Die Luhmannsche Systemtheorie ist eine Spielart der Systemtheorie des deutschen Soziologen Niklas Luhmann, in welcher die Welt als grundlegend aus autopoietischen Systemen bestehend betrachtet wird, welche klar von ihrer Umwelt getrennt sind (von ihm Differenz genannt). Einen besonderen Einfluss hatte diese auf die Soziologische Systemtheorie als eine soziologische Theorie, in welcher die Gesellschaft als ein „umfassendes soziales System, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt“Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 78., beschrieben und erklärt wird. Er beschreibt, wie unter diesen Voraussetzungen Soziales entstehtAls zentral kann dazu Soziale Systeme. 1984, Kapitel 3: „Doppelte Kontingenz“, S. 148 ff. angesehen werden. Fragestellung und Antwort S. 165 f. und sich durch funktionale Differenzierung in verschiedene soziale Systeme abgrenzt.
Die Theorie ist von traditionellen Denkweisen und Ausgangspunkten komplett abgegrenzt. Luhmann lehnt ontologische und transzendentalphilosophische Voraussetzungen und auch den Subjektbegriff ab.Siehe z. B. Soziale Systeme. 1984, S. 243 f. Ausgenommen ist die Eingangsthese „Es gibt Systeme“ / „Es gibt selbstreferentielle Systeme“, die für Luhmann mit keinem erkenntnistheoretischen Zweifel verbunden ist.Soziale Systeme. 1984, S. 30 f. Luhmanns Theorie gilt zusätzlich unter anderem deshalb als besonders komplex, weil sie den Selbstbezug als Thema behandelt und gleichzeitig auf sich selbst Bezug nimmt.
Die Entwicklung der soziologischen Systemtheorie als Hauptwerk Luhmanns in Monographien besteht in der Grundlegung der Begriffe und Unterscheidungen (Soziale Systeme, 1984), in darauf folgenden Beschreibungen verschiedener ausdifferenzierter sozialer SystemeDie Wissenschaft der Gesellschaft (1988), Die Wirtschaft der Gesellschaft (1988), Das Recht der Gesellschaft (1993), Die Kunst der Gesellschaft (1995), Die Politik der Gesellschaft (2000, postum), Die Religion der Gesellschaft (2000, postum) und schließlich in der Erklärung der Gesellschaft als umfassendes soziales System (Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997).
Theoretische Grundentscheidungen Statt von Einheiten (z. B. menschlichen Individuen) auszugehen, die durch ihre Beziehungen einzelne Systeme bilden und dadurch letztlich an Gesellschaft teilhaben, geht Luhmann auf einer sehr abstrakten Ebene von Ereignissen und von Differenzbildungen (vgl. Differenz (Luhmann)) aus. Ereignisse („Operationen“) schließen sich in spezifischer Weise und in spezifischen Medien an vorangegangene gleichartige Ereignisse an. Durch diese – gegenüber andersartigen Operationen geschlossenen – Operationsweisen entstehen Systeme, und mit diesen Systemen entstehen ihre systemspezifischen Umwelten.Soziale Systeme. 1984, S. 242 ff.; Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 60 ff. Die Operationsweise sozialer und psychischer Systeme ist autopoietisch, und die Operationen bilden abgeschlossene Kreisläufe:Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 65 ff. Die Geschlossenheit ist unabhängig von Materialflüssen oder kausalen Wirkungen zwischen Systemen zu sehen, die ein Beobachter feststellen kann. Die Operationen verschiedener Systeme durchdringen sich nicht, Operationen eines Systems können nicht direkt an Operationen eines anderen Systems anschließen.Die Wissenschaft der Gesellschaft, 1990, S. 23. Dies ist unabhängig davon, dass handelnde Menschen und Folgen von Handlungen beobachtet werden. Das umfassende soziale System „Gesellschaft“ differenziert sich dadurch in weitere soziale Systeme aus (darunter: Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Religion, ErziehungEine Auflistung in: Reese-Schäfer, Walter: Niklas Luhmann zur Einführung. Junius, Hamburg 1999, S. 176 f.). Luhmann setzt den evolutionären Prozess der funktionalen Ausdifferenzierung des Gesellschaftssystems in unterschiedliche soziale Systeme als zentralen Bestandteil seiner soziologischen Theorie und nimmt in diesem Zusammenhang Bezug auf historische Gesellschaftsformen und auf die Geschichte gesellschaftlicher Entwicklungen.Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, Kapitel 2.X, Kapitel 4.
