mini|Robert Walser (um 1900)
Robert Walser (* 15. April 1878 in Biel, Kanton Bern; † 25. Dezember 1956 nahe Herisau, Kanton Appenzell Ausserrhoden) war ein deutschsprachiger Schweizer Schriftsteller.
Walser verfasste vier Romane – Jakob von Gunten, Geschwister Tanner, Der Gehülfe und Der Räuber –, die längere Erzählung Der Spaziergang sowie Kurzgeschichten und Essays. Er gilt als bedeutender Vertreter der literarischen Moderne und der sogenannten Angestelltenliteratur. Seine unkonventionellen, teils rätselhaft wirkenden Werke wurden von Zeitgenossen wie Walter Benjamin, Hermann Hesse, Franz Kafka, Robert Musil und Kurt Tucholsky geschätzt. Trotz Anfangserfolgen blieb Robert Walser der kommerzielle Durchbruch verwehrt. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er in Armut. Nach psychischen Problemen lebte er von 1929 bis zu seinem Tod in Heil- und Pflegeanstalten. Heute gilt er als einer der wichtigsten Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, und sein Werk wird international rezipiert.
Leben 1878–1897 Robert Otto Walser war das zweitjüngste von acht Kindern des gelernten Buchbinders und Werkstattinhabers für Papeteriewaren und Bilderrahmen Adolf (sen.) Walser (1833–1914) und seiner Frau Elisabeth (Elisa) Walser (1839–1894). Sein Bruder Karl Walser war Bühnenbildner und Maler. Walser wuchs in BielWalsers Geburtshaus in der Dufourstrasse 3 und weitere Wohnadressen bis 1895 bei mémoire régionale – regionales gedächtnis, dem Internetportal für historische Dokumente aus der Region Biel, Seeland und Berner Jura. an der deutsch-französischen Sprachgrenze zweisprachig auf. Er besuchte dort die Primarschule und das Progymnasium, unter anderem bei Arnold Heimann. Da die Familie den Schulbesuch nicht mehr bezahlen konnte, verliess er diese Schule vor dem Examen. Schon früh war Walser theaterbegeistert; sein Lieblingsstück war Die Räuber von Schiller. Überliefert ist ein Aquarell Karl Walsers, das Robert Walser als Karl Moor zeigt.
1894 starb Walsers Mutter, die «gemütskrank» (eine zeitgenössische Bezeichnung für eine affektive Psychose) war, nachdem sie schon länger von Lisa Walser (der älteren der beiden Töchter) gepflegt worden war. Nach Ansicht des Schweizer Germanisten Peter von Matt war die symbiotische Beziehung Robert Walsers zu seiner Mutter konstitutiv für dessen Schaffen.Peter von Matt: Die tintenblauen Eidgenossen. Über die literarische und politische Schweiz. dtv, München 2004, S. 214. Von 1892 bis 1895 machte Walser eine Lehre bei der Kantonalbank von Bern in Biel. Im Anschluss daran arbeitete er kurze Zeit in Basel, bevor er 1895 nach Stuttgart zog, wo sein Bruder Karl lebte. Dort arbeitete er bei der Union Deutsche Verlagsgesellschaft als Schreiber in der Inseratenabteilung. Nebenbei versuchte er ohne Erfolg, Schauspieler zu werden, wozu er bei einer Schauspielerin des Hoftheaters vorsprach. Zu Fuss wanderte er in die Schweiz zurück, wo er sich Ende September 1896 in Zürich anmeldete. In den folgenden Jahren arbeitete Robert Walser häufig – wenn auch unregelmässig und in rasch wechselnden Anstellungen – als Büroangestellter und Schreibkraft. Als einer der ersten deutschsprachigen Autoren führte er das Angestelltendasein in der Folge als Topos in die Literatur ein.
1898–1912 mini|Die Zeitschrift Die Insel. Erste Umschlagseite der Erstausgabe (Ausschnitt), Oktober 1899. Im Heft vier Gedichte von Robert Walser.
1898 veröffentlichte Joseph Victor Widmann, Literaturkritiker und Feuilletonredaktor der Berner Tageszeitung Der Bund, sechs von Walsers Gedichten im Sonntagsblatt des Bunds. Franz Blei, dadurch auf ihn aufmerksam geworden, führte ihn 1899 in den vom Jugendstil geprägten Kreis um die Zeitschrift Die Insel ein. Dort lernte er unter anderen Frank Wedekind, Max Dauthendey und Otto Julius Bierbaum kennen. In der Insel erschienen in der Folge Gedichte, Dramolette und einzelne Prosastücke Walsers.
