mini|Darstellung Johann Bap. Sambers der kurzen Oktav, in: Continuatio ad manductionem organicam, Salzburg 1707, S. 144, Fig. VII.Siehe: Google Buch, aufgerufen am 4. September 2017.
Die kurze Oktave ist eine von ca. 1500 bis ins 19. Jahrhundert verbreitete Form der Klaviatur. Die große Oktave – bei vielen Tasteninstrumenten ist das die tiefste – ist dabei nicht vollständig mit Halbtönen versehen: am linken Ende der Klaviatur sind aus ökonomischen, musikalischen und spieltechnischen Gründen einige Tasten „weggelassen worden“. Die Verteilung der tiefsten Töne auf die Tasten verläuft dann nicht stufig, analog zum optischen Eindruck, sondern gemischt. Es gibt verschiedene Arten von kurzen Oktaven, weite Verbreitung fanden diejenigen auf C und auf G2.John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier: S. 495.
Formen Die 8 Tasten der kurze Oktave ab C/E mini|Taste-Ton-Zuordnung bei der kurzen Oktave auf C/E Die bekannteste und häufigste Form der kurzen Oktave ist diejenige, bei der Note C optisch auf der Taste E liegt. Der täuschende Eindruck besteht darin, dass das Instrument mit E zu beginnen scheint. In Wirklichkeit erklingt auf der Taste E aber der Ton C, und auf den Obertasten Fis und Gis erklingen die Töne D und E. → Siehe Abbildung der Ton/Taste-Belegung bei der kurzen Oktave auf C/E.
Die Halbtöne Cis/Des, Dis/Es, Fis/Ges und Gis/As entfallen, und erst ab A ist die Tastenfolge chromatisch. Die so gestalteten Manual- und Pedal-Klaviaturen weisen, von der tiefsten Taste aufsteigend, somit die Töne C–D–E–F–G–A–B–H–c auf.
Im Zuge der Erfindung des sogenannten Cembalo cromatico,Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003, S. 88f. auf dem man mithilfe gebrochener Obertasten trotz der damals üblichen mitteltönigen Stimmung mehr als die bis dahin üblichen Halbtöne spielen konnte, begann man um 1600 in Italien auch auf normalen Instrumenten „gebrochene“ Obertasten bei der kurzen Oktave zu bauen: Dabei sind die Obertasten mit den Tönen D/Fis und E/Gis zweigeteilt, man kann auf der vorderen Hälfte nach wie vor D und E spielen, auf der hinteren Hälfte Fis und Gis (also die Töne, die auch optisch zu sehen sind). Dies nennt man eine gebrochene kurze Oktave.
mini|Italienisches Virginal mit kurzer C-Oktave, Anonymus, 1. Hälfte 17. Jh. - Berlin, Musikinstrumentenmuseum Die kurze C-Oktave war im 16. und frühen 17. Jahrhundert bei allen Arten von Tasteninstrumenten allgemein üblich, also auf Orgeln, Orgelpositiven, Regalen, Claviorgana, Cembali, Virginalen, Clavichorden etc. Bei Orgeln blieb sie es bis ins 18. Jahrhundert, und vereinzelt auch darüber hinaus, z. B. in Österreich.Die Zählebigkeit der kurzen Oktav illustriert der Umstand, dass im österreichischen Orgelbau hin und wieder mechanische Orgeln mit der später überwiegend verpönten kurzen Oktave im Pedal noch bis zum Jahre 1900 gebaut wurden. Otto Biba: Wechselbeziehungen zwischen Orgelbau und Orgelmusik in den österreichisch-habsburgischen Kernländern vom 17. bis 19. Jahrhundert. In: Hubert Unverricht (Hrsg.): Musik des Ostens. 9. Sammelband der J. G. Herder-Forschungsstelle. Bärenreiter, Kassel/Basel/London 1983, S. 17–27. Mit einer kurzen Oktave ausgestattet waren fast alle Cembali und Virginale der berühmten Ruckers-Familie, bevor sie ab dem späten 17. Jahrhundert meistens umgebaut und erweitert wurden (im Französischen nennt man einen solchen Umbau ravalement).Grant O’Brian: Ruckers – A harpsichord and virginal building tradition. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1990, S. 40–41 (originaler Umfang), S. 207–217 (ravalement). Als Beispiel für den Norddeutschen Orgelbau sind Instrumente mit kurzer Oktave von Arp Schnitger erhalten, in Eenum, Faro, Pellworm, Ochsenwerder und Godlinze; auf ihnen können u. a. die Kompositionen aus dem Bereich der Norddeutschen Orgelschule adäquat dargestellt werden. Als Beispiel für den Süddeutschen Orgelbau kann die Orgelbaudynastie der Egedacher gelten, von denen die Orgeln von Zwettl, Vornbach, Münsteuer und wenige andere mit kurzer Oktave erhalten sind.
