Als psychophysischer Parallelismus wird eine philosophische Position zum sogenannten Leib-Seele-Problem bezeichnet. Ihr zufolge besteht eine Ereignisparallelität zwischen einem psychischen und einem physischen Phänomenbereich. Mit dieser Annahme sollen Probleme behoben werden, die sich aus der influxionistischen Lösung des Leib-Seele-Problems ergeben. Die parallelistischen Theorien unterscheiden sich teilweise hinsichtlich des Verständnisses, wie die Verschiedenheit der Phänomenbereiche aufzufassen ist und wie ihre Parallelität gewährleistet wird. Eingebürgert hat sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Begriff, nach dem die Phänomenbereiche sich nicht substantiell, sondern perspektivisch unterscheiden.
Geschichte der Theorie Im 17. und 18. Jahrhundert mini|Gottfried Wilhelm Leibniz,Porträt von Christoph Bernhard Francke, um 1700; Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig Im Kontext des Leib-Seele-Problems ist die Verwendung des Begriffs „Parallelismus“ zum ersten Mal bei dem neuzeitlichen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz nachweisbar. In seinem Hauptwerk, den Essais de Théodicée, spricht er an zwei Stellen von einem Parallelismus, der zwischen einem Reich der Gnade und einem Reich der Natur („parallélisme harmonique des Regnes de la Nature et de la Grace“) bzw. zwischen einem Reich der Zwecke (Finalursachen) und einem Reich der Wirkungen (Effektursachen) bestehe („parallélisme des deux regnes, de celui des causes finales et de celui des causes efficientes“).Gottfried Wilhelm Leibniz: Essais de Théodicée etc. I, §§ 18, 74. Verlag François Daniël Changuion, Amsterdam 1710. Zitiert nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Band 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 113, 142. Mit dem Reich der Gnade bzw. der Zwecke ist der psychische, mit dem Reich der Natur bzw. der Wirkungen der physische Phänomenbereich bezeichnet.Hans Poser: Leibniz’ Philosophie. Über die Einheit von Metaphysik und Wissenschaft. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2016, ISBN 978-3-534-26846-7, S. 281–284. Aus diesen Formulierungen geht bereits hervor, dass Leibniz’ Parallelismus-These universal zu verstehen ist und den Spezialfall eines „Parallelismus’ zwischen Seele und Körper“ („parallélisme de l’ame et du corps“)Gottfried Wilhelm Leibniz: Considérations sur la doctrine d’un Esprit Universel Unique. Zitiert nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Band 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 533. lediglich impliziert. Gleichwohl hat sich ein Begriff eingebürgert, der hauptsächlich diesen Spezialfall fokussiert, da Leibniz mit ihm einer entscheidenden Schwierigkeit der influxionistischen Lösung des Leib-Seele-Problems begegnet, wie sie von René Descartes vorgeschlagen worden ist. Dieser erkannte zwar an, dass stets dieselbe Quantität der Bewegung bzw. Kraft erhalten bleibt, nicht aber dieselbe Bewegungsrichtung. Aus diesem Fehler folgt, dass mit der cartesischen Annahme einer bloßen Richtungsänderung der Bewegung eines Körpers über die Zirbeldrüse die Annahme eines sogenannten physikalischen Einflusses (influxus physicus) einhergeht. Ein physikalisch wirksamer Einfluss in den Bereich physischer Phänomene von einer Kraftquelle außerhalb dieses Bereichs widerspricht jedoch dem Energieerhaltungssatz.Gottfried Wilhelm Leibniz: Monadologie § 80. Zitiert nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Band 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 620 f. Die Annahme einer psychophysischen Parallelität behebt diesen Widerspruch dadurch, dass jedes physische Phänomen seine Entsprechung im psychischen Bereich und jedes psychische Phänomen seine Entsprechung im physischen Bereich findet. Dadurch würde es bloß so scheinen, als ob ein psychisches Ereignis ein physisches und ein physisches Ereignis ein psychisches verursachen könne, während dieser Schein seinen realen Grund in einer Parallelität der Ereignisse habe. Gewährleistet sei diese Parallelität durch die vollkommene Schöpfung Gottes, der beide Phänomenbereiche im Vorhinein so vollendet eingerichtet habe, dass sie stets übereinstimmen (hypothèse des accords).Gottfried Wilhelm Leibniz: Système nouveau de la nature et de la communication des substances etc. In: Journal des Sçavans. Paris 1695, S. 294–306.Vgl. Hubertus Busche: Übernatürlichkeit und Fensterlosigkeit der Monaden. In: Hubertus Busche (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Monadologie. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004336-4, S. 73–80.Vgl. Thomas Leinkauf: Prästabilierte Harmonie. In: Hubertus Busche (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Monadologie. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004336-4, S. 197–209.
