsschulen auf den Theoretiker Pawel Blonski (1884–1941), der die innere Entwicklung der Kinder forderte. Lenin stand dem skeptisch gegenüber, und vor allem unter Stalin wurden die reformpädagogischen Konzepte zurückgedrängt.
Marxisten wie Otto Rühle und Wilhelm Reich, die in der Weimarer Republik praktische pädagogische Erfahrungen mit Arbeiterkindern und Arbeiterjugendlichen sammeln konnten, kritisierten Einstellung und Verhalten der KPD gegenüber Arbeiterkindern als autoritär. Eugen Rosenstock-Huessy wirkte als Pionier bei den Versuchen, in freiwilligen Arbeits- und Studienlagern Arbeiter- und bürgerliche Jugendliche in ihren Erlebnis- und Denkwelten füreinander verständlich zu machen.
Arbeiterkinder in Zeiten der frühen Industrialisierung In den Anfängen der Industrialisierung beschrieb Friedrich Engels die Lage der Arbeiter in England. Er berichtet, dass um 1840 die durchschnittliche Lebenserwartung in Liverpool der unteren Schichten überhaupt nur 15 Jahre betrug. Dies war bedingt durch die hohe Kindersterblichkeit. In Manchester starben über 57 % der Arbeiterkinder vor dem fünften Lebensjahr, in den höheren Schichten nur 20 %. In den Industriestädten vervielfachten sich die Todesfälle von armen Kindern bei Krankheiten wie Pocken, Masern, Keuchhusten, Scharlachfieber, Wasser im Gehirn und Krämpfen. Zudem seien die Arbeiterkinder sehr vernachlässigt, da beide Elternteile arbeiteten, wenn sie überhaupt noch lebten. Nirgends kämen so viele Kinder durch Unfälle ums Leben wie in den großen Städten Englands. Lange Arbeitszeiten, ein hoher Krankenstand und Laster wie Alkoholismus führten zu einer Verrohung und Zerrüttung der Familien. Die ohne Schulbildung von früher Kindheit an durch Arbeit und Disziplin der Fabrik geformten Erwachsenen waren häufig nicht in der Lage, ihre Lage genau einzuschätzen oder etwas dagegen zu unternehmen.J. F. Bergier: Das Industriebürgertum und die Entstehung der Arbeiterklasse 1700–1914. In: Carlo M. Cipolla (Hrsg.): Europäische Wirtschaftsgeschichte in 4 Bänden. Band 3: Die Industrielle Revolution, S. 283 und 284.
In Ermangelung medizinischer Versorgung war es üblich, dass selbst kleine Arbeiterkinder Branntwein und als Medizin verkauftes Laudanum (Opium) von ihren überforderten und oftmals selbst alkoholabhängigen Eltern bekamen.
Kinderarbeit mini|Kinderarbeit, Newberry, South Carolina, 1908
Arbeiterkinder waren oftmals zur Kinderarbeit gezwungen.Zur Kinderarbeit bis zum Ersten Weltkrieg und deren gesetzlichen Regelung vgl. Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, I. Abteilung: Von der Reichsgründungszeit bis zur Kaiserlichen Sozialbotschaft (1867–1881), 3. Band: Arbeiterschutz, bearbeitet von Wolfgang Ayaß, Stuttgart/Jena/New York 1996; Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, II. Abteilung: Von der Kaiserlichen Sozialbotschaft bis zu den Februarerlassen Wilhelms II. (1881–1890), 3. Band: Arbeiterschutz, bearbeitet von Wolfgang Ayaß, Darmstadt 1998; Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867 bis 1914, III. Abteilung: Ausbau und Differenzierung der Sozialpolitik seit Beginn des Neuen Kurses (1890–1904), 3. Band, Arbeiterschutz, bearbeitet von Wolfgang Ayaß, Darmstadt 2005. Sie verdienten für ihre Familien einen dringend benötigten Lohn hinzu und sorgten so oftmals für deren Überleben. Mit der Industrialisierung in Europa und den USA nahm die Kinderarbeit extrem gesundheitsgefährdende Ausmaße an. Zum Teil mussten die Kinder bis zu 90 Stunden wöchentlich arbeiten.F. W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914, S. 194. 1788 waren zwei Drittel der Arbeiter in den neuen wasserbetriebenen Textilfabriken in England und Schottland Kinder.Child Labor and the Division of Labor in the Early English Cotton Mills Ein englisches Arbeitszeitgesetz von 1802 sah einen Normalarbeitstag von 15 Stunden vor. Erst 1833 kam es zu einer Begrenzung der Arbeitszeit von Kindern und Jugendlichen. Anfang des 19. Jahrhunderts waren ein Drittel der Fabrikarbeiter in den USA zwischen 7 und 12 Jahre alt.
