mini| Bergson, Dilthey, Schopenhauer und Nietzsche.
Lebensphilosophie ist eine im 19. Jahrhundert entstandene Strömung der Philosophie, die in Frankreich von Henri Bergson und in Deutschland von Wilhelm Dilthey als Gegenentwurf zum Positivismus und zum Neukantianismus entwickelt wurde, die nach Ansicht der Lebensphilosophie mit einseitiger Betonung der Rationalität nach Art der Naturwissenschaften das Werden des Lebens, insbesondere seine Ganzheitlichkeit allein mit Begriffen und Logik nur unzureichend erfassten und beschrieben. Zu einem umgreifenden Leben gehörten ebenso nicht-rationale, kreative und dynamische Elemente. Ausgangspunkt der Lebensphilosophie ist die konkrete Erfahrung des Menschen, die neben der Vernunft auch Intuition, Instinkt, Triebe und Willen umfasst, und die durch seine historischen Bedingungen geprägt ist. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich eine Philosophie des Lebens entwickelt, die sich aber eher als eine Philosophie der Lebenskunst verstand, vergleichbar mit der Ars vivendi in der Antike.
Die philosophischen Ansätze der Vertreter der Lebensphilosophie sind so unterschiedlich, dass es unmöglich ist, einheitliche Kriterien für diese Denkrichtung aufzustellen, die über die Tatsache hinausgehen, dass das Phänomen des Lebens als Untersuchungsgegenstand im Zentrum steht. Gemeinsam ist ihnen die negative Abgrenzung gegen Rationalismus, Intellektualismus, Szientismus und ein materialistisches Weltbild.Wolfgang Röd: Lebensphilosophie. In: Geschichte der Philosophie. Band XIII: Die Philosophie des ausgehenden 19. Und des 20. Jahrhunderts 3. Lebensphilosophie und Existenzphilosophie. hrsg. von Rainer Thurnher, Wolfgang Röd und Heinrich Schidinger. Beck 2002, S. 113. Als Kritik des Rationalismus und der Aufklärung ist sie schon bei Schopenhauer und Nietzsche angelegt, die daher als Vorläufer der Lebensphilosophie angesehen werden können, auch wenn sie den Terminus noch nicht kannten. Die Lebensphilosophie beeinflusste Vertreter der Existenzphilosophie, aber auch Edmund Husserl, der den Begriff der Lebenswelt in seiner späten Philosophie zu einer grundlegenden Kategorie machte.
Wurzeln Die Wurzeln der Lebensphilosophie gehen zurück auf die von Immanuel Kant in Hinblick auf Christian Wolff getroffene Unterscheidung zwischen theoretischer Schulphilosophie und einer Philosophie nach dem Weltbegriff, die aus dem Leben selbst kommend auf das praktische Leben zielt. Lebens- und Weltweisheit waren im ausgehenden 18. Jahrhundert in höheren Gesellschaftskreisen Modebegriffe. Die Lebensphilosophie war weniger eine spezifische philosophische Lehre als eine bestimmte kulturelle Stimmung, die weite Teile der Intelligenz beeinflusste. Lebensphilosophie wurde gleichgesetzt mit der im späten 18. Jahrhundert verbreiteten Popularphilosophie, die sich gezielt von der Schulphilosophie absetzte und als Philosophie des praktischen Handelns einer allgemeinen Verbreitung der Gedanken der Aufklärung verschrieben hatte.Wilhelm Traugott Krug: Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften, nebst ihrer Literatur und Geschichte. Band 2, Brockhaus 1827, Stichwort: Lebensphilosophie. Zur Popularphilosophie siehe: Christoph Böhr: Die Popularphilosophie der deutschen Spätaufklärung im Zeitalter Kants. frommann-holzboog, Stuttgart 2003. Die Lebens- und Weltweisheiten werden seit dieser Zeit häufig in Aphorismen dargestellt, etwa bei Friedrich Heinrich Jacobi in den Fliegenden Blättern: „Philosophie ist ein inwendiges Leben. Ein philosophisches Leben ist ein gesammeltes Leben. Durch wahre Philosophie wird die Seele still, zuletzt andächtig.“Friedrich Heinrich Jacobi: Fliegende Blätter. In: Werke. 6 Bände, Leipzig 1812–1827 (Nachdruck: Band VI, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1968, S. 136). Begriffsgeschichtlich sind als erste Arbeiten zu verzeichnen von Gottlob Benedict von Schirach: Ueber die menschliche Schönheit und Philosophie des Lebens aus dem Jahr 1772 sowie von Karl Philipp Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens aus dem Jahr 1780 (1791 bereits in dritter Auflage). Charakteristisch für diese Lebensphilosophie steht Goethes Vers:
