mini|Teil des Vernichtungslagers im Sommer 1943, Blick nach Osten auf das Lager I, im Hintergrund die Bahnstrecke mini|Schild des Bahnhofes (der Rampe), an dem die Häftlingstransporte in Sobibór ankamen (2007) mini|Karte des Lagers (Museum Sobibor)
Das Vernichtungslager Sobibor war ein deutsches Vernichtungslager im besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges. Es lag in der Nähe des etwa 500 Einwohner zählenden Dorfs Sobibór, eines Orts der Landgemeinde Włodawa, im südöstlichen Polen, an der Ostgrenze des damaligen Distrikts Lublin des Generalgouvernements, im heutigen Dreiländereck Polen–Belarus–Ukraine. Das Lager wurde Anfang 1942 errichtet und diente neben den Lagern Belzec und Treblinka als Vernichtungslager im Rahmen der „Aktion Reinhardt“, der planmäßigen Ermordung der Juden des Generalgouvernements. Im Vernichtungslager Sobibor wurden nach Schätzungen bis zu 250.000 Juden in Gaskammern ermordet, darunter alleine vermutlich 33.000 aus den Niederlanden.Zahlenangaben unterschiedlich bei Schelvis: Vernichtungslager Sobibor. S. 11 und Barbara Distel: Sobibor. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Band 8, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 375.
Aufbau des Lagers Vermutlich gehen erste Planungen des Lagers auf den Herbst 1941 zurück. Anfang 1942 wurde ein Gelände von 12 Hektar Größe umzäunt; später wurde es auf 60 Hektar ausgedehnt. Die Bauarbeiten, die im März 1942 begannen, wurden von Richard Thomalla beaufsichtigt, der vorher die Bauaufsicht im Vernichtungslager Belzec geführt hatte. Die Struktur des Lagers mit zwei Lagerteilen entsprach dem Vorbild Belzecs; Sobibor wurde jedoch erheblich größer.Kartierungen bei Annika Wienert: Das Lager vorstellen – Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Berlin 2015, ISBN 978-3-95808-013-3, S. 66–72.
Das Lager I mit Kommandantenvilla, Waffenarsenal, Versorgungseinrichtungen und Unterkünften für rund 30 deutsche SS-Angehörige und 90 bis 120 „Trawniki-Männer“ lag unmittelbar am Bahngleis. In diesem Vorlager befanden sich zudem Baracken für durchschnittlich 50 jüdische Häftlinge, die dort in Reparaturwerkstätten und für Hilfsdienste eingesetzt waren.
Das Lager II war durch Sichtschutz abgeschirmt. Dort gab es neben Ställen und Anbauflächen für Gemüse mehrere Unterkünfte für 400 Häftlinge. In der Regel waren 18 deutsche SS-Angehörige zur Aufsicht eingeteilt. Leiter dieses Abschnitts war 1942 Paul Rost. Im Lager II wurde der gesamte Besitz der Opfer gesammelt, sortiert und gelagert. Von diesem Lagerteil aus führte ein 150 Meter langer und drei bis vier Meter breiter Gang, genannt „Himmelsstraße“, der mit Stacheldraht und eingeflochtenen Tannenzweigen eingefasst war, zur Vernichtungsstätte im Lager III.
Im Lager III stand ein Steingebäude mit Gaskammern, in denen die bereits im Lager II entkleideten Opfer durch Motorabgase erstickt wurden. Die Ermordeten wurden von einem Arbeitskommando in einer Grube verscharrt, die 60 Meter lang und 20 Meter breit war. Im Lager III befanden sich Küche und Unterkünfte für die Arbeitshäftlinge, die streng abgeschirmt von den anderen Lagerteilen die Leichenbeseitigung erledigen mussten. Ab Sommer 1942 mussten die Arbeitskommandos die Leichen exhumieren und verbrennen, bevor sie selbst ermordet wurden.
Im Juni 1943 wurde der äußere Zaun des Lagers zusätzlich vermint. Im Frühsommer 1943 begann man mit der Einrichtung eines vierten Lagerabschnitts, in dem Beutemunition gelagert und aufbereitet werden sollte; dieses Vorhaben wurde nach dem Aufstand von Sobibór im Oktober 1943 abgebrochen.
