mini|hochkant=1.6|Gottesdienst in der Lakewood Church in Houston (Texas)

Die charismatische Bewegung oder charismatische Erneuerung (teilweise auch Neocharismatische Bewegung) ist eine christliche, konfessionsübergreifende geistliche Strömung, die sowohl in freikirchlichen als auch evangelischen und katholischen Gemeinden bzw. Gruppierungen aktiv ist.

Sie beansprucht, die besonderen Gnadengaben (abgeleitet vom griechischen Wort „Charisma“) bzw. Gaben des Heiligen Geistes hervorzuheben, die nach christlichem Verständnis von Gott verliehen werden.

Die Bewegung selbst kam besonders stark in den 1960er Jahren auf, als eine innerkirchliche Bewegung insbesondere in vielen Freikirchen und auch in anglikanischen, evangelisch-lutherischen sowie in der römisch-katholischen Kirche. Der Begriff wird teilweise auch synonym für Pfingstbewegung gebraucht. Vorläufer wurden oft als Schwarmgeistige Bewegung oder einfach nur als Schwärmer bezeichnet.Richard Ising: Kräftige Irrtümer. Eine Stellungnahme zum Thema „Schwärmer einst und jetzt“. Lutherischer Gemeinschaftsdienst, 1965.

Verbreitung Neben dem Ausdruck charismatisch werden oft auch die Ausdrücke evangelikal, pfingstlerisch und Erweckung genannt. In ihren Wurzeln reicht die evangelikale Bewegung bis in den Pietismus des 18. und in die sog. Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts hinein. Der Pietismus mit seiner innerlichen Frömmigkeit (von lateinisch pietas = Frömmigkeit) entstand vom späten 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts, der sich als „Vollendung der Reformation und Überwindung der als starr empfundenen altprotestantischen Orthodoxie (Barocktheologie)“ verstand. Der Pietismus übte auch auf Katholiken sowie die sog. „Erbauungs- und Erweckungsbewegungen“ Einfluss aus. 1727 kam es z. B. durch die Vereinigung verschiedener pietistischer und „schwärmerischer“ Gruppen zu einer „Erneuerten Brüderunität“, die besonders durch den als begeisterungsfähig geltenden Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) in der Oberlausitz gefördert worden war. Diese heute in vielen Ländern verbreitete Herrnhuter Brüdergemeine bezieht sich auf die Confessio Augustana (1530) und ist auch im Bundesland Sachsen staatlich anerkannt worden.

Im religiösen Sprachgebrauch bedeutet „Erweckung“ die plötzliche Bekehrung eines Sünders oder Gleichgültigen zu einem intensiven christlichen Leben. In den evangelischen Kirchen – doch auch vereinzelt in der katholischen Kirche – waren Erweckungsbewegungen vom 17. bis 19. Jahrhundert vor allem als Gegenströmung zur Aufklärung verbreitet. Aus ihnen sind häufig Freikirchen oder Gemeinschaftsbewegungen entstanden. In Deutschland waren diese oft an den Pietismus und die Herrnhuter Brüdergemeine angelehnt.

Die charismatische Frömmigkeit unterscheidet sich von der evangelikalen nicht so sehr durch Gegensätze als vielmehr durch Zusätze und Akzentverschiebungen. Bei den charismatischen Gruppen tritt die Erfahrung der übernatürlichen Geistesgaben hinzu, was der Glaubenshaltung eine neue Spontanität gibt. Das intensive Gebet und das Studium der Bibel gewinnen an besonderer Bedeutung. Die Spannungen zwischen evangelikalen Gruppen ergaben sich häufig aus der geographischen Nähe, wo es auch teilweise zu einem Konkurrenzdenken kam. Sehr häufig waren Mitglieder charismatischer Gruppen sozusagen evangelikal vorgeprägt. Der fundamentale Unterschied zwischen „Evangelikalen“ und „Charismatikern“ ist mit ihrer unterschiedlichen Stellung zur Pfingstbewegung bzw. den „Pfingstlern“ gegeben.

Die Pfingstkirchen entstanden um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den USA im Einflussbereich evangelisch-methodistischer und baptistischer Heiligungsbewegungen. In der Folgezeit wurde sie sozusagen eine Kirche für Arme in Afrika, Lateinamerika und Indonesien, deren Mitgliederzahl man einst auf 10 bis 35 Millionen schätzte.

