304x304px|mini|Haupteingang des GSI Das Geschwister-Scholl-Institut (GSI) ist das politikwissenschaftliche Institut (Department) an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Von der Gründung 1958 bis 1966 lautete die Bezeichnung Münchner Institut für Politische Wissenschaft. Es ist nach den Geschwistern Hans und Sophie Scholl benannt, die Mitglieder der Weißen Rose waren und als Widerständler gegen den Nationalsozialismus hingerichtet wurden.

Das GSI verpflichtet sich nach eigenen Angaben mit der Benennung nach den Geschwistern Scholl auf das Weltbild von Freiheit, Demokratie und Toleranz, und auf eine Lehre, die den Studenten diese Werte vermittelt und sie zu Kritikfähigkeit anhält.

Überblick Das GSI hat heute als eines der größten politikwissenschaftlichen Institute Deutschlands mit der angeschlossenen Denkfabrik CAP (Centrum für angewandte Politikforschung) einen großen Einfluss in der praktischen Politik. Gründungsdirektor war ab 1958 der deutsch-US-amerikanische Politologe und Philosoph Eric Voegelin. Das Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft hat beim CHE-Ranking 2019 für den Indikator Forschungsreputation die beste Bewertung in Deutschland bekommen.

Geschichte der Politikwissenschaft in München Die Geschichte der Politikwissenschaft an der Universität München beginnt mit dem Umzug der LMU 1826 von Landshut nach München. In München etablierten sich an der Universität Fächer wie die Kameralwissenschaft und die Policeywissenschaft, welche als Vorgängerdisziplinen der politischen Wissenschaft verstanden werden können. Das sogenannte Cameralinstitut darf als Vorläufer der staatswirtschaftlichen Fakultät gelten, in der die Politikwissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ihren ersten akademischen Ort finden sollte.

Historische Vorläufer der Politikwissenschaft an der Universität München Die neu eingerichteten politischen Wissenschaften an der LMU zu Beginn des 19. Jahrhunderts Ansätze fort, welche von Rechtswissenschaftlern, Politischen Philosophen, Theologen und von Historikern begründet worden sind. Diese Ansätze wurden vor allem in der Kameralwissenschaft und in der Policeywissenschaft angesiedelt.

Die besondere Bedeutung des mit dem Umzug neu eingerichteten Cameralinstitutes der LMU kam vor allem deshalb zu, weil der Besuch von Vorlesungen über Kameralwissenschaft für die Studierenden aller Fakultäten obligatorisch war. Außer dem Fiskalbereich (der späteren Finanzwissenschaft) und dem Ökonomiebereich (der späteren Betriebswirtschaftslehre) wurden von den Mitgliedern des Instituts vor allem die Bereiche der „Polizeysachen“ und der behördlichen Wirtschaftsverwaltung (der späteren Volkswirtschaftspolitik) sowie auch der Bereich der territorialstaatlichen Innenpolitik (einer Teildisziplin der späteren Politikwissenschaft) gepflegt. Dass auf die Pflege und Weiterentwicklung der kameralistischen Studien größter Wert gelegt wurde, entsprach der praxisbezogenen Ausrichtung der Regierung Montgelas unter Bayerns erstem König Max I. Auf den Geschichtslehrstuhl, den er für den wichtigsten hielt, berief Ludwig I. ein Jahr nach der Verlegung der Universität nach München Joseph von Görres. In München wurde dieser bedeutende Publizist zum stimmgewaltigen Wortführer des politischen Katholizismus.

Unter Max II., dem die Förderung der Wissenschaft besonders am Herzen lag, der die methodischen Möglichkeiten der Geschichtswissenschaft zum Studium der Politik einsetzte, wurden weitere prominente Historiker nach München berufen. Nach München kam dann Leopold von Rankes, Carl Adolf Cornelius, Wilhelm von Giesebrecht und Heinrich von Sybel, der in der Diskussion um die deutsche Einheit so leidenschaftlich für eine kleindeutsche Lösung eintrat, dass das gute Verhältnis zum König Schaden litt. 1858 wurde an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die Historische Kommission begründet, deren erster Präsident Leopold von Ranke wurde. Vornehmste Aufgabe dieser Kommission wurde das Studium und die Evaluation politischer Akten. In der Staatswissenschaftlichen Fakultät lenkte Wilhelm Heinrich Riehl mit seiner „Bavaria“ die Aufmerksamkeit der politisch Interessierten von den Hauptakteuren der Politik auf das Volk – auf die Gesellschaft und Staat tragenden Bürger in ihrer sozialen Wirklichkeit. Die Juristische Fakultät zierte der Kommentator der deutschen Reichsverfassung von 1871, Max von Seydel, von dem politische Impulse ausgingen.