Bei Kielinstrumenten wie Cembalo oder Virginal begann man ab dem 17. Jahrhundert, den Umfang der Instrumente nach unten zu erweitern, zuerst um die fehlenden chromatischen Töne, später auch um weitere Bassnoten. Erste Instrumente mit einem durchgehenden chromatischen Umfang im Bass ab C und sogar mit tieferen Noten muss es in England gegeben haben, weil die erhaltene Musik von John Bull, Giles Farnaby, Thomas Tomkins und Orlando Gibbons gelegentlich tiefe Noten bis zum AA verlangt. Derartige Instrumente aus dieser Blütezeit der englischen Virginalmusik sind nicht erhalten.
Die kurze Oktave mit G/H mini|Cembalo mit kurzer G-Bassoktave, Anonymus, spanisch(?)(oder deutsch?), um 1700(?). Museu de la Música, Barcelona (BCN 8966).|alternativtext=Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003, S. 240. Auch in: Edward L. Kottick, George Lucktenberg: Early Keyboard Instruments in European Museums. Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 1997, S. 187. (In dieser Publikation wird das Instrument als mystery harpsichord bezeichnet, und die Autoren meinen, es habe eine „sächsische“ Rose am Resonanzboden). Im Zuge der Umfangserweiterung der Kielinstrumente im 17. Jahrhundert kam auch eine kurze Kontra-Oktave auf.John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier S. 495 (Abbildungen oben auf der Seite). In diesem Fall ist der optische Eindruck, dass das Instrument im Bass scheinbar mit H1 beginnt und dann chromatisch nach oben steigt. In Wahrheit liegt auf der scheinbaren H1-Taste ein tiefes G1, und auf den scheinbaren Obertasten für Cis und Dis liegen A1 und H1. Die tiefste Oktave solcher Instrumente lautet also (in Tönen): G1–A1–H1–C–D–E–F–Fis–G. Auch diese Oktave konnte gebrochen werden, hatte dann also auf den gebrochenen Obertasten für Cis und Dis jeweils zwei Noten: Vorne A1 / hinten Cis, und vorne H1 / hinten Dis.John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier: S. 495.
Die kurze G-Oktave war ziemlich verbreitet: Im 17. Jahrhundert war sie normal bei französischen Cembali und Spinetten und kam auch vor in italienischen Cembali, bei Kielinstrumenten der flämischen Ruckersnachfolger Couchet, und in Norddeutschland noch im beginnenden 18. Jahrhundert.John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier: S. 495 (ital. Cembali), S. 501 (norddeutsche Cembali 18. Jhdt.), S. 505 (deutsche Spinette 17. Jhdt.), S. 510 (Cembali v. Couchet), S. 515 & 518 (französische Cembali und Spinette). Die Herkunft des abgebildeten anonymen Cembalos im Musikinstrumentenmuseum in Barcelona ist nicht genau geklärt: Es könnte spanisch sein, hat aber auch deutsche Merkmale.Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003, S. 240. Auch in: Edward L. Kottick, George Lucktenberg: Early Keyboard Instruments in European Museums. Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 1997, S. 187.