Neuen Zuspruch erhielt die Lebensphilosophie in der romantischen Bewegung. Romantiker wie Novalis betonten, dass nicht allein die Vernunft, sondern auch das dem Leben enger verwandte Fühlen und Wollen in der Philosophie berücksichtigt werden müsse. „Philosophie des Lebens enthält die Wissenschaft vom unabhängigen, selbstgemachten, in meiner Gewalt stehenden Leben – und gehört zur Lebenskunstlehre – oder dem System der Vorschriften sich ein solches Leben zu bereiten.“Novalis Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Historisch-kritische Ausgabe (HKA) in vier Bänden. Band II, Kohlhammer, Stuttgart 1965–1975, S. 599. Gegen diese Art der „Salonphilosophie“ wandte sich 1794 Immanuel Kant mit der Schrift Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis. Zu breiterer Beachtung verhalfen der Lebensphilosophie 1827 Friedrich Schlegels Vorlesungen über die Philosophie des Lebens, die sich ausdrücklich gegen die Systemphilosophen Kant und Hegel richteten. Die formalen Konzepte der Schulphilosophie, wie etwa die Logik, betrachtete Schlegel nur als Vorbereitung, nicht aber als die Philosophie selbst. Diese muss vermitteln zwischen Vernunftphilosophie und Naturwissenschaft. Es gilt „das innere geistige Leben, und zwar in seiner ganzen Fülle“ zu erforschen.Friedrich Schlegel: Philosophie des Lebens. In fünfzehn Vorlesungen gehalten zu Wien im Jahre 1827. Kritische Ausgabe seiner Werke. Band 10, S. 1–308, 7. Die „deutende Seele“ umfasst das volle Bewusstsein und nicht nur die Vernunft. „In der deutenden Seele aber ist sowohl die unterscheidende, verbindende, folgernde Vernunft, als die sinnende, erfindende, ahnende Fantasie mit inbegriffen; beide Kräfte umfasst sie, in der Mitte zwischen ihnen stehend. Aber auch zwischen Verstand und Willen bildet sie den Wendepunkt des Übergangs, und füllt, als das verbindende Mittelglied, die Kluft aus, welche zwischen beiden liegt und beide trennt.“Friedrich Schlegel: Philosophie des Lebens. In fünfzehn Vorlesungen gehalten zu Wien im Jahre 1827. Kritische Ausgabe seiner Werke. Band 10, S. 1–308, 19.
Bei Arthur Schopenhauer finden sich erste Ansätze zur Lebensphilosophie, wenn er nicht mehr die Vernunft, sondern den Willen und damit das faktische Leben in den Mittelpunkt seines Denkens stellt. Der Wille ist das Primäre, die Basis der Vorstellungen. Er ist ein blinder, unaufhaltsamer Drang, der die ganze Natur umfasst. Vernunft und Erkenntnis sind von ihm abhängig und Ausdruck des Willens. Im Willen schlägt sich die ganze Lebenskraft der Welt nieder. „Da der Wille, das Ding an sich, der innere Gehalt das Wesentliche der Welt ist; das Leben, die sichtbare Welt, die Erscheinung, aber nur der Spiegel des Willens; so wird diese den Willen so unzertrennlich begleiten, wie den Körper sein Schatten: und wenn Wille da ist, wird auch Leben, Welt daseyn. Dem Willen zum Leben ist also das Leben gewiß.“Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Werke in fünf Bänden (Ausgabe letzter Hand), hrsg. von Ludger Lütkehaus. Band 1, Haffmans, Zürich 1988, S. 362. Schopenhauer beschreibt im Kapitel 46 (Band 2) von Die Welt als Wille und Vorstellung mit dem Titel „Von der Nichtigkeit und dem Leiden des Lebens“ den Menschen als leidendes und verlorenes Individuum, das erst durch den Tod seine Erlösung findet. Der Mensch lebt in einem stetigen Verlangen mit grenzenlosen Wünschen und unerschöpflichen Ansprüchen, so dass er niemals Glück und Erlösung finden kann. Erfüllt sich ein Wunsch, wird er unmittelbar unwirklich und es verbleiben stets nur Trauer und Schmerz. Auf diese Weise ist das Leben des Menschen Nichtigkeit, Leerheit (vanitas) und Eitelkeit, bedeckt durch den trügerischen, alles verhüllenden Schleier der Maya. Im irdischen Leben kann der Mensch dieser Leere nur durch Enthaltsamkeit und Askese entgehen, deren höchste Form, die vollständige Kontemplation, in der Kunst zu finden ist. Ergänzende Betrachtungen zur Lebenspraxis finden sich in den Aphorismen zur Lebensweisheit (Parerga und Paralipomena)
