Flow (englisch für „fließen, rinnen, strömen“) bezeichnet das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht – auf Deutsch in etwa Schaffens- bzw. Tätigkeitsrausch oder auch Funktionslust.

Der Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi (1934–2021) gilt als Schöpfer der Flow-Theorie, die er aus der Beobachtung verschiedener Lebensbereiche, u. a. von Chirurgen und Extremsportlern, entwickelte und in zahlreichen Beiträgen veröffentlichte. Heute wird seine Theorie auch für rein geistige Aktivitäten in Anspruch genommen.

Flow kann bei der Steuerung eines komplexen, schnell ablaufenden Geschehens im Bereich zwischen Überforderung (Angst) und Unterforderung (Langeweile) entstehen. Der Flow-Zugang und das Flow-Erleben sind individuell unterschiedlich. Auf der Basis qualitativer Interviews beschrieb Csíkszentmihályi verschiedene Merkmale des Flow-Erlebens.Mihály Csikszentmihalyi: Das Flow-Erlebnis. Jenseits von Angst und Langeweile: im Tun aufgehen. 10. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 2010.

Flow-Zustände können bei entsprechenden Bedingungen in hypnotische oder ekstatische Trance übergehen. Manche Wissenschaftler verstehen den Flow selbst bereits als Trance.Birce Polat: Differenzielle Unterschiede des Flow-Erlebens beim musikalischen Üben. epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-4892-0, S. 14–15.

Das Phänomen des Flow-Erlebens Bevor Mihály Csíkszentmihályi den Begriff des „Flow“ im psychologischen Sinne prägte und genauer untersuchte, war das Phänomen – etwa in der Spielwissenschaft – schon bekannt: So formulierte etwa der Spieltheoretiker Hans ScheuerlHans Scheuerl: Das Spiel. Untersuchungen über sein Wesen. 9. Auflage. Weinheim/Basel 1979. in den 1950er Jahren seine berühmten Kriterien für das Wesen des Spiels, bei denen er u. a. das „Entrücktsein vom aktuellen Tagesgeschehen“, „das völlige Aufgehen in der momentanen Tätigkeit“ oder „das Verweilen in einem Zustand des glücklichen Unendlichkeitsgefühls“ hervorhebt, in dem man für immer oder immer wieder verharren möchte. Auch in Friedrich Schillers viel zitiertem Satz „(…) der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“Friedrich Schiller: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ in „Die Horen“ (2. Stück) 1795 klingt dieses glückhafte Gefühl des völligen Eins-Seins mit sich und der Welt im Spiel bereits durch. Mihály Csíkszentmihályi kommt das Verdienst zu, die Bedeutung des Phänomens auch über das Spiel hinaus erkannt und beschrieben zu haben. Nach Mihály Csíkszentmihályi bedingt das Eintreten von Flow-Gefühl klare Zielsetzungen, eine volle Konzentration auf das Tun, das Gefühl der Kontrolle der Tätigkeit, den Einklang von Anforderung und Fähigkeit jenseits von Angst oder Langeweile in scheinbarer Mühelosigkeit.Mihaly Csikszentmihalyi: Das Flow-Erlebnis – Jenseits von Angst und Langeweile: im Tun aufgehen. 1993, ISBN 3-608-95338-8, S. 69.Bente Lubahn: Kurz mal Urlaub vom Ich – Flow-Erlebnisse im Alltag. Frankfurter Allgemeine, 4. Februar 2018.

Der Psychologe Siegbert A. Warwitz hat sich empirisch mit dem Phänomen des Flow-Erlebens in verschiedenen Altersstufen, bei unterschiedlichen Menschengruppen, Tätigkeiten und Beanspruchungsgraden auseinandergesetzt.Siegbert A. Warwitz: Das Phänomen des Flow-Erlebens. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. 3., erweiterte Auflage. Baltmannsweiler 2021. S. 207–226. Dabei kam er zu dem Ergebnis: Das „Urbild des Menschen im Flow ist das spielende Kind, das sich im glückseligen Zustand des Bei-sich-Seins befindet.“Flow-Erleben S. 207. Das in seinem Spiel voll aufgehende Kind spielt nicht nur Robinson, sondern es ist Robinson. Das heißt, dass es sich mit der gespielten Figur total identifiziert und in ihr aufgeht. Das Spiel erfüllt nach Warwitz bereits alle wesentlichen Kriterien, die für das Flow-Erleben charakteristisch sind:Siegbert A. Warwitz: Das Phänomen des Flow-Erlebens. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Baltmannsweiler 2021 S. 207–218. Das Kind fühlt sich den selbst gestellten Anforderungen gewachsen (Schwierigkeit der Aufgabe und Lösungskompetenz befinden sich im Gleichgewicht). Es konzentriert die Aufmerksamkeit auf ein begrenztes, überschaubares Handlungsfeld (die Tätigkeit läuft im Nahbereich ab). Auf die Aktivitäten erfolgen klare Rückmeldungen (der Handlungserfolg wird sofort erkennbar). Handeln und Bewusstsein verschmelzen miteinander (eine Außenwelt existiert nicht). Das Kind geht voll in seiner Tätigkeit auf (es überhört das Rufen der Mutter). Das Zeitgefühl verändert sich (es lebt ganz im Hier und Jetzt). Die Tätigkeit belohnt sich selbst (es bedarf keines Lobes von außen).