Andere Formen kurzer Oktaven Besonders kompliziert ist eine kurze Oktave, die ausschließlich auf süddeutsch-österreichischen Instrumenten vorkommt: u. a. bei einem anonymen Cembalo von 1696, einem Cembalo von Chr. Panzner (Wien 1747), und einem Cembalo von Leydecker (Wien 1755).John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier: S. 504.Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003, S. 344ff (mit genauer Abbildung und Erklärung). Auch: Edward L. Kottick, George Lucktenberg: Early Keyboard Instruments in European Museums. Indiana University Press, Bloomington/Indianapolis 1997, S. 5 (Museum Carolino Augusteum, Salzburg), S. 13–15 (Kunsthistorisches Museum, Wien), S. 39 (National Museum Prag). Diese österreichische kurze Oktave ist eine Kombination der kurzen C-Oktave plus mehreren zum Teil gebrochenen Spezialtasten für die tiefen Töne F1, G1, A1 und H1. Es gibt auch Musik, die nur auf solchen Spezialinstrumenten gespielt werden kann: Der sogenannte Rossignolo und andere Werke von Alessandro Poglietti, und einige frühe Werke von Joseph Haydn.John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier: S. 504.
Einfachere Formen kurzer Oktaven als die bisher genannten gab es im 17. und 18. Jahrhundert bei vielen Cembali und anderen Kielinstrumenten in allen europäischen Ländern. Sehr oft wurden an einen normalen chromatischen Umfang einfach einige zusätzliche Tasten unten hinzugefügt, das führt z. B. zu Umfängen wie: (F1), G1, A1, H1, C bis c3, oder G1, A1 bis d3 usw.Zahlreiche verschiedene Umfänge bzw. kurze Bassoktaven nennt: John Henry van der Meer: Cembalo, Klavizitherium, Spinett, Virginal. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Musik in Geschichte und Gegenwart (MGG), Sachteil, Bd. 2. Bärenreiter-Verlag, Kassel / J.-B.-Metzler-Verlag, Stuttgart 1995, S. 487–528, hier: S. 495 (Umfänge ital. Cembali), S. 500 (frühe deutsche Cembali), S. 501 (norddeutsche Cembali 18. Jhdt.), S. 505–506 (deutsche Spinette und Virginale), S. 510 (Cembali v. Couchet), S. 515 u. 518 (französische Cembali und Spinette), S. 518–520 (engl. Cembali). Noch bis in die 1770er Jahre hatten englische Cembali von Shudi oder Kirkman einen 5-Oktavenumfang F1–f3, aber im Bass ohne das tiefe Fis1.Edward L. Kottick: A History of the Harpsichord. Indiana University Press, Bloomington (Indiana) 2003, S. 369–370.
Ursprung Die Geschichte der kurzen Oktave reicht in die Zeit zurück, als sich die Orgel und Kielinstrumente, wie Cembalo und Virginal, von einem F-Instrument zu einem C-Instrument wandelten und man zum F als tiefsten Ton unterhalb noch ein C hinzufügte. Mit Beginn der Neuzeit war dann die Klaviaturform mit der kurzen Oktave im Bass von Tasteninstrumenten bereits weit verbreitet und stellte eine Weiterentwicklung dar, die über Jahrhunderte Standard blieb – anders als der Diskant von Tasteninstrumenten, der allmählich eine Erweiterung erfuhr.
Musiker haben bis ins 18. Jahrhundert, bedingt durch die damaligen Stimmsysteme, die Basstöne Cis/Des, Dis/Es, Fis/Ges und Gis/As kaum oder gar nicht verwenden können. In der normalen mitteltönigen Stimmung ( Komma), die im 16. und 17. Jahrhundert besonders weit verbreitet und bei Orgeln auch noch länger im Gebrauch war, existieren nur die Halbtöne Cis, Es, Fis, Gis und B; die Töne Des, Dis, Ges, As oder Ais sind in der -Komma-mitteltönigen Stimmung eigene Töne, die man auf einer normalen Tastatur ohnehin nicht verwenden konnte (daher die Erfindung des obenerwähnten cembalo cromatico mit gebrochenen Obertasten).
Selbst Johann Sebastian Bach hat das Cis in seinem gesamten Orgelwerk bei nur sechs Kompositionen eingesetzt.Otto Biba: Die kurze und die gebrochene große Oktave – Ein geschichtlicher Rückblick. In: Das Orgelforum, Nr. 1, Mai 1998, S. 41.
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