2014 wurden im Rahmen von im Jahr 2007 begonnenen archäologischen Ausgrabungen unter anderem Reste von vier ehemaligen Gaskammern wiederentdeckt (siehe Abschnitt „Archäologie“).
Opfer Mitte April 1942 wurden etwa 250 Juden aus einem nahegelegenen Arbeitslager bei einer „Probevergasung“ umgebracht. Anfang Mai bis Ende Juli 1942 wurden wahrscheinlich bis zu 90.000 Juden „fabrikmäßig“ getötet; danach musste die Aktion unterbrochen werden. Am 16. Juli 1942 beschwerte sich der Persönliche Adjutant Heinrich Himmlers, SS-General Karl Wolff, beim Staatssekretär Albert Ganzenmüller über Gleisbaureparaturen auf der eingleisigen Strecke zum Vernichtungslager Sobibor. Dieser versprach, die Transportkapazitäten in andere Vernichtungslager zu steigern und die Arbeiten bis Oktober abzuschließen. In Sobibor wurde diese Zeit genutzt, um die drei vorhandenen Gaskammern durch zusätzliche Räume zu erweitern und die Kapazität damit auf etwa 1.200 Opfer zu verdoppeln.
Himmler besuchte das Lager am 12. Februar 1943. Da kein Transportzug erwartet wurde, schaffte man 100 Frauen aus Lublin ins Vernichtungslager Sobibor, um Himmler den Vernichtungsvorgang zu demonstrieren.Barbara Distel: Sobibor. S. 391.
Eine genaue Bestimmung der Zahlen ist nicht möglich, da alle schriftlichen Unterlagen vernichtet wurden. Aussagen von polnischen Eisenbahnern und einzelne Zuglaufpläne erlauben grobe Schätzungen.Barbara Distel: Sobibor. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Band 8, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 375. Die Gesamtzahl der Ermordeten im Lager Sobibór wird auf 150.000 bis 250.000 Menschen geschätzt. Im Höfle-Telegramm, mit dem die Zahl der in den Vernichtungslagern Ermordeten weitergemeldet wird, werden für Sobibor zum Jahresende 1942 genau 101.370 getötete Juden summiert. Die Vernichtungsaktion lief jedoch weiter. Dieter Pohl geht in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 2011 von insgesamt 152.000 Opfern aus.Dieter Pohl: Massentötungen durch Giftgas im Rahmen der ‚Aktion Reinhardt‘. In: Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien …, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 193. Unter Hinweis auf die Forschungen von Jules Schelvis wird auch eine Anzahl von 180.000 Menschen genannt, die bis Herbst 1943 in Sobibor umgebracht wurden.Klaus-Peter Friedrich (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 9: Polen: Generalgouvernement August 1941–1945. München 2013, ISBN 978-3-486-71530-9, S. 38. 2017 referierte Stephan Lehnstaedt neuere Forschungsergebnisse von Robert Kuwałek und Sara Berger,Sara Berger: Experten der Vernichtung. Das T4-Reinhardt-Netzwerk in den Lagern Belzec, Sobibor und Treblinka. Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-268-4 (Diss.), hier S. 422–427. die für Sobibor von mindestens 179.618 bis maximal 238.900 Opfern ausgehen; Lehnstaedt selbst hält jedoch einen Schätzwert von 180.000 für realistisch.Stephan Lehnstaedt: Der Kern des Holocaust. Belzec, Sobibór, Treblinka und die Aktion Reinhardt. München 2017, ISBN 978-3-406-70702-5, S. 84 mit Anm. 13 sowie S. 85.
Bis zum Frühsommer 1943 waren die Deportationen aus dem Generalgouvernement so gut wie abgeschlossen. Größtenteils handelte es sich bei den Opfern um polnische Juden, die im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ in den Gaskammern von Sobibór ermordet wurden. Später waren es auch Niederländer, Deutsche, Franzosen, Tschechen, Slowaken und sowjetische Staatsangehörige, die in Sobibór getötet wurden. Für den September 1943 sind noch einzelne Transporte aus Lida, Wilna und Minsk nachweisbar.Barbara Distel: Sobibor. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Band 8, München 2008, ISBN 978-3-406-57237-1, S. 383.
Am 5. Juli 1943 hatte Himmler vorgeschlagen, das Lager nach Auslaufen der Mordaktion in ein Konzentrationslager umzuwandeln und dort die Delaborierung von Munition vornehmen zu lassen. Dieser Plan wurde jedoch schon am 24. Juli aufgegeben.Barbara Distel: Sobibor. S. 394.