Dieses Gefühl der „Weltvergessenheit“ kann sich in vergleichbarer Weise bei dem Wissenschaftler einstellen, der unter „Vergessen“ der Bedürfnisse nach Essen oder Schlafen in langen Nachtarbeiten fast fanatisch eine ihn faszinierende Problemlösung verfolgt. Ihm kann der Techniker, der Bastler in seiner Werkstatt verfallen, der über seiner Versessenheit bei der Gestaltung eines ihn fesselnden Produktziels Familie und Freunde vernachlässigt. Ein besonders intensives Flow-Erleben fand Warwitz bei den Menschen, die sich bis an die Grenze ihrer physischen, psychischen und mentalen Möglichkeiten verausgaben. Er erklärt das so, dass die extreme Herausforderung durch eine außerordentliche Tätigkeit deshalb eine intensive Ausschüttung von Glückshormonen bewirkt, weil der Handelnde spürt, dass seine Leistungsfähigkeit auch einer unglaublich schwierigen Aufgabe noch gewachsen ist. Diese Wirkung zeigt sich sehr deutlich bei Ausnahmemenschen wie Grenzgängern, Artisten oder Extremsportlern, die im Glücksrausch ihrer Höchstleistungen auch gravierende Verletzungen ihrer Gesundheit, extreme Strapazen „vergessen“ und beispielsweise trotz abgefrorener Zehen in einer Art übermächtiger Glückseuphorie ihre ambitionierten Ziele weiter verfolgen. Nach Warwitz kommt das extreme Flow-Erleben eher unter asketischen Bedingungen zustande, die hohe Eigenleistungen erfordern, als im bequemen Luxusmilieu.

Für die Musikerszene wurde das Flow-Erleben von dem Musikpädagogen Andreas Burzik beschrieben.Andreas Burzik: Üben im Flow. In: Ulrich Mahlert (Hrsg.): Handbuch Üben. S. 266.Andreas Burzik: „Mit Leib und Seele“ üben – Das Geheimnis der Meister – eine ganzheitliche, körperorientierte Übemethode. In: Das Orchester. 11/2003, S. 14. Im Gegensatz zur kurzzeitig aufgeputschten Erregung des Kick entsteht hier eine länger andauernde Euphorie, eine Form von Glück, auf die der Einzelne Einfluss hat.

Körperliche Anzeichen Es verdichtet sich die naheliegende Vermutung, dass das Empfinden eines Flow-Zustands von einer Veränderung von psychophysiologischen Variablen wie der Herzfrequenz, der Herzfrequenzvariabilität oder der Hautleitfähigkeit begleitet wird. Bisher gibt es einzelne Studien, die einen Zusammenhang von Flow-Empfindungen und psychophysiologischen Messungen untersuchten, aber es liegen noch keine abschließenden Resultate vor.C. Peifer: Psychophysiological Correlates of Flow-Experience. In: S. Engeser (Hrsg.): Advances in Flow Research. Springer, New York 2012, S. 139–143, 157–158.

Eine Tätigkeit im Flow erleben 450px|mini|Diagramm zum Flow zwischen Über- und Unterforderung. Stress, Überforderung und Angst liegen über der roten Linie. Langeweile, Unterforderung und Routine liegen unter der blauen Linie.Andreas Burzik: Üben im Flow. In: Ulrich Mahlert (Hrsg.): Handbuch Üben. S. 266. Der Flow liegt genau dazwischen, und wenn Fähigkeiten und Anforderungen zusammen steigen, wird der Bereich des Flow größer. Der Flow ist wie ein sich ausdehnender Strahl zwischen der roten und blauen Linie, und nicht allein die grüne Linie.

