Dialektik (von (dialektiké (téchne)), ; vgl. Dialog) bezeichnet in der Philosophiegeschichte verschiedene, aber verwandte Methoden und Konzepte: in der antiken Rhetorik eine auf Frage und Antwort gegründete Methode der Wahrheitsfindung, in der neuzeitlichen Philosophie – vor allem bei Hegel – die innere Bewegung von Begriffen durch ihre Widersprüche sowie im Marxismus die Gegensätze und Auseinandersetzungen sozialer Kräfte. mini|Detail des Reliefs „Lob der Dialektik“ (1972) von Joachim Jastram in Chemnitz.

Übersicht In ihrer etwa 2500-jährigen Geschichte haben sich die Auffassungen von Dialektik im Wesentlichen in einem Dreischritt vom Wechselgespräch über die Wechselwirkung von Ideen und Begriffen hin zur Wechselwirkung sozialer Kräfte entwickelt:

Aus der griechischen Antike ist Dialektik bekannt als methodisch geführtes (Lehr-)Gespräch, das der gemeinsamen Erkenntnis dient: Im dialektischen Diskurs wird einer These eine Antithese gegenübergestellt, deren Aussage die These einschränkt oder korrigiert, sodass im besten Fall eine Synthese beider Auffassungen entsteht. Schwerpunkte der Überlegungen zur Dialektik werden damit Regeln zur besseren Präsentation der eigenen Argumente und zu einer fundierten Kritik der Argumente anderer.

Ab etwa dem 6. Jahrhundert gehört die Dialektik als Kunst der Disputation zu den sieben freien Künsten; Boethius vermittelt das antike Erbe an die Scholastik. Abaelard prägt mit seiner Methode des Sic et Non – der systematischen Gegenüberstellung von Argumenten pro et contra – die scholastische Methode des Mittelalters, in der ein Autor abwechselnd in die Rollen von Gesprächspartnern schlüpft.

Einen wichtigen Schritt der weiteren Entwicklung der Dialektik macht Baruch de Spinoza mit der Klärung von Begriffen durch ihre Einordnung in ein System von Begriffen, die sich in ihren Wesensaussagen voneinander unterscheiden oder entgegensetzen: Omnis determinatio est negatio.

Ende des 18. Jahrhunderts wendet sich Immanuel Kant kritisch gegen die Dialektik als Technik trügerischer Schlüsse: In der Kritik der reinen Vernunft bezeichnet er die transzendentale Dialektik als Logik des Scheins – das Ergebnis, wenn die Vernunft über die Grenzen möglicher Erfahrung hinausgreift und in unlösbare Antinomien gerät.

Im frühen 19. Jahrhundert befreit Hegel die Dialektik aus den Grenzen des Wechselgesprächs und erweitert sie zu einer wechselseitigen Beeinflussung von Begriffen: der Kern seiner Auffassung von Dialektik werden Negation und dialektische Aufhebung, die in ihrer Aufeinanderfolge die Entwicklung der Begriffe bewirken.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts übernehmen Karl Marx und Friedrich Engels aus Hegels Dialektik den Widerspruch als Motor aller Entwicklungen in der Natur, der Gesellschaft und dem Denken.Alfred Kosing: Marxistisches Wörterbuch der Philosophie. Verlag am Park, Berlin 2015. Aber ihr Dialektischer Materialismus stellt Hegel „vom Kopf auf die Füße“, indem sie Hegels Begriffsdialektik durch eine soziale Dialektik ersetzen.

Ab etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts nutzt die Kritischen Theorie in ihrer Begriffsverwendung die kritischen Elemente der Marxschen Dialektik: Max Horkheimer und Theodor W. Adorno wenden sie in der Dialektik der Aufklärung (1947) gegen die Vernunft der Moderne selbst; Adorno entwickelt daraus in der Negative Dialektik (1966) eine Kritik jeder identifizierenden Begriffslogik.

Etymologie Das Wort Dialektik geht auf das griechische mediale Deponens (dialégesthai, „ein Gespräch führen“) zurück; der zugehörige Substantivbegriff (dialektiké (téchne)) bedeutet „Kunst der Unterredung“, lateinisch „Kunst der Gesprächsführung“. Das Wort setzt sich aus dem Präfix dia- – mit der relationalen Grundbedeutung „durch“, „hin und her“, „wechselseitig“ – und der Wurzel leg- zusammen, die auch in logos (Grundbedeutung: Rede; auch: Rechnung, Verhältnis, Vernunft) und legein (sagen, reden) enthalten ist. Das Präfix dia- trägt dabei die Struktur des Hin-und-her bereits ins Wort selbst ein: das abwechselnde Sprechen zweier Seiten, die wechselseitige Bewegung zwischen zwei Sprechenden.