Aufstand
Am 14. Oktober 1943 kam es in Sobibór zu einem Aufstand mit anschließender Massenflucht. Planung und Durchführung der Revolte gingen mehrheitlich zurück auf sowjetische Kriegsgefangene jüdischer Herkunft aus Belarus unter Führung des Rotarmisten Alexander Petscherski und des Zivilgefangenen Leon Feldhendler. Die Aufständischen töteten zwölf SS-Angehörige, darunter Josef Vallaster, und zwei Trawniki-Wachmänner. Viele Gefangene starben im Kugelhagel der Wachleute oder im Minenfeld außerhalb der Stacheldrahtumzäunung. 365 Gefangene konnten aus dem Lager fliehen, davon erreichten etwa 200 den naheliegenden Wald. Bis zum Ende des Krieges konnten nur 47 Flüchtlinge des Lagers untertauchen oder sich Partisanengruppen anschließen.Schelvis: Vernichtungslager Sobibór. S. 197.Alexander Petscherski (Autor): Bericht über den Aufstand in Sobibor, Herausgeber Ingrid Damerow, Metropol-Verlag am 20. März 2018, ISBN 978-3-86331-387-6.
Die SS ermordete danach die zurückgebliebenen Lagergefangenen, die nicht hatten fliehen können. Die getöteten SS-Angehörigen wurden eingesargt und in Chełm auf dem Soldatenfriedhof mit militärischen Ehren begraben.: Bericht (poln.) über die Beisetzung mit Foto von der militärischen Beerdigungszeremonie.
Das Lager wurde nicht weiter genutzt, sondern dem Erdboden gleichgemacht. Danach blieben ein unverdächtig aussehender Bauernhof und ein speziell aufgeforsteter Jungwald auf dem ehemaligen Gelände des Vernichtungslagers zurück.
Täter und mutmaßliche Täter Als Kommandant des Lagers wurde im April 1942 SS-Obersturmführer Franz Stangl eingesetzt. Er unterstand dem Inspekteur aller drei Vernichtungslager der Aktion Reinhardt, Christian Wirth, und dessen Vorgesetzten, dem SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin Odilo Globocnik. Zusammen mit Stangl kamen etwa 20 bis 30 SS-Angehörige nach Sobibór, die zuvor im Rahmen der Aktion T4 an der Ermordung von psychiatrischen Patienten und Behinderten beteiligt waren. Unterstützt wurden sie von ungefähr 90 bis 120 „Hilfswilligen“, die im Zwangsarbeitslager Trawniki ausgebildet worden waren.
Nur ein kleiner Teil der Täter wurde vor deutschen Gerichten angeklagt. Wirth war in Italien von Partisanen getötet worden. Globocnik hatte 1945 Selbstmord begangen. Stangl, der erst 1967 in Brasilien entdeckt worden war, wurde 1970 in Düsseldorf zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Auch sein Stellvertreter, Gustav Wagner, wurde in Brasilien aufgespürt; er nahm sich laut Aussage seines Anwalts 1980 das Leben.
Nachfolger Stangls wurde Franz Reichleitner (September 1942 – November 1943). Vertreter blieb auch unter ihm in dieser Zeit Gustav Wagner.
Der SS-Mann Erich Hermann Bauer wurde 1947 von einem Überlebenden auf der Straße erkannt. Bauer wurde 1950 verurteilt und starb 1980 in der Haft. Am 25. August 1950 wurde der SS-Mann Hubert Gomerski vom Strafgericht Frankfurt zu lebenslanger Haft verurteilt, der mitangeklagte Johann Klier wurde freigesprochen. 1965 standen zwölf Angehörige des Lagerpersonals vor einem Gericht in Hagen (Sobibor-Prozess). Fünf der Angeklagten wurden freigesprochen, der Angeklagte Kurt Bolender beging vor der Urteilsverkündung Suizid, Karl Frenzel wurde zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. In Kiew wurden in den 1960er Jahren in zwei Prozessen ukrainische Wachmänner angeklagt, dabei wurden dreizehn Todesurteile und eine lebenslange Zuchthausstrafe verhängt.Barbara Distel: Sobibor. S. 399 f.