Walsers Hauptwohnsitz – die Zimmer wechselte er häufig – blieb noch bis 1905 Zürich, wobei er kurzzeitig auch an anderen Orten lebte, darunter Thun, Solothurn, Winterthur, München und bei seiner Schwester Lisa in Täuffelen. 1903 absolvierte er die Rekrutenschule. Ab dem Sommer jenes Jahres war er «Gehülfe» beim Ingenieur und Erfinder Carl Dubler in Wädenswil bei Zürich. Diese Episode lieferte den Stoff für seinen Roman Der Gehülfe (1908). 1904 erschien Walsers erstes Buch Fritz Kochers Aufsätze im Insel Verlag.
Im Spätsommer 1905 absolvierte er in Berlin einen Kurs zur Ausbildung als Diener. Als solcher liess er sich im Herbst 1905 einige Monate auf Schloss Dambrau in Oberschlesien anstellen. Die Thematik des Dienens durchzog in der Folge sein Werk – besonders ausgeprägt in seinem Roman Jakob von Gunten (1909). Anfang 1906 ging Robert Walser wieder nach Berlin. Dort eröffnete ihm sein Bruder Karl Walser, der dort schon einige Zeit als Maler, Buchgrafiker und Bühnenbildner lebte, Zugang zu Literaten-, Verleger- und Theaterkreisen. Zeitweise arbeitete Walser als Sekretär der Künstlervereinigung Berliner Secession. Unter anderem machte er in dieser Zeit die Bekanntschaft der Verleger Samuel Fischer und Bruno Cassirer, des Industriellen Walther Rathenau und des Schauspielers Alexander Moissi.
In Berlin schrieb Walser den Roman Geschwister Tanner innerhalb von sechs Wochen nieder; er wurde 1907 veröffentlicht. Sein zweiter Roman, Der Gehülfe, folgte 1908, im Jahr darauf der Roman Jakob von Gunten. Alle Bücher erschienen im Verlag von Bruno Cassirer; sein Lektor dort war Christian Morgenstern. Neben den Romanen schrieb er in dieser Zeit Prosastücke, in denen er sprachspielerisch und sehr subjektiv aus der Sicht eines ärmlichen Flaneurs populäre Lokale wie beispielsweise das «Aschinger» oder die «Gebirgshallen» skizziert. Die Romane und Prosastücke – die unter anderem in der Schaubühne, in der Neuen Rundschau, in der Zukunft, in der Rheinlande, in der Neuen Zürcher Zeitung und in Der neue Merkur erschienen – fanden eine sehr positive Aufnahme. Walser hatte sich im Literaturbetrieb etabliert. Seine Prosa wurde unter anderem von Robert Musil und Kurt Tucholsky gepriesen; und solch unterschiedliche Autoren wie Hermann Hesse und Franz Kafka zählten Walser zu ihren Lieblingsautoren.
Kleine Prosastücke publizierte Robert Walser in Zeitungen und Zeitschriften. Diese «kleine Form» sollte zu seinem Markenzeichen werden. Der grösste Teil seines Werks besteht aus solchen Prosastücken – literarischen Skizzen, die sich einer genaueren Kategorisierung entziehen.
1913–1929 mini|Landeskunde der Schweiz, 1914 – Walsers Bruder Hermann war Professor für Geografie in Bern
Im April 1913 ging Walser in die Schweiz zurück. Dort wohnte er anfangs bei seiner Schwester Lisa, die als Lehrerin in der Pflegeanstalt für psychisch Kranke in Bellelay arbeitete. Dort lernte er die Wäscherin Frieda Mermet kennen, mit der ihn fortan eine enge Freundschaft verband, die sich in einer kontinuierlichen und intimen Korrespondenz manifestiert. Nach einem kurzen Aufenthalt bei seinem Vater in Biel bezog er daselbst im Juli 1913 eine Mansarde im Hotel «Blaues Kreuz», in welcher er bis 1920 wohnhaft blieb. 1914 starb Walsers Vater.
Während des Ersten Weltkriegs musste Walser wiederholt Militärdienst leisten. Ende 1916 starb Walsers Bruder Ernst, der bereits einige Zeit psychisch erkrankt gewesen war, in der Heilanstalt Waldau. 1919 nahm sich Walsers Bruder Hermann, Professor der Geographie in Bern, das Leben. Walser geriet in dieser Zeit zunehmend in Isolation, u. a. weil er durch den Krieg weitgehend von Deutschland abgeschnitten war. Zudem konnte er von seiner Tätigkeit als freier Schriftsteller – trotz umfangreicher Produktion – kaum seinen Lebensunterhalt bestreiten.