Leibniz spricht allerdings selbst eher selten von einer „Parallelität“. Stattdessen bevorzugt er den Begriff der „Harmonie“. So ist in seiner berühmten Monadologie von einer Parallelität überhaupt nicht mehr die Rede. Stattdessen heißt es:
Mit dem Begriff der Harmonie grenzt sich Leibniz von dem ebenfalls parallelistischen Lösungsvorschlag des später sogenannten Okkasionalismus’ (systema causarum occasionalium) ab und stellt ihm sein „System der präetablierten Harmonie“ gegenüber.Gottfried Wilhelm Leibniz: Essais de Théodicée etc. I, § 59. Verlag François Daniël Changuion, Amsterdam 1710, zit. n. Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Band 6, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1885, S. 135. Nach Leibniz versuche der Okkasionalismus die cartesische Psychologie durch die Annahme einer gelegentlichen (okkasionellen) Assistenz Gottes (concursus dei) zu retten. Diese Position laufe darauf hinaus, dass die Parallelität der Phänomenbereiche im Falle einer Abweichung voneinander quasi wie durch ein ständiges göttliches Wunder (deus ex machina) wieder hergestellt werde. Diese Annahme eines nachträglichen Eingriffs Gottes in das Weltgeschehen verstoße jedoch gegen die allseits anerkannte Vollkommenheit Gottes und seiner Schöpfung. Denn wenn Gott seine eigene Schöpfung korrigieren müsse, dann könne er nicht mehr als vollkommen gelten, da er seine eigene Schöpfung auch hätte besser machen können.Gottfried Wilhelm Leibniz: Extrait d’une lettre de M. Leibniz sur son Hypothèse de Philosophie etc. In: Journal des Sçavans. Paris 1696, S. 451–455.Vgl. Dirk Evers: Gottes Wahl der besten aller möglichen Welten. In: Hubertus Busche (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Monadologie. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004336-4, S. 129–143.
Allerdings steht der Okkasionalist Arnold Geulincx dem leibnizschen Parallelismus weitaus näher als dies Leibniz selbst sieht. Dessen berühmtes Uhrengleichnis, das Leibniz zur Veranschaulichung seiner eigenen Position wohl aus Unkenntnis ohne Quellenangabe mehrfach anführt, läuft gleichfalls darauf hinaus, dass Gott im Vorhinein die verschiedenen Phänomenbereiche parallelisiert habe.Rainer Specht: Commercium mentis et corporis. Über Kausalvorstellungen im Cartesianismus. Friedrich Frommann Verlag (Günther Holzboog), Stuttgart-Bad Cannstatt 1966, S. 172–175. Leibniz war deswegen bereits früh mit dem Vorwurf des Plagiats und der Konstruktion eines Strohmann-Arguments konfrontiert.Simon Foucher: Réponse de M.S.F. à M. de L.B.Z. sur son nouveau systême etc. In: Journal des Sçavans. Paris 1696, S. 422–426.Vgl. Eduard Zeller: Über die erste Ausgabe von Geulincx’ Ehtic und Leibniz’ Verhältnis zu Geulincx’ Occasionalismus. In: Sitzungsbericht der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1884, S. 673–695. Im Unterschied zum Parallelismus geulincxscher Provenienz lehnt Leibniz jedoch die substantielle Unterscheidung der verschiedenen Phänomenbereiche strikt ab.Raphael Borchers: Zum substanzdualistischen Missverständnis der leibnizschen hypothèse des accords. In: Philosophisches Jahrbuch. Jg. 123, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2016, S. 38–57. Während der geulincxsche Parallelismus dem cartesischen Substanzdualismus verpflichtet bleibt, spricht sich Leibniz explizit gegen die cartesische Unterscheidung einer psychischen (res cogitans) und einer physischen Substanz (res extensa) aus und plädiert dafür, die psychischen und physischen Phänomene als verschiedene Perspektiven auf bloß einen Seinsbereich zu verstehen.Stefan