Auch Friedrich Nietzsche gilt mit seiner kritischen Kulturphilosophie als Vorläufer der Lebensphilosophie. Bereits in seinem Frühwerk Die Geburt der Tragödie stellte er das rationale Denken, das Apollinische, dem triebhaften Streben, dem Dionysischen, gegenüber. Rückblickend stellte er in der Götzendämmerung fest: „Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten Problemen; der Wille zum Leben im Opfer seiner höchsten Typen der eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend – das nannte ich dionysisch, das errieth ich als die Brücke zur Psychologie des tragischen Dichters.“Friedrich Nietzsche: Götzendämmerung. Was ich den Alten verdanke § 5, KSA 6, 160 Im ganzen Werk entwickelte Nietzsche Gedanken, die als Anregung für die Lebensphilosophie gelten. Hier zu nennen sind etwa der Titel seines Werkes Menschliches, Allzumenschliches oder die die Betrachtung des Weltgeschehens als organische Struktur und die Konzepte des Willen zur Macht und der Ewigen Wiederkunft. Nietzsche wendete dabei Schopenhauers Konzept vom Willen als dem Willen zum Leben um in die Formel vom Willen zur Macht, der alles Leben beherrscht. Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein. […] Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. „Siehe, sprach es, ich bin das, was sich immer selber überwinden muss. „Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke, zum Höheren, Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein Geheimniss. „Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und wahrlich, wo es Untergang giebt und Blätterfallen, siehe, da opfert sich Leben — um Macht! „Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke Widerspruch: ach, wer meinen Willen erräth, erräth wohl auch, auf welchen krummen Wegen er gehen muss! „Was ich auch schaffe und wie ich’s auch liebe, — bald muss ich Gegner ihm sein und meiner Liebe: so will es mein Wille. „Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit! „Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom „Willen zum Dasein“: diesen Willen — giebt es nicht! „Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie könnte das noch zum Dasein wollen! „Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern — so lehre ich’s dich — Wille zur Macht! „Vieles ist dem Lebenden höher geschätzt, als Leben selber; doch aus dem Schätzen selber heraus redet — der Wille zur Macht!“ —Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra. Band II: Von der Selbst-Ueberwindung. KSA 4, S. 148, (online)
Lebensphilosophie als systematische Philosophie Die philosophische Strömung der Lebensphilosophie Ende des 19. Jahrhunderts geht über den 100 Jahre zuvor erhobenen Anspruch, dem praktischen Leben eine Orientierung zu geben, deutlich hinaus. Die modernen Lebensphilosophen setzen sich kritisch mit der neuzeitlichen Erkenntnistheorie und Ontologie auseinander und suchen einen systematischen Standpunkt zu gewinnen. Lebensphilosophie ist Teil einer Reaktion auf einen Zeitgeist, der durch den rasanten Fortschritt der Technik, die Industrialisierung und die Rationalität der positiven Wissenschaften und der modernen Wirtschaft geprägt ist. Im Fin de Siècle finden sich Jugendbewegung, Jugendstil oder Symbolismus und Dekadenzdichtung zusammen, um gegen die Zwänge der modernen Zivilisation einen neuen Aufbruch zu finden. Als Begründer des neuen Denkens in der Philosophie gelten nach Friedrich Nietzsche insbesondere Wilhelm Dilthey und Henri Bergson.Karl Albert: Lebensphilosophie. Alber, Freiburg 1995, S. 9.
Wilhelm Dilthey mini|Wilhelm Dilthey, etwa 1910