Archē ( ‚Anfang, Prinzip, Ursprung‘, Plural , ) ist in der antiken griechischen Philosophie die Bezeichnung für den Urgrund der Welt, die Ausgangsbasis der Weltentstehung und allgemein für den Anfang der Kausalketten, deren Endresultat die empirischen Gegebenheiten sind. Es geht um die Bestimmung von etwas Uranfänglichem oder einer ersten Ursache als abschließende Antwort auf die Frage nach dem Woher. Die Vorsokratiker suchten nach einem Urprinzip bei der Entstehung des Kosmos. Bei späteren Philosophen bezeichnet der Begriff archē Grund und Prinzip des Seins. In der aristotelischen Wissenschaftstheorie werden die Prinzipien des Beweises archai genannt.
Etymologie und Bedeutungen Das Substantiv archē hängt mit dem Verb zusammen, dessen Grundbedeutung „anfangen, die Initiative ergreifen, der Erste sein, vorangehen“ ist. Einer macht den Anfang, andere schließen sich an und folgen nach. Der Erste, der vorangeht und an dem die anderen sich orientieren, ist dann der Anführer, der befehligt. Er ist also nicht nur zeitlich, sondern zugleich auch dem Rang nach der Erste. Daher hat árchein auch die Bedeutung herrschen. Demgemäß ist mit archē allgemeinsprachlich meist der Anfang von etwas gemeint, also das zeitlich Erste, und in politischem Zusammenhang die Herrschaft im Sinn von „erster Platz“. Der philosophische Sprachgebrauch verbindet diese beiden Aspekte. Den Ausgangspunkt bildet dabei die generelle Vorstellung, dass das kosmologisch oder ontologisch Erste die Ursache des Nachfolgenden bzw. Nachgeordneten ist und dieses an Macht, Produktivität und Beständigkeit übertrifft. Das Ursächliche ist seiner Natur nach seinen Wirkungen überlegen. Somit ist archē mit den Konnotationen des Vorrangs und der Wirkmächtigkeit verbunden.Siehe dazu Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque, 2., überarbeitete Auflage, Paris 2009, S. 114–116; Niels Christian Dührsen: Anaximander. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 1), Halbband 1, Basel 2013, S. 263–320, hier: 271.
Mythologische Begriffsverwendung In sehr alten mythologischen Erzählungen wird die Kosmogonie, die Entstehung der Welt, als ein Hervorgehen des Mannigfaltigen aus einem Urprinzip oder aus wenigen anfänglichen Gegebenheiten geschildert. Dabei bedeutet das zeitliche Nacheinander nicht, dass das Anfängliche dem Späteren Platz gemacht hat und sich dabei aufgelöst hat und verschwunden ist. Vielmehr behält das Ursprüngliche dauerhaft seinen Ort im Weltbau als dessen Ausgangspunkt. Dort sind die Wurzeln der Welt.Thomas Schirren: archê. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie, München 2002, S. 56 f.
In Hesiods Theogonie stellt der Dichter die Frage nach dem Woher der Welt. Er fragt nach dem Ursprung der Götter und der Erde und wendet sich dabei an die Musen mit der Bitte, ihm die Wahrheit zu enthüllen: „Sagt mir dies alles, ihr Musen, Bewohnerinnen des Olymps, / ganz von Anfang (ex archēs), und sagt, was davon als Erstes entstand.“Hesiod, Theogonie 114 f. Damit setzt seine Schilderung ein. Er nimmt vier Urwesenheiten oder Urgottheiten an, die nicht voneinander abstammen, sondern auf nicht erläuterte Weise zur Existenz gelangt sind. Zuerst entstand Chaos, worunter Hesiod den unermesslichen, gähnenden leeren Raum versteht, dann als Zweites Gaia, die Erde, und danach der Liebesgott Eros, der die nachfolgenden Zeugungen und Geburten ermöglichte. Chaos gebar Erebos, die als männlich vorgestellte Finsternis, und Nyx, die Nacht; diese wurde von Erebos schwanger und gebar die Himmelshelle und den Tag. Die Erde als Urmutter gebar den Himmel, die Berge und das Meer.Hesiod, Theogonie 116 ff. Vgl. Ernst Günther Schmidt: Einführung. In: Albert von Schirnding (Hrsg.): Hesiod: Theogonie, Werke und Tage, 2. Auflage, Darmstadt 1997, S. 149–211, hier: 180–184.