Noch 1858 arbeiteten – trotz des Regulativs vom 9. März 1839, das Fabrikarbeit von Kindern unter 9 Jahren verbotF. W. Henning: Die Industrialisierung in Deutschland 1800 bis 1914, S. 195. – 12.500 Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren in preußischen Fabriken. Erste Warnungen angesichts deren gesundheitlicher Verelendung gingen hier vom preußischen Heer aus, das bei seinen Rekruten damit konfrontiert wurde. Als Folge der Kinderarbeit wurde in Preußen die Gewerbeaufsicht gegründet, das Verbot der Kinderarbeit wurde bis zum 12. Lebensjahr ausgedehnt. Allerdings war für Zwölf- bis Vierzehnjährige noch immer ein zwölfstündiger Arbeitstag zugelassen.
Historisch sollte Kinderarbeit durch den Arbeitsschutz und die allgemeine Schulpflicht unterbunden werden. Neben gesundheitlichen Schäden war eine Folge der Kinderarbeit die mangelnde Bildung.
Bildung für Arbeiterkinder während der Industrialisierung mini|Eine Familie in Deutschland um 1900, die in einem Raum arbeitet, wohnt, kocht und schläft
Mit dem im 18. Jahrhundert verabschiedeten preußischen Generallandschulreglement wurde eine Vorstufe zur Schulpflicht eingeführt. Nach den Gymnasien und den Realschulen entstanden im 19. Jahrhundert auch flächendeckend Volksschulen. Für Arbeiterkinder war der Bildungsgang über diese Schule vorgesehen. Bis zur Weimarer Republik musste aber auch für die Volksschule noch Schulgeld gezahlt werden. Arbeiterkinder wurden – wie Bauernkinder – frühzeitig aus der Schulbildung genommen, um für den Familienunterhalt mit zu sorgen.
Der Schulbesuch in Preußen stieg von 50 % um 1800 auf 100 % um 1900. In derselben Zeit veränderte sich der Schulbesuch von sehr unregelmäßig zu regelmäßig. Allerdings bestand eine dramatische Kluft zwischen Stadt und Land. Um 1900 betrug der Schulbesuch in den unteren Schichten sieben Jahre. Um 1800 waren etwa 25 % der preußischen Bevölkerung in der Lage, Texte zu entziffern, um 1830 waren es um die 30 %, danach stieg die Quote pro Jahrzehnt 10 % mehr auf nahezu 100 % um 1900.
Für die soziale Stabilisierung wurden die unterschiedlichen Inhalte wichtig, die in den Schulunterricht eingeführt wurden. Über Kunst, Literatur und Musik sprach man in den gebildeten Schichten. In den unteren Schichten bot die Alltagskultur andere Themenschwerpunkte an; mit dem Ergebnis, dass eine Vermischung der Schichten für alle Beteiligten unattraktiv wurde: Man teilte die Themen nicht, die in den verschiedenen Schichten interessant waren, sobald man Schichten wechselte.
Die Schulen im 19. Jahrhundert waren zunächst als Ganztagsschulen gedacht. Die Schule ging von 7 bis 12 Uhr (im Winter ab 8 Uhr) und von 14 bis 16 Uhr, was der Arbeitswelt insbesondere im Handwerk entsprach. Danach wurden in Deutschland erst in den Gymnasien, dann in den Volksschulen die Vormittagsschulen eingeführt. Ende des 19. Jahrhunderts kam es in Deutschland zufolge der erhöhten Bildungsnachfrage zu Schließungseffekten: Gymnasien wurden über das Schulgeld zu Eliteeinrichtungen. Parallel zur Halbtagsschule wurde das dreigliedrige Schulsystem zur Regel. Gleichzeitig wurden Facharbeiterausbildungen eingerichtet, die insbesondere Arbeiterkindern halfen. Mit der Errichtung der Dualen Ausbildung und des dreigliedrigen Schulsystems war jedoch in Deutschland der Bildungszugang für Arbeiterkinder geringer als in einigen anderen Industriestaaten.Sigrid von den Steinen:
Politische Konzepte Ende des 19. Jahrhunderts wandte sich in Deutschland allmählich die Arbeiterfamilie vom bäuerlichen dem bürgerlichen Vorbild zu. Damit einhergehend wurde die Fürsorge- und Erziehungspflicht für Arbeiterkinder immer stärker auf die Mütter verschoben. Allerdings waren Mütter in Arbeiterfamilien im Gegensatz zu Müttern in bürgerlichen Familien in der Regel berufstätig. Die Fröbelschen Halbtagskindergärten, die familienergänzende Bildungseinrichtungen waren, wurden vor allem von Bürgerkindern besucht, für Arbeiterkinder waren bestenfalls Verwahranstalten vorgesehen.
Arbeiterkinder nach dem Ersten Weltkrieg