Politikwissenschaftliche Ansätze an der Universität München in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Für die im kontinentalen Europa Traditionsstrom stehende ältere deutsche Politikwissenschaft war das „Denken aus dem Staat“ charakteristisch. Für diese war der Staat Angelpunkt der wissenschaftlichen Reflexion. Der Ort der Organisation der Politikwissenschaft waren daher zunächst die Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultäten.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es dann vor allem der Verfassungsrechtler Hans Nawiasky, der über den Tellerrand einer rein normativistisch arbeitenden Rechtswissenschaft hinaussah. Nawiasky gilt neben Wilhelm Hoegner als Schöpfer der Bayerischen Verfassung von 1946 und des deutschen Grundgesetzes. Nawiasky wurde zum Gründer des in der Juristischen Fakultät angesiedelten Institut für Öffentliches Recht und Politik.

Eine weitere politikwissenschaftliche Dimension an der Universität München zeigt vor allem das Werk des – liberal gesinnten – Wirtschaftswissenschaftlers Lujo Brentano, dem nicht zuletzt die Gewerkschaften und der Ausgleich der Sozialpartner am Herzen lagen. Sein Nachfolger war Max Weber, einer der scharfsinnigsten Soziologen, Wirtschaftshistoriker und politischen Publizisten der deutschen Universitätsgeschichte. Mit seinen bahnbrechenden Arbeiten zur Politischen Soziologie und zur Rechtssoziologie hat sich Max Weber einen respektablen Platz in der Ahnengalerie der Politikwissenschaft gesichert und eine große Weiterentwicklung der Politikwissenschaft an der Universität München geleistet. Ein ebenso großes Wirken war dem 1882 an die Philosophische Fakultät berufenen Georg von Hertling beschieden, der als Philosoph zahlreiche sozialwissenschaftliche Arbeiten zu Gegenwartsfragen veröffentlichte. Hertling wurde 1909 Vorsitzender der Zentrumsfraktion im Reichstag, 1917 preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler – als solcher der vorletzte des Kaiserreiches. Für die politikwissenschaftlich orientierte Geschichtswissenschaft sind Karl Theodor von Heigel und seine Nachfolger Erich Marcks, Hermann Onken und Arnold Oskar Meyer zu nennen, die alle über Bismarck arbeiteten, des Weiteren Siegmund von Riezler und sein Nachfolger Michael Doeberl auf dem 1898 geschaffenen Lehrstuhl für Bayerische Geschichte. Als Meister der politischen Geschichtsschreibung setzten sich beide intensiv mit Gegenwartsfragen auseinander. So nahm bei den Münchner Historikern nicht zuletzt auch die Beschäftigung mit den politischen Konsequenzen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg breiten Raum ein.

Die nach dem Übergang zur parlamentarischen Demokratie im öffentlichen Bewusstsein gestiegene Bedeutung der Presse führte 1924 zur Gründung des ersten deutschen Lehrstuhls für Zeitungswissenschaft an der Universität München. Auf diesen Lehrstuhl berufen wurde Karl d’Ester, der zum Begründer einer besonderen Münchner Schule der Zeitungswissenschaft werden sollte.

Die sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts anbahnende und nach dem Ende des Ersten Weltkrieges weiter verstärkende Erschütterung des bürgerlichen Rechts- und Nationalstaates führte dann zur Ausbildung der spezifischen Sozialwissenschaften, deren Charakteristikum die Verschiebung der Blickrichtung von den Zielen zu den Gründen und Hintergründen des politischen Verhaltens sowie auch die Bemühung um eine Steigerung der methodischen Schärfe und der empirischen Aussagekraft war.