Die Kosmogonie der Orphiker macht in ihrer ältesten bekannten Version die Nacht zum Anfang aller Dinge.Damaskios, Über die ersten Prinzipien 124, hrsg. von Leendert Gerrit Westerink: Damascius: Traité des Premiers Principes, Band 3, Paris 1991, S. 162 f. Eine Gruppe anderer Versionen bietet verschiedene Varianten einer abweichenden Überlieferung des Mythos. Eine davon ist die Fassung aus den Heiligen Reden in 24 Rhapsodien,Damaskios, Über die ersten Prinzipien 123, hrsg. von Leendert Gerrit Westerink: Damascius: Traité des Premiers Principes, Band 3, Paris 1991, S. 159 f. die als „rhapsodische Kosmogonie“ der Orphiker bekannt ist. In diesem Überlieferungszweig erscheint Chronos, die Zeit, als das Prinzip, das den Ursprung von allem bildet. Chronos bringt zunächst zwei Prinzipien hervor, Aither und Chaos. Die zweite Phase der kosmischen Geschichte beginnt mit der Entstehung des silbrig glänzenden Welteis, das Chronos im Aither erschafft. Aus dem Weltei wird der geflügelte Lichtgott Phanes geboren.Zum orphischen Weltei siehe Johannes Haussleiter: Ei. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Band 4, Stuttgart 1959, Sp. 731–745, hier: 732–734.
Nach einer weiteren Version der orphischen Kosmogonie gab es anfangs zwei Prinzipien, das Wasser als Prinzip der Zerstreuung und die Erde als Prinzip der Zusammenfügung. Aus ihnen ist als drittes Prinzip ein Drache hervorgegangen, der zugleich den Namen des nicht alternden Chronos und den des Herakles trägt. Dieses Wesen trägt Flügel auf den Schultern und ist dreiköpfig; neben einem Stier- und einem Löwenkopf hat es in der Mitte einen göttlichen. Seine Gefährtin ist Ananke, die weltumfassende Notwendigkeit. Chronos ist der Vater von Aither und Chaos. Später erzeugt Chronos aus Aither, Chaos und Erebos, der Finsternis, das Weltei.Damaskios, Über die ersten Prinzipien 123, hrsg. von Leendert Gerrit Westerink: Damascius: Traité des Premiers Principes, Band 3, Paris 1991, S. 160–162. Siehe dazu Jean Rudhardt: Le thème de l’eau primordiale dans la mythologie grecque, Bern 1971, S. 12–18. Einer anderen Variante dieser Version zufolge war das Wasser das alleinige Urprinzip; aus ihm bildete sich das Erdelement als Schlamm.Siehe dazu Gábor Betegh: The Derveni Papyrus, Cambridge 2004, S. 144 f.; Betegh hält diese Variante für die ältere. Nach dieser Erzählung zerbrach das von Herakles hervorgebrachte Weltei in zwei Teile; aus dem oberen entstand der Himmel, aus dem unteren die Erde.Geoffrey S. Kirk, John Earle Raven, Malcolm Schofield (Hrsg.): Die vorsokratischen Philosophen, Stuttgart 2001, S. 28 f.
Philosophie In philosophischen Texten bezieht sich die Frage nach der archē oder den archai auf die Ursache oder Ursachen der Existenz aller Dinge oder auf den ersten Stoff, aus dem bei der Weltentstehung alle anderen hervorgingen. Denker, die den Kosmos für anfangslos hielten, verstanden unter archē nicht ein zeitlich Erstes, sondern ein Erstes im Sinne einer überzeitlichen Ursächlichkeit. Gemeint war ein verursachendes, selbst unverursachtes Urprinzip, auf das die Fülle der vielfältigen Erscheinungen zurückgeführt wurde. In manchen philosophischen Lehren wurde ein einziges, einfaches und einheitliches Urprinzip angenommen, in anderen ein Zusammenwirken von zwei gegensätzlichen Urpinzipien, das alle Dinge hervorbringe.