Heßbrüggen-Walter, Ansgar Lyssy: Maschinen der Kunst, Maschinen der Natur (§ 63–76). In: Hubertus Busche (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz – Monadologie. Akademie Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-05-004336-4, S. 175–195. Statt zweier Ereignisfolgen, die unabhängig voneinander, substantiell verschieden und parallel nebeneinander ablaufen würden, wie es Geulincx annimmt, geht der leibnizsche Parallelismus von zwei ineinander greifenden Reichen bzw. Perspektiven auf die Welt aus. Hierfür bemüht Leibniz die Metapher eines „imperium in imperio“,Gottfried Wilhelm Leibniz: Animadversiones in partem generalem Principiorum Cartesianorum II, § 64. Zitiert nach Carl Immanuel Gerhardt (Hrsg.): Die Philosophischen Schriften von Gottfried Wilhelm Leibniz. Band 4, Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1880, S. 391. die bei ihm den Sinn hat, dass jeder Effektursache eine Finalursache entspricht. Damit gilt Leibniz neben Baruch de Spinoza als ein maßgeblicher Vorläufer moderner Identitätstheorien.Pirmin Stekeler-Weithofer: Das monadologische Strukturmodell der Welt. Leibniz zwischen Descartes und Kant. In: Herta Nagl-Docekal (Hrsg.): Leibniz heute lesen. Verlag Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2018, S. 25–53.
Im 18. Jahrhundert wurde Leibniz’ These der Parallelität des Psychischen und Physischen besonders im deutschsprachigen Raum durch Christian Wolff popularisiert und fand eine weite Verbreitung. Einflussreich wurde die „Leibniz’-Wolffsche-Lehre“ dann von Immanuel Kant einer Kritik unterzogen. Sie drückt sich bereits in seiner Bezeichnung „Prästabilism“Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. Verlag Lagarde & Friedrich, Berlin & Libau, 1790, § 81. Zitiert nach Kant’s Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe). Band 5, herausgegeben von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1913, S. 422. aus, die sich an Leibniz’ lateinische Bezeichnung „prästabilierte Harmonie“ anlehnt. Kant prägte damit sehr erfolgreich ein Verständnis, wonach Leibniz’ Parallelismus einem strengen Kausaldeterminismus unterliege, der der Willensfreiheit des Menschen entgegenstehe. Obwohl Leibniz sein System durchaus selbst als „deterministisch“ kennzeichnete, vertrat er zeitlebens vehement den Standpunkt, dass der Mensch trotz göttlicher Determination seine Freiheit deswegen keineswegs verliere. Seine hierfür getroffene Unterscheidung zwischen „Fatalismus“ als Theorie einer absoluten Notwendigkeit aller Weltereignisse und „Determinismus“ als Theorie einer bloß hypothetischen Notwendigkeit aller Weltereignisse ist ein zentrales Thema des von ihm sogenannten Theodizee-Problems.Gottfried Wilhelm Leibniz: Von der Allmacht und Allwissenheit Gottes und der Freiheit des Menschen. Zitiert nach Willy Kabitz (Hrsg.): Gottfried Wilhelm Leibniz: Sämtliche Schriften und Briefe. Reihe VI, Band 1, Akademie-Verlag, Berlin 1930, S. 537–546. Das Leib-Seele-Problem und die These der Parallelität des Psychischen und Physischen wird von Leibniz daher auch lediglich als ein Teilproblem dieses umfassenderen Problems diskutiert. Die Einengung der präetablierten Harmonie auf eine erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sogenannte psychophysische Parallelität blendet daher aus, dass Leibniz’ Parallelismus eine weitaus umfassendere Absicht verfolgt, als bloß ein Lösungsvorschlag für das Leib-Seele-Problem zu sein.Hans Poser: Gottfried Wilhelm Leibniz zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 2005, S. 26–42.
Im 19. und 20. Jahrhundert mini|Gustav Theodor Fechner