Für die nationalsozialistischen Ideologen des Dritten Reiches waren Soziologie und Politikwissenschaft – ob marxistisch oder traditionell-konservativ – zersetzende Wissenschaften, deren analytisches Potenzial dem völkischen Gedanken als dem geistigen Fundament des neuen Reiches zu schaden drohte und daher bekämpft werden musste. Zahlreiche Sozialwissenschaftler wurden in die Emigration getrieben, aus der nach dem Zweiten Weltkrieg nur ein kleiner Teil wieder nach Deutschland zurückkehren sollte.

Die Wiederbegründung der Politikwissenschaft an der Universität München nach dem Zweiten Weltkrieg Die sogenannte Münchner Schule der Politikwissenschaft, also die normativ orientierte Politikwissenschaft an der Universität München nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde von dem Emigranten Eric Voegelin geprägt. Er hatte das Dritte Reich in den USA überlebt und war deshalb aus der Sicht der USA und in der öffentlichen Meinung der Nachkriegszeit in Deutschland geeignet, die von den USA ausgehenden, im Zeichen einer Reeducation stehenden Impulse zur Förderung der – nunmehr weithin als Demokratiewissenschaft verstandenen – Politikwissenschaft in Forschung und Lehre umzusetzen und weiterzugeben.

Derartige Impulse im Sinne der Reeducation zu geben waren die USA nicht zuletzt deshalb prädestiniert, weil sich die Politikwissenschaft im angelsächsischen Raum und Einflussbereich kontinuierlich von der naturrechtlichen Vertragstheorie zur Lehre vom Verfassungsstaat gewandelt hatte, was in der kontinentaleuropäische Entwicklung nicht der Fall war. Der im angelsächsischen Sinne zur Demokratiewissenschaft gewordenen Politikwissenschaft war daher auch eine pädagogische Aufgabe zugedacht.

Politische Bildung im Sinne der Förderung demokratischen Bewusstseins war in der Weimarer Zeit in den Anfängen steckengeblieben. Und dies, obwohl Staatsbürgerkunde gemäß Art. 148 der Weimarer Reichsverfassung als ordentliches Lehrfach im Lehrplan der deutschen Schulen verankert worden war. Dass die USA nach dem Zweiten Weltkrieg die Begründung der deutschen Lehreinrichtungen für Politische Wissenschaft und Politische (Erwachsenen-)Bildung nachdrücklichst forderten, ist auch unter diesem Aspekt zu verstehen.

Schon 1950 wurde die Münchner Hochschule für Politik gegründet. Im Haushalt des Freistaates Bayern für das Jahr 1956 wurde dann von der Regierung Hoegner, einer Koalition aus SPD, FDP, BP und GB/BHE, der erste Münchner Lehrstuhl für Politische Wissenschaft – und dies in der Staatswirtschaftlichen Fakultät – ausgewiesen.

An der Pädagogischen Hochschule München-Pasing, die der Philosophischen Fakultät der Universität angeschlossen war, wurden bald kurz hintereinander zwei Lehrstühle für Politik eingerichtet.

Mit der Berufung Eric Voegelins 1958 an die Ludwig-Maximilians-Universität München an den Lehrstuhl Max Webers, der seit dessen Tod 1920 unbesetzt war, beginnt die Geschichte des Münchner Instituts für Politische Wissenschaft. Dieses wurde als ein eigenes Institut für Politikwissenschaft unter der Leitung Eric Voegelins etabliert.

Eric Voegelin, in Wien habilitiert, musste Österreich 1938 verlassen und lehrte dann an verschiedenen amerikanischen Universitäten. Dank seiner internationalen Verbindungen und seiner internationalen Bekanntheit gelang es ihm, deutsche und amerikanische Spendengelder zum Aufbau des Instituts (das zunächst in der Theresienstraße 3–5 Aufnahme gefunden hatte) zu organisieren und bedeutende ausländische Gastdozenten zu gewinnen. Aufgrund dessen gewann das Institut nach und nach eine Sonderstellung. Hinzu kam das Bewusstsein, an der Etablierung eines neuen Faches mitzuwirken, dessen geisteswissenschaftlicher Zugriff weit über den Forschungsradius der Disziplinen hinausreichte, innerhalb dessen die Beschäftigung mit Teilaspekten des Politischen bisher angesiedelt war.