Vorsokratiker In der vorsokratischen Philosophie war das Urprinzip ein wichtiges Thema. Da in manchen Lehren Stoffe wie Wasser oder Luft als Ausgangsbasis der verschiedenartigen Erscheinungsformen von Materie betrachtet wurden, wird archē auch mit Urstoff übersetzt.
Thales Der erste Denker, der – soweit bekannt – die Frage nach dem Urprinzip behandelte, war Thales. Seine Lehre ist nur aus späteren Darstellungen bekannt. Aristoteles, der das Konzept des Thales mit seiner eigenen Terminologie beschreibt, berichtet, Thales habe das Wasser als das „Woraus“ (ex ou) betrachtet, also als das materielle Substrat, das allen Dingen zugrunde liege, die einzige Ursubstanz, aus der durch das Hinzutreten wechselnder Qualitäten die anderen Stoffe entstünden. Demnach wäre Thales ein „materialer Monist“ gewesen. Aristoteles scheint aber die Position des Vorsokratikers missverstanden zu haben. In Wirklichkeit war die Lehre des Thales, die wohl von orientalischen Kosmogonien beeinflusst war, wahrscheinlich ein Modell der Weltentstehung, in dem das Wasser als Urmeer oder Grundfeuchte angesetzt und als Ausgangspunkt aller Prozesse der Weltbildung aufgefasst wurde.Niels Christian Dührsen: Thales. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 1), Halbband 1, Basel 2013, S. 237–262, hier: 250–254; Malcolm Schofield: ΑΡΧΗ. In: Hyperboreus 3, 1997, S. 218–236, hier: 219. Vgl. aber Wolfgang Detel: Das Prinzip des Wassers bei Thales. In: Hartmut Böhme (Hrsg.): Kulturgeschichte des Wassers, Frankfurt 1988, S. 43–64, hier: 52–55; Böhme schätzt die Glaubwürdigkeit der Angaben des Aristoteles höher ein.
Anaximander Anaximander, der angeblich ein Schüler des Thales war, soll der Denker gewesen sein, der den Begriff archē im Sinne von Prinzip in die Philosophie einführte. Da seine Schrift nicht erhalten geblieben ist, ist die Rekonstruktion seiner Lehre problematisch und umstritten. Der Überlieferung zufolge dachte er – im Gegensatz zu den meisten anderen Vorsokratikern – das Urprinzip nicht als einen bestimmten, klar benennbaren Stoff, sondern als das sogenannte „Unbegrenzte“ (apeiron), als einen noch unbestimmten und unvergänglichen Urstoff. Demnach wäre seine archē eine Abstraktion. Die Glaubwürdigkeit dieser überlieferten Darstellung wird in der Forschung allerdings bezweifelt, weil apeiron eine Substantivierung ist, die nicht zum Sprachgebrauch dieser frühen Zeit passt. Wie Thales stellte Anaximander seine Überlegungen wohl im Kontext eines Modells der Weltentstehung an. Er konzipierte die archē nicht nur als Anfang und Ursprung aller Dinge, sondern auch als göttliche, das Weltall lenkende Instanz, womit er an die andere Bedeutung des Wortes – Herrschaft – anknüpfte. Allerdings schrieb er ihr anscheinend eine ewige Existenz nur innerhalb der Zeit zu, nicht im Sinne von zeitloser Ewigkeit.Niels Christian Dührsen: Anaximander. In: Hellmut Flashar u. a. (Hrsg.): Frühgriechische Philosophie (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 1), Halbband 1, Basel 2013, S. 263–320, hier: 270–273, 283 f., 294–299. Vgl. Malcolm Schofield: ΑΡΧΗ. In: Hyperboreus 3, 1997, S. 218–236, hier: 219–221.