Um in den Zustand des Flow zu gelangen, muss man sich einer Tätigkeit voll hingeben, muss die Anforderung die volle Konzentration beanspruchen.Brockhaus Psychologie. 224 Stichwort Glück → Glücksforschung von Csikszentmihalyi Eintrag ist mit dem GEO Themen Lexikon identisch Sie darf jedoch nicht so hoch sein, dass man überfordert ist, denn dann ist die „Mühelosigkeit“ nicht mehr gegeben. Das Flow-Erlebnis wird durch diese beiden Faktoren Mindestanforderung und Anforderungsgrenze (in der Grafik als Linien) beschränkt. Durch das Eintreten in eine solche Phase entsteht eine Selbst- und Zeitvergessenheit, da die Aufgabe ganze Aufmerksamkeit erfordert.

Csíkszentmihályi hebt die Bedeutung des Spielerischen in Flow-Handlungen hervor – nicht etwa im Sinne von „trivial oder nicht ernst zu nehmen“, sondern in dem Sinne, dass „der Mensch, der sie vollzieht, kreativ und gestalterisch wirkt, […] darin aufgeht und darin seinen freien Ausdruck findet“.Mihaly Csikszentmihalyi: Flow – der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie. (= Herder spektrum. Band 6067). 2010, ISBN 978-3-451-06067-0, S. 26. (Erstausgabe 2006, ISBN 3-451-28923-7) Zugleich betont er das Erfordernis, die Erwartung eines Erfolgs der Handlung loszulassenDie Buddhisten haben einen Spruch, der mir sehr gut gefällt[,] und der lautet ungefähr so: „Handle immer so, als würde die Erlösung des Universums von deiner Handlung abhängen. Und lache dabei immer über dich selbst, dass du glaubst, du könntest überhaupt etwas mit deinem Tun erreichen.“ Mihaly Csikszentmihalyi: Flow – der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie. (= Herder spektrum. Band 6067). 2010, ISBN 978-3-451-06067-0, S. 28. und frei zu sein von Sorge und Angst um sich selbst oder das eigene Ansehen.Um das Leben spielerisch anzugehen, ist es notwendig, nicht allzu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein und sich dauernd über sich selbst Sorgen zu machen oder Angst zu haben, man könnte lächerlich auf die anderen wirken. Mihaly Csikszentmihalyi: Flow – der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie. (= Herder spektrum. Band 6067). 2010, ISBN 978-3-451-06067-0, S. 61. Nach Csíkszentmihályi verlangt Flow einerseits ein Streben nach Kontrolle, andererseits ein Bewusstsein dessen, dass die Situation in ihrer Gesamtheit unvorhersehbar und unberechenbar ist.Das Thema „Kontrolle“ ist tatsächlich ein spannendes, weil es genau jenes ist, wo unsere Forschungsarbeiten gezeigt haben, dass unsere Annahmen falsch waren. In meinen ersten Büchern hatte ich nämlich „die Kontrolle über etwas haben“ als einen wesentlichen Bestandteil der Flow-Erfahrung angeführt. Als wir aber mehr und mehr in die Praxis einstiegen, wurde uns klar, dass diese Ausdrucksweise das, was beim flow passiert, nicht wirklich adäquat beschreibt: Ein Mensch im flow-Zustand hat sich nicht wirklich unter Kontrolle, sondern er versucht diese Kontrolle zu erreichen, eben weil er weiß, dass er nichts wirklich kontrollieren kann. [] Und das ist eben das Spannende im Zusammenhang mit der flow-Erfahrung: Flow weist immer auf einen Versuch hin, etwas so gut wie nur möglich zu vollziehen, aber im Bewusstsein, dass man niemals etwas voll im Griff hat. Mihaly Csikszentmihalyi: Flow – der Weg zum Glück. Der Entdecker des Flow-Prinzips erklärt seine Lebensphilosophie. (= Herder spektrum. Band 6067). 2010, ISBN 978-3-451-06067-0, S. 177 f. Warwitz betont, dass sich das Flow-Erleben „verflüchtigt“, wenn die Kontrolle über das Geschehen verloren geht oder verloren zu gehen droht: Der Akteur fällt aus dem glückhaften Flow. In gefährlichen Situationen kann die emotionale Befindlichkeit dabei in Angst oder sogar Panik umschlagen.Siegbert A. Warwitz: Das Phänomen des Flow-Erlebens. In: Ders.: Sinnsuche im Wagnis. Leben in wachsenden Ringen. Baltmannsweiler 2021. S. 207–220.