Der Infinitiv dialegesthai wird bei Herodot, Thukydides und Gorgias im Sinne des Gesprächs gebraucht. Dialektikê tritt zuerst bei Platon adjektivischPlaton: Menon 75 d. und als SubstantivPlaton: Politeia, 534e. auf und wird hier und in der Folge zu einem technischen Begriff einer Methode bzw. zur Bezeichnung einer Wissenschaft.Rolf Geiger: dialegesthai. In: Christoph Horn, Christof Rapp: Wörterbuch der antiken Philosophie. München 2002, S. 103. Die Struktur des „Hin-und-her“ – das wechselseitige Aufeinandertreffen von Rede und Gegenrede – bleibt ein zentrales Bedeutungselement aller späteren Verwendungen des Begriffs. Bis in die Neuzeit behält er im Wesentlichen die Bedeutung einer auf dem Gespräch fundierten Methode der Wahrheitsfindung. Seit dem 18. Jahrhundert hat der Ausdruck viele andere Verwendungen erfahren.

Antike In der antiken Philosophie bezeichnet Dialektik eine Methode oder Disziplin zum Erwerb und zur Überprüfung von Wissen. Ihr Ausgangspunkt ist die Frage-Antwort-Situation: Der Fragende legt Prämissen vor, die der Antwortende bejaht oder verneint; der Argumentationsfortschritt ergibt sich aus diesem geregelten Wechsel.Anthony A. Long, David Sedley: Die hellenistischen Philosophen. Texte und Kommentare, übers. von Karlheinz Hülser. Stuttgart 2000, S. 222. Diese dialogische Form grenzt sich als Methode der Wahrheitsfindung vom Monolog der Versammlungsrede, vom Vortrag während eines Gelages, von der rhetorischen Überredung und der Eristik ab.

Nach Aristoteles soll Zenon von Elea der Erfinder der Dialektik gewesen sein.Aristoteles, fr. 65 Rose; Diogenes Laertios IX 25 f. und VIII 57. Zenon entwickelte die Technik, aus der These des Gegners durch Folgerungsketten Widersprüche herzuleiten – ursprünglich, um die eleatische Lehre des Parmenides gegen Einwände zu verteidigen. Platon würdigt ihn im Phaidros als den „eleatischen Palamedes“, der so kunstvoll zu disputieren verstehe (), dass denselben Dingen gegensätzliche Prädikate zugesprochen werden könnten.Platon, Phaidros 261d; vgl. Armin Müller: Dialektik II. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Schwabe, Basel 1972, Sp. 167–175, hier Sp. 168.

Neben dieser eleatisch-theoretischen Variante entwickelten die Sophisten eine dialektische Praxis als methodische Vorbereitung auf die Redepraxis. Protagoras bot Schülern gegen Honorar Antilogien – Argumente für wie gegen dieselbe These – an und begründete damit das Disputieren als Lehrgegenstand. Der Dialektiker erscheint bei Gorgias in seiner frühesten sophistischen Ausformung als Gerichtsredner, der gegen Vorwürfe des Anklägers argumentiert.Protagoras VS 80 A 2; Hippias VS 86 A 2; Gorgias VS 82 B 11a, § 22; vgl. Armin Müller: Dialektik II. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Schwabe, Basel 1972, Sp. 167–175, hier Sp. 168.

Platon und Sokrates mini|Debatte zwischen Sokrates und Aspasia, Gemälde von Nicolas-André Monsiau (1801) Zum ersten Mal findet sich der Ausdruck Dialektik als ausgearbeiteter Begriff bei Platon. Er knüpft an die sophistisch-eleatische Praxis an, grenzt sie aber scharf davon ab: Echtes Dialogisieren () bestehe darin, Rechenschaft zu geben und zu fordern (), nicht darin, demagogische Reden zu halten.Platon, Gorgias 448d; Parmenides 128b; vgl. Armin Müller: Dialektik II. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Schwabe, Basel 1972, Sp. 167–175, hier Sp. 168 f.; Rolf Geiger: dialegesthai. In: Christoph Horn, Christof Rapp (Hrsg.): Wörterbuch der antiken Philosophie. München 2002, S. 110 f.