Während seiner Bieler Zeit veröffentlichte Walser eine Vielzahl von kleinen Prosastücken, die in Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland und der Schweiz erschienen sowie in Auswahl in den Bänden Aufsätze (1913), Geschichten (1914), Kleine Dichtungen (1915; Impressum: 1914), Prosastücke (1917), Kleine Prosa (1917), Poetenleben (1917; Impressum: 1918), Komödie (1919) und Seeland (1920; Impressum: 1919) gedruckt wurden. Die Publikation Kleine Dichtung wurde mit dem Preis des «Frauenbundes zur Ehrung rheinländischer Dichter» geehrt und erschien als Erstausgabe für den Frauenbund 1914. Mit Der Spaziergang (1917) entstand der einzige längere Text dieser Zeit.
Walser, der seit seiner Jugend ein begeisterter Spaziergänger war, begann in dieser Zeit regelmässig lange Fusstouren, oft auch Nacht- und geradezu Gewaltmärsche zu unternehmen. In seinen Prosastücken dieser Zeit wechseln sich solche aus der Sicht des Wanderers, der fremd durch die nahe Fremde geht, ab mit spielerischen Aufsätzen über Schriftsteller und Künstler. In der Bieler Zeit (1913–1921) lässt sich auch eine «Hinwendung zur alten-neuen Umgebung» feststellen und damit eine stilistische und thematische Verschiebung hin zu Naturbetrachtungen und Idylle.
Anfang 1921 zog Walser nach Bern, wo er für einige Monate eine Stellung als «Aushülfsangestellter» im Staatsarchiv Bern annahm. In dieser Zeit schrieb er auch den verschollenen Roman Theodor. In Bern lebte er sehr zurückgezogen und wohnte in möblierten Zimmern, die er häufig wechselte – in zwölf Jahren bewohnte er sechzehn verschiedene Zimmer.
1929–1956 mini|Heilanstalt Waldau, Gemälde von Adolf Wölfli, 1921 mini|Robert-Walser-Zimmer, Museum Herisau AR mini|alt=Robert Walser (1878–1956), Gedenkstein. Friedhof Herisau|Gedenkstein. Friedhof Herisau
Anfang 1929 begab sich Walser, der schon seit einiger Zeit von Angstzuständen und Halluzinationen geplagt wurde, nach einem geistigen Zusammenbruch auf Rat eines Psychiaters und auf Drängen seiner Schwester Lisa Walser in die Heilanstalt Waldau in Bern. In einem Arztprotokoll heisst es: «Der Patient gibt zu, Stimmen zu hören.» Von einer freiwilligen Selbsteinlieferung kann daher vielleicht nicht gesprochen werden. In der Anstalt normalisierte sich Walsers Zustand nach einigen Wochen, und er verfasste und publizierte weiter Texte, wenn auch mit Pausen und insgesamt sehr viel weniger als in den vorausgegangenen Jahren. Dabei bediente er sich weiterhin der von ihm als «Bleistiftmethode» bezeichneten Schreibweise: In kleinster deutscher Kurrentschrift, deren Buchstaben gegen Ende dieser Phase kaum mehr höher als ein Millimeter waren, schrieb er Gedichte und Prosatexte, auch Mikrogramme genannt, die er in einem zweiten Arbeitsgang auswählend und redigierend mit der Feder ins Reine übertrug. Allerdings sind nicht viele Entwürfe aus dieser Zeit erhalten, mehr Reinschriften und veröffentlichte Texte.
Erst als Walser gegen seinen Willen 1933 in seinen Heimatkanton in die Heil- und Pflegeanstalt Herisau versetzt wurde – und vermutlich auch, weil mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein wesentlicher Markt zur Veröffentlichung seiner Texte in deutschen Zeitungen und Zeitschriften verschwunden war –, hörte er mit dem Schreiben auf, «obwohl ihm der Direktor der Anstalt, Dr. Otto Hinrichsen», der selbst als Dichter ein umfassendes Œuvre hervorbrachte, «ein Zimmer für literarische Tätigkeiten zur Verfügung stellte».Irmgard Fuchs: Tiefenpsychologie und Revolte: Zur Humanisierung des Alltagslebens. Königshausen und Neumann, Würzburg 2014, S. 179. Wie die anderen Anstaltsinsassen war Walser mit der Herstellung von Papiersäcken sowie mit Aufräumarbeiten beschäftigt. In seiner Freizeit las er gern Unterhaltungsliteratur. 1934 erhielt er, gegen seinen Willen, einen Vormund.