Sowohl Papst Leo XIII. als auch Helena Guerra mussten zu Beginn des 20. Jahrhunderts erleben, dass ein Impuls der päpstlichen Rundschreiben zum Heiligen Geist nur sehr begrenzt in der katholischen Kirche aufgegriffen wurde. Trotzdem kam es zu einzelnen Reaktionen, die in der Folge von der Bewegung als erhörte Gebete konstruiert wurden: Am ersten Tag des neuen Jahrhunderts knieten sich beispielsweise einige junge Leute vor ihrem Pastor in Topeka nieder und baten, er möge ihnen die Hände auflegen und für sie um eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes bitten. Sie berichteten, eine Erhörung dieses Gebets und eine große Freude erlebt zu haben. Sie gaben später an, in neuen Sprachen gebetet zu haben, ähnlich wie es z. B. im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte in der Bibel beschrieben ist (Apg 2). 1906 kam es zu einer weiteren „Geistausgießung“ in der Azusa Street in Los Angeles. Von dort breitet sich diese Praxis sehr schnell in alle Richtungen aus. Es entstanden die „Pfingstler“, die bis heute das größte zahlenmäßige Wachstum aller religiösen Gemeinschaften aufweisen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und inmitten des Healing Revivals verspürte Demos Shakarian – ein aus Armenien in die USA eingewanderter Christ – den von Gott gegebenen Auftrag, eine ökumenische Gemeinschaft zu gründen, die das „volle Evangelium“ – unter Einschluss der Geisttaufe – allen christlichen Gemeinschaften vermitteln soll. Nach anfänglichen Schwierigkeiten breiteten sich die „Full Gospel Business Men“ (heute weltweit über 4000 örtliche Gruppen in 160 Ländern) in viele Länder aus.

Eine weitere wichtige Gestalt in diesem Prozess ist David du Plessis, der auch „Mr. Pentecost“ genannt wurde. Wie alle Pfingstler war auch er der festen Überzeugung, dass nur Pfingstler im Heiligen Geist getauft werden können. Als er allerdings nach einem schweren Verkehrsunfall wochenlang im Krankenhaus lag, kam er zur Ansicht, dass die Heilig-Geist-Erfahrung für alle Christen aller Konfessionen bestimmt ist. Er sagte später: „Gott musste mir erst alle Knochen brechen, bevor ich erkannte, was Gott eigentlich vorhat.“ Er wurde deshalb von seinen eigenen Leuten angegriffen. Trotzdem konnte er 1962 als Vertreter seiner Gemeinschaft zum II. Vatikanischen Konzil reisen. Und entgegen seiner Vermutung wurde er von den katholischen Kardinälen nicht abgewiesen, vielmehr hörten sie ihm voll Interesse zu, als er von seinen Erfahrungen berichtete. Während in Deutschland die ersten evangelischen Gebetsgruppen schon in den 1960er Jahren entstanden waren, begannen ab 1971/72 auch die ersten charismatischen Gruppen in Deutschland zu entstehen.

Auch viele Spirituals und Gospel-Lieder bzw. neues geistliches Liedgut kommen aus solchen Aufbrüchen. Für die Pfingstler ist die sogenannte „Geisttaufe“ als religiöses Schlüsselerlebnis ausschlaggebend, das sich von der sog. „Bekehrung“ unterscheidet und von charismatischen Erscheinungen wie der Zungenrede bzw. Sprachengabe begleitet wird. Die meisten Pfingstler lehren einen zweistufigen Heilungsweg, dessen Stationen „Bekehrung“ und „Geisttaufe“ sind. Manche lehren auch drei Stufen: Bekehrung oder (geistliche) Wiedergeburt, Heiligung und Geisttaufe; andere Gruppierungen vertraten bzw. vertreten eine modalistische Lehre von der Dreifaltigkeit Gottes und taufen nur auf den Namen Jesu Christi.

Ein verbreitetes, aber naheliegendes Missverständnis besteht darin, dass die charismatische Bewegung mit anderen pietistischen Bewegungen in eins gesehen wurde bzw. wird und ihre Anhänger als „Evangelikale“ bezeichnet werden. Im deutschen Sprachraum gilt die Bezeichnung „evangelikal“ meistens nur als Fremdbezeichnung. Es handelt sich dabei nicht um eine einheitliche Gruppe, sondern um eine internationale Sammelbewegung evangelischer Christen, die bestimmte theologische und geistliche Anliegen verbindet, wie es auf dem Kongress für Weltevangelisation 1974 in Lausanne zutagetrat. Die „charismatische Erweckungswelle“ sozusagen, die zu Beginn der 1970er entstanden war und durch die kirchliche Jugend ging, stand auch deutlich unter dem Einfluss der „Jesus-People-Bewegung“, die 1967 bei einem Treffen Jugendlicher in Long Beach unter dem Einfluss von Baptistenpredigern und Pfingstgemeinden entstand. Die religiöse Bewegung in der ehemaligen DDR wies viele Ähnlichkeiten zu den Jesus-People auf. Prägend dabei war dort auch die ökumenische Kirchenwochenarbeit in der DDR.