Dieser Ausdruck – (lógon didónai, lat. rationem reddere) – entstammt ursprünglich dem athenischen Beamtenrecht, wo Amtsträger bei offiziellen Prüfungen Rechenschaft über ihre Amtsführung ablegen mussten.Inscriptiones Graecae I/1, 52, 27; Lysias, Or. 24, 26; vgl. Wolfgang-Rainer Mann: Rechtfertigung I. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8. Schwabe, Basel 1992, Sp. 251–256, hier Sp. 251 f. Bei Platon bezeichnet es die normative Dimension der dialektischen Praxis: Wer an einem Frage-und-Antwort-Gespräch teilnimmt, setzt seine Meinung der Prüfung aus und steht für sie ein. Der Dialektiker ist folglich derjenige, der zu fragen und zu antworten versteht.

Bemerkenswert ist die lautliche Nähe von („fragen“) zu : Sokrates bezeichnet sich im Symposion als Sachkundigen der – der „Liebesdinge“ –, nicht der Fragekunst. Ein griechisches Wort für „Fragekünstler“ allerdings ist im überlieferten Korpus nicht nachweisbar.Platon, Symposion 177d–e.

In den frühen Dialogen betreibt Sokrates diese Praxis als Elenchos (, „Prüfung“): Er führt durch Folgefragen Widersprüche herbei und zeigt, dass der Antwortende seine eigene These nicht konsistent verteidigen kann. Oft enden diese Gespräche in einer Aporie. Die Methode erlaubt dem Fragenden dabei, ohne eigenes Sachwissen zu prüfen – Sokrates nimmt stets die Haltung des Nichtwissenden ein. Er unterscheidet sich von den Eristikern dadurch, dass er alle dialektischen Untersuchungen als zusammenhängend begreift: Der logos, den ein Mensch zu geben hat, ist letztlich der seines ganzen Lebens.Platon, Theaitetos 175c–d; Apologie 39c; vgl. Wolfgang-Rainer Mann: Rechtfertigung I. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8. Schwabe, Basel 1992, Sp. 251–256, hier Sp. 253.

In den späteren Dialogen – insbesondere Phaidon, Politeia, Phaidros und Sophistes – wird Dialektik zu Platons Fundamentalwissenschaft mit zwei zentralen Methoden: dem Hypothesis-Verfahren, das die unhinterfragten Voraussetzungen anderer Wissenschaften aufhebt und zum ersten Prinzip aufsteigt, und dem Dihairesis-Verfahren, der Kunst der Unterscheidung nach Gattungen und Arten.

Methodisch ruht diese Unterscheidungskunst auf dem Satz vom Widerspruch: Dasselbe kann nicht zugleich entgegengesetzte Eigenschaften haben und entgegengesetzte Handlungen ausüben – einen Grundsatz, den Platon im vierten Buch der Politeia explizit formuliert und der die logische Bedingung jedes dialektischen Gesprächs bildet.Platon, Politeia 436b–c.

Die Dihairesis ergänzt Platon als Korrektur an seiner eigenen früheren Position: Die Politeia hatte Dialektik auf einer Stufe angesiedelt, die der alltäglichen Praxis so entgegengesetzt war, dass sie keine Vermittlung leisten konnte.Platon, Politeia 592b; vgl. Armin Müller: Dialektik II. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Schwabe, Basel 1972, Sp. 167–175, hier Sp. 169 f. Im Sophistes wird sie vom namenlosen Fremden aus Elea vorgeführt – eine Figur, in der das eleatische Erbe Zenons in eine konstruktive Unterscheidungskunst umgeformt erscheint.

Die Dihairesis des Sophistes und des Politikos ist Gegenstand einer eigenen Forschungsdiskussion, die fragt, ob es sich um eine bloße Klassifikationstechnik oder um ein Verfahren handelt, das zugleich das Wesen der Dinge aufdeckt. mini|Büsten von Platon, Aristoteles und Sokrates (Museum des Louvre, Paris) Dialektik steht als Fundamentalwissenschaft „wie der Sinn über allen Kenntnissen“Platon, Politeia 534e. und ist zugleich Mittel philosophischer Politik: Die Kenntnis der Ideen – insbesondere der Idee des Guten – wird zur Bedingung der Übernahme politischer Ämter. In den Nomoi realisiert sich dies in der Institution der „nächtlichen Versammlung erfahrener Greise“.Platon, Nomoi 960c ff.; vgl. Armin Müller: Dialektik II. In: Joachim Ritter, Karlfried Gründer, Gottfried Gabriel (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2. Schwabe, Basel 1972, Sp. 167–175, hier Sp. 170.

Aristoteles