Die Operationen, durch die soziale Systeme entstehen, sind als Kommunikationen (vgl. Kommunikation (Luhmann)) beschrieben, die sich über spezifische Medien und auf spezifische Weise an vorangegangene gleichartige Kommunikationen anschließen. Die Operation Kommunikation ist dabei als Einheit von Information, Mitteilung und Verstehen beschrieben; Information, Mitteilung und Verstehen sind für Luhmann Selektionen. Die autopoietische Operation Kommunikation ist in diesem Sinne keine Übertragung oder Handlung, sondern ein „Prozessieren von Selektion“ oder eine „Synthese dreier Selektionen“.Soziale Systeme. 1984, S. 193 ff. (194; 203); Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 194. Der Kommunikationsbegriff kommt ohne den Begriff der Intentionalität und Sprachlichkeit aus.Soziale Systeme, 1984, S. 208 f. Kommunikation als Synthese der Selektionen Information, Mitteilung und Verstehen kann nicht auf einzelne Bewusstseine oder Individuen zurückgeführt werden – auch wenn es für den Fortgang der Kommunikation notwendig ist, die Mitteilung als Handlung zuzurechnen und Kommunikation vereinfachend mit dem Handlungsbegriff zu beschreiben.Soziale Systeme. 1984, S. 225 ff., S. 241; Die Wissenschaft der Gesellschaft, 1990, S. 38. Kommunikationen – nicht Menschen, Gedanken oder individuelle Handlungen – sind die Letztelemente sozialer Systeme.
Bewusstseine sind als psychische Systeme beschrieben. Die Letztelemente psychischer Systeme sind Gedanken. Gedanken folgen auf Gedanken in einem Medium, das Luhmann als Sinn beschreibt. Bewusstseine sind ebenso wie soziale Systeme als sinnverarbeitende Systeme beschrieben; ihre Grenzen sind Sinngrenzen.Soziale Systeme. 1984, S. 95. Die Sichtweise auf Gesellschaft als umfassendes Sozialsystem ist evolutionär. Systeme und Umwelten – und damit auch Systeme und andere Systeme – entstehen und entwickeln sich durch gleichzeitiges Operieren. Die Zeit spielt eine wesentliche Rolle bei der Erklärung sozialer Vorgänge.Siehe z. B.: Soziale Systeme. 1984, S. 175 ff: Zeit und Geschichte treten in der Systemtheorie an die Stelle von Natur oder Normen und Werten; – „Radikale Verzeitlichung des Elementbegriffs“: 1984, S. 28; „Radikale Verzeitlichung der Systeme“: Die Wissenschaft der Gesellschaft, 1990, S. 36 f.
Ein Ausgangspunkt der Theorie ist die These (Setzung) der radikalen Trennung der Systeme in Bezug auf ihre Operationen.Die Wissenschaft der Gesellschaft, 1990, S. 23 ff; hier S. 31; „‚black box‘-Konzept“: Soziale Systeme. 1984, S. 156 ff; Die Wissenschaft der Gesellschaft, 1990, S. 17. Auf der Ebene der Erfahrung und bezogen auf Bewusstseine (als psychische Systeme) wird mit der Setzung dieser Trennung die Unmöglichkeit benannt, dass der Eine („Ego“) die Gedanken des Anderen („Alter“) als solche und identisch erfahren kann, und dass der Eine folglich seine Gedanken nicht unmittelbar und direkt an die Gedanken des Anderen anschließen kann. Im Zusammenhang damit steht die Erfahrung, dass nicht alles, was gedacht wird, auch gesagt wird, dass also nicht alle Gedanken in die Kommunikation eingehen; und umgekehrt die Unmöglichkeit, alles Mitgeteilte komplett zu verstehen und in Form von Gedanken weiter zu prozessieren. Nicht alle Verstehensmöglichkeiten, die durch Kommunikation entstehen, werden auch realisiert.Siehe z. B.: Die Wissenschaft der Gesellschaft. S. 27. Darüber hinaus wird Kommunikation stringent als Prozess aufgefasst, der übergreifend ist und nicht durch den Rückgriff auf individuelle Bewusstseine erklärt werden kann.