Die Aufnahme pfingstlerischer Frömmigkeitsmerkmale durch die charismatische Bewegung ergab auch ein verändertes Verhältnis zur evangelisch-lutherischen und zur römisch-katholischen Großkirche. So wurden einige Pfingstkirchen in den Ökumenischen Rat der Kirchen aufgenommen oder es gab Gespräche mit der Pfingstbewegung und der katholischen Kirche. Sehr fruchtbar und wertvoll waren vier Abschlussberichte einer internationalen Kommission von Pfingstlern und Katholiken aus 25 Jahren gemeinsamen Dialogs. Herzliche und vertrauensvolle Beziehungen zwischen Pfingstlern und Katholiken schufen eine Atmosphäre, in der Differenzen mit Offenheit angesprochen werden konnten, obwohl einige Beobachter sagten, dass diese Dialoge nicht andauern würden. Jedenfalls entstanden gegenseitiger Respekt und Verständnis.

Mitte 2006 belief sich die Zahl der den pfingstlich-charismatischen Aufbrüchen zuzurechnenden Menschen weltweit auf ca. 596 Millionen.Friedrich Wilhelm Graf: Der Protestantismus: Geschichte und Gegenwart. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2010, S. 21 f. mit Bezug auf Schätzungen im Status of Global Mission des Gordon-Conwell Theological Seminary. Es ist die am stärksten wachsende religiöse Bewegung in der Welt,Douglas Jacobsen: The World's Christians, Who They Are, Where They Are and How They Got There. Wiley-Blackwell, Chichester 2011, ISBN 978-1-4051-8887-6, Kapitel 4. wobei die größte Verbreitung in Afrika, Lateinamerika und Asien zu finden ist.Pew Research Center: Global Christianity. A Report on the Size and Distribution of the World’s Christian Population. Dezember 2011, auf pewforum.org.

In einer Umfrage der Barna Group von 2007 in den Vereinigten Staaten bezeichneten sich 36 Prozent aller Befragten als CharismatikerBarna Group: Is American Christianity Turning Charismatic? 7. Januar 2008, abgerufen am 8. April 2020. Dabei kam für die Einordnung als Charismatiker eine recht weit gefasste Definition zur Anwendung. Als Charismatiker gezählt wurden Personen, die sich selbst als charismatische oder pfingstliche Christen bezeichneten, solche, die aussagten, dass sie das Erlebnis einer Füllung mit dem Heiligen Geist gemacht hätten, und solche, die davon ausgehen, dass die charismatischen Gaben, wie Zungenrede und Heilung, auch heute noch aktiv sind. (in einer gleichen Umfrage 1997 waren es noch 30 %). Unter den Evangelikalen sehen sich 49 % als Charismatiker, unter den Katholiken 36 %. Auch bei Betrachtung ganzer Gemeinden fällt eine breite Verteilung auf. Unter den unabhängigen Gemeinden sind etwa 40 % charismatisch, aber auch 7 % der Gemeinden der Southern Baptist Convention und 6 % der Gemeinden in den Mainline Churches.

Außerhalb der Großkirchen gibt es in Deutschland vermutlich über 1.000 freie Gemeinden, die in Netzwerken oder zum Teil im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden organisiert sind.Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst: Auch in der Schweiz und in Österreich gibt es eine charismatische Bewegung. Aktuell ist ferner z. B. eine Vereinigung namens GODfest Ministries. Nach dem Senior Pastor der Bethel Church (Redding, Kalifornien), Bill Johnson, will diese Bewegung ein Wachrütteln zum christlichen Glauben in Europa mit lebensverändernden christlichen Festivals zu bewirken helfen.

Wesenszüge James Innell Packer sieht die folgenden Punkte als spezifisch für die Glaubensüberzeugungen der charismatischen Bewegung:James I. Packer: Auf den Spuren des Heiligen Geistes. 1984.