Auch die Theorie selbst (und ihre Begriffe) ist zirkulär angelegt: „Gesellschaft“ wird nicht als etwas Bestehendes angesehen, das durch eine von ihr unabhängige Theorie beschrieben und erklärt werden kann, sondern als ihre eigene Theorie einschließend. Die Theorie des umfassenden Sozialsystems entsteht in der Gesellschaft, die durch sie beschrieben und erklärt wird. Luhmann schließt an den Gesellschaftsbegriff der „alteuropäischen Tradition“ an, grenzt sich aber vor allem durch die Denkweise der Zirkularität von der alteuropäischen Tradition, von der klassischen zweiwertigen Logik und der ontologischen Realitätsauffassung ab. Es geht ihm um die Neubeschreibung der Kernaussagen der alteuropäischen Tradition.Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 79. Die Abgrenzung von traditionellen erkenntnistheoretischen und soziologischen Ansichten, die Einführung von Paradoxien (statt der traditionellen Logik) in die Theorie und die diesbezügliche Auseinandersetzung mit der Literatur und der Geschichte der Traditionen nimmt in den Texten Luhmanns breiten Raum ein. Eine leitende Frage, die durch diesen Neuansatz entsteht, und die Luhmann bei der Darlegung der Theorie häufig thematisiert, ist die Frage, „ob und wie Kommunikation eine Operation sein kann, die zur Emergenz und operativen Schließung eines eigenständigen sozialen Systems mit einer eigenen, nicht wahrnehmbaren (!), sondern nur denotierbaren Umwelt führt, [...] die Frage, wie eine Autopoiesis des Sozialen möglich ist“.Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997, S. 85.
Zugang zur Theorie Luhmanns Die Luhmannsche Systemtheorie ist ein selbstreferentielles Produkt, sodass ein Verständnis von Teilen der Systemtheorie fast immer das Verständnis anderer Teile voraussetzt. In seinen Veröffentlichungen fiel es Luhmann dementsprechend auch mitunter schwer, eine Reihenfolge der Kapitel festzulegen. Daher bereitet auch ein erster Einstieg in die Systemtheorie oftmals Schwierigkeiten.
Erkenntnistheoretische Voraussetzungen Luhmann schließt sich den zu seiner Zeit besonders diskutierten Grundannahmen der konstruktivistischen Denkweise an. Wirklichkeit wird darin als Resultat eines Konstruktionsprozesses angesehen, der auf die eigenen Bedingungen des Erkennens zurückgeführt wird und nicht auf die Bedingungen einer erkenntnisunabhängigen „Realität“. Erkenntnisprozesse werden angestoßen, aber sie stehen auch dann unter eigenen, z. B. körperlichen Bedingungen. Auch die Unterscheidung, ob dieser Anstoß von „innen“ oder „außen“ kommt, wird nachträglich gemacht und steht wie alles andere auch unter den eigenen Bedingungen. Eine vom Erkenntnisprozess unabhängige „Realität“, von der alle Erkenntnis ausgelöst wird und auf die alle Erkenntnis gerichtet sei, wird im Konstruktivismus nicht als Bestandteil von Erklärungen und Theorien verwendet. Stattdessen wird dem Begriff des Beobachters, der seine Wirklichkeiten konstruiert, eine besondere Bedeutung beigemessen.
Luhmann bedient sich indes einer erkenntnistheoretischen Setzung, indem er sagt, „dass es Systeme gibt“.Soziale Systeme. 1984, S. 30. Diese Setzung kann als ontologisch aufgefasst werden, also als Behauptung eines erkenntnisunabhängigen Fixpunkts, auf den Luhmann seine Theorie bezieht.„Der Systembegriff steht (im Sprachgebrauch unserer Untersuchungen) immer für ein realen Sachverhalt. Wir meinen mit ‚System‘ also nie ein nur analytisches System, eine bloße Konstruktion, ein bloßes Modell“. Soziale Systeme. 1984, S. 599. Die Annahme, dass für den Beobachter keine erkenntnisunabhängige Wirklichkeit vorhanden sei, fußt demnach bei Luhmann auf einer Aussage, mit der Erkenntnisunabhängiges behauptet wird: „Es gibt Systeme“.
Abgrenzung vom Handeln und vom Subjekt als zentralem Begriff Mit der alltäglichen Vorstellung von handelnden Menschen, die durch ihre Beziehungen Systeme bilden, ist kein Zugang zur Systemtheorie Luhmanns zu finden. Es entstehen sofort unauflösbare Widersprüche der Sätze Luhmanns zu den allgemein verstandenen Auffassungen.